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In Finnland werden alle Kinder nach dem 7. Geburtstag eingeschult Keinesfalls kann aus den PISA-Ergebnissen hergeleitet werden, dass Früheinschulung zu besserer Schulbildung führt. So werden in Finnland alle und Schweden fast alle Kinder mit 7 Jahren eingeschult (siehe: “PISA-2000, die Klassenstufen der 15-Jährigen”). Hinzu kommt, dass z. B. in Finnland vom dem “Core Curriculum for Pre-School Education” (Helsinki 2000) nicht gefordert wird, dass die Kinder bereits in der Vorschule Schreiben und Rechnen erlernen. Die 15-Jährigen Finnen, die bei PISA so gut abgeschnitten hatten, haben ein bis zwei Jahr kürzer die Schule besucht als die 15-Jährigen der meisten anderen PISA-Staaten. Der Schlüssel zum Erfolg der Finnen könnte z. B. folgende Ursachen haben: Die Kinder sind, wenn sie in die Schule kommen, älter und damit eher bereit, sich über einen längeren Zeitraum hinweg konzentriert mit einem Thema zu befassen, auch wenn das Thema nicht 100-prozentig die eigenen Interessen abdeckt. Die professionelle und permanent präsente Förderung von Problemschülern macht das Schulsystem sehr effektiv, weil Kinder nicht jahrelang an Unterricht teilnehmen müssen, von dem sie nicht profitieren. Die fachlichen Anforderungen sind in Finnland niedriger als in Deutschland (siehe z.B. “Physik-Pflichtstoff eines finnischen Gymnasiums – versus – Deutsche Physik-EPA”, Berlin 2006). Finnische Schüler haben damit eher als deutsche Schüler die Chance, Unterrichtsstoff selbständig anzuwenden. Der PISA-2000-Bericht des Deutschen PISA-Konsortiums wird vielfach dahin interpretiert, dass PISA gezeigt habe, Früheinschulung sei vorteilhaft (siehe Baumert u. a. 2001, Tabelle 9.17, Seite 474). Diese Interpretation ist jedoch unzulässig, da hier (bei Tabelle 9.17) der soziale Hintergrund der Schüler nicht berücksichtigt wird. Werden Merkmale des Elternhauses in die Auswertung der Daten einbezogen, so zeigt sich, dass Kinder im Mittel besser in der Schule abschneiden, wenn sie nicht mit 6, sondern wie in Finnland erst mit 7 Jahren eingeschult werden (Hagemeister 2009). Vorzeitig eingeschulte Kinder bleiben häufiger Sitzen Die Auswertung von Schüler-Daten hat in Nordrhein-Westfalen ergeben, dass vorzeitig eingeschult Kinder häufiger sitzen bleiben als andere Kinder (Bellenberg 1996; Bellenberg, Gabriele/Klemm, Klaus 1998). Darüberhinaus zeigen die Daten aus NRW, dass die vorzeitig eingeschulten Kinder 5-mal häufiger ein zweites Mal sitzen bleiben. Vergleichbare Befunde wurden bei der Hamburger Studie “LAU” ermittelt. In Hamburg war ein ganzer Jahrgang im Abstand von 2 Jahren mit rahmenplan-konformen Tests erfasst worden. Wie in NRW folgt auch aus den Hamburger Daten, dass vorzeitig eingeschulte Kinder insgesamt häufiger sitzen bleiben: In der “Gruppe der vorzeitig Eingeschulten”, die bei der Einschulung ”das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet hatten” haben “13,1 Prozent in der Grundschule eine Klasse wiederholt … weitere 2,2 Prozent sogar zwei Klassen (zum Vergleich: bei den regulär Eingeschulten sind es 7,0 bzw. 0,2 Prozent). … Bei vorzeitig eingeschulten Kindern von Migranten und solchen aus bildungsfernen Elternhäusern ist die Wahrscheinlichkeit einer späteren Klassenwiederholung zusätzlich erhöht.” (LAU-5 1997, Abschnitt 4.5) Mit 7 Jahren eingeschulten “Juli-Kinder” erhalten signifikant häufiger eine Gymnasialempfehlung Kinder, die im Juli ihren 6. Geburtstag hatten, wurden in den meisten Bundesländern bisher erst ein Jahr später eingeschult. Wer dagegen bereits im Juni 6 wurde, wurde unmittelbar nach den Sommerferien eingeschult. Die ein Jahr später eingeschulten, inzwischen 7-jährigen Juli-Kinder erhalten (bei vergleichbaren sozialen Daten des Elternhauses) signifikant häufiger eine Gymnasialempfehlung als die Juni-Kinder, die mit 6 Jahren eingeschult wurden (Jürges/Schneider 2006). Außerdem haben die Juli-Kinder bei dem Grundschultest IGLU besser abgeschnitten (Puhani/Weber 2006). – Eine schwedische Langzeitstudie zum Einschulungsalter hat ergeben, dass mit 7 Jahren eingeschulte Kinder die ganze Schulzeit hindurch im Mittel besser abschneiden als die Kinder, die bereits mit 6 Jahren in die die erste Klasse gekommen sind (Fredriksson/Öckert 2005). Mit jüngeren Kindern muss zukünftig in kürzerer Zeit mehr Unterrichtsstoff bewältigt werden Besonders problematisch ist, dass in vielen Bundesländern auch noch die Schulzeit verkürzt wird, ohne dass die KMK-Vereinbarungen über die Anforderungen im Abitur (die EPAs) der verkürzten Schulzeit entsprechend reduziert wurden. Im Gegenteil: In Mathematik und Physik sind die Anforderungen in den EPAs neuerdings sogar erhöht worden. Die Folge ist, dass an deutschen Schulen nun in etlichen Fächern mit jüngeren Schülern eine noch nie da gewesene Stofffülle bewältigt werden muss. Dies ist das Gegenteil von dem, was aus PISA gefolgert werden müsste: Die für deutsche Schülerinnen und Schüler ungewohnten Textaufgaben, die bei PISA eingesetzt werden, habe uns vor Augen geführt, dass an unseren Schulen zu wenig diskutiert und reflektiert wird. Daran wird sich auch so bald nichts ändern, weil Früheinschulung und Schulzeitverkürzung – bei gleichem oder sogar erhöhtem Volumen an Pflichtstoff – dazu führen werden, dass wir in der Schule noch weniger Zeit haben werden, den Kindern die Möglichkeit einzuräumen, über Unterrichtsinhalte in Ruhe nachzudenken und Sachverhalte in eigenen Worten zu beschreiben.
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