Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Abendliche Schreistunden am frühen Morgen?

Hallo Frau Dr. Bentz.

Unser Kleiner ist jetzt vier Wochen alt und ein echter Unruhegeist.
Es begann ein paat Tage nach seiner Geburt damit, dass er sich nicht mehr ablegen ließ, dann nach dem Stillen immer geweint hat oder beim Stillen nur Terz gemacht hat.
Inzwischen kommen wir gesammelt auf ca. 5-7 Schreistunden pro Tag. Gute Tage gibt es nicht. Seit wir ihn Nachts pucken klappt es etwas besser. Er schläft dann gut und meldet sich alle 2-3 Stunden mit Hunger, braucht hinterher aber auch gepuckt immer mindestens 30 Minuten, um wieder einzuschlafen.
Ungewöhnlich sind aber, nach allem, was ich gelesen habe, bei uns zwei Dinge:
Er hasst den Kinderwagen. Er lässt sich nicht in die Schale legen, auch nicht gepuckt.
Und seine Schreistunden beginnen in den frühen Morgenstunden gegen 3-4 Uhr mit Quengeln und steigern sich bis zum exzessiven Brüllen gegen 9. Nachdem ich ihn beruhigt habe, schläft er dann nochmal auf meinem Bauch bis zum nächsten Hunger. Am Nachmittag schreit er dann nochmal etwas, aber nicht mehr so, wie am Morgen.

Er kann zu seinen Schreistunden weder überreizt noch müde sein, weil er Stunden vorher schlafend im Dunkel verbracht hat. Oder?

Organische Ursachen wurden nicht gefunden. Der Osteopath hat eine Blockade im Halswirbelbereich gelöst, aber geändert hat das nichts.

Die Geburt war ein Kaiserschnitt nach 36 Stunden erfolgloser Wehen. Sein CTG war aber die ganze Zeit gut. Er wollte nicht tiefer rutschen. Beim Rausholen hat man dann bemerkt, dass er als Sterngucker das Kinn zur Brust hatte und dreifach mit der Nabelschnur umschlungen war.

Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich kann nicht aus dem Haus gehen und komme zu nichts mehr, weil mein Kind andauernd schreit und wenn er sich mal beruhigt, lasse ich ihn natürlich lieber. Zudem schläft er fast nur auf mir drauf und ich fühle mich so gefesselt.

Was kann das sein? Haben Sie einen guten Rat für mich?

von Sonntagskind84 am 23.10.2015, 09:46 Uhr

 
 

Antwort:

"Abendliche Schreistunden" am frühen Morgen?

Ich will dir ein bisschen mut machen..
Mein kleiner Sohn ist nun 14 Wochen alt und alles was du schilderst kenne ich nur zu gut!
Bei ihm hat alles schon im Krankenhaus angefangen. Die anderen Mütter haben ihre Babys gestillt und sie danach ins Bettchen gelegt, wo diese dann selig eingeschlafen sind. Außer meins, er hat sofort Theater gemacht.
Mein kleiner hat nur auf mir geschlafen, tagsüber fast gar nicht und wenn auch nur auf mir. Kinderwagen und maxicosi endetet immer im Geschrei, Autofahren war nicht möglich und spazieren gehen auch nicht.
Nach 8 Wochen war ich wirklich am Ende, habe nur noch geweint und war total überfordert. Habe viel gelesen und mich an eine Schreiambulanz gewendet. Die schreiambulanz hatte erst in 3 Wochen einen Termin, mir war klar das ich das mit dem Schlafmangel gar nicht schaffe.
Ich habe angefangen ein Schlafritual einzuführen. Er bekommt einen Schlafsack an, bekommt ein Fläschchen und ich singe ein Lied. Dann lege ich mich neben ihn und er schläft. Jetzt klappt das ohne Probleme, inzwischen gehe ich nach dem Lied und er schläft alleine (inzwischen sogar in eigenen bettchen)ein. Das hat alles sehr lange gedauert, für jede Änderung ca.10 Tage. Aber nun habe ich ein 14 Wochen alten Sohn der es liebt Auto zu fahren, mit dem ich stundenlang spazieren kann und der abends ohne Gebrüll einschläft.
Aber er musste das alles lernen und das kostet nochmal richtig Kraft.
Falls du keine schreiambulanz hast die einen Termin für dich hat, lass dir von Arzt deine Hebamme länger verschreiben, hol dir Unterstützung von deiner Familie.
Ich kann dir nur sagen es lohnt sich, ich platze jeden Samstag fast vor Stolz wenn er nach dem Babyschwimmen ohne Geschrei im Maxi cosi einschläft während ich mich anziehe.
In der Schreiambulanz habe ich eine Mutter getroffen die auch so einen kleinen schreihals hatte, wir sind immer zusammen rausgegangen. Das hat mir sehr geholfen, schließ dich nicht aus! Frau Dr. Benz hat mir schon erklärt wie man Kinder an einen Kinderwagen gewöhnt und mittlerweile sitze ich einmal in der Woche in der Stadt und trinke Kaffee, während mein kleiner Mann im Kinderwagen schläft.
Ich wünsche dir viel Kraft und weiß ganz sicher das du das auch schaffst!

von Baby2015meike am 25.10.2015

Antwort:

"Abendliche Schreistunden" am frühen Morgen?

Liebes Sonntagskind,


es tut mir wirklich sehr leid, dass Sie so einen schwierigen Start haben! 5-7 Stunden Schreidauer sind wirklich viel und ich kann nur erahnen, wie belastend und nervenzehrend die Situation für Sie sein muss.

Zu Ihre Fragen:

Dass Ihr Kleiner den Kinderwagen hasst, finde ich nicht ungewöhnlich. Wenn sie hier im Forum gucken, werden Sie sehen, dass Sie viele Leidengenossen mit diesem Problem haben. Vermutlich geht es nicht um den Kinderwagen an sich, sonden um das Liegen in der Waagerechten. Viele Kinder mit Regulationsschwierigkeiten haben nämlich einen ausgeprägten Drag in die Vertikale.

Am besten lassen sich daher auch bei vielen Schreiphasen bei Tage im Tragetuch oder der Tragehilfe überbrücken. Gleichsam ist es auch ok ist, Sie Ihren Kleinen mal (gepuckt) in den Kinderwagen legen, um eine Verschnaufspause und etwas mehr Distanz vom Gebrüll zu haben. Da bei Schreibaby wiederkehrende Abläufe, Ritaule und Strukur wichtig sind, würde ich empfehlen, die immer zu einer mehr oder weniger festen Zeit zu machen.

Legen Sie hin in den Kinderwagen, sprechen Sie ruhig mit ihm / oder legen Sie eine Hand mit sanften Druck auf seinem Bauch, damit er merkt, dass er nicht allein ist. Solange Sie dabei sind, ist auch die Seitenlage ok und wenn er wach ist, können Sie auch in die Bauchlage wechseln. Manchmal hilft das schon. Hilfreich ist manchmal sonst auch zusätzlich oder anstatt des Puckens ein sogen. Lagerungskissen (sieht aus wie ein Mini-Stillkissen, was wie ein U um das Kind zur Begrenzung gelegt wird - Handtuchrolle tuts notfalls auch). Halten Sie das Schreien möglichst lange aus und nehmen Sie ihn nur dann hoch, wenn er wirklich hystreisch wird. Dann aber nicht aufgeben, sondern zur nächsten Kinderwagenzeit nochmal und das immer wieder. Nur wenn Sie konseqeunt am Ball bleiben und nicht gleich aufgeben, kann sich Iher Sohn an den Kinderwagen gewöhnen und lernen, dass nichts Schlimmes passiert und Mama ja immer da ist.

Das morgenliche Schreien ist zwar nicht typisch, aber ihr Kind ist halt auch noch sehr jung, da gibt es quasi nichts, was es nicht gibt. Sofern Sie sicher sein können, dass Ihr Kind morgen keinen Hungerast hat, wird es vermutlich einfach so sein, dass Ihr Kleiner noch Schwierigkeiten mit der Passung seines 24-h-Rhythmus an die Tag-Nachtzeiten hat. Gleichsam entwicklet sich die Fähigkeit, längere Zeiten wach zu bleiben, die dann enstehende Schlafschuld anzusammeln um dann durch Schlaf wieder ausreichend abzubauen (= Schlafhomöostase) erst mit ca. 5-6 Wochen. In den ersten Wochen ist Schlaf also vorwiegend eine Frage der Hinrreifung und offensichtlich muss hier Ihre Kleiner wirklich etwas "nachreifen".
Das heißt aber umgekehrt auch, dass die Chance, dass es bald besser geht, nicht schlecht ist.

Bitte befreuen Sie sich von dem Anspruch, das Schreien sofort zum stoppen zu bringen! Da wird in den wenigsten Fällen wirklich gelingen! Das Wichtigste und Beste was Sie für Ihr Kind tun können, ist Ruhe bewahren und ihm auf seinen steinigen Weg zu begleiten. Die Steine, auf die er dabei tritt, können Sie ihm leider nicht immer aus dem Weg räumen, wohl aber helfen, in die richtige Richtung zu gehen.

Dafür sind folgende Dineg wichtig:

- Lassen sie sich nicht dazu verführen alles Möglich zu tun, denn das sorgt für einen Teufelskreise aus Überreizung und Reizhunger, d.h. die Kinder fordern zur Beruhigung immer stärkere Reize (intensives Schuckeln, Autofahren, Wippen auf dem Pezziball etc.) und überfordern sich damit selbst.
- Sorgen Sie möglichst für Strukur und wiederkehrende Abläufe, wie z.B. morgens nach dem Stillen raus, dann Pause etc.
- Sorgen Sie für regelmäßige Ruhepausen (schon alle 1 - 1, 5 Stunden), in denen Sie Reize reduzieren (Stillen im abgedunkelten Zimmer, Tuch über Kinderwagen, Tragen in einer ruhigen Umgebung etc.)

Und sorgen Sie überall wo es geht für Entlastung und Unterstützung!!! Es gibt viele Hilfsangebote für Sie und Sie müssen hier nicht allein durch! Nehmen Sie doch einmal Kontakt zu den Frühen Hilfen auf und lassen sich beraten!

Bitte verurteilen Sie sich zudem nicht für Ihre ambivalenten Gefühle. Es geht bei Schreibabys nicht um Schuld! Weder Sie noch Ihr Kind haben sich diese Schwierigkeiten ausgesucht. Es ist auch kein Zeichen, dass Sie eine schlechte Mutter sind oder Ihr Kind sie ablehnt, wenn es schreit. Sie haben Startschwierigkeiten, doch diese sind bewältigbar und werden vorrübergehen! Ganz sicher!

Ich drüche Ihnen die Daumen und wünsche Ihnen viel Kraft!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 26.10.2015

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