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Mehrsprachig aufwachsen Mehrsprachig aufwachsen
Geschrieben von Kacenka am 04.02.2013, 19:52 Uhr.

Re: 3 Sprachig aufwachsen

Hallo,
da wir auch ein dreisprachiges Kind haben und ich noch dazu als Linguistin und Tochter eines Neurologen einiges zu mehrsprachiger Entwicklung gelesen habe, lass ich mich hier mal aus.
Also nach den neuesten Studien (mag jetzt nicht nach dem genauen Literaturbeleg suchen) ist es durchaus so, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder in der Entwicklung etwas verzögert sind - das Lautsystem ist nicht mit etwa 9 Monaten, sondern erst mit etwa 12 Monaten ausgeprägt, mit dem Sprechen beginnen sie also auch entsprechend später. Aber natürlich gibt es da individuell Unterschiede, wie bei einsprachigen ja auch.
Ich würde auch die potentiell schwache Sprache versuchen am meisten zu fördern, da die "grossen" oder Umgebungssprachen später mehr oder weniger automatisch dazu kommen. Diese Erfahrung kennt jeder, der eine Minderheitensprache spricht und seinen Kindern weitergibt.
Aber - und hier kommt eine Einschränkung - es sollte schon so natürlich wie möglich sein: Wenn die Eltern gewohnt sind, untereinander eine andere Sprache zu sprechen, kann man das selbst bei noch so gutem Willlen kaum unterdrücken, bzw. wenn man es versucht, wird das Kind das ziemlich schnell spitz kriegen und sehr wahrscheinlich auf die schwächere "künstlich" geförderte Sprache mit Unwillen reagieren. Das ist keine gute Basis für eine erfolgreiche mehrsprachige Erziehung. Genau deshalb gibt es in der Praxis eben NICHT das Patentrezept (auch nicht das: eine Person, eine Sprache - funktioniert eigentlich nur bei Gemischtnationalen Ehen, wo jeder Partner einsprachig ist und keine Drittsprache zumindest in der Familie ins Spiel kommt), sondern ganz viele individuelle Wege mit noch mehr Ergebnissen bei den Kindern.
Also ich versuche gerade nicht, unserem Sohn vorzugaukeln, dass ich nur Sorbisch (erste Sprache und zur Zeit am häufigsten in unserer Familienhälfte verwendet) mit ihm sprechen kann, er weiss ganz genau, dass ich auch Tschechisch (zweite Sprache und Umgebungssprache an unserem Wohnort) verstehe und spreche, genauso auch Deutsch (dritte Sprache und Umgebungssprache, wenn wir bei unseren Verwandten in der Lausitz sind). Mit meinem Mann sprechen wir meist sorbisch (mit dem Kind) oder tschechisch (wenns um die Arbeit geht), manchmal auch deutsch (wenn weitere nur deutsch-verstehende Personen zugegen sind). Das ist eine ziemlich klassische Domänenverteilung, die unser Sohn auch akzeptiert. Er ist jetzt 2 Jahre und 3 Monate und spricht sorbisch und tschechisch in ganzen Sätzen, deutsch etwas weniger (aber mit ähnlichem Eifer). Er weiss übrigens auch ganz genau, bei wem er sich das Mischen erlauben kann (die tschechische Oma versteht kein Sorbisch, aber deutsch, bei der deutschen Oma ist sorbisch passiv da, aber tschechisch gar nicht, mein Schwager kann nur deutsch). Und während er sich von mir und meinem Mann Bücher in allen drei Sprachen vorlesen lässt, lehnt er tschechisch gelesenes von meinem Vater ab, ebenso deutsch gelesenes von der tschechischen Oma (das war schon so, als er noch kein jahr alt war).
So ist es bei uns, das war so nicht bewusst geplant, bewusst entschieden habe ich mich nur, dass ich auch Sorbisch vermitteln will, deutsch irgendwie über die Oma (und über Bücher) kommen muss und tschechisch schon allein über den Kindergarten gelernt wird. Alles weitere hat sich ergeben - auch in Reaktion auf das Kind. Sicher zieht Deutsch dabei den kürzeren, aber ich sage mir - wenn er will, kann er das immer lernen und eine Grundlage ist auf jeden Fall da.
Wichtig finde ich allein eines: keine der Sprachen sollte mit negativen Emotionen verbunden werden, nichts erzwungen. Wir helfen uns mit einem Trick - wenn er ein Wort in einer anderen Sprache benutzt, loben wir ihn dafür und fragen: Und wer sagt das so? Das hat er schnell angenommen und sagt jetzt z.B.: To je bile - Oma praji: weiss (Das ist weiss, Oma sagt weiss).
Wenn negative Emotionen (Druck, Scham) mit einer Sprache verbunden werden, ist das hinderlich und wird zur Ablehnung der Sprache führen. Deshalb bin ich eher dafür, spontan und aus dem Bauch zu handeln, als zu planen, was für das Kind am besten ist. Der Verlauf lässt sich eh nur bis zu bestimmten Grad beeinflussen, das Kind wählt am Ende aus dem Angebot aus - jedenfalls wenn eine Minderheitensprache dabei ist.
Übrigens hat unser Sohn bis 1,5 Jahr so gut wie gar nichts gesagt und dann ganz lange nur Wörter mit A (Oma hat er "-ma" gesagt.) - kam dann von ganz alleine alles und ziemlich schnell hintereinander.
So, sorry, ist etwas lang geworden, aber ich musste das jetzt mal loswerden.
Viel Glück und nur Mut! Kinder schaffen auch drei und vier Sprachen spielend!
K

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