Dr. rer. nat. Meike Bentzs

Schreibabys

Dr. rer. nat. Meike Bentz

   

 

Begleitendes weinen

Liebe Frau Bentz

Mein Baby hat akute Probleme mit dem Abschalten. Er kam per Kaiserschnitt aufgrund BEL zur Welt. Wehen kenne ich absolut nicht. Seitdem ist er ein sehr unruhiges Baby. Am Tag saugt er Alles neue Auf was er sieht und leidet enorm unter Reize. Wir haben einen festen Tagesablauf.
Jedoch braucht mein fast 5 Monate alter Sohn alle 1 1/5 Stunden Schlaf. Kommt er über den Punkt, geht nichts mehr. Am Anfang war der staubsauger unser ständiger Begleiter. Da ich nach meiner Wochenbett Zeit aber wieder Termine wahr nehmen musste, konnte ich kaum den Staubsauger überall mit hin nehmen. Jetzt ist es so das wir ihn sobald er müde wird ins abgedunkelte Zimmer gehen , ihn schaukeln und den Schnuller geben. Oftmals auch Tee. Er überstreckt sich enorm und strampelt wie wild. Gepuckt haben wir ihn auch. Allerdings kann er sich jetzt schon drehen , deshalb verzichten wir darauf. Sobald er müde wird dreht er quasi durch. Auf anrat meiner Kinderärztin soll ich bei ihm bleiben und ihn dann weinen lassen. Vorausgesetzt er hat alles ( satt , gewickelt und Co ). Wenn ich mir absolut sicher bin soll ich ihn in meinen Armen weinen lassen. Auch hat das meine Osteophatin gesagt. Gestern Abend war der erste Abend und es war die Hölle. Er hat so geweint. Sehr sehr doll. Ich bin stark geblieben. Er hat dann so fürchterlich geweint das er sich ständig verschluckt hat und eine Menge Schleim gespuckt hat. Ich war schon so nervös das ich fast wieder den Staubsauger anmachen wollte. Aber mein Freund der dabei war hat mich von abgehalten. Nach ca 30 min war der spuck vorbei und er ist wohl vor Erschöpfung eingeschlafen. Es kamen nur noch ein paar schluchzter hinterher. Er bekam dann den Schnuller als er fertig war und schlief.
Soll das wirklich etwas bewirken? Ich fühle mich Elend aber stecke auch total in einer Sackgasse. Denn er kommt von alleine nicht zur Ruhe. Es sei denn wir fahren Auto. Dann schläft er friedlich im maxi cosi.
Er findet von alleine den Entspannungsknopf nicht und findet Alles andere interessanter als zu schlafen.
Wie lange soll ich diese Methode anwenden? Geht dadurch die Bindung nicht verloren? Kann ihm was passieren ( permanent verschluckt ) ?
Mache ich soweit alles richtig? Wann erfahre ich Besserung? Ich weiß nicht ob ich es richtig mache
Soll ich ihn immer weinen lassen wenn er müde ist? Oder nur am Abend ?

Danke lieben Dank

von Kathrinchen007 am 06.04.2016, 11:23 Uhr

 
 

Antwort:

Begleitendes weinen

Hey, ich bin zwar nicht die Person die dir antworten soll, aber ich würde mit dir gerne meine Erfahrungen teilen!

Ich habe meinen Sohn in deinen Erzählungen fast zu 100% wieder entdeckt... Außer das es bei uns nicht extremer war, bis zum 10 Monat musste er 2-3 Stunden in den Nächtlichen Schlaf geschaukelt werden. Dann hat er auch nur 3 Stunden geschlafen und dann wieder schaukeln schaukeln schaukeln. Allgemein ist er ein Sonnenschein, aber auch ein großer Quengelkopf. Er kam auch schlecht mit reizen klar, auch an Tagen wo "nichts" war. Überstechen usw alles was du schreibst kenne ich.

Ich habe es auch 1x mit dem begleiteten weinen gemacht, danach nie wieder... Ich fand es zu grausam und meiner Meinung nach bringt es garnichts...! Wenn dein Kind nicht abschalten kann, dann lass ihn nicht weinen, gebe ihn das was ihn entspannt. Es wird früh genug die Zeit kommen wo er all das nicht mehr braucht. Ich weis leichter gesagt als getan, aber ich spreche aus Erfahrung. Und wie du schreibt willst du das auch so garnicht...

Mein Sohn ist nun 15 Monate alt, und es hat sich unser Leben komplett verändert. Er schläft plötzlich durch, muss nur in den Schlaf gekuschelt werden ( gut es dauert auch mitunter eine Stunde, ich genieße es aber ;) ) und schläft im Familienbetrieb. und er ist wie ausgewechselt ... alles seit dem er laufen kann! Es ist so viel einfacher geworden, seit dem er die Welt so entdecken kann wie er will...Ich hätte nie gedacht das es irgendwann mal aufhört sooooo anstrengend zu sein... Und das alles mit seiner Zeit...! Jedes Kind ist anders, dein kleiner Mann brauch hält diese Unterstützung...

Ich hoffe ich konnte dir ein bisschen Motivation geben, auf dein Herz zu hören ;) liebe Grüße Sarah

von Sarahanton am 06.04.2016

Antwort:

Begleitendes weinen

Noch ein kleiner Nachtrag.

Mein Sohn findet bis heute schwertut Ruhe, aber es ist seit dem laufen und der damit verbundenen Freiheit viiiiiel besser geworden. Und ich bin mir sicher, dass die Zeit die nötige Ruhe mit sich bringen wird...! Bis dahin wünsche ich dir und deinem Freund viel Geduld, aber es wird besser und ändert sich von ganz alleine!

Ps. Ich will ja keine Werbung machen, aber das Buch "schlafen statt schreien" hat uns persönlich nicht geholfen, aber nur weil es sich alleine verändert hat, hätte es das nicht getan, hätte ich auf das Buch zurück gegriffen. Die Tipps und Ingos in dem Buch sind klasse!!!

Ganz liebe Grüße Sarah

von Sarahanton am 06.04.2016

Antwort:

Begleitendes weinen

Liebes Kathrinchen007,

ich kann Ihre Verwirrungen gut nachvollziehen. Letztendlich wollen Eltern nur das beste für Ihre Kinder, doch jeder sagt, dass etwas anderes das Beste ist. Was also tun?

Letztendlich kann ich Sie auch nicht aus diesen Dilemma befreien, denn Sie kommen als Eltern nicht darum, die Verantwortung für Ihr Handeln zu tragen. Garantien übernimmt dabei niemand und Sie sind schließlich auch diejenigen, die zu Hause Ihren Alltag leben müssen. D.h. im Umkehrschluss auch, dass wir Eltern mit Unsicherheiten leben müssen und es vielfach eben nicht den einen, goldrichtigen Weg gibt. Das Leben besteht häufig aus Kompromissen. Das Gute ist jedoch, dass keine Perfektion notwendig ist, um Kinder gut und sicher gebunden groß werden zu lassen. Im Gegenteil: Bindung ist mehr als bloße Nähe und Bedürfnisbefriedigung. Sie erlaubt authentische Reaktionen, das Wahren eigener Grenzen und das Begehen von Fehler. Sie verlangt eben nicht nach totaler Selbstaufgabe und Aufopferung und 100% pädagogisch wertvoll.

Doch dies nur vorweg:
Wenn Sie das Gefühl haben, in eine Sachgasse geraten zu sein, würde ich genau dieses Gefühl ernst nehmen und handeln. Ihr Kind kann eben nicht den Impuls zu Veränderungen geben, da es die Folgen nicht überblickt. Es weiß eben nicht, dass stundenlages Staubsaugergeräusche und Autofahren eine Sachgasse sind. Es hat sich an diese Dinge gewöhnt und reagiert selbstverständlich irrirtiert, wenn diese Reize fehlen. Insofern muss ich eine etwas andere Position als meine Vorrednerin:

Natürlich ist begleitetes Weinen kein Muss und sicher kein Allheilmittel! Sicher muss man zur Verhaltensänderungen auch seine Konfortzone verlassen, doch wenn sich Ihnen buchstäblich der Magen umdreht und Sie selbst völlig aufgelöst sind, wird es schwierig, Ihrem Kind Ruhe zu vermitteln. Es blickzt dann in Mamas gesicht und wird sehen, dass etwas Schreckliches passiert, weil Mama eben Angst hat. Genau das soll ja verhindert werden. Ziel dieser Methode ist ja eben ein Abgewöhnen von ungünstigen Mustern ohne Angst mit Anwesenheit der Eltern.

Doch mal rein vom gesunden Menschenverstand: ist es ein natürliches Bedürfnis eines Kindes, beim Staubsauger einzuschlafen oder nur im Autositz bei laufenden Motor? Nein, es ist ein Bedürfnis, was geschaffen wurde, als Krücke, um einen Moment Ruhe zu haben. Mit Bindung hat das Ganze nichts zu tun. Was passiert ist, dass man das hintere Aufmerksamkeitssystem, was dazu dient, sich Orientierung über neue Reize zu verschaffen, dahin trainiert, dass es immer stärkere und intensivere Reize braucht, wenn Gewöhnung (Habituation) stattfindet.
Das Ganze geht dann so: Reiz - Ablenkung vom inneren Zustand (Müdigkeit, Überforderung etc.), einen Moment Ruhe - Gewöhnung an den Reiz oder Stopp der Reizgabe: Unwohlsein, Unruhe, Weinen - neuer oder intensiverer Reiz: wieder kurzfristig Ruhe usw. usw. Es ist also nicht vom Kinde aus gedacht, diese ungünstigen Muster aufrechtzuerhalten - mal abgesehen davon, dass man sie wohl kaum auf Dauer durchhalten kann.

Es mag richtig sein, dass manche Kinder irgendwann auch so schlafen lernen und von allein die ungünstigen Interaktionsmuster ablegen. Abwarten ist daher natürlich eine Möglichkeit und natürlich ist immer kritisch zu gucken, woher der Handlungsdruck kommt. Wenn Elternm irgendwelche Normwerte im Kopf haben, wann ein Kind wie schlafen müsse, ist das sicher kein besonders guter Grund .

Doch auch Abwarten ist birgt Risiken!

Zunächst mal finde ich es wirklich fraglich, in wieweit sich hier ein bindungsorientiertere Weg bietet, sofern Eltern sich am Rande eines Zusammenbruch befinden und einfach nicht mehr können. Für den Aufbau von Bindung sind unbeschwerte Momente, Spielen, liebevolle Aufmerksamkeit und Nähe, sprich positive Moment notwendig, doch für die muss erst einmal die Kraft da sein. Wenn ein Kind den ganzen Tag brüllt, werden wichtige „Beziehungszeiten“ einfach verschrieen und die Eltern haben oft Schwierigkeiten, eine sichere Bindung aufzubauen, weil der ganze Kontakt von Angst, Erschöpfung, Enttäuschung und Wut geprägt ist. Hier kann eine Entlastung der Eltern wirklich Wunder wirken! Natürlich sollte diese nicht zu Lasten des Kindes gehen, doch ist es der Fall, wenn Sie sagen, ich kann nicht mehr, wir müssen einen anderen Weg finden…?

Zweitens liefert die Forschung wirklich viele ernst zu nehmende Belege dafür, dass die Schlafqualität in jungen Jahren bis weit ins Erwachsenenalter beeinflusst, wie gut oder schlecht wir schlafen. Kein Kind muss dabei dem Lehrbuch entsprechen. Doch Abwarten kann dann eben auch bedeuten, dass es nicht klappt und ein Problem chronisch wird. Aus einem schlecht schlafenden Säugling wird dann u.U. ein schlecht schlafendes Klein- und Schulkind. Schlechter Schlaf ist eben nicht nur anstrengend für die Eltern – die sich häufig vorwerfen lassen müssen, sie wären nur zu bequem - sondern auch nachteilig für die physische und psychische Entwicklung. Natürlich möchte man den Kleinen liebend gern den Stress sparen, den eine Verhaltensänderung mit sich bringt, doch was ist letztendlich gravierender?

Also auch im Abwarten sehe ich Risiken! Dennoch, Sie sollten nichts tun, nur Idealen von außen gerecht zu werden oder es jemanden recht zu machen. Das Leben ist eben kein Lehrbuch oder sonstiger Ratgeber. Sie wägen ab, Sie entscheiden. Da Sie sich aber auch selbst und Ihr Kind am besten kennen, sind Sie auch in der Lage, die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Wohlgemerkt die bestmögliche, nicht die perfekte Lösung.

Dafür wünsche ich Ihnen Ausdauer, Kraft und alles Gute!

Herzlichst,

Ihre Meike Bentz

von Dr. Meike Bentz am 11.04.2016

Die letzten 10 Beiträge
Mobile Ansicht

Impressum Über uns Mediadaten Nutzungsbedingungen Datenschutz Forenarchiv

© Copyright 1998-2021 by USMedia.   Alle Rechte vorbehalten.