Kindergesundheit
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Geschrieben von EarlyBird am 25.09.2017, 23:15 Uhrzurück

Re: AD(H)S - wer ist krank?

Nicht nur das ich nur Bahnhof verstehe um was es dir genau geht, Zitat: "Trotzdem wäre es doch angebracht, das ganze Prinzip der körperlichen Züchtigung zu hinterfragen." , sehe ich das entschieden anders.


Wir (hier) leben in einer völlig anderen Gesellschaftsform und haben nicht nur verschiedene Ansprüche, sondern auch unterschiedliche Aufträge an unsere Nachkommenschaft z.B. hinsichtlich des Bildungsauftrages und unseres Bildungsniveaus.
Wir sind nicht nur eine Leistungsgesellschaft, sondern eine "Zivilisation" welche sich stets weiterentwickelt und gewisse Basiskompetenzen von der Gesellschaft abverlangt. Und die "Norm" ist sehr wohl statistisch berechenbar und nicht eine Erfindung von Münchhausen.

Und ein Kind, welches hier in unserer Gesellschaft zu stark von der Norm abweicht ist nunmal klar benachteiligt. Und das nicht (nur!) in unserem Werte-, Schul- und Leistungssystem, sondern auch ganz klar in der eigenen Befindlichkeit und im sozialen Beziehungsgefüge. Nicht umsonst stellt ADHS für alle Betroffenen sehr oft ein Leidensdruck dar.

Ist unsere Gesellschaft "krank" und gehört therapiert? Sicherlich gehört sie "therapiert", aber nicht hinsichtlich der ADHS-Diagnostik.
Therapie: im Sinne einer Inklusion als Zielsetzung.! Die Therapie findet statt, nur frichtet sie noch nicht genügend - bzw. muss man am Therapieansatz arbeiten und austüfteln!
Ebenfalls geschieht eine Therapie im Sinne der Aufklärung, der Errichtung von Einrichtungen und die Umgestaltung des ÖNV, der Städte und Gemeinden für Menschen mit Besonderheiten. Auch dahingehend muss man noch daran arbeiten, reflektieren und den Therapieansatz hinterfragen.

Aber dennoch bestimmt unsere "Norm" die Anforderung bestimmter Basiskompetenzen, welche der Mensch/das Menschenkind in unserer Gesellschaft braucht um bestmöglich eigenständig und zukunftorientiert Leben zu können.
Und der Schlüssel dazu ist in unserer Gesellschaft nunmal meist der Bildungsnachweis. Und eine pauschaler Grundsatz unserer Gesellschaft besagt - umso höher die Bildung, um so höher die Gehaltsklassen der zu erreichbaren Berufe und somit höher der zu erreichbare Lebensstandart.

Ein Kind das aufgrund unbehandelter ADHS durch das Schulsystem fällt, stets aneckt und missverstanden wird - kann zwar vielleicht supergut als Arbeiter auf dem Feld arbeiten, auf Strommasten klettern, in der Kläranlage (unverbeamtet) arbeiten - wird aber dennoch keinen so guten Lebensstandart innerhalb unserer Gesellschaft erreichen und hat zudem einen vollen Rucksack an Misserfolgen - im Sinne von Ablehnung, schlechten Zensuren, Versagensgefühle usw. - ein lebenlang zu tragen - auch wenn es noch so fleißig "rackert".

Also ist unsere Gesellschaft demzufolge schlecht? Nein, unsere Gesellschaft ist nunmal unsere Gesellschaft und wir leben nicht in Stammesverhältnissen wo man entnervt sein Kind zum "auspowern" in den Fluß wirft und in der Schule mit Stockstrafe arbeitet!
Mich würde ja interessieren, wieviel öfter "dort" ein ADHS Kind Stockstrafen in der Schule erhält, als ein geerdetes, ruhiges Kind welches fleißig lernt und unauffällig ist. Nunja, das sei jetzt mal "dahin gestellt"!

In einem Punkt bin ich auch skeptisch: Viel zu oft werden Kinder im Randnormbereich versucht in die "Norm" zu pressen und sie werden in ihrer Ganzheit - innerhalb der Diagnostikmaschinerie - viel zu penibel auf "Fehler" untersucht.
Vorallem hinsichtlich der Entwicklungsskalen sollten in vielen Fällen mehr Spielraum für das individuelle Entwicklungstempo gegeben werden.
ABER: es gibt in nahezu jedem Entwicklungsbereich physische und neurologische Zeitfenster, in deren die weitere Entwicklung durch ein frühes Auffangen mittels Unterstützung positiv begünstigt wird.

In einem solchen Zeitfenster befinde ich mich gerade mit meinem Kind. Leider wird viel zu oft geraten: Abwarten, das kommt sicherlich noch. Viel zu sehr mit anderen Baustellen beschäftigt.
Diese Ratschläge helfen aber überhaupt nicht, wenn das Kind zu den 2/3 der Kinder gehört welche im Nachinein doch nicht aufholen und sich durch Abwarten verspätete Unterstützungsversuche erschweren. Und wenn es dann letztendlich doch zu den 1/3 der Kinder gehört, bei welchen sich eine massive Störung herausstellt und sich durch das Abwarten die Wichtigsten Zeitfenster bereits verschlossen haben, dann bin ich doch um diese Gesellschaftsform dankbar, die es mir anhand von Normskalen ermöglicht, mich als Elternteil zu orientieren, zu informieren und ggf. rechtzeitig zu unterstützen.


LG

 

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