Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Wie erfolgt eine Erziehung bei einem ehemaligen Schreibaby?

Sehr geehrte Frau Dr. Bentz,

Ich freue mich sehr, dass Sie dieses Forum eröffnet haben.
Meine Tochter ist letztes Jahr im April zur Welt gekommen und war/ist per Definition ein Schreibaby. Ich war mit der Situation überfordert auch weil ich lange gebraucht habe um mich von der Geburt zu erholen. Auch wenn ich eine sehr schöne Geburt hatte. Körperlich hat mich das ganze doch sehr mitgenommen. Wie fast alle Eltern von Schreibabys hatte ich mir die erste Zeit anders ausgemalt und war völlig vor den Kopf gestoßen. Ich wusste mir nicht zu helfen und habe mein Kind abwechselnd getragen und gestillt. Geredet habe ich sehr sehr selten mit ihr, sie hat ja immer geschrien. Heute werfe ich mir das vor. War ich eine liebevolle Mutter? Mein Mann ist mit der Situation sehr gut umgegangen, dafür bewundere ich ihn heute noch. Oropax ins Ohr und getragen. Stunde um Stunde. Er hat die ganze Situation als überhaupt nicht schlimm empfunden und wenn ich ihm gesagt habe, dass wir ein Schreibaby haben, hat er das verneint und meinte nur: Sie erzählt viel. Nach wenigen Wochen habe ich bei der Schreiambulanz angerufen, die hätten aber leider erst einen Termin in 3-6 Monaten für uns gehabt. Und das unser Umzug bevor stand, konnte ich leider eine solche Hilfe nicht in Anspruch nehmen, denn wo wir jetzt wohnen gibt es keine Schreiambulanz.
Nach einigen Monaten wurde das Schreien besser. Je mehr sie körperlich konnte, desto zufriedener wurde sie. Einschlafen ist jedoch weiter hin ein Problem. Im Bett schläft sie tagsüber gar nicht, wir müssen immer mit ihr spazieren gehen. Was nicht das Problem ist, denn an den Wochenenden machen wir meistens Tagesausflüge und da schläft sie eh im Kinderwagen und unter der Woche schläft sie im Kindergarten.
Als sie fast 12 Monate war habe ich nachts zur Flasche hin abgestillt, was ich heute als Fehler sehe. Denn vom Durchschlafen sind wir noch entfernt. Alleine einschlafen kann sie nicht. Bzw. es gelingt nur sehr selten. Sie verlangt immer die Flasche, auch zum Einschlafen. Mittlerweile sehe ich das entspannter auch wenn ich mir natürlich wünschen würde dass es besser wird. Aber dann denke ich mir wieder mit 3 Jahren wird sie die wohl nicht mehr verlangen. Was die Flasche anbelangt würde ich gerne konsequent bleiben und diese verweigern, nur schreit sie dann im Bett. Ich sitze neben ihr beruhige sie durch streicheln und summen. Das klappt für eine gewisse Zeit und dann ist es auf einmal wie ein umgelegter Schalter sie schreit hysterisch und ist kurz davor zu spucken. Dann nehme ich sie raus und gebe ihr die Flasche. Und dieses Schreien versetzt mich in die Anfangszeit und ich habe mich da so hilflos gefühlt und weiss bis heute nicht ob ich ihr damals eine liebevolle Mutter war. Jedenfalls versuche ich alles um das Schreien zu unterbinden.
Denn durch meine Hilflosigkeit habe ich manchmal das Gefühl keine entsprechende Bindung zu ihr zu haben. Heute ist meine Tochter ein sehr aufgeschlossenes kleines Mädchen, welches Gleichzeitig sehr sensibel ist. Weint im Kindergarten ein anderes Kind/ Baby geht sie direkt hin und schaut was los ist. Auf der anderen Seite wenn wir im Park spazieren gehen und sie andere Menschen, die auf Parkbänken anstarrt, hoffe ich immer, dass diese Menschen keine Reaktion zeigen, denn meine Tochter lässt sich gerne von Fremden auf den Arm nehmen. Eine Situation, wo man von Fremdeln reden kann, habe ich nur zwei Mal bei meiner Tochter erlebt und da war sie 5 Monate alt.
Um auf den Punkt zu kommen, bitte entschuldigen sie den langen konfusen Umweg:
- Woran erkenne ich eine gute Bindung?
- Wie gehe ich mit ehemaligen Schreibabys um? Bei uns haben sich Schlafprobleme eingeschlichen, wo ich keine Lösung habe.
- Haben Sie einen Tipp für mich wie ich endlich diese ersten Babymonate vergessen kann? Ich denke so oft zurück und habe einfach das Gefühl ganz viel falsch gemacht zu haben und das beeinflusst meine jetzige Erziehung.

Vielen Dank für Ihre Mühen und Grüße

Maren

von MarenBa am 29.07.2015, 19:56 Uhr

 
 

Antwort:

Wie erfolgt eine Erziehung bei einem ehemaligen Schreibaby?

Liebe Maren!

Sie haben wirklich eine schwere Zeit hinter sich und es tut mir sehr leid, dass Sie vor Ort keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen konnten. Leider sind Schreiambulanzen oft nur in größeren Städten vorhanden, aber ich denke, da das Problem in der Öffentlichkeit immer mehr wahr- und auch ernstgenommen wird, wird sich das bald ändern.

Zu Ihren Fragen: alle drei hängen für mich zusammen und lassen sich auf eine Grunddynamik zurückführen, die Sie sehr schön beschrieben haben:

Ein Kind wie das Ihrige lässt Eltern verzweifeln und zwar nicht nur aufgrund des Schlafmangels, sondern auch deshalb, weil es quasi permanent negatives Feedback in Form von Schreien von sich gibt, egal was man tut. Während andere Babys Ihren Eltern durch fröhliches Glucksen und ein strahlendes Lächeln immer wieder versichern, dass sie tolle Eltern sind und alles richtig machen, kommen bei Schreikindern diese Momente viel zu kurz. Dies kann zum einem tiefgehenden Gefühl der Verzeiflung, des Versagens und Hoffnungslosigkeit führen, was in der Psychologie als "erlernte Hilflosigkeit" bezeichnet wird, Die Folge können Passivität, Depression, Angst oder auch Aggressionen sein. Natürlich stellt exzessives Schreien daher auch eine enorme Herausforderung an die Bildung einer sicheren Bindung da, weshalb Bindungsarbeit ein Großteil der Arbeit einer Schreiambulanz ausmacht.

Schuldgefühle bei Eltern ehemaligen Schreikinder - vorwiegend bei den Müttern - sind häufig und aus psychologischer Sicht nicht ganz unkompliziert. Das ständige Misstrauen sich selbst gegenüber, die Zweifel, der Selbsthass und die fortlaufende innere Kritik sind kein guter Nährboden für eine Bindung an ein Kind. Ich spreche daher auch gern von unsicher-gebundenen-ELTERN. Die Beziehung zu den Kindern ist gewissermaßen noch von einer Art Alarmiertheit und der Panik vor dem Schreien geprägt, auch noch weit im Kindergartenalter. Jede Situation, die einen Konflikt in sich birgt, wie etwa Schlafen oder Essen, wird als bedrohlich empfunden und aktiviert schnell alte Verhaltensmuster

Ich finde es daher sehr sinnvoll, wenn Sie sich professionelle Hilfe bei der Verarbeitung (nicht dem Vergessen!) Ihrer Schuldgefühle holen würden. Ich möchte Sie nicht pathologisieren, doch ich denke, dass das ein großer Schritt in Richtung eines natürlichen und unbeschwerten Umgang mit Ihrem Kind sein könnte. Was ebenfalls helfen kann, ist das Aufschreiben all Ihrer Gedanken in Form eines Briefes an Ihr Kind (den Sie später tatsächlich ja mal abschicken könnten).

Ansonsten ist das Thema Bindung sehr komplex. Fachleute haben spezielle Tests um den Bindungstypus zu erfassen. Wenn Sie sich Sorgen machen, können Sie dies bei einer Erziehungsberatungsstelle oder einem Kinderpsychotherapeuten abklären lassen. Ich bin mir jedoch sicher, dass Sie, wenn Sie Ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben, mehr Sicherheit im Kontakt mit Ihrem Kind erleben und diese Rückversicherung nicht mehr brauchen werden.

Übrigens: nicht sicher gebunden heißt nicht bindungsgestört! Die sichere Bindung ist natürlich ein Ideal, was aber je nach Studie 40 -50 % der Untersuchten nicht erfüllen. Und selbst wenn Ihre Tochter keine sichere Bindung haben sollte - wofür ich aufgrund Ihrer Schilderungen keinen Hinweis sehe - ist dies kein unveränderliches Schicksal und ließe sich aufarbeiten.

Ich wünsche Ihnen für Ihren weiteren Weg weniger Blick nach hinten als nach vorn und dafür Mut, Selbstbewusstsein und viel Freude aneinander!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 30.07.2015

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