Dr. Almut Dorn

Dr. phil. Dipl-Psych. Almut Dorn

Psychologische Psychotherapeutin

Frau Dr. phil. Almut Dorn ist als Psychotherapeutin seit über 20 Jahren im Bereich der Gynäkologischen Psychosomatik tätig. Sie studierte Psychologie in Bielefeld, Paris und Mannheim. Nach ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Psychotherapeutin in der Gynäkologischen Psychosomatik des Universitätsklinikums Bonn leitete sie die Gynäkologische Psychosomatik im Endokrinologikum in Hamburg. Seit 2010 ist sie in eigener Privatpraxis in Hamburg tätig und ist neben der Patientenversorgung als Dozentin und Supervisorin tätig.

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Dr. Almut Dorn

Umgang mit Trauer nach Fehlgeburt

Antwort von Dr. phil. Dipl-Psych. Almut Dorn, Psychologische Psychotherapeutin

Frage:

Sehr geehrte Frau Dr. Dorn,
ich muss etwas ausholen, um Ihnen meine Situation zu schildern. Ich bin 33 Jahre alt und Mutter eines Sohnes (18 Monate). Vor etwa 6 Monaten erfuhr ich, dass ich wieder schwanger war. Mein Mann und ich wünschen uns ein 2.Kind. Es war zwar überraschend, dass es so schnell geklappt hat, aber die Freude war groß. Jedoch leider kur von kurzer Dauer. Etwa Mitte April diesen Jahres bemerkte ich morgens leichte Blutungen, ich war sofort sehr beunruhigt.Beim Frauenarzt bestätigte sich dir die Befürchtung. Das Herz schlug nicht mehr. Ich war wie gelähmt. Ich habe ja, wie bereits gesagt einen Sohn. Ich liebe ihn mehr als alles andere, aber ich habe auch das Gefühl nicht fertig zu werden mit der Trauer um den Verlust. Zusätzlich habe ich Angst, nicht mehr schwanger werden zu können. Ich merke, dass ich nur noch funktioniere und immer öfter traurig bin . Dabei haben wir hier so einen großen Schatz. Ich merke auch, dass es mir immer schwerer fällt andere Frauen zu sehen, die mehrere Kinder habe bzw. offensichtlich schwanger sind. Ich könnte dann, egal wo ich bin losheulen.
Also meine Frage ist, wie kann ich besser mit der Trauer bzw. auch den Ängsten umgehen? Haben Sie Tipps? Ich muss noch dazu sagen, ich habe keine Freunde und nur wenig soziale Kontakte mein Mann redet nicht gern über unseren Verlust. Er kann nicht damit umgehen, wenn ich weine. Meine Mutter ist meine engste Vertraute, hat aber nur sehr wenig Zeit, da sie Vollzeitjob arbeitet und meine Oma pflegt.Also muss ich einen Weg finden, alleine mit derSutzation umzugehen und gleichzeitig für meinen Sohn da zu sein.
Vielen Dank.
Entschuldigen Sie den langen Text.
Liebe Grüße Lilly

von LilliSkr am 07.09.2020, 21:39 Uhr

 

Antwort auf:

Umgang mit Trauer nach Fehlgeburt

Sie dürfen traurig und frustriert darüber sein, dass Sie eine Fehlgeburt erleben mussten. Die Forumsteilnehmerin hat ja bereits geschrieben, dass ein bisschen Faktenwissen hilft. Fehlgeburten sind nicht selten, viele Frauen erleben 1 bis 2 Fehlgeburten. Letztlich ist es eine durchaus gute Funktion, wenn der Körper erkennt, dass da "etwas nicht stimmt". Wenn Sie denken, alle anderen sind glücklich, nur Sie nicht, nennen wir das "Tunnelblick", denn es ist davon auszugehen, dass Frauen, die sie als glücklich erachten, durchaus auch "ihre Päckchen zu tragen haben" oder eben evtl. auch schon Fehlgeburten erlitten haben, das sehen Sie ja keinem an.
Diese heftige Reaktion deutet für mich darauf hin, dass vielleicht auch andere Lebensbereiche nicht im Gleichgewicht sind; dass Sie schnell vom "Schlechtesten" ausgehen und sich vielleicht wenig zutrauen? Wenige soziale Kontakte und die enge Beziehung zu Ihrer Mutter machen zudem deutlich, dass für Sie Familie wohl eine sehr große Bedeutung hat und auch in Zukunft haben soll.
Vielleicht würde es Ihnen doch gut tun, alle Ihre Themen mal in einer Psychotherapie anzugehen?

von Dr. Almut Dorn am 09.09.2020

Antwort auf:

Umgang mit Trauer nach Fehlgeburt

Hallo Lilly,

Frau Dr. Dorn hat noch nicht geantwortet, aber vielleicht darf ich schon mal etwas dazu schreiben, da ich aus eigener Anschauung sprechen kann.

Ich war 38, als ich die erste von zwei frühen Fehlgeburten hatte. Ich war komplett unvorbereitet, hatte gar nicht mit einer Schwangerschaft gerechnet, in dem Alter bei einer Fernbeziehung mit vielleicht alle vier Wochenenden mal zusammen sein. Ich kam von einer Kurzreise, als ich merkte, wie mein Bauch krampfte, allein in Bus und Bahn, und ich glaubte eben nur, ich könne schwanger sein, was sich dann bestätigte.

Ich fand den Abgang in vager Embryoform im Klo und begriff noch immer nicht, dass das ein Baby war, das ganz winzig nun gegangen war. Es war alles sehr unwirklich. Ich fing dann heftig an zu bluten, das wirst Du kennen, mit allen Krämpfen und was dazugehört. Mein heutiger Mann war zu der Zeit auf einer Reise mit seinen Eltern. Ich war allein, ging brav zur Arbeit, und alles war unwirklich, aber die Trauer, obwohl es alles noch so fern geschienen hatte, überwältigte mich schier. Mein Körper hatte gewusst, dass da ein kleines Wesen zu mir gekommen war, und ich hatte eine innere Bindung, die so tief war, wie ich es gar nicht hatte wahrhaben können. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Ca. einen Monat danach bekam ich normal meine Mens und brach mit einem Blutsturz fast mitten im Unterricht zusammen. Ich hatte irgendwie einfach weitergemacht, und mein Körper zwang mich nun, anzuhalten. Die Ärztin schrieb mich ein paar Tage krank, ich saß zu Hause und heulte. Es ging vorbei, aber der innere Schmerz hat mich sehr überrascht. Wir wollten Kinder, aber wir kannten uns noch erst ein Jahr, und das sollte dann doch schon gemeinsam passieren. Irgendwie war ich nicht bereit. Nebenbei hatte die Ärztin eine Genitalinfektion festgestellt, die ein Grund für den Früharbort hätte sein können, aber nicht müssen. Es war alles abgegangen, keine Reste in der Gebärmutter, ich war bereit für die nächste Runde, zumindest körperlich. Seelisch brauchte das einige Monate.

Ein Jahr später wohnten wir zusammen, waren verheiratet, ich war 39 und hatte die zweite Fehlgeburt, etwas später als beim ersten Mal. Diesmal war ich gleich beim Verdacht auf eine Schwangerschaft bei der Ärztin, die das bestätigte, allerdings schon vorsichtig warnte, es sei etwas klein, möglicherweise würde es nichts werden. Und so war es. Ich hatte wieder geburtsähnliche Krämpfe und sehr starke Blutungen einige Zeit danach. Hier war ich besser vorbereitet, weil ich wusste, was kommen würde und vorher gewarnt war, mich also nicht gleich so fest anband. Auch hier ging alles ab, keine Ausschabung, keine Intervention nötig. Der Schmerz war viel kleiner als beim ersten Mal. Allerdings hatte ich auch Zweifel, ob das noch je was werden würde mit dem sehnlich gewünschten Baby. Es war auch dieses unsachliche Versagensgefühl da, als "könne" ich "es" nicht. Daran habe ich wirklich arbeiten müssen. Die Sachinfos unten haben mit sehr dabei geholfen, das auf eine andere Ebene zu holen.

Wieder ein Jahr später war ich erneut schwanger, mit 40. Ich hatte mich in der Zwischenzeit belesen, was sehr hilfreich war (s.u.), und ich hatte herausgefunden, dass ich eine leichte Schilddrüsenunterfunktion hatte, die möglicherweise, aber nicht notwendigerweise für die Fehlgeburten (mit) verantwortlich hätte sein können. Mein Kind kam, als ich 41 war, ohne Probleme (weder in Schwangerschaft noch bezüglich der Geburt) schnell und gesund zu Hause zur Welt. In den ersten drei Monaten war ich noch ängstlich, aber als bis dahin alles gut ging, entschied ich, nun darauf zu vertrauen, dass dieses Kind wirklich zu mir wollte und ich auch wirklich so weit war, und heute ist sie 8 Jahre alt. :-)

Was mir sehr geholfen hat, war ein bisschen Faktenwissen: Fehlgeburten kommen sehr häufig vor, auch bei jüngeren Frauen. Man schätzt, dass etwa die Hälfte der befruchteten Eizellen sich nicht einmal einnisten, sondern gleich abgehen, bei älteren Frauen sind es noch mehr. Ab der 5. Woche, also wenn man die Schwangerschaft überhaupt feststellen kann, sind es noch ca. 10-15% frühe Fehlgeburten, abhängig vom Alter. Eine 40-jährige Frau hat ein doppelt so hohes Fehlgeburtsrisiko als eine 20-jährige. Ab der 12. Woche sinkt das Fehlgeburtsrisiko sehr stark. Hier sind nur noch Embryos übrig, die genetisch gesehen überlebensfähig sind.

Ursachen sind fast immer Chromosomendefekte bzw. -fehlverteilungen, das heißt, der Körper schützt sich vor einer Schwangerschaft, die keine Überlebenschance hätte und bei Fortsetzung am Ende zu einer Totgeburt führen würde. Welch ein Segen! Ganz selten hat eine Fehlgeburt Ursachen, die bei der Frau liegen, z.B. eben eine Schilddrüsenunterfunktion, akute Genitalinfekte bzw. vorangegangene, Übermäßiger Alkoholkonsum oder starkes Rauchen, starkes Über- oder Untergewicht vor der Schwangerschaft, exzessiver Sport usw. Hierzu gibt es mehrere Studien, die das belegen.

Mir wurde jedenfalls klar, dass ich eine Fehlgeburt, in meinem Alter doch durchaus wahrscheinlich, nicht vermeiden kann (vorausgesetzt, ich rauche nicht, meide Alkohol, treibe moderat Sport, hebe keine sehr schweren Sachen (+20kg), nehme meine Schilddrüsenhormone (ärzlich verordnet) und sorge für eine gesunde Gebärmutter (Frauenarztbesuche, Infektionen ausschließen). Ich finde das wichtig, weil frau so oft die Schuld bei sich sucht. Aber wenn Du Dich ganz normal verhältst, ist die Ursache für die Fehlgeburt mit allergrößter Wahrscheinlichkeit eben einfach ein Gendefekt und gehört zum Leben dazu. Je älter Frau ist, desto häufiger kann das passieren. Dennoch habe ich mit 41 natürlich, ohne Nachhilfe und eigentlich auch ganz einfach und schön, ein gesundes Kind geboren, und das wirst auch Du sicherlich tun.

Nach einer Fehlgeburt gehen die Hormone in den Keller, und diesen Sog habe ich auch erlebt. Das beutelt einen sehr! Nach meiner Erfahrung ist es hilfreich, der Trauer Raum zu geben, Dich entlasten zu lassen, wenn Du fühlst, dass Du das brauchst. Das ist ja gerade mit einem kleinen Kind eine besondere Herausforderung. Hier muss Dein Mann merken, wie es Dir geht und erkennen, dass Du Unterstützung brauchst. Toll wäre, wenn Ihr miteinander darüber sprechen könntet und Du ihm auch vermitteln könntest, was mit Dir vorgeht und wie wichtig Verständnis für Dich gerade ist. Mir hat es damals unendlich geholfen, als ein Kollege mich nach dem Zusammenbruch in den Arm nahm und einfach ausdrückte, wie schwer ich es doch habe, dass ich das alles allein mache und nicht müsse und wie viel Verständnis er habe. Er hat mich - es war so ein ganz lieber, herzlicher Mann kurz vor dem Ruhestand mit vielen Kindern und Enkelkindern - ganz väterlich gehalten, gestreichelt und getröstet. Die Gefühle müssen raus, sie brauchen Platz und Raum und dürfen und sollen ernst genommen werden. Vielleicht möchtest Du auch Dein nicht geborenes Kind symbolisch beerdigen.

Es wird besser, und der Schmerz vergeht, wenn man ihn denn zulässt.

Rein sachlich gesehen, gibt es keinen Grund, dass Du nicht wieder schwanger werden solltest. Fehlgeburten geschehen, und für mich war es unendlich wichtig zu wissen, dass sie ihren Sinn haben.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, Mut, Dich zu öffnen und dass Du einen guten Weg mit Deinem Mann findest, diese schlimme Erfahrung zu verarbeiten und in Dein Leben gut zu integrieren. Du bist noch nicht so alt und kannst noch viele Kinder bekommen. ;-)

Alles Liebe und Gute!

Sileick

von Schniesenase am 08.09.2020

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