Inkontinenz - darüber spricht man nicht

Frau mit Hand an der rechten Leiste

© fotolia, Piotr Marcinski

Inkontinenz ist auch heute noch ein Thema, das in der Öffentlichkeit praktisch tot geschwiegen wird. Dabei leiden allein in Deutschland über 6 Millionen Frauen darunter. 

Fast jede Frau leidet zumindest zeitweise darunter, dass sie den Urin nicht richtig halten kann, und ungewollt - beim Lachen, Husten oder Niesen - ein paar Tropfen in die Hose gehen. Oft tritt das Problem erstmals während der Schwangerschaft oder nach der Geburt auf und verschwindet dann wieder. Mit den Wechseljahren kehren die Beschwerden zurück und werden oft noch sehr viel schlimmer.

Viele dieser Frauen scheuen sich davor, mit ihrem Arzt darüber zu sprechen. Dabei kann man eine Blasenschwäche mit der richtigen Therapie in vielen Fällen heilen oder die Beschwerden zumindest deutlich verbessern. Und das bringt ein großes Stück Lebensqualität zurück.

Deshalb der dringende Rat: Wenn Sie von Inkontinenz betroffen sind, gehen Sie zu Ihrem Frauenarzt oder Urologen und lassen Sie sich helfen!

Ursachen von Inkontinenz

In den meisten Fällen liegt eine sogenannte Belastungs-Inkontinenz vor. Dabei wird unter Belastung der Bauchmuskulatur, z.B. beim Lachen, Husten oder beim Heben von schweren Sachen, unwillkürlich Urin abgegeben. Der Grund liegt meist in einer geschwächten Beckenbodenmuskulatur und/oder einem schwachen Bindegewebe, so dass der Beckenboden seiner natürlichen Schließfunktion nicht mehr richtig nachkommen kann. Ursachen können eine erbliche Veranlagung sein, hormonell bedingte Auflockerungen des Gewebes z.B. während Schwangerschaft, Stillzeit oder in den Wechseljahren oder auch Übergewicht. Häufig entsteht Inkontinenz auch in Verbindung mit einem Vorfall der Gebärmutter, weil dadurch der Harnblase der Gegendruck fehlt. Andererseits verstärkt übermäßiger Druck auf die Blase das Problem, z.B. durch das Gewicht des Kindes in der Schwangerschaft, durch starkes Pressen beim Stuhlgang oder bei der Geburt, durch "falsches Heben" von schweren Gegenständen, das Herumtragen der größeren Kinder oder auch durch heftige Hustenattacken bei einer Bronchitis.

Psychologischer Aspekt

Themen wie Bettnässen oder Einnässen sind selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft noch völlig tabuisiert. Der Grund liegt oft in der psychologischen Bedeutung der Sauberkeitserziehung. Ein Erwachsener "macht sich einfach nicht in die Hose". Wer dennoch einnässt, wird als kindlich und schwach angesehen. Die Betroffenen stehen entsprechend unter sehr großem Leidensdruck und sprechen aus Scham oft weder mit Freunden noch mit dem Arzt über ihre Probleme. Häufig trauen sie sich kaum mehr, aus dem Haus zu gehen, brechen soziale Kontakte oder Beziehungen ab. Dabei gibt es in sehr vielen Fällen wirksame Hilfen und Therapien.

Diagnose von Inkontinenz

Zunächst einmal wird sich der Arzt über die Schwere und die Ursache der Inkontinenz genau informieren. Bei Belastungsinkontinenz unterscheidet man drei Schweregrade:

  1. Harnabgang bei schwerer Belastung wie Husten, Niesen, Springen
  2. Harnabgang bei leichter Belastung wie Aufstehen, Hinsetzen, Treppensteigen
  3. Harnabgang ohne Belastung in Ruhe

Ihr Arzt wird Sie ausführlich über Ihre Lebensgewohnheiten und Ihre Symptome befragen und mittels Abtasten, Urinkontrolle und Ultraschall organische Ursachen feststellen. Eventuell wird er Sie auch bitten, eine Art Tagebuch zu führen, indem Sie eintragen, was Sie getrunken haben, wann Sie zur Toilette mussten, wann Sie Harnverlust hatten. Damit kann er feststellen, ob z.B. ungünstige Toilettengewohnheiten die Ursache für Ihre Probleme sind. Oft liegen auch andere urologische Probleme vor wie eine Blasenentzündung, Harn- oder Nierensteine oder eine Reizblase.

Therapiemöglichkeiten bei Blasenschwäche und Inkontinenz

  1. Beckenbodentraining
    Die wichtigste Therapiemaßnahme besteht im Aufbau der Beckenbodenmuskulatur mit Hilfe von Physiotherapie. Bei etwa 75% der Frauen verbessert sich die Inkontinenz dadurch oder verschwindet sogar vollkommen. Bei starker Inkontinenz kann das aber durchaus 3 bis 6 Monate dauern. Für Frauen nach der Geburt werden von Hebammen oder Physiotherapeuten spezielle Rückbildungskurse angeboten, die von der Krankenkasse übernommen werden. Für alle anderen, vor allem auch für ältere Frauen gibt es Kurse für Beckenbodengymnastik oder auch einzelne Therapiestunden, die der Arzt Ihnen verschreibt. Auch im Falle einer medikamentösen Therapie oder einer Operation wird immer begleitende Physiotherapie empfohlen. Zusätzlich gibt es verschiedene Hilfsmittel wie Elektro- oder Magnetstimulation, deren Wirksamkeit aber nicht wirklich belegt ist. Ein paar unkomplizierte - und wirksame - Übungen können Sie aber auch einfach so selber machen!
  2. Gewichtsreduktion bei Übergewicht
    Medizinische Studien haben einen Zusammenhang zwischen Inkontinenz und Übergewicht ergeben. Demnach verbessert eine Gewichtsreduktion von 10 Kilo bei übergewichtigen Frauen das Problem bereits um 60 Prozent!
  3. Naturheilverfahren
    Es gibt auch in den Naturheilverfahren einige wirksame Ansätze, z.B. mit Schüssler Salzen, pflanzlichen Mitteln (z.B. Schachtelhalm) oder Homöopathie, die alle darauf abzielen, das Bindegewebe zu stärken.
  4. Medikamentös
    In manchen Fällen gibt es die Möglichkeit, Inkontinenz mit Medikamenten (z.B. Duloxetin) zu behandeln. Nach dem das Mittel aber starke Nebenwirkungen hat (Übelkeit, Gewichtszunahme, starkes Schwitzen), wird es oft vorzeitig wieder abgesetzt.
  5. Hormonell
    Gerade bei älteren Frauen ist oft ein Östrogenmangel die Ursache für das schwache Bindegewebe. Manchmal hilft hier schon eine lokale Therapie mit östrogenhaltigen Scheidenzäpfchen oder einer Estriol-Creme, ansonsten können auch Hormontabletten eingenommen werden.
  6. Operation
    Vor allem bei Frauen nach der Menopause wird die Blasenschwäche oft durch einen Gebärmutter- oder Scheidenvorfall ausgelöst. Es gibt verschiedene Operationsmethoden, z.B. kann die Scheidenwand gestrafft oder angehoben werden, oder die Haltefunktion der Blase wird mit einem elastischen Kunststoffbändchen oder einer Schlinge unterstützt.

Mit Beckenbodengymnastik vorbeugen

Auch wenn Sie bisher gar keine Probleme mit Blasenschwäche oder Inkontinenz hatten, sollten Sie vorbeugen. Täglich ein paar Übungen - z.B. noch morgens im Bett oder auf der Toilette beim Wasserlassen - reichen schon aus, damit Sie von diesem lästigen Problem verschont bleiben. Egal ob Sie 17 oder 70 sind, eine starke Beckenbodenmuskulatur hat viele "Vorteile": Sie ist die Grundlage für eine gesunde, stabile Körperhaltung und beugt damit Kreuzschmerzen vor. Sie sorgt dafür, dass alle Organe - von der Gebärmutter über die Blase bis hin zum Darm - an ihrem Platz bleiben. Und nicht zuletzt ist die Beckenbodenmuskulatur maßgeblich am Lustgewinn beteiligt und sorgt auf diese Weise für ein erfülltes Sexualleben.

Übungen für einen starken Beckenboden

  • Um Ihre Beckenbodenmuskulatur zunächst einmal kennen zu lernen, können Sie versuchen, auf der Toilette beim Wasserlassen den Urinstrahl anzuhalten und dann wieder laufenzulassen. (Das sollten Sie aber nicht als Übung machen.)
  • Folgende Übung können Sie zu jeder Tageszeit und praktisch überall - beim Bügeln, im Büro, auf dem Spielplatz - völlig unauffällig durchführen: Ziehen Sie die gesamte Beckenbodenmuskulatur fest zusammen und halten Sie sie für 5 Sekunden angespannt. Dann langsam wieder locker lassen und etwa 10 Sekunden lang entspannen.
  • Aus dem Yoga stammt die Übung der Schulterbrücke, die gleichzeitig auch gut für die Rücken- und Gesäßmuskulatur ist: Legen Sie sich den Rücken (z.B. auf eine Matte oder auch im Bett), legen Sie die Arme seitlich neben den Körper, ziehen Sie die Beine an und stellen Sie sie hüftbreit nebeneinander auf. Dann heben Sie langsam das Gesäß so weit wie möglich an (Kopf, Schultern und Arme bleiben am Boden) und spannen dabei fest die Beckenboden- und die Po-Muskulatur für 5 Sekunden an. Dann langsam wieder absenken.

Fragen Sie Ihre Physiotherapeutin oder Hebamme, ob diese Übungen für Sie geeignet sind und lassen sich ggf. andere Übungen zeigen.

Hilfsmittel bei Inkontinenz

Hilfsmittel erleichtern den Alltag und sorgen dafür, dass Sie sich trotz der Blasenschwäche weitgehend normal bewegen können. Sie sollten aber nicht als Ersatz, sondern nur als Ergänzung zu einer möglichen Therapie verstanden werden. Im Handel gibt es eine große Auswahl an Vorlagen in verschiedener Stärke und Einmal-Slips mit Einlagen in unterschiedlicher Saugstärke. Sie schließen die Flüssigkeit vollkommen ein, so entsteht keine Geruchsbelästigung und die Haut bleibt trocken. Monatsbinden sind hierfür nicht geeignet. Außerdem gibt es verschiedene schalen- oder ringförmige Kunststoffpessare (Urethrapessar nach Alabin), die in die Scheide eingeführt werden und dort die Haltefunktion des Beckenbodens unterstützen sollen. Auf die gleiche Weise wirken Inkontinenztampons aus Kunststoff, die vor der Anwendung kurz in Wasser eingeweicht werden müssen.

Zuletzt überarbeitet: März 2019

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