Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

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Guten Tag Frau Dr. Bentz,

auch wenn mein Kind nicht zu den Schreikindern zählt würde ich mich gerne mit meiner Fragestellung an Sie wenden.
Mein Sohn, heute 26 Monate alt, kam als Frühchen 32+2 mit 1480g auf die Welt. Die Klinikzeit war einigermaßen unauffällig und er hatte zum Glück bis auf eine Trinkschwäche keine wirklichen Probleme.
Er war lange entsprechend Entwicklungsverzögert (z.B.drehen erst kurz vor dem 1.Geburtstag, krabbeln mit 16 Monaten, laufen mit 22 Monaten) und von beginn an extremst anhänglich und lebte die ersten 10 Monate eigentlich nur im Tragetuch.
Das Schlafverhalten war eigentlich immer sehr anstrengend.
Mittagsschlaf hält er beispielsweise eigentlich schon seit er etwa 17 Monate alt ist nur noch in Ausnahmefällen bei mir, allerdings geht er viermal die Woche zur Tagesmutter und schläft dort.
Wir haben mittlerweile das Gefühl dass er es einfach nicht schafft runterzukommen und haben deshalb soweit resigniert dass wir ihn erst ins Bett bringen wenn er richtig erschöpft ist. Das kann zuweilen auch zwischen 22 und 23 Uhr erst sein.

Hier nun zu meiner eigentlichen Frage:
mein Sohn klammert sehr stark. Sobald ich z.B. aus dem selben Raum gehe um beispielsweise etwas aus der Küche zu holen oder ähnliches bringt ihn das in pure Verzweiflung (auch wenn ich es ankündige und er eigentlich mitlaufen könnte). Er muss sich ständig vergewissern dass ich da bin, selbst in der Nacht - er schläft in seinem Bett noch direkt neben mir und wenn er morgens leichter schläft braucht er wieder den Körperkontakt. Wird er dann morgens wach und ich bin nicht neben ihm verfällt er in absolute Panik. Auch im Alltag ist es oft so dass er eigentlich nur auf meinem Arm sein möchte.

Er wird von einer ganz tollen Tagesmutter wie bereits geschrieben betreut zu der er sehr gerne geht. Der Abschied ist zwar phasenweise mit Tränen, aber er fühlt sich dort sehr wohl (wird dort aber wohl auch ständig rumgetragen, auch zum einschlafen) und ich hole immer ein sehr fröhliches Kind ab.

Woran kann denn diese Trennungsangst liegen und kann ich irgendwas tun um ihm diese zu nehmen?
Eigentlich sollte er demnächst ein eigenes Zimmer bekommen, fürchte mich aber jetzt schon vor den morgendlichen Schreiattacken....

Mit bestem Dank,
Flughund

von Flughund am 25.08.2015, 14:20 Uhr

 
 

Antwort:

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Liebe Flughund!


als erstes freue ich mich zu hören, dass Ihr Sohn sich trotz des zu frühen Starts so gut entwickelt hat! Eine Frühgeburt ist für beide Seiten wirklich nicht einfach - auch für die zu früh entbundenen Eltern.

Auch die nicht ganz so frühen Frühgeburten stellen die Eltern vor vielerlei Herausforderungen. Während früher nur die ganz Kleinen im Fokus der Forschung standen, hat man nun erkannt, dass auch die späteren Frühgeburten mehr Aufmerksamkeit verdienen, selbst wenn ihr Start vergleichweise unproblematischer war.

Zu Ihrer Frage: anklammerndes Verhalten, was sich zunächst im sogen. "Fremdeln" , etwas später dann durch Trennungsangst zeigt, ist per se natürlich kein pathologisches Verhalten, sondern ein Weg, Unsicherheit, Irritation und Angst mit Bindungsverhalten ("sicherer Hafen") zu begegnen. Das Fremdeln hat seinen Höhepunkt zwischen dem 08. und 30. Lebensmonat und die Trennungsangst zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr. Sie sehen also, die Streuung ist sehr breit. Fälschlicherweise wird nämlich oft angenommen, dass diese Phasen sehr viel früher abgeschlossen sind. Sie sind aber als Entwicklungsfeld zu verstehen, das sich durch das Kleinkindalter zieht. Ihr Sohn liegt also rein vom Alter noch im normalen Rahmen- vor allem, wenn man seine Frühgeburt in Abzug bringt.

Ob er auch qualitativ, sprich von den Ausmaßen, im Rahmen liegt, ist eine Frage, die ich von hier aus nicht beantworten kann. Ihre Schilderungen deuten schon auf eine starke Ausprägung hin, aber ob diese nun pathologisch ist, kann ich ohne eigene Beobachtungen nicht sicher einschätzen. Tasächlich kann so ein Verhalten (KANN nicht MUSS!) Ausdruck einer Entwicklungs-, Regulationsstörung und/oder Ausdruck einer Störung der Eltern-Kind-Bindung sein.

Sie sind doch sicher in einem Früherekennungszentrum / sozialpädiatrischen Zentrum mit Ihrem Sohn nach der Geburt gewesen? Meine Empfehlung wäre hier (nochmals) mit dieser Fragestellung vorstellig zu werden.


Grundsätzlich ist es so, dass Kindern mit anklammernden Verhalten noch nicht gelernt haben (die Gründe dafür sind vielschichtig), auch personenunabhängig Beruhigung und Sicherheit zu gewinnen, bwz. sie müssen lernen, dass nicht Schlimmes passiert, wenn Mama oder Papa außer Sichtweise sind und das "neu" und "unbekannt" nicht gleich "Gefahr" bedeutet. Exzessiv anklammerndes Verhalten lässt sich behandeln, hierfür ist jedoch eine korrekte Diagnose und Abklärung der Ursachen von versierten Kinderpsychologen/- psychiatern und anderen Fachmedizinern nötig.

Es tut mir leid, dass ich Ihnen nichts Konkretes an die Hand geben und Ihre Unsicherheit nicht auflösen kann. Panik haben müssen Sie sicher nicht und ich denke mit ein, zwei Tipps von einem Experten, der Sie und Ihr Kind gesehen hat, wird sich schnell alles bessern lassen. Frühgeburten erfordern jedoch immer auch eine spezielle Aufmerksamkeit.

Ich wünsche Ihnen dennoch alles Gute!

Herzlichst

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 26.08.2015

Antwort:

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Vielen Dank für Ihre Antwort!

Wir hätten eigentlich vor kurzem einen Termin zur 2-Jahres Untersuchung im SPZ gehabt, allerdings wurde mein Sohn ausgerechnet an dem Tag krank und ich habe den Nachholtermin erst für Ende Oktober bekommen.
Sie haben mir trotzdem ein bisschen weitergeholfen, immerhin nimmt es mir ein bisschen die Verunsicherung dass es durchaus normal sein könnte aber auch beobachtet werden sollte.
Meine Kinderärztin ist da leider etwas hilflos in der Thematik aber ich spreche dass dann im SPZ auf jeden Fall an.

Beste Grüße,
Flughund

von Flughund am 27.08.2015

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