Interview Dr. Paulus zu Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

Interview mit Dr. med. Wolfgang Paulus zum Thema:
Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

Dr. med. Wolfgang Paulus
Sprechblase

Herr Dr. Paulus leiden viele Schwangere unter Übelkeit und Erbrechen
in der Schwangerschaft?

Dr. Paulus:

Etwa drei von vier Frauen klagen über Übelkeit im ersten Schwangerschaftsdrittel, jede zweite davon
zusätzlich über Erbrechen. Übermäßiges Erbrechen während der Schwangerschaft, die sogenannte
Hyperemesis gravidarum, betrifft ca. 0,3-2 % aller Schwangerschaften. Sie ist gekennzeichnet durch
häufiges Erbrechen (mehr als fünfmal am Tag) und eine Gewichtsabnahme von mehr als 5 % des
Körpergewichts.

Redaktion:

Wie lange halten die Beschwerden an?

Dr. Paulus:

Ab der 5./6. Schwangerschaftswoche wird vielen Frauen immer wieder schlecht – vor allem morgens.
Die Symptome sind während des 1. Trimesters am häufigsten und am stärksten. 80 Prozent der
Betroffenen sind das Leiden am Ende des fünften Schwangerschaftsmonats wieder los. Allerdings gibt
es auch gelegentlich Fälle, in denen die Beschwerden bis zum Ende der Schwangerschaft anhalten.

Redaktion:

Sind die mütterlichen Beschwerden gefährlich für das Ungeborene?

Dr. Paulus:

Vergleichende Studien zeigten, dass bei Frauen mit Schwangerschaftsübelkeit weniger Fehlgeburten
auftreten. Kinder von Müttern mit Schwangerschaftsübelkeit wiesen statistisch keine Zunahme
angeborener Anomalien auf. Ausgeprägtes Schwangerschaftserbrechen kann jedoch den mütterlichen
Kreislauf durch Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten so stark beeinträchtigen, dass eine stationäre
Aufnahme mit Infusionstherapie erforderlich wird.

Redaktion:

Was kann man zur Linderung der Beschwerden unternehmen?

Dr. Paulus:

Zunächst sollte man versuchen, durch Änderungen von Lebensstil und Essgewohnheiten etwas zu
erreichen. Statt großer Mahlzeiten sind mehrere kleine Mahlzeiten verteilt über den Tag hilfreich. Die
Mahlzeiten sollten protein- und kohlenhydratreich, aber fett- und säurearm sein. Auf stark gewürzte
Speisen sollte verzichtet werden. Getränke sollten vor allem zwischen den Mahlzeiten in kleinen
Schlucken eingenommen werden.
Vielen Schwangeren wird schlecht, wenn sie bestimmte Gerüche wahrnehmen oder besondere
Nahrungsmittel essen. Auch stressige Situationen, Hitze, laute Geräusche, Licht und Fahrten in
schwankenden Fahrzeugen wie dem Bus können Übelkeit fördern. Manche Betroffene empfinden
Akupunktur und Akupressur als hilfreich. Auch durch Ingwer, z. B. in Form von Tee, kann man einen
positiven Effekt auf Übelkeit und Erbrechen erzielen, ohne dem Ungeborenen zu schaden. Leichte bis
mittelgradige Übelkeit kann sich durch Einnahme von Vitamin B6 (Pyridoxin) bessern. Reichen diese
Maßnahmen nicht aus, um die Anforderungen des Alltags zu bewältigen, stehen auch Medikamente
gegen Übelkeit zur Verfügung.

Redaktion:

Schaden Medikamente gegen Übelkeit dem Ungeborenen?

Dr. Paulus:

Bringen Umstellungen der Ernährungsgewohnheiten keine befriedigende Linderung, darf man auch
Medikamente gegen Übelkeit (Antiemetika) benutzen. Natürlich ist man damit in der Schwangerschaft
grundsätzlich zurückhaltend. Doch können erprobte Medikamente aus der Klasse der Antihistaminika
eingesetzt werden, um mit einer ambulanten Behandlung eine stationäre Aufnahme zu verhindern.
Wirkstoffe wie Doxylamin und Pyridoxin sind seit Jahrzehnten weltweit im Einsatz und haben in Studien
mit Tausenden von Schwangeren keine Zunahme kindlicher Schädigungen gezeigt.
 
Seit 2019 gibt es sogar eine Therapieoption, die speziell zur Behandlung der Schwangerschaftsübelkeit
zugelassen ist. Am besten fragen Sie Ihre betreuende Frauenärztin oder betreuenden Frauenarzt, was
Ihnen in Ihrem individuellen Fall helfen kann.
 
Die gute Nachricht trotz aller Belastungen: Der Spuk ist meist bis zur 20.SSW vorüber!

Redaktion:

Vielen Dank für dieses Interview, Herr Dr. Paulus.

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