Sylvia Ubbens

Kleinkind hat einen Bösen

Antwort von Sylvia Ubbens

Frage:

Guten Tag!
Wenn unser 2,5 Jähriger wütend wird, beisst oder schlägt, sagt sein Vater, dass "ein Böser" zu ihm gekommen ist (oder er spricht seinen Namen rückwärts aus, der ist sozusagen der "Böse") und er ihn wegschicken soll. Er sagt, wir alle werden von so "einem Bösen" besucht, aber den muss man immer wieder wegschicken, weil das Beissen dem Papa weh tut und er so nicht spielen will. Dabei bleibt er ganz ruhig und ist für das Kind da und wartet bis er sich beruhigt hat. Dann haut das Kind noch etwas herum und beruhigt sich. Dann sprechen sie.
Wir versuchen nach GfK die Bedürfnisse hinter dem Verhalten unseres Kindes zu erkennen und seine Gefühle zu beschreiben. Wenn wir also erkennen, dass hinter seinem "unguten" Verhalten Traurigkeit steckt trösten wir ihn und da spricht sein Vater nicht von "dem Bösen".
Auf den ersten Blick ist das gar keine schlechte Idee, so mit Wut umzugehen oder übersehe ich etwas Wichtiges? Was denken Sie?
Danke für Ihre Einschätzung!

von Lakilaki am 08.08.2019, 11:11 Uhr

 

Antwort:

Kleinkind hat einen "Bösen"

Liebe Lakilaki,

meine Vorrednerin hat es schon sehr gut beschrieben. Mit dem "Bösen" werden die Gefühle Ihres Sohnes nach hinten geschoben. Doch er darf wütend sein. Ihr Mann soll weiterhin für seinen Sohn da sein und ihm Ruhe und Nähe vermitteln. Gerne darf er die Wut benennen. "Ich verstehe, dass du wütend bist, weil du ... nicht darfst. Ich möchte aber nicht gebissen werden."

Ihr Sohn ist noch sehr jung. Er wird die Erklärung mit dem "Bösen" vermutlich noch nicht verstehen, so dass dies nicht der Grund für seine Beruhigung ist. Er beruhigt sich, weil sein Papa in seiner Nähe ist und ihm Sicherheit vermittelt.

Viele Grüße Sylvia

von Sylvia Ubbens am 09.08.2019

Antwort:

Kleinkind hat einen "Bösen"

Ich finde es toll, dass ihr versucht, mit der Wut (odergenerell den Gefühlen) eures Kindes so umzugehen, dass er dabei begleitet wird.
Allerdings hätte ich dennoch Bedenken, es so zu handhaben, wie du es beschreibst. Weil: ihr koppelt damit die Wut/Gefühle von eurem Kind ab - nicht er ist wütend, sondern "der Böse", der zu ihm gekommen ist. Auch das Rückwärts aussprechen des Namens heißt ja letztendlich, das er jetzt nicht mehr x ist, sondern - weil der Böse gekommen ist - ein anderer.
Heißt ganz platt gesagt: ihr sprecht ihm seine Gefühle ab. Das ist nicht er bzw. darf nicht er sein.
Für Kinder ist es aber wichtig, mit ihren auch negativen Gefühlen anerkannt und geliebt zu werden.
Bei aller wirklich guter Absicht, die ihr da habt, ist das für mich nur eine geschönte Variante von "wenn du dich unschön verhältst, wollen wir dich so nicht".
Ich würde eher dazu übergehen, ihm zu vermitteln, dass auch Wut ein Gefühl ist, dass er eben hat und vor allen Dingen haben darf! Er muss es nicht wegschicken. Er darf doch wütend sein. Er muss nur lernen, es anders auszudrücken - ohne Beißen zB.
Denkt mal an euch selbst: schiebt ihr jedes negative Gefühl weg? Verbietet ihr euch auch selbst, wütend zu sein? Eher nein, oder ? :-) Gesteht ihm seine Gefühle zu - er muss dafür keinen anderen Namen bekommen und auch keinen "Bösen" erfinden, der an seiner Stelle wütend sein darf.
Wenn er zB beißt, sagt einfach deutlich, dass euch das weh tut und setzt ihn ein Stück von euch weg. Oder kündigt an, dass ihr jetzt aus dem Raum geht/ein Stück von ihm weg geht, weil es euch weh tut.
Vielleicht könnt ihr ihm etwas anbieten, auf das er schlagen darf. Oder

von cube am 08.08.2019

Antwort:

Nachtrag

Vom "Wutmonster" habe ich tatsächlich auch öfter mal gesprochen - allerdings war unser Kind da schon deutlich älter (4-5) und diente eher dazu, eine Situation zu entschärfen.
Ich merke, Kind wird gleich mega-wütend und flippt aus - dann habe ich schon mal in gespieltem Entsetzen gerufen "oh nein, ein Wutmonster schleicht sich gerade an - schnell, wir müssen es mit Kissen bewerfen!" um Kind so über die Kissenschlacht davon abzuhalten, sich in seine Wut reinzusteigern. Aber auch da muss man schauen, wie Kind so drauf ist - es kann das nämlich auch als "sich lustig machen" begreifen und erst recht sauer werden.

von cube am 08.08.2019

Antwort:

Kleinkind hat einen "Bösen"

Herzlichen Dank für die hilfreiche Analyse, cube, und Ihre Einschätzung, Sylvia Ubbens!

Ich frage mich, ob es Konsequenzen geben MUSS, wenn er beißt. Manchmal bin ich so überrascht von seinem "Angriff", dass ich -als Konsequenz- nur schnell weggehen kann. Es macht mich nämlich furchtbar wütend, wenn er mir Schmerzen zufügt und ich will nicht zurückhauen. Diese Empfindung meinerseits führe ich darauf zurück, dass meine Wut als Kind statt mit Erklärungen und Angenommen werden, mit Schlägen bedacht wurde.
Ich "flüchte" sozusagen, dass er mir nicht noch mehr weh tut und ich reflexartig handle.
Ansonsten halte ich ihn z.B. fest und sage deutlich, dass ich das nicht will. Aber beim nächsten Mal passiert es ja wieder. Wann hören dieses Schmerzen zufügen endlich auf?

Besonders schlimm ist, wenn er seinen 3 monatigen Bruder schlägt. Das macht er im Übrigen meistens dann, wenn sein Vater anwesend ist. Bin ich alleine mit den Buben passiert das so gut wie nie. Jedenfalls mscht mich das auch irrsinnig wütend. Warum will er mich wütend machen?

Ich weiß, ich sollte mehr Zeit ihm alleine widmen aber ich bin nicht bereit früher aufzustehen. Ich bin morgens bis abends mit meinen Kindern zusammen (vormittags ist Papa meist da), ich bringe alle meine Kräfte, Geduld und Liebe für meine Kinder auf, aber irgendwann muss ich schlafen und ab 21:15 Uhr habe ich mir Ruhe verdient, Zeit in der ich aufräume oder etwas für mich mache. Bin ich zu egoistisch oder realitätsfern?

von Lakilaki am 09.08.2019

Antwort:

Kleinkind hat einen "Bösen"

Hallo,

er macht Dich nicht mit Absicht wütend, das ist Deine (normale) Reaktion auf ihn. Er probiert verschiedene Handlungsoptionen aus, im Moment ist es das Beißen. Sprachlich und kognitiv ist er noch nicht in der Lage, seine Wut anders auszudrücken, da geht beißen schneller und ist effektiv. Aber nochmal: Er tut das nicht, um Dich wütend zu machen, sondern weil er noch nicht anders kann.
Dass er seinen Bruder schlägt, tut er, um Aufmerksamkeit zu bekommen: Entweder die vom Papa oder auch Deine, denn wenn der Papa da ist, bekommt er von Deiner (gefühlt) evtl noch weniger ab, weil ihr dann zu viert seid.
Das mit dem Schlafen kann ich gut verstehen, aber vielleicht besteht die Möglichkeit, dass Du, solange der Papa noch da ist, Exklusivzeit mit ihm verbringst. Oder dass ihr nachmittags, wenn das Baby schläft, etwas gemeinsam tut. Er ist ja auch noch klein und braucht Dich. Lass regelmäßig den Haushalt Haushalt sein, geht zu dritt raus, Baby im Wagen, und spiel draußen mit ihm, das powert ihn zusätzlich aus.
Wenn er beißt, sag ihm, dass das wehtut und geh kurz raus. Oder setz ihn runter, wenn Du ihn auf dem Arm hast. Mit der Zeit wird er verstehen, dass Beißen bedeutet, dass Du/ihr weg seid, dann hört er damit wieder auf.

Viele Grüße

von Mamamaike am 10.08.2019

Antwort:

Kleinkind hat einen "Bösen"

Mamamaike hat recht - es gibt übrigens sehr viele Kinder, die in diesem Alter Beißen, Schlagen etc, um ihre Gefühle zu äußern. Sprachlich können sie dass eben noch nicht bzw. kognitiv ist ein 2,5-jähriger noch nicht so weit, seine Emotionen in Worte zu verpacken. Es überkommt ihn sozusagen einfach - darüber nachdenken geschweige denn, sich kontrollieren, kann er noch nicht.
Es ist also richtig und wichtig, dass ihr das für ihn übernehmt und zB sagt "du bist wütend, weil ... - aber beißen tut mir weh". Darüber lernt er, was wütend, traurig, fröhlich ist und eben auch, das später mal selbst ausdrücken zu können. Und wie Mamamaike schrieb: er wird begreifen, dass Beißen etwas ist, was ihr nicht wollt und ein Stück auf Abstand geht.
Absichtlich weh tun will er dir nicht. Auch dazu ist er kognitiv noch gar nicht in der Lage. Er denkt noch nicht vorausschauend nach dem Motto "ich möchte Mama ärgern. Beißen macht sie wütend, also beiße ich sie mal, damit sie sauer wird".
In dem Alter probieren Kinder aber auch immer wieder aus, ob das "nein (nicht beißen)" von eben oder gestern auch jetzt/heute noch gilt. Er wird es also nicht nach 3 Tagen lassen. Da müsst ihr euch ein "dickes Fell" zulegen und immer wieder die gleiche Reaktion zeigen "..tut mir weh" und ihn auf den Boden setzen, ein Stück weggehen etc.
Versuch, dir selbst immer wieder vor Augen zu halten, dass er dich nicht absichtlich beißt/schlägt.
Du schlägst ja nicht zurück, trotz negativer Erfahrungen in der eigenen Kindheit, und das ist schon mal sehr gut. Denn das würde er erst recht nicht verstehen: er soll etwas nicht - und damit er das verstehst, tust du genau das, was er nicht soll. Das wäre völlig kontraproduktiv! Und: es ist reines Macht ausüben: ich darf alles - sogar dich schlagen.

von cube am 10.08.2019

Antwort:

Kleinkind hat einen "Bösen"

Liebe Lakilaki,

den guten Antworten meiner Vorrednerinnen kann ich nichts mehr hinzufügen.

Viele Grüße Sylvia

von Sylvia Ubbens am 12.08.2019

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