Ernährungsberaterin Birgit Neumann

Kochen für Babys und Kinder

Ernährungsberaterin Birgit Neumann

   

Antwort:

Haben Sie eine Idee wie ich essenstechnisch an meine 6jährige Tochter rankomme?

Hallo Claudia
es ist doch beruhigend zu wissen, dass deine Tochter gut gedeiht und sich gut und kontinuierlich entwickelt. Ein Blick auf den von dir geschilderten Essplan verrät, dass deine Tochter durchaus gut und abwechslungsreich isst. Auch wenn der geschilderte Plan (für dich) monoton, eintönig und langweilig klingt, so sind doch alle Nährstoffgruppen dabei.

eine ausgewogene Ernährung besteht aus:
Reichlich Getreideprodukten wie Brot, Nudeln, Reis etc
reichlich Obst und Gemüse, etwa 5 P am Tag
gefolgt von Milch- und Milchprodukten
Fleisch, Fisch
Fette und Öle
am wenigstens sollte der Anteil Süßigkeiten sein

deine Tochter isst:
"Nudeln, Reis & Risotto, Maultaschen, Schnitzel, Würstchen, Brezeln und trockene Brötchen. Obst nur Trauben und selten ein Apfel. Gemüse isst sie garnicht weder roh noch gekocht. Wurst, Käse, Butter isst sie auch nicht. Einzig Joghurt oder Müsli isst sie gerne. Süßes am liebsten in Hülle und Fülle, was ich allerdings nicht zulasse".
Das passt zum oben Genannten doch ganz gut, oder? Und die Tatsache, dass es deiner Tochter gut geht, das spricht für sich.
Für die Vollständigkeit aber noch eben das:
Im Rahmen meiner Arbeit hier im Forum Kochen für Kinder kann und darf ich natürlich nicht weiter darauf eingehen. Die Beurteilung von Gesundheitszustand und Entwicklung, das darf nur der KiA.

Deine eigentliche Frage ist ohnehin doch diese:
"Gibts Ideen wie man Ihr das Essen schmackhaft machen kann? Gemüse ins Essen schmuggeln funktioniert nicht (schon getestet, sie merkt das) und wie gesagt jede Mühe sie zum probieren zu animieren schlägt fehlt. Dann isst sie lieber garnicht und geht hungrig ins Bett.
Oder muss ich das aussitzen und sie kommt irgendwann von alleine?"

Ja! Du hast verschiedene Möglichkeiten.
Im Alter deiner Tochter musst du etwas behutsamer vorgehen und herausfinden, wo du sie packen kannst ohne das Gegenteil (Verweigerung) zu provozieren.
Deine Tochter hat nur einige wenige Gerichte, die sie gut und gerne isst, was den normalen Essalltag für dich (nicht für deine Tochter) erschwert.
Viele Kinder lieben es, das zu essen, was sie (gut) kennen und mögen. Das gibt ihnen Sicherheit. Manche Kinder verharren in diesen Gewohnheiten sehr stark. Manche Kinder fühlen sich in dieser Rolle wiederum manchmal einfach nur sehr wohl (Tendenz zu Machtkampf) und manche brauchen einfach ein bisschen mehr (emotionale und liebevolle) Unterstützung, um sich mehr zuzutrauen.
Ich beginne einmal hiermit:
Ca 3/4 aller Kinder haben eine sog. Neophobie (eine Angst, neue Speisen zu probieren), ergo sind nur ca 25% aller Kinder so neugierig, dass sie alles probieren und ggf essen, was man ihnen anbietet.
Unter den 75% der Neophoben gibt es nochmals 3 Untergruppen:
1. Kinder sagen "nein" – aber probieren doch
2. Kinder sagen "nein - probieren und bleiben bei "nein, mag ich nicht".
Entweder ist ein Kind gerade in einer ausgeprägten Phase zur Autonomie, oder es liegt eine Art Machtkampf vor. Oder ein Kind hat die Speise noch nicht allzu häufig probiert und empfindet den Gesamteindruck als komisch.
Abhilfe: immer mal wieder neu probieren lassen.
3. Kinder sagen "nein" und bleiben bei "nein, mag ich nicht" - ohne überhaupt zu probieren - sie haben eine sehr stark ausgeprägte Form. Häufig ist diese verweigernde Haltung hier gepaart mit anderen Verhaltensauffälligkeiten. Bspw sehr ängstlichen Kindern, häufiger bei Autismus, sonstigen Entwicklungsstörungen.
Jede Anstrengung die Kinder zum Probieren bringen zu wollen sei es verbal oder durch Fütterversuche verstärke die Neophobie sogar.

wo siehst du deine Tochter?

Ganz allgemein:
Das zu essen, was Kinder kennen und was ihnen schmeckt, das gibt ihnen Sicherheit, und vermittelt ihnen Geborgenheit. Das ist einfach so. Es ist die oben erwähnte sog. Neophobie. Es ist die angeborene und evolutionär begründete Angst vor neuem und unbekanntem Essen. Die Neophobie wird am besten überwunden, wenn Kinder viele Gelegenheiten haben, andere essende Personen zu beobachten.
Je besser ein Kind in eine (Tisch)gemeinschaft integriert ist, je selbstverständlicher das gemeinsame Essen ist, desto besser. Habt Spaß bei Tisch, esst leckeres Essen, esst gemeinsam, haltet die Atmosphäre bei Tisch gut, deckt den Tisch hübsch ein und nehmt euch immer bzw so oft wie möglich, genügend Zeit.
Essen darf spielerisch erlebt werden - am besten mit allen Sinnen und mit ganz viel Spaß. Ohne Erwartung. Eine Speise in der Bäckerei (im Café) findet häufig schneller Zuspruch, weil die ganze Atmosphäre mitwirkt. Eine entspannte Mama, freundliche Menschen ringsum, der Kuchenduft in der Luft, Zeit...
Kinder verknüpfen all diese Erfahrungen mit dem Lebensmittel und dem Geschmack, einschließlich seiner Wirkung.
Das prägt.
Je häufiger Kinder beim Essen, beim Probieren positive Erfahrungen machen, desto lieber probieren sie wiederum Neues bei folgenden Malen.
All das mündet in sog. gustatorische Erfahrungen. Diese gustatorischen Erfahrungen bilden die Grundlage für den Appetit.
Es geht darum, den Geschmackssinn, die Geschmackswahrnehmung zu fordern und zu schulen. Je mehr Eindrücke deine Tochter erhält, desto besser kann sich ihr persönlicher Geschmack herausbilden.
Deine Tochter braucht dafür keine große Menge vom Neuen zu essen. Sinnvoller ist hier, dass die Speisen, an die sie sich langfristig gewöhnen soll(te), immer und immer wieder auf den Tisch kommen und in kleinen Mengen probiert werden können.
Für die Gewöhnung und das Kennenlernen von neuen Speisen ist die Kontinuität wichtiger als die Quantität.
Habe nun ganz viel Vertrauen in dein Kind, dass sie ihr Essensrepertoire langsam immer weiter ausbauen wird.
Das Zauberwort hierzu heisst: zwanglos. Aus eigenem Antrieb. Mit Spaß.
Wie und wodurch kannst du sie unauffällig dazu bringen, aus eigener Neugier zu essen?

Binde deine Tochter doch so oft es geht, in die Essensvorbereitungen mit ein. Lass sie die Nahrungsmittel anfassen. Ohne Probierzwang. Sie sollte die Lebensmittel bevor sie auf dem Teller landen einfach sehen und fühlen, riechen.
Versuche sie mit viel Selbstverständlichkeit in das Thema Essen einzubinden. Lass sie den Tisch decken. Lass sie auf jedem Teller eine kleine Köstlichkeit platzieren. Das kann mal eine kleine Tomate sein, mal ein Streifen Möhre.
Ritualisiere dieses Vorgehen bspw durch das Einführen einer Art Mini-Vorspeise in euren Essalltag. Platziere auf jedem Teller eine einzige Speise/Zutat. Warte ab, was sie damit anstellt. Wenn sie die Speise zerpflückt oder ansieht, seid ihr schon einen Schritt weiter.
Kinder lieben auch klare Formen. Du kannst bspw das Gemüse für den Vorspeisenteller ausstechen, bzw deine Tochter ausstechen lassen. Auch hier hast du wieder eine zwanglose, zaghafte Annäherung erreicht.

Du willst, dass deine Tochter rohe Möhren isst?
Lass sie sich ein einfaches Ausstechförmchen aussuchen.
Dann:
Möhre fein raspeln und in die Form drücken, mit Hilfe von Teelöffeln, Löffelstiel benutzen. Form vorsichtig lösen und nach oben weg ziehen. Bspw: drücke ihr Rosinen für die Augen in die Hand, eine halbierte Haselnuss für die Nase oder den Mund und gib ihr Schnittlauchstängel (siehe Bild im Anhang). Lass sie ein Gesicht darauf zaubern. Und zwar für dich! Gehe einen Umweg. Jeden Tag aufs Neue. Lass dich von ihr überraschen. Sie wird irgendwann ein eigenes Gesicht kreiieren und irgendwann einfach essen. Dann habt ihr einen Anfang gemacht. In der nächsten Woche kannst du bspw Kohlrabi fein reiben.... Auch mal Möhre mit Apfel gemischt. Irgendwann könnt ihr Apfel, Möhre und Zitronensaft nehmen. Irgendwann auch Gewürze zugeben. Dann Öl dazu. Es ist der Beginn einen großen Liebe zu Salat!

Sie muss sich an die neuen Geschmäcker gewöhnen. Die verschiedenen Konsistenzen im Mund fühlen, den Geschmack, das Aroma erleben.
Aber bevor ihre Bereitschaft da ist, überhaupt probieren zu wollen, also bevor deine Tochter die ausreichende Neugier entwickelt hat, muss sie sich vielleicht zunächst erst optisch daran gewöhnen. Der Umgang (selbst machen lassen) lässt die Neophobie ebenso schrumpfen und die Neugier wachsen.
Packe ihren Ehrgeiz und ihre Freude,

Lass sie für den Muttertag zusammen mit dir einen Blumentopf bemalen (mit Acrylfrabe eine Herz aufmalen) und pflanzt eine Bohne. Pflegt und gießt eure Pflanze. Es wird eine Bohnenpflanze entstehen, von der ihr schon bald eine kleine Bohnenernte pflücken könnt (1.-2). Achtung! Bohnen immer vor Verzehr kochen! Sie sind roh giftig.
Kocht diese Bohne(n) und genießt sie zusammen. Glaub mir, das findet deine Tochter lustig. Genau diese kleine Menge, ist der Schlüssel zum Glück.

ich setze meine Antwort in einem Folgeposting fort...

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von Birgit Neumann am 07.05.2019

 
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