Frage im Expertenforum Kinderarzt an Dr. med. Andreas Busse:

Wie gehe ich mit temperamentvollem Kleinkind um?

Frage: Wie gehe ich mit temperamentvollem Kleinkind um?

Linnie0404

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Sehr geehrter Herr Dr. Busse, mein Sohn ist seit seiner Geburt ein sehr aktives Kind. Schon als Baby waren seine Arme und Beine immer in Bewegung, später hat er sich durch das Haus gekugelt und spätestens seit er Robben und später Krabbeln konnte, gab es kein Halten mehr. In den ersten drei Monaten hat er zum Teil viel geschrien, durch Tragen konnte man ihn aber eigentlich immer beruhigen. Er hatte nach seiner Geburt eine starke Blockade im Halswirbel, so hat ihm das Trinken auf einer Seite zunächst Probleme gemacht, da er seinen Kopf nur in eine Richtung drehen konnte. Durch Osteopathie und einen Orthopäden haben wir das aber alles in den Griff bekommen. Jetzt ist er 16 Monate alt und generell ein sehr fröhliches, aufgeschlossenes Kind. Er läuft seit knapp 2 Monaten selbstständig, wobei er noch sehr oft umfällt. Und da beginnt auch schon das "Problem". Er ist tagsüber sehr unruhig und unkonzentriert, will viele Dinge gleichzeitig machen, ein Buch angucken, er schlägt es kurz auf, zeigt auf zwei, drei Bilder, dann legt er es wieder weg, holt ein Puzzle, legt ein Puzzleteil rein, und schiebt es wieder weg. Oft sortiert er sein Spielzeug einfach nur ein oder aus. Länger (ca. 5 -10 Minuten) beschäftigt er sich nur mit seinen Autos oder seinem Schiebetier. Oft läuft er einfach nur durchs Haus und brabbelt vor sich hin. Ich versuche ihn in den Haushalt einzubeziehen, das klappt auch ganz gut, er deckt den Tisch, versteht auch alles, aber beim Essen will er dann auch nur ganz kurz in seinem Hochstuhl sitzen, den größten Hunger stillen und dann wieder raus. Zum Teil klappt das Essen auch nur mit Ablenkung. Er ist auch eher leichtgewichtig (10kg, ca. 83cm.), was sicherlich auch auf seinen guten Stoffwechsel (ca. 2-5mal täglich) zurückzuführen ist. Die größten Probleme haben wir beim Wickeln, Zähneputzen und Anziehen, es ist ganz selten, dass er sich das gefallen lässt. Meistens weint er lautstark oder versucht abzuhauen. Seit Oktober geht er in die Krippe, die Eingewöhnung klappte sehr gut, er hatte dort keinerlei Berührungsängste, ist dort aber auch eher stürmisch, auch im Kontakt mit den anderen Kindern. Mittags schläft er dort deutlich weniger als zuhause, was sich auch daran zeigt, dass er nach der Krippe meist sehr quengelig und noch unkonzentrierter ist. Um seinem Bewegungsdrang gerecht zu werden, habe ich es mit einer Babyturngruppe versucht, aber mir kam er hier total reizüberflutet vor, er ist nur wild durch die Gegend gerannt und hatte Probleme im Sitzkreis zu Beginn und am Ende sitzen zu bleiben. Generell geht Stillsitzen nur mit Beschäftigung, auf dem Schoß sitzt er tagsüber gar nicht gerne. Auch Schwimmen haben wir mit ihm probiert, hier genau das Gleiche. Schreien in der Umkleidekabine wegen des Aus- und Umziehens und im Schwimmbad selbst ist er wie angestochen gewesen, zunächst hat er nur geweint, dann hatte er aber sichtlich Spaß. Nur irgendwo mal 1 Minute stillbleiben ging nicht. Allerdings fährt er abends wunderbar runter. Er trinkt noch eine Milch, dann sitzt er zufrieden auf dem Schoß, lässt sich noch eine Vierstelstunde ganz ruhig etwas vorlesen und schläft alleine in seinem Bettchen ein, wo er auch meistens 11-12 Stunden durchschläft. Ich bin etwas verunsichert. Ist das ein normales Verhalten für ein Kind in diesem Alter? In Gruppen sticht er meiner Beobachtung nach immer heraus. Wie kann ich ihn bestmöglich unterstützen? Ich gehe viel mit ihm raus, aber auch hier ist er eigentlich immer unterwegs, will nicht auf dem Spielplatz bleiben, sondern alles erkunden. Sollte man sich in unserem Fall schon an eine Frühförderung wenden? Ich möchte meinen Sohn auf keinen Fall überfordern und ihn einfach Kind sein lassen, aber will ihm für die Zukunft natürlich auch nichts verbauen (Konzentrationsfähigkeit, Regulation etc.). Ich weiß, wie schnell heutzutage eine ADHS-Diagnose gestellt wird und möchte meinen Sohn natürlich gut fördern. Im Interent findet man dazu immer nur widersprüchliche Aussagen. Alles von Wahrnehmungsstörungen über ADHS bis zu völlig normales Verhalten. Ich mache mir sicherlich auch zu viele Gedanken. Nach einer Totgeburt 2015 bin ich oft sehr verunsichert und sorgenvoll, möchte dies aber nicht an meinem Kind auslassen. Ich will in der Krippe auch nicht die Erzieher erst auf diese Problematik aufmerksam machen, ich denke mir immer, solange sie sagen, es ist alles gut, fange ich erst gar nicht mit dem Thema an. Aber Sie nennen ihn auch schon "Räuber" und haben mich auf das Schreien beim Wickeln angesprochen. Tut mir leid, dass meine Frage so lang geworden ist, aber das Thema beschäftigt mich sehr, zumal er in zwei Monaten ein Geschwisterchen bekommt und ich ihm dann nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit zukommen lassen kann. Vielen Dank für Ihre Mühen, linnie


Dr. med. Andreas Busse

Dr. med. Andreas Busse

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Liebe L., Sie haben einen wunderbaren herrlich aktiven und interessierten Sohn! Das ist ein Grund zur Freude, auch wenn er manchmal anstrengend sein kann. Trauen Sie sich doch bitte, klare Grenzen zu setzen, das zu tun, was nötig ist, sanft aber konsequent auch gegen Protest und handeln eher nach der Devise, "weniger ist mehr"! Planen vor allem auch Zeiten ein, in denen gar nichts stattfindet, es auch mal "langweilig" ist. Und seine Mahlzeit ist für ihn zu Ende, wenn er nicht mehr am Tisch zu halten ist. Keineswegs sollte es dann etwas ungeplantes Zwischendurch geben oder gar "Bespielen" beim Essen, auch hier ist Konsequenz gefragt und die Angst, dass ein Kind "verhungert" oder Mangel leidet, wirklich unbegründet. Alles Gute!


frau_e_2017

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Also für mich klingt das ganz normal. Mein Sohn ist 18 Monate und genauso. Was erwartest du denn? Dass er eine Stunde am Boden sitzt und ein Buch anschaut? Das schaffe nichtmal ich :-). Beim Zähne putzen halte ich ihn fest, beim Wickeln darf er YouTube schauen und beim Essen läuft er mal weg und holt sich noch einen Bissen bzw darf er auch mal mit einem Stückchen Brot herumlaufen...


basis

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Das Kind ist vollkommen normal. Da passen die Erwartungen der Eltern lediglich nicht zur natürlichen Entwicklung des Kindes. ADHS ist da sehr weit weg und der Bewegungsdrang muss gefördert werden. Ich würde einen anderen Kinderturn-Kurs suchen, in dem die Kinder nicht stillsitzen müssen. Bei uns muss kein Kind stillsitzen, die sollen sich ja bewegen. Und vor allem nicht nur mal versuchen sondern regelmäßig weiter besuchen. Das Kind muss sich ja erst mal dran gewöhnen. Mehr als 5-10 Minuten konzentriertes Spiel kann man in dem Alter nicht erwarten. Wenn permanent zwischen Spielzeugen gewechselt wird, ist womöglich zu viel da. Auch ist überzogener Bewegungsdrang gern auch ein Zeichen von Überforderung. Das Kind kommt mit der Situation gerade nicht klar und fällt in ein Schema zurück bei dem es weiß wie Mama reagieren wird - nämlich dass sie das Kind zu sich holt. Mein erster Sohn war auch schon immer extrem bewegungsorientiert. Er lief mit 8 Monaten, mit 9 frei, fuhr schon sehr früh Laufrad, auch früh Fahrrad, konnte sich lange nicht auf etwas am Stück konzentrieren, nicht alleine spielen und kann im Prinzip nicht langsam gehen, nur rennen. Er ist inzwischen vier und grundsätzlich noch genauso. Aber er kann auch zwanzig Minuten am Tisch sitzen und alleine ein 200 Teile Puzzle lösen. Wenn er will. Getan haben wir dafür genau gar nichts, außer ihn so zu lassen, wie er ist. Gib dem Kind einfach Zeit. Dein Sohn ist vollkommen normal entwickelt. Nur weil er nicht apathisch in der Ecke liegt, heißt das noch gar nichts.


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