

Ich habe lange überlegt, ob ich dies, unsere Erfahrungen hier niederschreiben sollte ! Und es fällt
mir auch sehr schwer, gibt es doch arg viele Menschen, die meinen, ihnen könnte so etwas niemals passieren
!
Nur sehr wenige Menschen wussten bisher wie der Unfall geschah..., wie oft habe ich in den letzten
Jahren den Satz vernommen (?) ... " auch ich lasse mein Kind in der Badewanne meistens unbeaufsichtigt
baden "... und vielleicht denkt der ein oder andere einmal darüber nach, das kleine Kinder, mögen
sie noch so selbständig erscheinen, dennoch längst nicht erwachsen sind (danke Doro, der Satz ist von
Dir :-) ) Wie eine einzige Minute das ganze Leben verändern kann, das Deines Kindes, das der ganzen
Familie!
Heute weiss ich, wie dankbar wir dem Klinikum Kröllwitz sein können, vor 10 Jahren war
mir das alles total egal, ich habe eh nicht geschnallt, was eigentlich passiert ist, warum es passiert
ist, wieso es passieren konnte. Das Klinikum hat keine Anzeige wegen Aufsichtspflichtverletzung gemacht,
Thomas wurde gründlichst untersucht und auch dort hörten wir sehr oft diesen Satz ..." auch mein Kind
badet allein und ist noch viel jünger...". Aber all das konnte uns nicht erreichen, UNS ist es passiert,
was interessierten uns da noch ANDERE ?
Thomas ( damals 3 Jahre ) kam vom spielen rein, wollte
unbedingt in die Badewanne, um dann noch seinen allabendlichen Trickfilm "Charly Brown" schauen zu
können. Ich hängte Tom das kleine Kinderwaschbecken an die Schräge der Wanne (das tat ich immer, damit
er dort nicht abrutschen konnte) und spielte mit ihm . Seinen kleinen Kinderstuhl wollte er nicht
mit in die Wanne nehmen ( hätte ich ihn doch nur hineingestellt ). Plötzlich fing Michael, sein jüngere
behinderter Bruder im Nebenzimmer an zu schreien ( wir hatten ihn erst wenige Monate zu Hause ).
Ich sagte zu Tom, dass ich sofort wieder da sei, ich schaue nur eben mal nach Michael (wär ich
nur nie gegangen, Micha lag in seinem Bett und ihm konnte dort rein gar nichts passieren ). Ich schaute
nach Michael, gab ihm den Nuckel und fragte Silvio (er stand in der Küche und schaffte sich am Wochenendbraten
), ob er mir hilft Tom aus der Wanne zu holen ( weil Thomas mich immer mit "einweichte" ).
Niemals
werde ich diese Momente vergessen können ...- wir schlichen beide an die Badtür, denn wir hatten
erst einen Tag zuvor unser Bad gefliesst und wollten Thomas "erwischen" wie er aus den Fugen den
Gips knaupelte. Wie gelähmt stand ich da - Thomas lag in dieser Pfütze Wasser, als wenn er schliefe.
Wie von Sinnen rannte ich durch unser Haus in dem 12 Wohnparteien wohnten. Ich schrie und schrie
und rannte. Oben angekommen ,trommelte ich wie von Sinnen vor eine Tür. Frau H. rief den Krankenwagen
( wir hatten kein Telefon ) und ihre 3 kleinen Kinder sprangen vom Abendbrottisch hoch. Niemals werde
ich diese fragenden Kinderaugen vergessen können und niemals die grüne Gurke auf dem Tisch. Komisch...,diese
grüne Gurke, ich konnte den Blick nicht von ihr lassen und immerzu dachte ich - nimm sie, zerschlag
sie, dann ist dieser böse Albtraum vorbei ...
Ich schluchzte nur immerzu " er ist tot, er ist
tot, oh mein Gott, er ist tot.... "
Ich schickte Frau H. zu uns in die Wohnung runter. Als sie
wieder hoch kam, sagte sie, dass mein Mann Thomas wiederbelebt habe, der Krankenwagen da sei und
Thomas ansprechbar wäre. Ich ging mit ihr zusammen in unsere Wohnung, Thomas lag auf dem Sofa und
der Arzt war mit den Ergebnissen der Untersuchung sehr zufrieden - es lies uns hoffen ! Thomas stöhnte
und flüsterte etwas.
Vorsichtshalber wollte man Thomas mit ins Krankenhaus nehmen. Mein Mann
und Thomas fuhren mit dem Krankenwagen mit, ich blieb zu Hause, bei Michael...und habe für den Rest
des Abends ein Black out, ich weiss nicht, wie es weiter ging...
Eine einzige Minute war Thomas
unbeaufsichtigt, diese eine einzige Minute sollte das Leben von Thomas und das Unsere total verändern
...!
Thomas bekam nach seinem Ertrinkungsunfall (22.03.1991) am 4. Tag im Krankenhaus, im künstlichen
Koma, Krampfanfälle. Als man dieses Medikament langsam ausschleichen lies und es im Blut nicht mehr nachzuweisen
war, sagte uns eine Ärztin " ihr Sohn ist nun wach und er ist nun so, wie er da liegt. Nehmen sie
ihn mit nach Hause, zeigen sie ihm seine Spielsachen, führen sie ihn in der Wohnung umher, vielleicht
erinnert er sich und wird wach ". 2 Heimadressen gab man uns noch mit auf den Weg . Thomas hatte
ein apallisches Syndrom entwickelt (Wachkoma).
Da lag er nun, in seinem Entwicklungsstand tiefer
als ein Säugling. Er war seelisch blind (d.h.,sein Augenhintergrund war in Ordnung ,aber er konnte
durch die Hirnschädigung nicht umsetzen was er sah ) und er konnte weder sitzen, stehen, laufen,
noch feste Nahrung zu sich nehmen. Er war steif, entwickelte eine Spastik und er biss und verletzte
sich selber, weil er kein Schmerzempfinden mehr hatte.
Wir verstanden von alledem überhaupt
nichts, fühlten uns verdammt hilflos und hofften, dass er eines morgens im Bett sitzen würde und " hallo
Mama, hallo Papa " sagen würde.
Wir hatten nun zwei schwerstgeschädigte Kinder, ich konnte das
einfach nicht umsetzen. Mein Arzt verschrieb mir Faustan (Leck mich am Arsch Tabletten), irgendwie
fühlte ich mich auch dementsprechend.Mir fehlen teilweise ganze Tage, Wochen, Monate (?) aus meinem Leben.
Wir rannten von Arzt zu Arzt, irgend jemand musste uns doch helfen können, Thomas konnte doch nicht
wirklich behindert sein / bleiben. Man bot uns die herkömmlichen Therapien an (Voita, Bobath ), aber
diese kannten wir bereits von unserem anderen Sohn, Michael, und waren ihnen gegenüber abgeneigt.
Ein Arzt stellte dann zwischen einer betroffenen Mutter und uns einen Kontakt her und somit kamen wir
zu der Doman Therapie. Diese Therapie hat ihren Urspung in Amerika, weitere Institute gibt es
in England und auch in Belgien. Wir hatten das nötige Geld nicht, um aller 3 - 4 Monate diese Reise
anzutreten, damit wir für Thomas ein neues Therapieprogramm, welches dann zu Hause ausgeführt wird,
erstellen lassen zu können . Also kaufte ich mir das Buch " Was kann ich für mein hirnverletztes Kind
tun " von Glenn Doman und erstellte unser eigenes Therapieprogramm für Thomas. Wir nahmen Kontakt
zur Caritas, zur Lebenshilfe, zu Freunden, Verwandten... auf, denn wir benötigten für einige Übungen
3 Personen . Atemmaske, Kreuzmuster, Riechen und Schmecken, Augen anleuchten mit einer Taschenlampe,
Glöckchen klingeln, Ganzkörpermassage mit verschiedenen Materialien, Gleichgewichtsübungen..., das
waren unsere Aufgaben für die nächsten Monate. Diese Übungen wurden mehrmals täglich wiederholt.
Nach einigen Wochen Therapie bekam Thomas BNS - Anfälle. Er reagierte zu stark auf Lichtreize. Er
hatte weit mehr als 100 Anfälle am Tag und bekam dann Medikamente, welche ihn so sehr eindämpften,
das er nicht mehr " mitarbeiten " konnte bei der Therapie. Da die Medis aber auch nicht halfen, beschloss
ich, sie langsam abzusetzen. Unterstützung bei der behandelten Ärztin bekamen wir nicht . Stattdessen
fragte sie uns, welcher Sekte wir angehören, grins. Mit Verringerung der Medis, verringerten sich
auch Thomas seine Anfälle, mit dem Absetzen der Medikamente waren auch seine Anfälle weg (März 1992 ).
Glück, Zufall, ich weiss es nicht!
In dieser Zeit machte Thomas einige grosse Fortschritte. Er
konnte wieder fixieren ( sehen ) (1992 ), begann mit dem Greifen nach Gegenständen, zu sitzen ( Januar
1992 ) und versuchte vorwärts zu kommen, aber es gelang ihm nicht. Also bauten wir unsere Wohnung
um ! Wir brachten Bänder an unserer Wohnzimmerdecke an und befestigten daran Spielsachen, nach denen
er versuchte zu greifen.Wir bauten aus einer Armeeplane einen Drehsack und drehten ihn darin ein,
um sein Gleichgewicht zu schulen und wir bauten ihm aus der Wohnzimmertür eine Gleitbahn (Rutsche),
welche ihm das Robben erleichtern sollte.
Wenn ich heute zurück blicke, in diese Zeit von damals,
bin ich mir sicher, das ich nicht mehr ganz "dicht" war. Ich war ergriffen von dem Ziel, Thomas eines
Tages wieder gesund zu sehen und wenn auch nur eine Übung auf meinem Zettel (Strichliste ) fehlte,
holte ich ihn nochmal aus dem Bett, um die fehlende Übung nachzuholen. Mit Freunden konnte ich längst
nicht mehr normal kommunizieren, alles drehte sich um Thomas seine Therapie. Ich kam durch Thomas
seine Anfälle monatelang nicht mehr aus unserer Wohnung - ich hatte wohl einen echten Wohnungskoller
*schulterzucken*.
Wir schlossen uns der Stufe 8 in Berlin an. Dies ist eine Selbsthilfegruppe
für Betroffene, welche ebenfalls diese Therapie mit ihren Kindern / Partnern / Freunden machten. Man
tauschte sich aus, Gerichtsurteile wurden weiter gereicht - in Deutschland ist diese Therapie noch heute
nicht anerkannt! So erfuhren wir auf diesem Weg, das ein Arzt aus England aller 3 bis 4 Monate nach
Deutschand kommt, um ein Therapieprogramm für den Betroffenen zu erstellen. Somit bekamen wir endlich
fachliche Unterstützung, welche wir jedoch selber finanzieren mussten.
Nebenbei stritten wir mit
der AOK in Halle um die Kostenübernahme dieser Therapie. Wir besorgten verschiedene Gerichtsbeschlüsse,
Gutachten von Ärzten, welche Thomas kannten und die Therapie befürworteten, schrieben und standen
an / in verschiedenen Zeitungen, schrieben an Hannelore Kohl, Familienhilfe und an den Minister für
Soziales in Magdeburg. Die AOK musste jedesmal Stellungnahme beziehen, warum sie die Therapie ablehnen
und immer wieder sagten sie, dass sie es als Einzelfall prüfen wollen, aber abgelehnt wurde es dennoch
immer wieder. Wir luden einige Mitarbeiter der AOK zu uns nach Hause ein, ausserdem einen Arzt
unserer Wahl. Sie sollten sich ein Bild machen können von dem, was wir mit Thomas taten . Sie kamen
und brachten eine Voitatherapeutin mit, welche sich einfach Thomas schnappte und mit ihm begann, nach
Voita zu turnen. Ich sagte ihr, das wir das nicht möchten! Da sie nicht aufhörte, beförderte mein
Mann alle vor die Tür. Mit der Bemerkung, dass wir eines Tages dankbar sein werden Thomas nach Voita
beturnen zu können, da uns eh die finanziellen Mittel für die Doman Therapie fehlen würden, verliess
Herr V. von der AOK in Halle unsere Wohnung. Die Therapie wurde wieder abgelehnt!
Der Arzt
aus England war verhindert, er konnte nicht nach Deutschland kommen, somit mussten wir wieder auf
Suche gehen und landeten dann bei einem Heilpraktiker, welcher aller 2 Monate ein neues Programm für
Thomas anpassen wollte. Er hatte einige Zeit in dem Institut in England hospitiert . Thomas begann
zu robben, zu krabbeln, er konnte wieder gezielt greifen, er konnte wieder sehen, er verstand uns, er
hatte wieder ein Schmerzempfinden und wir konnten ihm wieder feste Nahrung geben. Als wir wieder einmal
in W. waren, meinte der Arzt zu uns, dass wir lieber froh sein sollten, wenn Thomas nicht so schnell
wieder das Laufen erlernen würde, wir würden mehr Stress als Freude haben, da er unsere Befehle nicht
befolgen wird und wir nicht mehr zur Ruhe kämen. Somit fuhren wir auch dort nicht mehr hin, ich erstellte
unsere Therapieprogramme wieder alleine.
Ich hatte verdammt viele Bücher in all den vergangenen
Monaten verschlungen und fühlte mich "stark" genug. Unsere Wohnung glich einer einzigen Therapiestätte,
die freiwilligen Helfer kamen und gingen, selbst an Weihnachten und Silvester zogen wir unser Therapieprogramm
durch, Freunde gab es keine mehr.
Dann beschlossen wir, Thomas stundenweise in einen integrierten
Kindergarten zu bringen. Es tat ihm gut und er fühlte sich dort sehr wohl. In der Sommerzeit machten
wir die Therapie in unserem Pachtgarten und liessen ihn ca.1 km krabbeln. Er wusste, wenn er es schafft,
bekommt er eine Cola und all die Leute in ihren Gärten, an denen er vorbei krabbeln musste, feuerten
ihn an. Wir erklärten geduldig die Fragen der Leute und fühlten uns verstanden. Er begann an einem
Rollator zu gehen (Mai 1992 ).
Fasching im Kindergarten ! Wir zogen Tom morgens zu Hause das
Kostüm an und niemals werden wir diesen Augenblick vergessen! Er lief - alleine ( August 1993 )!!!!
Aber es war auch der Augenblick, an dem wir wussten, das wir beide, mein Mann und ich, am Ende unserer
Kräfte angekommen waren, wir konnten nicht mehr, fühlten uns völlig ausgelaugt, fertig mit der Welt.
Ein grosses Ziel setzten wir uns jedoch noch - die Sauberkeit - und wir sollten noch lange darauf
warten müssen.
Thomas kam in die Schule.( 3 Jahre nach seinem Unfall ) Die Einschulung war
für mich eher ein Horror, ich fühlte mich schuldig, verdammt schuldig, an Tom seinen Unfall und ich konnte
es nicht akzeptieren,das er behindert war / ist. In der Schule gefiel es ihm, er war immer ausgeglichen.
Nachmittags spielten wir mit ihm therapeutisch. Da wir und die Schule mit den "normalen Kloübungen"
nicht weiter kamen, liessen wir tagsüber die Windeln weg und wollten ihn nur des nachts eine anziehen.
Aber er hielt den ganzen Tag über den Urin an und pullerte abends alles in die Windel. Also mussten wir
sie ganz weg lassen. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich zurück denke, wie er wie ein "Suchti"
durch die Wohnung krabbelte und seine Windeln suchte, welche wir weg geworfen hatten . 3 harte Wochen
hat es dann noch gedauert und er war sauber .
Abschliessend kann ich sagen, dass die Therapiezeit
eine verdammt harte Zeit war, aber es hat sich gelohnt, denn wir haben viel erreicht. Wir, mein Mann
und ich, haben uns wohl in dieser Zeit sehr verändert,die Monate / Jahre haben uns geprägt....
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