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Geschrieben von Schniesenase am 07.10.2019, 0:29 Uhr

Strafen in der 1.Klasse

Hallo Pirol,

mag sein, dass ich da extrem denke, aber meiner Meinung nach sind Strafen immer ein Zeichen der Hilflosigkeit derer, die ein möglicherweise mangelhaftes System etablieren und verteidigen oder eigene Unzulänglichkeiten darin kaschieren oder kompensieren müssen. Strafen stellen vielleicht kurzfristig die Ordnung her, wo sie sonst abhanden käme, und in Schulen, die doch an vielen Stellen systembedingt defizitär sind, kann es sein, dass den Lehrenden manchmal nichts anderes übrig bleibt, als Strafen zu etablieren, aber das kann doch nur ein last resort sein, wenn man sich sonst nicht mehr zu helfen weiß.

Das Prinzip "Demotiviere unerwünschtes Verhalten und verstärke erwünschtes" ist schon in der Hundeerziehung Standard. Von Strafen wird dort abgeraten, weil das Lernen über Strafen mangelhaft ist. Es funktioniert, aber lange nicht so gut. Das ist alles gut erforscht. Bei unseren Kindern, die viel intelligenter und vernunftbegabter sind und theoretisch noch viel besser lernen könnten, sind aber Strafen immer noch Standard in der Erziehung. Das hat sicher geschichtliche, soziokulturelle Hintergründe, aber rein sachlich gesehen ist es nicht hilfreich.

Das hilft den Lehrenden nicht, die im Rahmen von Schule jeden Tag nicht nur gesund überleben wollen, sondern auch den Anspruch haben, dass die Kinder alle schön viel lernen sollen. Ich bin selbst Lehrerin, ich weiß, wie schwer das oft ist.

Was habe ich gemacht, wenn ich solche Klassen hatte, in denen anarchische Verhaltensweisen alles kaputt machten? Ich habe anfangs tatsächlich Strafen verwenden müssen. Eine war, dass dauerhaft den Unterricht boykottierende Schüleren nach Vorankündigung und Telefonat mit den Eltern bei einem Kollegen in einer höheren Klasse sitzen und fernab meines Unterrichts halt mal ihre Aufgaben selbstständig machen mussten; mit dem Ziel, dass mein Unterricht als etwas gesehen werden konnte, wo man sehr gern wieder hin möchte. Kamen diese Schüleren wieder in meinen Unterricht, wurden sie freundlich willkommen geheißen.

Ich habe Smileyzettel für ganz Unbelehrbare gehabt, die von mir und den Kollegenen in der Klasse jeden Tag ausgefüllt wurden. "Ich bin leise." "Ich bin fleißig." "Ich bin ordentlich." "Ich bin höflich." "Ich bin pünktlich." usw. Genau weiß nicht nicht mehr im Einzelnen, was da stand. 5-6 Punkte, lachende, neutrale oder traurige Smileys konnte man eintragen, ein Zettel reichte für eine Woche, hatte also Platz für fünf Tage und mehrere Fächer je Tag. Das Ganze wurde mit den Eltern und dem Kind/den Schüleren besprochen und regelmäßig evaluiert. Die Schüleren hatten dabei die Möglichkeit zu erkennen, wo genau es bei ihnen gut klappt und wo sie mehr Auge drauf haben müssen. Das half manchen Schüleren, die schon so in der negativen Schiene waren, dass sie sich selbst auch nicht mehr mochten und nur noch beweisen wollten, dass sie die Doofen waren. Man konnte das erwünschte Verhalten also verstärken.

Ich habe tatsächlich ein Mal in vorheriger Absprache mit den Eltern einen Schüler "vom Unterricht ausgeschlossen", ihm also, nachdem ich das geheim mit den Eltern vereinbart hatte, bei passender Gelegenheit eröffnet, dass ich ihn nun erst mal nicht mehr bei mir in der Klasse sehen möchte, weil... Er blieb wenige Tage zu Hause, in denen er ziemlich verzweifelt war, die Eltern mit ihm erarbeitet haben, was er tun könne, um zurück zu DÜRFEN. Dieser Schüler wurde dadurch kein anderer Mensch, aber er bemühte sich dadurch viel mehr um guten Umgang mit allen. Diese Möglichkeit fehlt natürlich normalerweise, weil Strafe eben endgültig ist und labelt, d.h. durch die Strafe wird Fehlverhalten noch mehr hervorgehoben und bekommt noch mehr Bedeutung. Außerdem verbietet das Schulgesetz den liberalen Umgang mit Ausschluss von Unterricht und lässt ihn nur im Rahmen von Klassenkonferenzen zu. In diesem Falle aber half ihm das Nichtkommendürfen, Schule oder zumindest unserer Klasse als etwas Besonderes/Erstrebenswertes zu sehen, wo man hin darf.

Ich habe immer Schüleren gehabt, an die ich nicht herankam, wo ich keinen Schlüssel fand, und das war immer sehr frustrierend, auch für andere Kinder, die ebenfalls darunter litten.

Ich habe Geduld beweisen müssen, denn Veränderungen von solch eingefahrenem Verhalten kommen, gerade im Rahmen der Verstärkung durch Gruppendynamik nur langsam. Zugleich kamen aber die berechtigten Klagen der Eltern, weil in der Zwischenzeit viele Kinder unter der Situation litten. Also habe ich zunächst einmal Wege etabliert, durch die die Kinder als Kleingruppen mehr Wert auf gemeinsame Ziele legten. Das ging (noch) nicht über die Sache, also gab es Gruppentische, und ich hatte Flüsterschilder, die diejenigen Gruppentische bekamen, die besonders leise arbeiteten. Sie wurden weggenommen und einem andern Gruppentisch gegeben, wenn es dort leiser war als an dem ersten. Das ist, man kann sich nichts vormachen, auch eine Strafe. Aber der Flüsterpunkt wurde an der Tafel markiert und beinhaltete ganz am Schluss eine Anerkennung. Ich glaube, die Gruppe mit den meisten Flüsterpunkten bekam am Ende der Woche einen Hausaufgabengutschein für jedes Kind der Gruppe oder einen Meldegutschein. Wenn man sich mit dem meldete, musste man sofort drangenommen werden. Das hatte ziemlich gute Resonanz, und über die Ruhe, die sich durch diese Maßnahme einstellte, konnte die Erfahrung gemacht werden, dass Dinge, die wir machten, interessant sind und eine angenehme Arbeitsatmosphäre in der Klasse etwas, das man genießen kann und für das man bereit ist, etwas zu tun. Als solche sehe ich solche Maßnahmen: Sie sind temporäre Systeme, die den Kindern eine Erfahrung von Ruhe und angenehmer Atmosphäre vermitteln können und ihnen die Möglichkeit geben, sich auf interessante Inhalte des Unterrichts bzw. der Schulzeit zu konzentrieren, was gute Gefühle vermitteln kann. Kombiniert mit solchen "Strafmaßnahmen" (ich mag das Wort nicht, denn Strafe ist so eine Einbahnstraße, Fehlverhalten, Strafe, fertig) oder Ruhemotivationsmaßnahmen finde ich es absolut wichtig, dass in dieser Zeit ganz besonders Spannendes in der Klasse passiert, denn die Motivation, es anders zu machen, kommt aus der Freude, den Endorphinen, die sich bilden, indem Lernen und gemeinsames Tun gute Emotionen machen.

Das ist leichter gesagt als getan, natürlich. Was mache ich mit einer Klasse von 28 Schüleren, von denen 10 gebrochen Deutsch sprechen, 2 hochbegabt sind, 5 sehr schwach begabt und 4 emotional-sozial deutlich unterentwickelt sind. Außerdem befinden sich zwei gerade im Trennungsdrama der Eltern, bei dreien haben die alleinerziehenden Mütter gerade einen neuen Partner, der sich als neuer Papa versucht zu etablieren, bei einem ist der geliebte Opa gestorben, die nächste hat ihren Hund verloren, weil die Familie umziehen musste, drei Kinder leiden unter Gewalt in der Familie (die Dunkelziffer, auch bezüglich sexueller Gewalt ist hoch), können aber mit niemandem darüber reden etc. Diesen Systemfehler müssen die Lehrkräfte mit viel unangenehmer Energie zu bewältigen versuchen.

Meine Erfahrung war, dass Klassen nach ca. einem Jahr anderer Umgangs- und Lernweise zusammengewachsen waren und gelernt hatten, ihren Klassenraum als Zuhause, mich als Unterstützerin, den "Lernstoff" als eigenständig zu bearbeitende, durchaus Freude generierende Sache zu verstehen. Ausnahmen, die das bis zum Schluss nicht hinbekamen, gab es immer. Für mich war das dann möglich, wenn ich mehrere Fächer (möglichst viele) in der einen Klasse hatte und engen Kontakt zu den (meisten) Eltern pflegte. Der Aufwand dafür war enorm, die persönliche "Dedication" musste groß sein, Familie mit Kind(ern) hätte ich da nicht schaffen können.

Aber die meisten Lehrenden haben Familie und andere Interessen und Verpflichtungen und wohl auch nicht die Energie oder den Glauben an den Sinn solches Aufwandes, und so muss man doch immer wieder fragen, was man als Eltern der betroffenen Kinder noch machen kann, um sie zu unterstützen.

Ich sehe es so, dass in der Schule sehr individuell geschaut werden muss, mit wem man wie umgeht. Gerechtigkeit ist nie Gleichheit. Alle ticken anders, und es ist schön, wenn man als Lehrkraft flexibel sein kann, die passenden Methoden für die entsprechenden Kinder zu wählen. Das ist allerdings in Zeiten von schulinterenen Evaluierungsmaßnahmen und Methodencurricula oft nicht so einfach. Der eigene, persönliche Weg ist dann manchmal nicht mehr gangbar.

Mein Kind ist an einer Freien Schule. Hier gibt es normalerweise keine Strafen, aber es gibt natürlich auch Kinder, die sich bisweilen daneben benehmen und Grenzen überschreiten. Das wird fast immer ohne Strafen behandelt, es kann aber mal zu Einschränkungen der recht großen Freiheiten kommen (z.B. ein oder zwei Kinder müssen in den Pausen dann rausgehen, wenn sie unbelehrbar immer im Flur toben und andere Kinder malträtieren). Das Verhalten wird von den Gruppen insgesamt immer positiv zu verändern versucht, d.h. es wird darüber gesprochen, wie man es diesen Kindern erleichtern kann (oder nicht erschweren), z.B. nicht aggressiv zu werden (nicht provozieren usw.). Das fühlt sich für mich alles sehr natürlich und richtig an.

Das beantwortet Deine Frage nur marginal, ist aber, was mir dazu einfiel.

VG Sileick

 
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