Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Schreibaby mit Schlafproblem

Hallo Frau Dr. Bentz,

ich habe ein großes Problem mit einer Tochter, Vielleicht können Sie mir weiterhelfen.
Sie ist jetzt 5 Monate alt geworden und ein sehr aufgewecktes Kind.

Ich habe sie per Kaiserschnitt wegen einem Geburtsstillstand auf die Welt gebracht. Schon im Krankenhaus war sie das Baby, das am meisten gebrüllt hat. Die ersten Wochen hat sie eigentlich ganz gut geschlafen, teilweise sogar ganze Nächte durch. Nach einem Monat kam eine Phase, in der sie zumindest tagsüber nur auf meiner Brust einschlafen konnte und nachts lange getragen werden musste, bis sie einschläft.

Aber seit etwa zwei Monaten ist alles ganz anders. Plötzlich, fast von einem Tag auf den anderen, hat sie schwierige Einschlafprobleme entwickelt. Auf dem Arm schläft sie gar nicht mehr ein und auch nicht auf der Brust. Egal wie müde sie ist. Abends lässt sie sich eigentlich nur in den Schlaf stillen, anders geht es gar nicht mehr. Sie wacht nachts zwei bis drei Mal auf und muss auch dann gestillt werden. Meist schläft sie nachts nicht mehr beim Stillen ein und entweder ich oder mein Mann müssen sie herumtragen, bis sie wieder müde wird. Das kann jeweils gut und gerne eine Stunde oder länger dauern. Dann reicht aber meistens ablegen, damit sie einschläft. Sie schläft etwa von 21:30 bis 6:30...minus den Wachzeiten. Wir legen sie zwar schon um 20:00 hin, aber meistens dauert es 1,5 Stunden. Manchmal muss ich sie mehrmals hintereinander in den Schlaf stillen.

Tagsüber geht gar nicht ohne Bewegung. Da schläft sie nur im Kinderwagen oder in der Federwiege. Nur. Im Kinderwagen schläft sie ca. 1 bis 2 Stunden, in der Federwiege etwa 2 oder 3 Mal je eine halbe Stunde...je nachdem, wie lange sie im Kinderwagen geschlafen hat.

Das Problem ist: Ohne lautes Brüllen geht so gut wie gar nichts. Und ich schreibe mit voller Absicht Brüllen. Sie streckt sich durch, kratzt, läuft rot an und fängt an zu schwitzen vor lauter Schreien. Manchmal überschlägt sich sogar ihre Stimme dabei. Mein Mann und ich sind vollkomnen fertig. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie es weitergehen soll.

Mir wurde geraten, ich solle sie wach ins Bett legen und einfach vei ihr bleiben, bis sie einschläft, ohne sie hochzunehmen oder sie in den Schlaf zu stillen. Das habe ich zwar versucht, aber wenn sie anfängt so hysterisch zu brüllen, dann kann ich das einfach nicht. Dann gebe ich nach und sie bekommt was immer sie will.
Aus lauter Verzweiflung habe ich jetzt das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" bestellt, das ja kontrolliertes Schreienlassen propagiert. Ich habe es noch nicht ausprobiert. Meine Hebamme und Kinderärztin raten zu dieser Methode. Andere Mütter, mit denen ich mich ausgetauscht habe, nannten die Methode aber Kinderquälerei und gaben mir das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Stattdessen erzählten sie mir von sich und wie sie sich für ihre Kinder aufopfern, einfach stattdessen am Wochenende schlafen etc.pp.
Das hat michwiederum nur noch mehr verunsichert.

Eigentlich wollte ich die bindungsorientierte Erziehungsmethode durchziehen. Aber ich kann einfach nicht mehr. Es ist ja nicht allein der Schlafmangel, aber ich merke auch, dass meine Tochter ständig müde ist...sie bekommt auch nicht genug Schlaf. Zudem bleibt unser ganzes Privatleben völlig auf der Strecke. Wir waren kürzlich bsp. auf eine Taufe von ganz lieben Freunden eingeladen worden. Ich habe abgesagt, weil ich wusste, dass meine Tochter wieder stundenlang brüllen würde, wenn sie müde wird und nicht von uns im Kinderwagen herumgefahren wird oder in der Federwiege liegt. Ehrlicherweise schäme ich mich dann auch, weil die Leute einen nicht selten mit eindeutigen Blicken strafen.

Können Sie mir einen Rat geben? Jeder sagt etwas anderes und allmählich weiß ich nicht mehr, was richtig und falsch ist.

PS: Entschuldigen Sie bitte den langen Text...

von Puderzucker am 04.04.2016, 22:25 Uhr

 
 

Antwort:

Schreibaby mit Schlafproblem

Ach so: Ich sollte dazu sagen, dass wir auch schon einiges ausprobiert haben: Schlafrituale, Nachtlicht, Musik, Föhnen, Staubsaugergeräusch, etc.pp. Wir haben nichts ausgelassen :(

von Puderzucker am 04.04.2016

Antwort:

Schreibaby mit Schlafproblem

Liebe Puderzucker!

Nun, ja. Wenn Schreibabys reden könnten. Was würden sie uns wohl sagen? Jeder hat hier so seine Vorstellungen und Erfahrungen, so dass Hilfe suchende Eltern immer weiter verwirrt werden. Die Sache mit dem schlechten Gewissen kommt dann meist gratis on top.

Zunächst einmal: Sie befinden sich in einer Extremsituation und erbringen Höchstleistungen unter extremer Anspannung und Schlafmangel. Hier geht es nicht immer darum, einen Idealfall zu kreieren, sondern um einigermaßen unbeschadet zu überleben. Die eigenen Grenzen sind dabei zwangsläufig subjektiv. D.h. auch wenn andere Mütter es ggf. schaffen sollten, fröhlich lächelnd jede Stunde über Monate geweckt zu werden und dann selbst bei einem 3-Jährigen Kind immer noch stolz sind, auf diese Aufopferung, so muss das nicht für Sie gelten.

Natürlich heißt das Leben mit einen Baby an vielen Stellen Einschränkungen und Verzicht, doch das darf natürlich nicht dazu gehen, dass ein System zusammenbricht. Bei vielen dieser Diskussionen wird nicht gesehen, dass die größte Gefahr für die Eltern-Kind-Bindung durch den massiven Schlafmangel, Erschöpfung, Depression und die daraus entstehenden Paarkonflikte und aggressiven Impulse ausgehen. Um es mal drastisch zu sagen: es bleibt neben der Brüllerei kaum noch Platz für unbeschwertes Kuscheln, Nähe oder Spiel oder zärtliche Gefühle.

Manche Mütter haben zudem einfach Glück und benötigen weniger Schlaf bzw. sprechen auf Stillhormone extrem gut an oder haben ausreichend Entlastungsmöglichkeiten. Unseren Schlafbedarf können wir jedoch nicht willentlich beeinflussen und reagieren daher auch unterschiedlich auf Schlafentzug. Ferner können wir uns die Umstände nicht immer so aussuchen, so dass es eben oft nicht alles wie im Bilderbuch ist.

Die sogen. Ferber-Methode ist daher sicher manchmal einfach das kleinere Übel. Doch auch sie ist sicher kein Allheilmittel! Wie viele andere Einschlafmethoden setzt sie ja nur an der Spitze des Eisbergs, dem Einschlafen an und greift daher zu kurz. Meine Kritik an dieser Methode ist daher auch weniger eine mögliche Gefahr für die Bindung, sondern genau das. Also wenn „Jedes Kind kann schlafen lernen“ so bitte nicht nur diesen Teil herauspicken, sondern auch auf die durchaus guten Hinweise zum gesunden Schlaf beachten. Das gesamte Verhalten muss geändert werden und das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Tag, nicht nur das ins Bett bringen. Leider ist es jedoch so, dass viele Eltern jedoch so lange warten, bis sie so erschöpft sind, dass sie von einem Extrem ins andere umschlagen und eben alle Hoffnung dann auf das kontrollierte Schreienlassen legen. Ich an dieser Stelle nur immer wieder betonen, dass es eben wirklich wichtig ist, rechtzeitig für Unterstützung und Hilfe zu sorgen, um eben nicht auszubrennen. Ich weiß aber auch, dass dies gerade unter Stress nicht immer leicht ist.

Ich persönlich finde Ihren Sohn fürs „Ferbern“ eigentlich noch zu jung, kenne aber Ihre genaue Situation natürlich nicht. Wenn es bereits 5 vor 12 ist (und das kann niemand außer Ihnen selbst verantwortlich entscheiden), dann muss eben geguckt werden, wie man schnell Entlastung schafft. Alles ist besser, als wirklich irgendwann die Kontrolle zu verlieren. Kritik wird so oder so kommen – egal welchen Weg sie einschlagen. Verantwortungsbewusstsein heißt eben auch, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst wenn Sie sich damit angreifbar machen. Ich werde Sie für einen solchen Schritt nicht verurteilen, denn ich bin nicht in Ihrer Situation!

Allerdings sehe ich diesen Weg nicht als alternativlos an! Wenn Sie bereit sind, soweit zu gehen, dann spräche doch eigentlich nichts dagegen, es mit dem begleiteten Weinen zu versuchen. Natürlich ist dies schwer auszuhalten, doch gerade wenn Sie sich Sorgen um die Bindung machen, müsste Ihnen dieser Weg doch leichter fallen, als Ihren Sohn gezielt allein schreien zu lassen und das Zimmer zu verlassen. Auch da ist es selbstverständlich erlaubt, auf Distanz zu gehen, wenn es Zuviel wird. Ansonsten haben sich Ohrenstöpsel und / oder Kopfhörer bewährt, um die schrillen Obertöne zu dämpfen und leichter ruhig zu bleiben. Häufig funktioniert es auch gut, sich schlafend zu stellen und einfach ruhig atmend neben dem Kind zu liegen. Sie haben also bei dieser Methode die Erlaubnis, nichts zu tun außer da zu sein! Die Entlastung von dem Druck, den Aus-Knopf zu finden, das Schreien abzustellen, hilft den meisten Eltern enorm. Machen Sie sich bewusst, es sind ein paar harte Nächte, doch dann wird es besser!

Ich wünsche auf jeden Fall viel Kraft, Geduld und schnell bessere Nächte!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 11.04.2016

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