Sylvia Ubbens

Kein Durchhaltevermögen

Antwort von Sylvia Ubbens

Frage:

Guten Tag,

meine Tochter wird im Sommer 6 Jahre alt und kommt im September in die Schule. Was mir Sorgen macht, ist, dass sie alles macht, solange sie dabei klar die Beste, Tollste, Klügste, Größte etc. ist. Sobald aber sie einen Fehler macht, ihr etwas schlecht gelingt, jemand schneller/besser ist, oder es einfach zu "anstrengend" ist, gibt sie auf, weint oder schmollt, und ist sehr schlecht dazu zu bewegen, es nochmal zu versuchen. Mit Zwang ginge es, aber Zwang mag ich nicht.
Leider geht sie auch seit dem ersten LD nicht in einen Kindergarten, und hat seit mehr als einem Jahr keine Kinderkontakte in ihrem Alter, wo sie buchstäblich spielerisch mitkriegen würde, dass alle mal verlieren oder gewinnen, und dass jedes Kind irgendwo besser, dafür aber woanders schlechter ist.

Wie kann ich ihr das begreiflich machen, dass manche Sachen getan werden sollten, bis zum Ende, und möglichst sorgfältig, auch wenn es nicht so sehr Spaß macht oder sie nicht die Beste dabei ist? Es geht mir dabei ja weniger ums Ergebnis, aber einfach dass sie sich bei dem, was sie tut, auch mal Mühe gibt und durchhält, statt dass sie alles ganz schnell und schlampig macht (ausmalen, aufräumen, anziehen, kämmen, Wäsche falten, einen Gegenstand auf den Tisch STELLEN statt SCHMEIßEN). Und nach dem schlampigen Arbeiten erwartet sie ein Lob für ein Ergebnis, das einfach keinen Lob verdient, und ist beleidigt, wenn da auch nur die geringste Kritik kommt, oder Lob und Kritik zusammen kommen.

von Ivdazo am 15.04.2021, 17:09 Uhr

 

Antwort auf:

Kein Durchhaltevermögen

Liebe Ivdazo,

Kinder lernen von Kindern. Da Ihrer Tochter der Kontakt zu anderen Kindern fehlt, kann sie von anderen Kindern nicht lernen. Ihre Tochter hat Sie als Vorbild und Sie können alles besser. Sie hat niemand anderen um sich zu messen. Das frustriert, da sie ja auch mal etwas besser machen möchte als jemand anderes.

Zudem fehlt Ihrer Tochter der Kontakt zu anderen Kindern. Das ist ein Stück Lebensgefühl, das innerlich unglücklich macht und die Motivation raubt, sich Mühe zu geben.

Nehmen Sie sich und Ihrer Tochter den Druck raus, in dem Sie nicht mehr erwarten, dass etwas "ordentlich" gemacht oder zu Ende gebracht wird. Kommentieren Sie nicht, wenn etwas nicht so toll gemacht wird, wie z.B. die Butter auf den Tisch "geschmissen" statt gestellt oder ein Bild nicht ordentlich ausgemalt wird. Überlegen Sie sich, wo Anmerkungen tatsächlich notwendig sind oder, wenn beispielsweise zu Hause geblieben wird, auch über nicht ganz so ordentlich gekämmte Haare hinweggesehen werden kann. Natürlich ist auch mal Kritik notwendig und darf auch sein. Dennoch sollte diese gerade in nächster Zeit sehr dosiert eingesetzt werden.

Ganz wichtig ist, dass Ihre Tochter für die Schule nicht "perfekt" malen usw. können oder durchhalten muss. Das wird sie in der Schule lernen, in dem sie sich dies von anderen Kindern abguckt.

Vor dem Zubettgehen sagen Sie Ihrer Tochter, was an dem Tag toll gelaufen ist. Sie darf mit einem guten Gefühl den Tag beenden und kann dieses gute Gefühl als Motivation mit in den neuen Tag nehmen.

Viele Grüße Sylvia

von Sylvia Ubbens am 16.04.2021

Antwort auf:

Kein Durchhaltevermögen

Ich glaube, du darfst ihr Verhalten nicht isoliert sehen.
Im letzten Jahr ist viel passiert.
Corona ist da nur ein Punkt für sie, dazu der Suizid des Vaters und zuvor viele gemeinsame Jahre mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Deine ambivalenten Gefühle gegenüber dem Vater beeinflussen sie sicher auch.
Sie möchte perfekt sein und kann es nicht.
Ich würde versuchen,so schnell wie einen Termin in der Kinderpsychologie zu bekommen.

von 3wildehühner am 16.04.2021

Antwort auf:

Kein Durchhaltevermögen

Danke für die Antworten!

Es stimmt schon, ich sollte mich manchmal mehr zurücknehmen und nicht so viel von ihr erwarten. Ich sehe wahrscheinlich manchmal, wie toll sie ist und wie wunderbar sie so vieles schon kann, und nehme es als gegeben hin, und lasse es wohl öfters außer acht, dass sie einiges davon (noch) nicht können muss. Ich werde versuchen, das in Zukunft mehr zu berücksichtigen.

Meine Tochter kann den kleinen Bruder schon öfters übertrumpfen, und da hat sie auch immer wieder Erfolgsmomente, und auch einen Spielgefährten. Das Problem kommt wieder, weil der Bruder mittlerweile manche Sachen nicht nur altersgemäß, sondern auch isoliert und objektiv betrachtet besser kann als die große Schwester. Das frustriert sie natürlich zusätzlich, da sie nicht nur gegen mich (Erwachsene) "verliert", sondern auch gegen den "Kleinen". Aber ich kann ja auch schlecht nur sie loben, und den kleinen Bruder nicht, nur damit sie sich toll fühlen kann.

Ich lobe sie häufig, und betone häufig, was sie alles gut macht. Aber im Alltag, wenn innerhalb von 10 Minuten 5 hingeschmierte Bilder kommen, dann gibt es daran nichts zu loben. Sie erwartet aber eine Rückmeldung. Wie könnte diese Rückmeldung denn dann aussehen? "Du hast viele Farben verwendet" ? Sollte sie nicht ehrlicherweise ERFAHREN, dass sie es besser KANN, und dass die Bilder dann auch schöner aussehen, wenn sie sie nicht nur hinschmiert?

Das mit dem letzten Jahr stimmt schon. Einen Kinderpsychologen wollte ich schon im Herbst einschalten, sie sagten aber, sie sind die falschen Ansprechpartner, solange das Kind "unauffällig" ist, und das war sie im Herbst. Die gesamte Situation war ihnen bekannt, aber das war für sie unwichtig. Ich sehe auch nicht, dass mein Kind tatsächlich auffällig ist.
Ich könnte aber vielleicht doch mal sie vorstellen und fragen, ob sie tatsächlich unauffällig ist oder sie doch etwas Hilfe von einem Psychologen bräuchte.

von Ivdazo am 16.04.2021

Antwort auf:

Kein Durchhaltevermögen

Hallo Ivdazo,
ich sehe ein paar Parallelen zu uns. Darum direkt auf Deine Frage bezogen:
Ich habe mir angewöhnt, bei Bildern auf das Inhaltliche einzugehen: Was ist das da, das am Baum klettert? Das Mädchen scheint zu lachen. Was hat es zum Lachen gebracht. Oder: Mir gefällt der blaue Pullover so gut.

Lob bedeutet immer die Abhängigkeit von der Bewertung anderer. Aber die Beschäftigung mit dem Inhalt ist geteilte Freude am Tun.

Ich frage manchmal auch, ob es ihr Spaß gemacht hat, das Bild zu malen.

Tatsächlich kann man wirklich auch beschreiben, was man sieht, oder die Farben, die gewählt wurden.

In jedem Fall würde ich versuchen, aus der Lobfalle auszusteigen. Danke, dass Du mir geholfen hast! Das hat mir die Arbeit viel leichter gemacht! Usw. Ob "sie" gut ist, oder etwas gut macht, steht doch nicht zur Debatte. Wenn Kinder so nach Lob heischen, fühlen sie sich unzulänglich. Da hilft keinhalbherziges Lob, sondern das Schaffen echter Erfolgserlebnisse und Interesse an dem, was sie sich ausdenkt.

Alles Gute für Euch, viel Kraft und Gelassenheit für Dich!

VG Sileick

von Schniesenase am 19.04.2021

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