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Geschrieben von kugelblitz02 am 22.08.2004, 14:10 Uhr

@kugelblitz02

Hallo Simone,
um ehrlich zu sein habe ich auch noch keinen einzigen Roman von Donna Leon gelesen. Eigentlich lese ich gerne Krimis und eher so die spannenden blutrünstigen Sachen, aber die Reihe von Donna Leon ist mir irgendwie schon im vorraus unsympatisch. Es ist immer der selbe Komissar, in der selben Stadt und er klärt "einfach nur" jedesmal einen neuen Mord auf...
Das ist jetzt aber wirklich meine persönliche Meinung. Die Reihe verkauft sich sehr gut und es gibt genug Kunden, die immer wieder dem nächsten Band entgegen fiebern!
Ich schicke dir einfach mal eine Leseprobe, damit du dir selber mal ein Bild machen kannst. Frag doch einfach mal die anderen, was sie so von der Reihe halten, vielleicht können sie dir mehr Infos geben...
Sorry, daß ich dir nicht richitg weiterhefen konnte...

Donna Leon
Das Gesetz der Lagune (10. Fall)

Kapitel 1
Pellestrina ist eine lange schmale Insel aus Sand, der im Lauf der Jahrhunderte zu bebaubarem Grund wurde. Sie verläuft in Nord-Süd-Richtung von San Pietro in Volta bis Caroman und ist zwar zehn Kilometer lang, aber an keiner Stelle breiter als ein paar hundert Meter. An ihrer Ostseite beginnt die Adria, ein Meer, das nicht für seine Gutmütigkeit bekannt ist; ihre Westseite hingegen begrenzt die Lagune von Venedig und ist daher vor Wellen, Wind und Sturm geschützt. Der Sandboden ist unfruchtbar, so daß die Bewohner von Pellestrina, auch wenn sie säen, kaum etwas ernten konnen. Doch ändert das für sie wenig; über den Gedanken, von den Erträgen des Bodens zu leben, auch üppig zu leben, konnten die meisten von ihnen ohnehin nur die Nase rümpfen, denn die Leute von Pellestrina haben sich ihren Lebensunterhalt schon immer aus dem Meer geholt.
Man erzählt sich viele Geschichten über die Männer von Pellestrina, die Ausdauer und Kraft, die ihnen aufgezwun­gen wurden bei ihrem Bemühen, dem Meer ihre Lebensgrundlage abzuringen. Alte Venezianer erinnern sich an Zeiten, in denen es hieß, die Pellestrinotti schliefen auf dem Lehmboden ihrer Hütten statt in Betten, damit ihnen am frühen Morgen das Aufstehen leichter fiel und sie sich vom Ehestrom in die Adria und zu den Fischen hinaustragen lassen konnten. Wie das meiste, was man sich über die gute alte Zeit erzählt und was die Menschen da alles ertragen haben sollen, ist auch dies wahrscheinlich ein Märchen. Wahr ist hingegen, daß die Leute, soweit sie Venezianer sind, es glauben, denn sie glauben eben alles, was über die Härte der Männer von Pellestrina und ihre Gleichgültigkeit gegen­über Schmerzen oder Leiden, eigenen wie fremden, berichtet wird.
Im Sommer lebt Pellestrina auf, denn da kommen aus Ve­nedig und vom Lido, oder über Chioggia vom Festland, die Touristen, um frische Meeresfrüchte zu essen und den herben, fast schon schäumenden Weißwein zu trinken, der in den Bars und Restaurants ausgeschenkt wird. Statt Brot bekommen sie bussolai vorgesetzt, harte ovale Kringel, die ihren Namen vielleicht von la bussola haben, dem Kompaß, der ebenfalls oval geformt ist. Zu den bussolai gibt es Fisch, der oft so frisch ist, daß er noch am Leben war, als die Touristen den weiten, beschwerlichen Weg nach Pellestrina antraten. Während sie sich aus ihren Hotelbetten schälten, kämpften die Kiemen der orata noch gegen das ih­nen fremde Element Luft; während sie sich schon am Rialto nach einem frühmorgendlichen Vaporetto anstellten, zappelten die sardelle noch in den Netzen; während jene aus dem Vaporetto stiegen, den Piazzale Santa Maria Elisabetta überquerten und nach dem Bus Ausschau hielten, der sie nach Malamocco und Alberoni bringen sollte, wurde der cefalo gerade aus dem Meer gehievt. Oft verlassen die Touristen in Malamocco oder Alberoni kurz den Bus, um einen Kaffee zu trinken, sich auf dem Sandstrand die Beine zu vertreten und die gewaltigen Wellenbrecher zu bewundern, die sich weit in die Adria hinein erstrecken, damit deren Wasser nicht in die Lagune schwappt. In der Zwischenzeit sind die Fische alle tot, aber man kann von den Touristen nicht erwarten, daß sie das wissen oder sich überhaupt da­für interessieren, also steigen sie wieder in den Bus, bleiben für die kurze Überfahrt mit der Fähre über den schmalen Kanal darin sitzen und setzen ihren Weg per Bus oder zu Fuß nach Pellestrina fort, wo ihr Mittagessen sie erwartet.
Im Winter sieht es völlig anders aus. Allzu oft weht da der Wind aus dem ehemaligen Jugoslawien über die Adria hinüber, treibt Regen oder leichten Schnee vor sich her und beißt sich jedem in die Knochen, der sich im Freien aufzuhalten versucht, und sei es auch nur kurz. Die im Sommer überfnllten Restaurants sind geschlossen und werden es bis ins späte Frühjahr bleiben; Touristen, die dennoch kom­men, müssen sich selbst versorgen.
Unverändert aber liegen an der Innenseite der schmalen Insel in langer Reihe nebeneinander die vorlgolare, wie die Muschelfänger heißen, die - unbeirrt von Touristen, Regen, Kälte oder Hitze - das ganze Jahr über auslaufen, ungeachtet auch aller Legenden über die noblen, fleißigen Männer von Pellestrina und ihren unablässigen Kampf, der gnaden­losen See einen Lebensunterhalt für ihre Frauen und Kinder abzutrotzen. Diese Boote haben klangvolle Namen: Con­cordia, Serena, Assu1tta. Dick und hochnäsig liegen sie da und sehen ein bißchen aus wie die Boote in Kinderbüchern. Wenn man in der strahlenden Sommersonne an ihnen vorbeigeht, möchte man den Arm ausstrecken und ihre Nasen streicheln, wie man es bei einem ausnehmend netten Pon oder einem besonders liebenswerten
Labrador täte.

 
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