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Heultage und Babyblues

Heultage und Babyblues


Meist ist es der dritte Tag nach der Geburt: Unentwegt laufen der Mutter die Tränen über die Wangen, der Verbrauch an Taschentüchern ist enorm.
"Heultage" werden sie im Volksmund genannt, und was es mit diesem Stimmungstief wenige Tage nach der Entbindung auf sich hat, wollen wir uns in diesem Beitrag anschauen

 

Es ist geschafft: Nass vom Fruchtwasser und noch etwas schrumpelig liegt ein Bündel Mensch auf dem Bauch der strahlenden Mutter, warme Handtücher bewahren den neuen Erdenbürger vor dem Auskühlen. Glücklich schauen sich die frischgebackenen Eltern an, können ihr Glück noch kaum fassen: Neun Monate hatten sie auf diesen Moment gewartet, nun endlich liegt ein gesundes Töchterchen in ihren Armen.

Ab und an tastet die Hebamme vorsichtig auf den Bauch der Mutter, doch die ist so mit ihrem Baby beschäftigt, dass sie es kaum wahrnimmt. Auf einmal hört sie die Stimme der Geburtshelferin: "Holen Sie doch bitte tief Luft und pressen Sie noch einmal kräftig mit!" "Ach ja", denkt die Mutter, "die Nachgeburt ist ja noch drin." Sie presst ein letztes Mal, und schon gleitet der Mutterkuchen hinaus. Manche Eltern lassen sich die Eihäute der Fruchtblase noch zeigen, vielleicht auch die Nabelschnur erklären, danach scheint das Thema Mutterkuchen für die Frau erledigt, während die Hebamme das Organ vor seiner Entsorgung noch genau auf seine Vollständigkeit überprüft. Was die Mutter wohl nicht ahnt, ist, dass sich das Fehlen des Mutterkuchens in ihrem Körper aller Voraussicht nach einige Tage später noch einmal bemerkbar machen wird.

Der Mutterkuchen hat nämlich nicht nur die Aufgabe, das Kind mit Nährstoffen und Sauerstoff zu versorgen, sondern es ist auch ein hormonbildendes Organ. Es war dafür verantwortlich, das Schwangerschaftshormon zu bilden, und dies hat es reichlich getan. Doch mit dem Herauskommen der Nachgeburt fällt diese Hormonbildungsstätte plötzlich weg, ein paar Tage kreisen Restmengen des Hormons noch im Blut der Mutter, dann kommt es zu einem regelrechten Absturz: Die Mutter fällt in ein großes Hormonloch.

Wie von Phasen im weiblichen Zyklus bekannt können sich Hormonschwankungen aufs Gemüt auswirken, ein so heftiger Hormonumschwung nach der Geburt erst recht. Logisch also, dass die Mehrheit der Wöchnerinnen etwa am dritten Tag nach der Entbindung psychisch äußerst labil sind. Da braucht vom Partner nur ein "falsches Wort" zu kommen, was er gar nicht so gemeint hat, und schon bricht alles zusammen. An diesem Tag den Klinikbesuch einfach auszulassen wäre jedoch vollkommen verkehrt. Gerade jetzt braucht die Frau ihren Partner.

Doch es sind nicht nur die Hormone schuld, dass die Tränen an diesem Tag so reichlich fließen. Zu diesem Zeitpunkt kommen nämlich noch andere Faktoren hinzu:
 

* So sehr sich die Mutter auch dieses Kind gewünscht haben mag, nach wenigen Tagen wird ihr deutlich bewusst, dass nichts mehr so sein wird wie früher.
Alle 2-4 Stunden, nur mit Glück mal mit längeren Pausen, meldet sich das Menschenkind und fordert lauthals Nahrung und Pflege. Dies hält man in der ersten Begeisterungsphase über das Baby gut durch, doch meist nach drei Tagen macht sich chronischer Schlafmangel durch starke Übermüdung bemerkbar. Das Wissen, dass dieser Zustand die nächsten Wochen anhalten wird, trägt nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Während der Partner die Nacht vermutlich am Stück geschlafen hat, kann die Mutter von Glück reden, wenn sie ab und zu zwei bis drei Stunden ohne Unterbrechung ruhen kann. Doch selbst wenn das eigene Baby dann schläft, bedeutet dies nicht automatisch, dass die Mutter nun auch schlafen kann. Da kommt die Visite ins Zimmer, das Kind der Bettnachbarin schreit, das Essen wird verteilt und vor allem: Die Besucher reichen sich die Türklinke in die Hand. Lieb gemeint ist der Besuch bestimmt, doch den Wöchnerinnen tut er zumeist gar nicht gut. Denn so haben sie keine Chance, sich zwischendurch auszuruhen.
 
* Bewusst wird vielen Müttern in diesen Stunden auch, was sich durch das Baby alles ändern wird: die Pause im Beruf, verbunden mit finanziellen Einbußen und die Abhängigkeit vom Partner als Alleinverdiener, die Veränderung in Partnerschaft und Freundeskreis, die Tage und Nächte, deren Rhythmus das Kind bestimmt, die fehlende Freiheit, jederzeit einfach tun zu können, wonach einem gerade ist ...
 
* Dazu kommt an diesem verflixten dritten Tag der sogenannte Milcheinschuss bei stillenden Müttern. Nun sind die Brüste so geschwollen, dass schon leichte Berührung weh tut. Das Anlegen hat sich natürlich auch noch nicht eingespielt, und abgesehen von den Schmerzen durch den Milcheinschuss macht sich nun Panik breit, dass das Stillen vielleicht nicht klappen könnte. Auch ein Grund, warum Frauen insbesondere in dieser Phase viel, viel Ruhe brauchen. Hier kann der Partner versuchen, den Besucherstrom zu bremsen, besser noch ihn umzuleiten auf wenige Wochen nach der Geburt, wenn sich bei Mutter und Kind alles weitestgehend eingependelt hat.
 
* Wer ohnehin empfindlich ist - und an diesem Tag sind es nahezu alle Frauen - der empfindet natürlich alle Probleme stärker. Daher tut auch die Naht nach einem Dammschnitt oder Dammriss nun besonders weh, eine Kaiserschnittnarbe erst recht.
 
* Zu allem Übel ist dieser Tag auch beim Kind wie verhext: Ausgerechnet jetzt bekommen viele Babys die Neugeborenengelbsucht, einige mehr, andere weniger stark ausgeprägt. Dass ihr Kind nun schlapper ist und schlechter trinkt, dass es vielleicht sogar eine spezielle Therapie braucht oder möglicherweise auch noch in die Kinderklinik verlegt werden muss, diese Tatsache können die wenigsten Mütter in dieser schwierigen Phase wegstecken. Denn nichts ist für Mütter schlimmer als zu wissen, dass es dem Baby nicht so gut geht. Da nützt es wenig, ihnen zu erklären, dass es sich nicht um eine Krankheit handelt, sondern - im gewissen Rahmen - zum Anpassungsvorgang an das Leben außerhalb des Mutterleibes gehört.
 
* Auch Blähungen, unter denen einige Babys leiden, können Mütter zur Verzweif- lung bringen. Wenn trotz liebevoller Zuwendung das Gebrüll nicht aufhört, fühlen sich die Frauen auch noch als Versagerinnen, sozusagen der Mutterrolle nicht gewachsen.
 
* Typisch für diese Heultage sind auch Selbstvorwürfe der Mutter, etwa weil sie glaubt, unter der Geburt versagt zu haben, weil sie eine Rückenspritze brauchte, weil ein Kaiserschnitt gemacht wurde oder weil das Baby per Saugglocke oder Zange geholt werden musste. Dabei hat jede Frau Großes geleistet: Sie hat ein Kind zur Welt gebracht, der Weg dazu sollte eigentlich sekundär sein. Doch stolze Berichte von Frauen, die ihr Kind auf ganz natürliche Weise geboren haben, können die Mütter mit einer schwierigeren Geburt nun am wenigsten ab.

 
Wir sehen, wenige Tage nach einer Entbindung stürmt viel auf die Mutter ein. Was sie jetzt am dringensten braucht ist liebevolle Zuwendung durch den Partner, einfühlsame, fachkompetente Betreuung durch das Pflegepersonal und Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe.

Mit einer Wochenbettdepression, einer ernsten, behandlungsbedürftigen Erkrankung, haben diese Heultage nichts zu tun, denn sie sind völlig normal, jedoch von Frau zu Frau unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Wenn das psychische Tief jedoch länger anhält, extreme Versagensängste oder gar Selbstmordgedanken hinzukommen, sollte umgehend ein/e Arzt/Ärztin konsultiert werden. Diese Wöchnerinnen brauchen dringend Hilfe.

von Sabine Burchardt, Hebamme

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Fragen zu diesem Thema:
  
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