Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Heftiges Schreien vor Schlafen

Liebe Frau Bentz,
Ich schreibe voller Verzweiflung an Sie.
Ich habe einen Sohn (10 Monate), seit ungefähr einem Monat hat sich sein Schlafverhalten sehr stark geändert.(aktuell: Vormittag und Nachmittags ca jeweils 1 Std.,nachts von 20- 5 Uhr mit jeweils 3-5 Unterbrechungen) Was soweit in Ordnung scheint, doch...
Er braucht bis zu 2 Std. um einzuschlafen und das bei jedem Schlafversuch, tagsüber sowie abends. In diesen 2 Std. schreit er wie am Spieß, dreht sich immer wieder auf den Bauch und will loskrabbeln, biegt sich durch, strampelt, wehrt sich also mit aller Kraft gegen den Schlaf. Wir wissen nicht woher das kommt, haben nix verändert, Zähne sind gekommen, krank war er auch nicht.
Mein Mann und ich sind nervlich komplett am Ende, fühlen uns hilflos und ratlos.
Wir haben wirklich alles mögliche, im Abstand, versucht was man so hört und liest.
Er ist stets sauber, gefüttert und am schnullern- bis wir ihn hinlegen.
Außerdem klappt es seitdem auch nicht, ihn in sein Bettchen zu legen (steht bei uns im Schlafzimmer) sobald er mit seiner Matratze in Berührung kommt, schreit ganz bitterlich.
Wir haben langsam wirklich Angst dass die Bindung zu uns einen Knacks kriegen könnte wenn er schreit und wir anscheinendend nicht helfen können.
Er ist zwischen uns im großen Bett, wo anders schläft er, nach völliger Erschöpfung, nicht.
Es tut uns in der Seele weh, wenn wir ihn jedesmal so sehen müssen, kommen uns schon als echte Versager vor, weil wir nicht verstehen, was ihm fehlt, warum er so weint.
Tagsüber ist er dementsprechend schlecht drauf und eigentlich immer müde und überreizt. Er findet einfach seine Ruhe nicht.
Hinzu kommt dass ich in der 29 ssw bin und es wirklich sehr belastend ist, nicht nur psychisch.
Wir haben erst nächste Woche einen Arzttermin. Aber ich würde gerne auch Ihren Rat hören, vielen vielen Dank dafür!!

von Anilux am 12.05.2016, 19:35 Uhr

 
 

Antwort:

Heftiges Schreien vor Schlafen

Liebe Anilux,

zunächst einmal tut es mir leid zu hören, dass es Ihnen allen offensichtlich so schlecht geht. So eine Krise über längere Zeit ist etwas, was die gesamte Parr- und Familiendynamik beeinflusst und alle an ihre körperlichen und geistigen Grenzen führt.
Doch diese Probleme sind behandelbar und zwar gut! So hoch Ihr Leidendruck ist, so gut sind auch die Erfolgsaufsichten. Mit 10 Monaten ist Ihr Kind noch jung, also keineswegs in den Brunnen gefallen! Es ist daher wichtig und richtig, dass Sie sich vor Ort Hilfe geholt haben. Nicht alle Kinderärzte verfügen jedoch über ein ausreichendes und aktuelles Wissen zum Thema Kinderschlaf und die Behandlung von Schlafstörungen, zumal sich auf diesem Gebiet einfach auch wahnsinnig viel tut. Neben überwiegend wirklich tollen Ansätzen höre ich leider – immer mal wieder mal vereinzelt auch sehr merkwürdige Empfehlungen, die meist eher auf eigenen Erziehungsprinzipien und weniger auf wissenschaftlichen Tatsachen beruhe. Rate daher immer, Dinge nicht ungefragt hinzunehmen, was meine Arbeit ausdrücklich einschließt!
Wenn er /sie keinen Rat weiß, heißt das noch lange nicht, dass Ihr Kind ein hoffnungsloser Fall ist. Lassen Sie sich das bitte nicht einreden, sondern suchen Sie Spezialisten. In Ihrem Fall würde ich Sie unbedingt zu einem Schlaflabor schicken um eine wirklich umfangreiche Diagnose zu erhalten und organische Gründe auszuschließen. Außerdem erfährt man so auch gleich mehr, wie Ihr Kind schläft und kann entsprechende Maßnahmen (gesichert!) einleiten. In der Begleitung und Umsetzungen kann Sie dann eine Schreiambulanz an einer Klinik begleiten. In hartnäckigen Fällen und bei besonderen Umständen (wie z.B. Ihre fortgeschrittene Schwangerschaft) kann es unter strenger medizinischer Indikation und Kontrolle in Ausnahmenfällen sinnvoll sein, zum Durchbrechen hartnäckiger Schlafprobleme kurzzeitig medikamentös gestützt zu arbeiten, ggf. auch stationär. Selbstredend wäre es damit nicht getan, sondern dann würde nach dem ein Kind wirklich mal 3-4 Nächte durchgeschlafen hat, begleitend weitere Maßnahmen folgen. Selbst wenn bisher alle Dinge gescheitert sind, gäbe es also noch Möglichkeiten.
Doch bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich habe weder Sie noch Ihr Kind gesehen und möchte keinesfalls Diagnosen noch Therapievorschläge machen. Dies soll rein der Information dienen und Ihnen zeigen, dass man wirklich ganz umfassend Hilfe bieten kann. Wie diese dann konkret aussieht, entscheiden Sie mit den Kollegen vor Ort.

Auch eine weitere Sache ist mir wichtig. Ich bin mir sicher, dass Sie der Gedanke, wie das mit dem zweiten Kind wird, sehr quält. Doch frühkindliche Regulationsstörungen wie das exzessive Schreien und Schlafprobleme wie die Ihres Sohnes sind keine(!) Erbkrankheiten. D.h. selbst wenn ein Teil der Risikofaktoren wie "Temperament", "Hypersensibilität" "geringer Schlafbedarf" etc. zu einem Teil auch genetisch bedingt sind, muss für die Manifestation (also das Auftreten) dieser Probleme doch eine Menge ungünstiger Umstände zusammenkommen. Es ist also keinesfalls gesagt, dass Ihr zweites Kind auch deratige Schwierigkeiten haben wird! Es hat genauso gute Chancen, ein völlig problemloser Schläfer zu werden.

So oder so bedeutet ein weitere Kind jedoch nochmals eine Umstellung und sicher auch ein Plus an Anstrengung. Sie sollten daher die verbleibende Zeit nutzen, um sich umfassend Hilfe und Unterstützung zu sichern. Wenden Sie sich am besten an die Frühen Hilfen und / oder das Jungendamt. Das sind keine "Unterschichtvereine" so wie sie in einschlägigen TV-Formaten gern gezeigt werden, sondern Spezialisten für Prävention und Familienhilfe bei Ihnen vor Ort, die schnell und unbürokratisch helfen können. Um die Situation zu entzerren und Ihnen die dringend notwendige Entlastung zukommen zu lassen, würde ich gucken, ob Sie Ihren Großen nicht für 2-3 Stunden täglich bei einer liebevollen Tagemutter / in einer Großtagespflege unterbringen können. Auch hier können die Frühen Hilfen / das Jungendamt weiterhelfen und haben für solche Notfälle immer auch Ansprechpartner. Zudem gibt es die Möglichkeit, sich von freiwilligen Familienhelfern unterstützen zu lassen, d.h. jemand kümmert sich mal um den Einkauf, betreut das Kind mal während eines Arztbesuches, "betüddelt" Sie mal ein wenig usw. Allein solche Kleinigkeiten helfen enorm und lassen einen nicht der Isolation.

Des Weiteren würde ich mich bereits jetzt um eine Haushaltshilfe kümmern. Sie ist in vielen Fällen kein Luxus, sondern einfach Krisenintervention. In manchen Fällen zahlt sogar die Krankenkasse.

Ebenfalls wichtig ist das Thema Elternzeit. Vielleicht müssen Sie ursprünglich gefasste Pläne nun etwas über Bord werfen bzw. in unkonventionelleren Bahnen denken. Auf jeden Fall wäre es sinnvoll, wenn Ihr Mann Sie längerfristig unterstützen könnte und ggf. 1-2 Monate auch parallel Elternzeit nähme und dann ggf. sich nochmal mit Ihnen abwechseln könnte. Oft bestehen hier Hemmungen oder Vorurteile, doch mancher Arbeitgeber ist aufgeschlossener als man denkt und froh, wenn man die Dinge aktiv bespricht. Tolle Beratungen liefern dazu etwa pro familia oder donum vitae oder andere Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen.

Sie sehen, Sie können eine Menge tun und es gibt keinen Grund zum Verzweifeln! Dennoch ist es normal und ok, wenn sich sie mies fühlen, erschöpft sind und ambivalente Gefühle haben. Nur sollten Sie damit nicht allein bleiben. Wie Sie an diesem Forum sehen, teile viele ein ähnliches Schicksal und das nicht weil sie alles Idioten oder inkompetente Eltern sind, die völlig versagt haben. Wäre es so einfach, gäbe es dieses Forum nicht! Exzessives Schreien ist ein hochkomplexes Störungsbild ohne einfache Antworten. Die Frage nach der Schuld führt dabei nur in Sackgassen und ist von der Wissenschaft auch widerlegt worden. Eltern von exzessiv schreienden Säuglingen sind nicht weniger feinfühlig oder kompetent als andere Eltern -sie sind erschöpft und verzweifelt, irritiert und aufgewühlt. Dass Sie in der ein oder anderen Situation anders reagieren als ausgeruhte, entspannte Eltern, die ein dauerlächelndes Baby vor sich haben, liegt in der Natur der Sache - ist aber keine Frage von Schuld! Daran sehen Sie aber wiederum, wie wichtig die eigene Entlastung ist! Es geht eben nicht darum, sich einen schönen Lenz zu machen, sondern überhaupt noch Ressourcen für Veränderungen zu haben. Babyfreie Zeiten, Entlastung und soziale Unterstützung sind daher auch wichtige Bestandteile einer Therapie! Sie handeln verantwortungsvoll, wenn Sie sie nutzen und eben nicht egoistisch und Sie sind auch keine Versagerin oder Mimose wenn Sie sie brauchen. Das Motto "Augen zu und durch! " beschert und Psychologen so manchen Fall!

Da Sie jetzt ja eine Behandlung anstreben, schreibe ich bewusst nichts über das mögliche Vorgehen. Sie haben eh ja schon alles gelesen und nicht immer ist mehr Information auf wirklich nützlich. Wichtig ist, dass Sie eine für Sie taugliche Strategie verfolgen, und die wird man mit Ihnen gemeinsam erarbeiten.

Dafür wünsche ich Ihnen viel Kraft und alles Gute!

Herzlichst,

Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 17.05.2016

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