Sylvia Ubbens

Wie erziehe ich einen Autisten?

Antwort von Sylvia Ubbens

Frage:

Hallo Frau Ubbens.

Mein Sohn, 6 Jahre alt, ist nonverbaler frühkindlicher Autist. Wir sind schon in der Uniklinik, Kinder und Jugendpsychiatrie und im ATZ. Leider kann uns niemand so wirklich weiter helfen und ich weiß oft nicht, wie ich in manchen Situationen reagieren soll. Er ist stark Entwicklungsverzögert, weshalb er Pflegegrad 3 und in Kombination mit dem Autismus einen SBA besitzt.
Zum einen, weiß ich in bestimmten Situationen nicht, ob etwas jetzt vom autismus kommt oder ob ein nicht autistisches Kind auch so reagiert hätte.
Zum andern, weiß ich nicht genau, was ich von ihm erwarten darf und was nicht.

Ich fühle mich so unglaublich unsicher im Umgang mit ihm. Vor der Diagnose war das einfacher. Ich hatte keinen Vergleich. Für mich war er immer normal. Jetzt da ich weiß, dass er es eben nicht ist, habe ich oft ein schlechtes Gewissen weil ich das Gefühl habe zu viel von ihm zu erwarten. Man hat oft im Kopf " ein 6 jähriger müsste das können" .. wir stehen beide so sehr unter Druck.
Ich, weil mir viele sagen, was er jetzt mal langsam können muss (Kindergarten, Kinderarzt, Familie) und er, weil ich versuche ihm diese Dinge beizubringen.
Seine Therapeuten sind mir da leider absolut keine Hilfe. Bei jeder Frage die ich Ihnen stelle, heißt es immer nur " das muss man dann sehen".

Ich möchte ihm doch einfach nur helfen, besser im Alltag klar zu kommen und seinem eigentlichem Alter näher zu kommen.
Aber ich weiß ja nichmal ob das überhaupt möglich ist. Bei jedem kleinen Erfolg auf einem Gebiet, kommt ein riesen Rückschlag auf einem anderen..

Wie schaffe ich es ihn und mich auf einen Weg zu bringen? Ohne Druck, Zwang und Unsicherheit.

von Neumami! am 15.09.2020, 01:28 Uhr

 

Antwort auf:

Wie erziehe ich einen Autisten?

Liebe Neumami!,

nachdem meine Vorrednerin schon ausführlich geantwortet und Anregungen gegeben hat, werde ich meine Antwort kurz halten.

Jedes Kind ist anders - egal ob Autist oder nicht -. Sie müssen ihn bzgl. seiner Entwicklung nicht an die Entwicklung eines gleichaltrigen Nichtautisten heranführen. Knüpfen Sie da an, wo Ihr Sohn heute steht. Unterstützen Sie ihn, wo er Unterstützung braucht. Sie wissen, ob er sich alleine anziehen, sich die Zähne putzen, basteln, Fahrrad fahren etc. kann. Nehmen Sie es so an. Sie können sich dann einzelne Dinge rauspicken und versuchen, mit Ihrem Sohn ein selbständigeres Handeln zu erarbeiten. Zeigen Sie hierbei Geduld und sprechen Lob aus.

Was der Autismus für das Leben Ihres Sohnes bedeutet, wird Ihnen heute niemand sagen können. Denken Sie in kleinen Schritten. Lassen Sie sich vor allem nicht von anderen verunsichern. Sehen Sie immer nur Ihren Sohn und vergleichen ihn nicht mit anderen Kindern. Er ist nicht die anderen Kinder. Lassen Sie sich ohne Druck von außen auf ihn ein, damit Sie sich entspannen. Eine entspannte Mutter wird Ihrem Sohn die größte Unterstützung sein.

Viele Grüße Sylvia

von Sylvia Ubbens am 16.09.2020

Antwort auf:

Wie erziehe ich einen Autisten?

Hast du schon mal geschaut, ob es in deiner Stadt/Umgebung eine Anlaufstelle für Autismus gibt? Eine Initiative, Verein, Treffen Eltern autistischer Kinder etc?
Ich glaube, wenn du dich mit anderen Eltern austauschen kannst, würde das schon helfen, sich nicht mehr so alleine und unsicher mit dem Thema zu fühlen.
Auf dein Kind speziell bezogenen Ratschläge kann dir ja letztendlich nur jemand geben, der dein Kind auch kennt. Und selbst da ist es sicher ein fließender Prozess und kein "so ist es richtig/so ist es falsch".
Ich glaube, auf das Gerede anderer, was er doch jetzt können müsste, darfst du nicht mehr so stark hören. Er ist eben nicht vergleichbar mit einem "normal" entwickelten Kind und vermutlich wirst du als Mutter besser spüren, was er kann und wo er einfach überfordert ist.
Vielleicht versuchst auch mal in bestimmten Situationen daran zu denken, wie du gehandelt/reagiert hättest, bevor ihr die Diagnose bekommen habt.
Autisten sind ja nun auch keineswegs dumm oder an ihrer Umwelt/Mitmenschen nicht interessiert - nur eben auf andere Art. Spricht euer Sohn gar nicht oder nur wenig oder unverständliches Zeug?
Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, das auch Kanner-Autisten sehr wohl kommunizieren. Wenn man bei den Kindern genau hinhört und schaut, sieht/hört man häufig, dass bestimmte Gegenstände mit den immer gleichen Lauten bedacht werden und/oder bestimmte Bewegungen dazu ausgeführt werden. Ebenso hatte ich nicht den Eindruck, dass der (in dem Fall 3-jährige Junge) kein Interesse daran hatte, mit den anderen Kids raus zu gehen oder das nicht verstanden hätte. Aber für ihn ging das nur, wenn er einen ganz bestimmten Bauklotz oder ein ganz bestimmtes Auto in der Tasche mitnehmen durfte.
Ich glaube, das es bei autistischen Menschen einfach nochmal viel wichtiger als bei "normalen" Menschen ist, zu beobachten, genau hinzuhören um zu erkennen, wie genau dieses Kind kommuniziert. Wie es auch mitteilt, was ihm wichtig ist bzw. das er ja zB mit raus will, aber eben ohne den Bauklotz nicht kann. Wirklich nicht kann.
Ein Freund von uns hat in seinem Team einen funktionalen Autisten. Dieser redet nur das, was wichtig ist. Smalltalk - no way. Das kommt in seiner Welt einfach nicht vor. Es kannnicht vorkommen, weil es zu viel unnütze, verwirrende Information für ihn bedeuten würde. Er arbeitet ultragenau und macht alles, was man ihm aufträgt. Aber: er ist emotionslos. Inzwischen hat besagter Freund herausgefunden, das wenn dieser Kollege etwas Bestimmtes vor sich hin summt während der Arbeit, er eigentlich findet, das auch er mal eine Pause braucht. Er summt nämlich (kein Scherz!) "Keine Maschine" ("ich bin doch keine Maschine") von Tim Bentzko vor sich hin. Seine Art mitzuteilen, dass er sich nicht wie die anderen "Normalen" behandelt fühlt.
Ich glaube aber leider, das dieses genau Hinhören, Beobachten im Alltag eines Kigas nur sehr schwer machbar ist. Es sei denn, dieser ist spezialisiert, kleine Gruppen etc.
Autismus ist ja keine Krankheit, die man xy behandelt und dann hat sich der Mensch einzufügen. Autismus ist doch ("einfach nur") eine ganz andere Art, die Dinge einzuordnen, zu filtern/nicht filtern zu können und - je nach Ausprägung - eine ganz eigene Art, sich mitzuteilen.
Das ist ganz sicher eine Riesenherausforderung! Aber ich glaube, das auch Autisten es verdient haben, sie als normale Menschen zu betrachten und das sie sehr wohl merken, wer sich Mühe gibt, sie zu verstehen und ihnen ein Stück weit in ihre Welt entgegen zu kommen.
Sorry für den langen Text einer nicht-pädagogisch geschulten Mutter. Aber Frau Ubbens wird dir ja auch noch antworten und dir vermutlich hilfreicher antworten.
Ich wünsche euch auf jeden Fall viel Kraft für eure Familie und lasst euch nicht unterkriegen!
LG

von cube am 15.09.2020

Antwort:

Fehlerkorrektur!

..."er ist NICHT emotionslos"

von cube am 15.09.2020

Antwort auf:

Wie erziehe ich einen Autisten?

Danke Dir für deine Antwort.

Er spricht seine ganz eigene Sprache. Mittlerweile verstehe ich vieles aber eben nicht alles. Er versteht nur leider so gut wie nichts. Sämtliche Anlaufstellen die es bei uns gibt, habe ich abgeklappert und bin auch bei 2 davon geblieben. Ich tausche mich regelmäßig mit Eltern von autistischen Kindern aus, habe dort allerdings auch sehr oft das Gefühl nicht verstanden zu werden und werde sogar angefeindet, wenn ich ihnen erkläre, dass auch er Regeln und Grenzen hat und es eben Dinge gibt, die er einfach machen MUSS. Denn er ist für mich ein ganz normales Kind nur eben etwas anders.

Ich ernte viel Kritik und das verunsichert mich. Dabei hat vorher alles bei uns gepasst.

Bleibt man bei seiner eigenen Meinung, dass man sie eben nicht alle in Watte packen muss, wird man ausgegrenzt.

von Neumami! am 15.09.2020

Antwort auf:

Wie erziehe ich einen Autisten?

Also geht es dir weniger darum, dass ihr Probleme mit eurem Sohn habt, für die ihr eine Lösung sucht, sondern mehr darum, dass du durch andere verunsichert bist?
Du schreibst ja "vorher hat alles gepasst". Nur jetzt, wo ihr eine Diagnose habt und du dich mit verschiedenen Stellen/Eltern unterhältst, bist du unsicher geworden bzw. erntest Gegenwind für die Art & Weise, wie ihr damit umgeht?

Ein "Richtig" oder "Falsch" gibt es doch auch bei Nicht-Autisten nicht. Was richtig oder falsch, gut oder nicht so gut klappt, hängt doch auch immer vom Kind ab. Die sind - ob Autist oder nicht - doch auch nicht alle gleich.
Wenn es DIE Lösung gäbe, wie etwas funktioniert, würde es nicht 1 Mio unterschiedliche Erziehungsratgeber geben - und noch viel schlimmer: wir wären ja dann alle gleich! :-)

Ich denke, der Austausch mit anderen Eltern und auch den Fachstellen gibt immer wieder neue Impulse und Anregungen - aber was davon für euch mit genau eurem Kind in genau eurer Familie funktioniert, könnt ihr nur selbst herausfinden.

Wenn es so ist, wie ich oben schrieb/fragte, würde ich einfach wieder mehr dazu übergehen, nicht alles in Frage zu stellen, was bisher bei euch gut geklappt hat.
Bei unseren Nachbarn ist zB der Sohn oft noch um 21.30 wach. Fand ich nicht gut - das Kind muss doch morgens viel zu müde sein? Unser Sohn ist/wäre es nämlich. Geht also gar nicht. Aber offenbar geht das bei denen bzw. bei ihrem Kind. Also finde ich es jetzt nur mehr für uns nicht gut und nehme in Kauf, dass unser Sohn gerne motzt, das der x viel länger auf bleiben darf und die Eltern uns so unlocker bzgl. Schlafenszeit finden :-)

von cube am 15.09.2020

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