Dr. med. Martin Claßen

Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln

Dr. med. Martin Claßen

   

 

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Bei meiner Tochter wurde per Atemtest eine Fructosemalsorbtion festgestellt.
Sie hat bereits 15 Minuten nach dem Trinken der Fuctoselösung mit Übelkeit und Bauchweh, nach weiteren 15 Minuten mit Erbrechen und schließlich mit Durchfall reagiert, nach den gemessenen Wasserstoffgehalt im Atem (leider kenne ich die Werte nicht) liegt nach Auskunft des Internisten eine FI vor.
Nun habe ich gelesen, das bei einer so frühen Reaktion (dort war von deutlich vor 90 Minuten die Rede) i.d.R.eine sekundäre FI vorliegt, die durch bakterielle Fehlbesiedlung im Dünndarm ausgelöst wird (da die Lösung nach so kurzer Zeit noch gar nicht im Dickdarm angekommen bzw. fermentiert worden ist). Allerdings wurde bei uns auch 50 g Fructose in Leitungswasser aufgelöst, nach zwischenzeitlichen Recherchen nimmt man wohl üblicherweise nur noch 25 g!?
Eine solche sekundäre FI soll - im Gegensatz durch die FI die durch einen Enzymmangel hervorgerufen wird- durch Beseitigung der Fehlbesiedlung im Dünndarm behandel und heilbar sein.
Nun meine Frage: Gibt es tatsächlich eine solche sekundäre, durch bakterielle Fehlbesiedlung ausgelöste FI, läst sich das feststellen (wie????) und wie läst sich diese Fehlbesiedlung beseitigen?
Die Mittel zur Darmsanierung, die mir bekannt sind (Symbioflor etc.) wirken nach meiner Kenntnis doch auf das Milieu im DICKdarm.


Vielen Dank im Voraus

Heike M.

von HeikeM. am 24.06.2010, 21:19 Uhr

 
 

Antwort:

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Nach 2 monatiger strikter Diät und anschließender ca. 8-monatigen "eingeschränkter" Diät (Ernährung nur mit fruktosearmen Lebensmitteln) ist die Fruktosemalabsorbtion bei uns erledigt.
Diese Chance besteht wohl, ist wohl auch nicht so selten, muss aber nicht sein.
Viel Glück! Eine Stunde bei einer Ernährungsberatung war übrigens absolut sinnvoll und hat uns sehr geholfen!
Paulchen

von Paulchen99 am 24.06.2010

Antwort:

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Vielen Dank für die schnelle Antwort!
Eine Ernährungsberatung hat uns der Internist auch empfohlen, ich werde mich gleich mal direkt mit unserer Krankenkasse in Verbindung setzen. Gibt es irgendwo eine "Liste", welche Ernährungsberater auf Fructosemalabsorption spezialisiert sind oder tut das gar nicht not?

HeikeM.

von HeikeM. am 25.06.2010

Antwort:

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Guten Tag!

Zur Beantwortung Ihrer Frage muss ich etwas ausholen, um einige Begriffe genauer zu erklären.
Bei der Fructosemalabsorption handelt es sich um eine harmlose Störung des Magen-Darm-Traktes, bei welcher aufgrund einer Störung eines Transporter-Defektes des Dünndarms hier die Fructose nicht aufgenommen werden kann. Sie gelangt dann in den Dickdarm und wird dort von den Bakterien verstoffwechselt, was zur Bildung von Wasserstoff führt. Typische Symptome sind Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall.
Primäre Fructosemalabsorption bedeutet, dass die Störung angeboren ist. Häufiger findet sich eine sekundäre oder erworbene FMA, z.B. nach Magen-Darm-Infekten oder anderen entzündlichen Erkrankungen des Dünndarms. Bei der sekundären Form kann nach Erholung der Darmschleimhaut (und damit auch der Transporter-Systeme) auch die Unverträglichkeit von Fruchtzucker wieder verschwinden – und zwar unabhängig von der Durchführung der Diät! Diese empfiehlt man trotzdem, da die Beschwerden in der Zwischenzeit natürlich unangenehm sind.

Die Erkrankung mit dem Enzymdefekt heißt Hereditäre Fructoseintoleranz. Hierbei handelt es sich um eine Stoffwechselerkrankung, bei welcher der Genuss schon kleiner Mengen Fructose gefährliche Symptome hervorgerufen kann – diese Erkrankung hat nichts mit der FMA und den von Ihnen geschilderten Beschwerden zu tun!

Bei der bakteriellen Fehlbesiedlung kommt es zur Überwucherung des Dünndarms mit Bakterien, die Symptome sind mit Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall und auch Erbrechen ähnlich denen einer Kohlenhydratmalabsorption. Im Wasserstoffatemtest findet sich häufig schon ein erhöhter Nüchternwert, auch frühe Anstiege der Werte werden oft beobachtet. Hierbei ist es egal, ob Fructose oder Lactose verabreicht werden, mit einer reinen FMA hat die bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms nicht zu tun. Bei Verdacht auf diese Diagnose führt man einen erneuten Atemtest mit Lactulose, welche im Dünndarm nicht verstoffwechselt wird, durch. Auch die Durchführung des Atemtestes für Lactose kann hier hilfreich sein – ist dieser normal, ist eine bakterielle Fehlbesiedlung unwahrscheinlich. Behandelt wird die Fehlbesiedlung mit einem Antibiotikum.

Den Test Ihrer Tochter kann ich ohne Kenntnis der genauen Werte leider nicht beurteilen. Hier spielt nicht nur der frühe Anstieg der Wasserstoffwerte eine Rolle, sondern auch die Höhe der Werte. Bitte besprechen Sie die ganze Situation noch einmal mit Ihrem behandelnden Arzt. Weitere Informationen zur FMA finden Sie auch unter http://www.klinikum-bremen-ldw.de/kindfrucht.pdf.

Viele Grüße,
M. Claßen

von Dr. Martin Claßen am 25.06.2010

Antwort:

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort.

Die Werte aus dem Fructosetest waren 00 Wert= 07, 30 Min.= 23, 60 Min.= 99, 90 Min.= 69. Es wurden allerdings 50 g Fructose aufgelöst verabreicht "normal/üblich"sollen wohl 25 g sein !? Meine Tochter hatte schon Probleme diese vollständig zu trinken, sie hat fast 30 min. daran "herumgenuckelt" und bereits während des Trinkens über Bauchweh und Übelkeit geklagt. Direkt nach der ersten Messung ( 30 Min.) hat sie eine kleine Menge davon wieder erbrochen und nach etwa weiteren 30 Min.mit Durchfall reagiert.Ich weiß nicht, ob hierdurch die Testergebnisse verfälscht sein könnten.
Aufgrund dieser aus meiner Sicht schnell eingetretenen relativ heftigen Reaktionen, da die Werte zwischen der 60 und 90 Min. schon wieder abgefallen sind (wäre die "Wirkung" im Dickdarm da nicht erst eingetreten?) und da sie schon immer unter sehr heftigen Blähungen leidet (hierdurch soll die Gefahr bestehen, dass durch eine "Verbindungsklappe" Bakterien aus dem Dick- in den Dünndarm gelangen können!?) hat sich bei mir die Idee von der bakteriellen Dünndarmüberbesiedlung festgesetzt.
Nach Ihrer Information mit dem Hinweis durch den Laktosetest scheint dies aber wohl doch eher unwahrscheinlich, denn dieser war negativ
(00 Wert= 11, 30 Min.=12, 60 Min.= 10, 90 Min.= 6). Es wurden 25 g Laktose für den Test angemischt, ich habe jedoch gelesen, dass bei dieser Menge die hinteren Dünndarmbereiche nicht erreicht würden und der Test daher (in Bezug auf die Dünndarmfehlbesiedlung) nicht wirklich aussagekräftig sei!?
Ob der Dünndarm über genügend (aktive)Transporteiweiße verfügt, wird sich wahrscheinlich schwerlich testen lassen (oder?) aber wie könnte ich denn die Erholung der Darmschleimhaut unterstützen? Ein Antibiotikum gegen eine vermutete Überbesiedlung würde ja hier nur noch weiteren Schaden anrichten, bzw. wenn sich der Verdacht auf eine bakterielle Überbesiedlung des Dünndarms bestätigen sollte und diese dann durch ein Antibiotikum behandelt wird, könnte es passieren, dass durch dieses Antibiotikum die Darmschleimhaut so strapaziert wird, das wiederum eine sekundäre Fruktoseunverträglichkeit "entsteht"?

von HeikeM. am 25.06.2010

Antwort:

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Guten Tag!

Diese Werte sprechen mit relativ großer Sicherheit für eine Fructosemalabsorption und gegen eine Fehlbesiedlung. Völlige Sicherheit bekommen Sie, wenn unter einer fructosereduzierten Diät die Beschwerden Ihrer Tochter verschwinden. Einen frühen Anstieg der Wasserstoffwerte sehe ich hier nicht. Der Nüchternwert ist normal, der Anstieg des 30-Minuten-Wert ist nicht signifikant (erst eine Erhöhung um 20 ppm ist ein Hinweis für eine Unverträglichkeit!) und der Anstieg nach 60 Minuten ist deutlich, aber im normalen Zeitrahmen für eine Fructosemalabsorption. Dass der Wert nach 90 Minuten wieder abfällt, ist ebenfalls völlig normal. Durchfall hatte Ihre Tochter ja auch schon früh – daran sehen Sie, wie schnell die Passage durch den gesamten Dickdarm stattgefunden hat.

Die verwendete Menge an Frucht- und Milchzucker ist gewichtsabhängig und beträgt für Fruchtzucker in der Regel 1 g/kg, max. 25 g, für Lactose 2 g/kg, max. 50 g. Die relativ hoch gewählte Dosis bei Ihrer Tochter erklärt die heftige Reaktion, verfälscht aber nicht das Ergebnis. Da ich Alter und Gewicht Ihrer Tochter nicht kenne, kann ich auch nicht beurteilen, ob die Lactose-Menge zu gering gewählt war. Bei einem völlig unauffälligen Test wie dem Ihrer Tochter bezweifele ich jedoch, dass eine höhere Dosis ein anderes Ergebnis ergeben würde. Außerdem ist sicherlich Ihre Beobachtung, ob Ihre Tochter auf Milchprodukte mit Bauchschmerzen und/oder Durchfällen reagiert, entscheidender als der Atemtest.
Warum der behandelnde Kollege die entsprechenden Mengen an Kohlenhydraten gewählt hat, kann ich nicht beurteilen.

Ob eine sekundäre FMA vorliegt, wird sich im Verlauf zeigen. In der Regel empfiehlt man eine streng fructosereduzierte Diät über einige Wochen (sh. empfohlene Internetseite zur Durchführung) und probiert dann Schritt für Schritt wieder fructosehaltige Lebensmittel aus. Eine gewisse Menge an Fructose wird eigentlich immer vertragen.
Die Darmschleimhaut erholt sich von ganz allein wieder, wenn Sie möchten, spricht jedoch auch nichts dagegen, ein Probiotikum zu verabreichen.

Bitte sprechen Sie bei großen Sorgen noch einmal mit Ihrem behandelnden Arzt. Er hat die völlig richtige Diagnose einer Fructosemalabsorption gestellt. Wenn sich unter der Diät eine Besserung einstellt, ist die Diagnose sicher. Auch wenn die Unverträglichkeit länger bestehen bleibt, ist dies überhaupt kein Grund zur Sorge, da die FMA eine zwar nicht angenehme, aber völlig harmlose Störung ist, unter welcher viele Menschen leiden. Selbst wenn Ihre Tochter aus Versehen zu viel Fructose aufnimmt, kann sie zwar kurzfristig Bauchschmerzen und auch Durchfall haben, zu einer Schädigung des Darms führt dies jedoch nicht.

Alles Gute,
M. Claßen

von Dr. Martin Claßen am 27.06.2010

Antwort:

Sekundäre Fructosemalsorbtion heilbar?

Hallo Heike,

bei meinem Sohn wurde auch vor einem halben Jahr eine Fructoseintoleranz per Atemtest festgestellt (ich habe die genauen Werte nicht mehr im Kopf, aber der höchste Wert war 149!!!). Während des Test bekam er starke Bauchkrämpfe und Durchfall.

Wir haben dann 4 Wochen eine STRIKTE Diät durchgeführt (kein Obst, Säfte, KEINEN Zucker, also alles vermieden, was auch nur kleinste Mengen Zucker enthielt). Die Zeit war sehr hart, aber wichtig, unserem Sohn ging es sichtlich besser, die täglichen Bauchschmerzen und Durchfälle waren weg. Nach den 4 Wochen haben wir nochmal eine 6-wöchige "Austestphase" durchgeführt, in der wir langsam wieder angefangen haben, bestimmt Lebensmittel auszuführen.

Mittlerweile kann unser Sohn wieder (fast) alles essen! Wenn er wirklich mal extrem über die Stränge schlägt, hat er zwar noch Bauchschmerzen und Durchfälle, aber das ist viel seltener geworden.

Mittel zu Darmsanierung haben wir ihm nicht gegeben. Ich kann Dir wirklich ans Herz legen, diese strikte Diät durchzuführen, dadurch regeneriert sich der Darm wieder.

Du kannst mir gerne eine PN schicken, wenn Du noch weitere Fragen hast!

Alles Gute!

von dezemberstern am 28.06.2010

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