Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

4 Monate und schon in die Krippe

Hallo Frau Dr. Bentz,

für mein Anliegen sind Sie die richtige Ansprechpartnerin. Ich würde meinen Sohn nicht unbedingt als Schreibaby bezeichnen, aber wohl würde ich Dr. Sears Beschreibung eines high-need Babys zustimmen. Mein Sohn ist 4 Monate alt. Die Schwangerschaft war schwierig, da ich an einem Virus erkrankte und meinen Vater kurz vor der Geburt verlor, diese musste wenig später eingeleitet werden. Ich bin mir sicher, dass diese Tatsachen dazu beitragen, dass mein Sohn ganz besondere Bedürfnisse hat. Er ist ein fröhliches und ausgeglichenenes Kind, solange ICH da bin und er auch meine Nähe spüren kann. Autofahren und Liegen mag er hingegen gar nicht. Am wohlsten fühlt er sich im Tragetuch oder auf dem Arm. Die 3-Monats-Koliken haben wir zum größten Teil überwunden. Inzwischen klappt es auch, dass er mal beim Papa auf dem Arm bleibt, als Tröster akzeptiert mein Sohn ihn allerdings äußerst selten. Ich versuche die Bedürfnisse meines Sohnes natürlich so gut es geht zu stillen, im wahrsten Sinne des Wortes. Stillen ist die beste Einschlafhilfe, auf anderem Wege ist fast so gut wie nie möglich. Er bekommt regelmäßig Schreiattacken, wenn er müde bzw. kurz vorm Einschlafen ist. Ich habe das akzeptiert und bisher konnten wir uns ganz gut einigen. Nun beginnt aber in 4 Wochen mein Studium, auf diese Möglichkeit habe ich lange gewartet und es ist mir persönlich sehr wichtig. Ich bin hin- und hergerissen zwischen all den Gedanken. Das Studium erfordert eine Fremdbetreuung. Er wird der Jüngste in der Krippe sein. Ich habe wirklich große Zweifel, ob ich das dem kleinen Menschlein schon "zumuten" kann. Ich fühle mich schlecht, egoistisch genug zu sein, um das Studium zu beginnen. Andererseits kommt der Moment der "Trennung" früher oder später sowieso. Bindungstheoretisch betrachtet ist der Zeitpunkt dabei natürlich wichtig. Keinesfalls möchte ich meinem Sohn schaden. Haben Sie einen Rat für mich, wie wir es so schonend und sanft wie möglich schaffen das Studium und die Bedürfnisse meines Sohnes unter einen Hut zu bekommen? Vielen Dank
Liebe Grüße

von .Pebbles. am 29.08.2016, 08:23 Uhr

 
 

Antwort:

4 Monate und schon in die Krippe

Ich nochmal.
Beim Lesen habe ich gerade erfahren, dass Sie Ihre Arbeit hier beenden. Auch wenn es ein bisschen so klingt, dass Sie diesen Abschied nicht wollen (dann haben wir vielleicht sogar einen ähnlichen Konflikt) wünsche ich Ihnen für die Zukunft alles Gute. Ich bin zwar ganz neu eingestiegen, aber ich finde es sehr schade, dass es die Möglichkeit nicht mehr geben wird. Ihre Antworten sind sehr einfühlsam und geben uns Müttern Mut. Dass was wir wirklich brauchen, wo einem doch meist nur Unverständnis und Schuldzuweisungen entgegen treten.
In diesem Sinne möchte ich Sie ganz herzlich grüßen.

Ps: Vielleicht ist zu meinem Beitrag noch wichtig, dass ich bereits einen Sohn habe (9) der (auch) ein Schreibaby war.

Herzlichst
Pebbles

von .Pebbles. am 29.08.2016

Antwort:

4 Monate und schon in die Krippe

Liebe peppbes!


Danke für Ihre netten Worte und die Anerkennung! Tatsächlich fällt mir der Abschied schwer und ich hätte mir eine andere Lösung gewünscht, jedoch muss auch diese Seite existieren. Leider ist das Thema Schreibaby ein Randthema und zudem offenbar noch sehr schwer zu vermarkten. Ich wiederum muss ebenfalls sehen, wie ich meine Arbeit finanziere, denn ich bin selbstständig. Mit Beginn meines Forums lagen noch keine Erfahrungen vor, wie aufwendig und zeitintensiv die Tätigkeit sein wird. Nach mittlerweile einem Jahr steht für mich der Aufwand in keinem akzeptablen Verhältnis mehr, doch da ich eine Nische bediene, können die Konditionen nicht angepasst werden. Das ist schade, doch ich werde ja nicht einfach verschwinden und mir zusätzlich zu meiner Praxis Wege überlegen, wie ich Eltern überregional helfen kann.
Zum Glück werden alle weiteren Experten hier weiterhin kompetenten Rat für hilfesuchende Eltern bieten. Wenn Sie Fragen haben, werden Sie also nachwievor hier Ansprechpartner finden.


Zu Ihrer Frage:
Wenn Sie Sears zitieren, haben Sie sich schon intensiv mit dem Thema Bindung beschäftigt, und sind sicher auf allerlei Pros und Contras gestoßen. Das Thema Fremdbetreuung polarisiert weiterhin ungemein, doch leider ist die Diskussion oft weniger von Wissen, sondern von Dogmen und ungeprüften Meinungen geprägt – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Als Mutter können Sie also nur eines vergewissert sein: Egal, was sie tun – in den Augen anderer können Sie sich nur falsch entscheiden, egal ob sie zu Hause bleiben oder studieren.

Wenn Sie eine wirklich gute, wertneutrale und forschungsbasierte Zusammenfassung aller bisherigen Erkenntnisse zum Thema Fremdbetreuung suchen, kann ich Ihnen nur Lieselotte Ahnerts Buch 'Wieviel Mutter braucht ein Kind? Wärmstens empfehlen. Ahnert hat selber viele große Langzeitstudien geleitet und berichtet fundiert, verständlich und eben ohne Dogmen über Chancen und Risiken der Fremdbetreuung.
Das wichtigste Fazit: entscheidend für die Bindung ist nicht, ob ein Kind fremdbetreut wird oder nicht. In allen bisherigen Metaanalysen (also zusammengefasste Daten von verschiedenen Studien über mehrere Jahre aus verschiedenen Ländern) zeigen, dass fremdbetreute Kinder hinsichtlich der Bindungsqualität keine Unterschiede zu familienbetreuten Kindern aufweisen. Härtere Daten gibt es nicht, auch wenn einige Betonköpfe (interessanterweise vor allem Männer älteren Kalibers, die Kinderbetreuung meist nur als der Theorie kennen) weiterhin die Bindung als Gegenargument gegen Fremdbetreuung anführen.

Entscheidend für die Bindung ist die Bindung zu den Eltern!!

Ist diese sicher, wird sich dies auch nicht durch die Kita ändern. Umgekehrt wird ein unsicher gebundenes Kind durch eine Fremdbetreuung natürlich auch nicht plötzlich sicher an seine Eltern binden. Doch gerade bei schwierigen häuslichen Verhältnissen kann durch eine zuverlässige und feinfühlige Fremdbetreuung einiges kompensiert werden. Auch die sogenannte „Mütterexklusivität“ ist überholt. Die klassischen Bindungstheorien wurden daher an einigen Stellen revidiert.

Dennoch gibt es auch eine Argumente, die gegen eine frühe Fremdbetreuung sprechen. So zeigen die sogenannten „Cortisolstudien“, dass fremdbetreute Kinder ein höhere Stressniveau und eine ungünstigere Stressverarbeitung aufweisen. In wie weit dies schädlich ist, ist umstritten, denn selbst wenn sich im Mittel mehr Stresshormone nachwiesen ließen, so sind auch bei fremdbetreuten Kindern die Werte noch im Normbereich, also keineswegs pathologisch. Vergleichbares gilt für Untersuchungen, die zeigen, dass fremdbetreute Kindern von Erziehern und Lehrern als ungehorsamer und schwieriger eingeschätzt werden. Auch hier lagen die Werte noch im normalen Bereich, man kann also nicht ableiten dass Fremdbetreuung zu Verhaltensstörungen führt. Die Mütter übrigens bezeichneten Ihre Kinder eher als „willensstark“.

Ich finde, man muss diese Erkenntnisse ernst nehmen ohne voreilige Schlüsse zu ziehen. Was nämlich nicht vergessen werden darf ist, dass die größte Entwicklungsrisiken für Kinder Armut, ein ferner Bildungsstand sowie psychische Erkrankungen der Eltern sind. Diese Risiken werden durch Berufstätigkeit der Eltern deutlich minimiert, was wiederum nur durch auch frühe Kinderbetreuung möglich wird. Es ist also nicht einfach egoitisch, sich durch Ausbildung und Studium gut Erwerbschancen zu sichern! Sich allein auf die Väter als Alleinverdiener zu verlassen ist dagegen äußerst riskant! Armut in Deutschland ist häufig jung, weiblich alleinerziehend...

Viele Experten hierzulande empfehlen eine Fremdbetreuung erst ab einem Jahr, doch dies ist eine eher theoretische Grenze, einfach um das Risiko eines möglichen potenziellen Schaden zu minimieren. Ich dagegen finde, hier muss immer auf den Individualfall geguckt werden. Natürlich gilt, je kleiner, desto weniger sollte man einem Kind zumuten. Doch auch hier kommt es ganz entscheidend auf die Qualität der Betreuung und den Betreuungsschlüssel an. Empfohlen wird für dieses Alter ein Verhältnis von maximal 3 zu 1, gesetzlich vorgeschrieben ist dies jedoch nicht. Wichtig ist zudem die Art und Weise der Eingewöhnung, Stichwort „Berliner Modell“. Natürlich sollte das Kind das Tempo bestimmen, und hier ist es dann wirklich wichtig, die notwendige Zeit und Geduld aufzubringen.
Ich selbst habe meine Kinder in einer Kita, die vom Kinderschutzbund geleitet wird, habe dort auch das U3 Angebot genutzt und bin damit sehr gut gefahren. Ich möchte mich aber nicht als Werbebotschafterin für Fremdbetreuung verstehen, mein Weg muss nicht der Weg von anderen sein. Ich persönlich finde, dass Sie eine große Chance haben und ein dass ein Studium wirklich gute Möglichkeiten bietet, Kind und Karriere unter einem Hut zu bekommen. Einfach wird das sicher nicht immer sein, und das schlechte Gewissen wird sich so oder so immer mal melden. Doch davon kann ich Sie leider nicht befreien! Das kann nur ihr Kind, in dem es zeigt, wie es sich entwickelt.


Ich bin mir aber sicher, dass Sie Ihren Weg finden werden!

Alles Gute für Sie!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 31.08.2016

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