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Das emotionale Bewusstsein

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von Rüdiger Posth

Teil 3 -  Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein

Einleitung zum neuen Kapitel



Bisher hatten wir uns in der seelischen Entwicklung des Kindes vornehmlich mit der Mutter-Kind-Bindung und den ersten Emotionen bzw. Gefühlen auseinandergesetzt. Dabei stand im Mittelpunkt jenes Phänomen, das wir in der Entwicklungspsychologie mit dem Begriff Mutter-Kind-Dyade belegen. Da es sich bei der Mutter-Kind-Dyade um einen grundsätzlichen und entscheidenden Vorgang handelt, sei zur Erinnerung noch einmal auf seine Bedeutung hingewiesen. Mutter-Kind-Dyade bedeutet, dass sich der Säugling ganz im gefühlsmäßigen Verbund mit seiner primären Bezugsperson erlebt, die nur im Idealfall die leibliche Mutter ist. Insofern ist eine Übereinstimmung mütterlicher und kindlicher Gefühle ein prägendes Geschehen am Beginn des menschlichen Lebens, so wie instinkthafte Vorgänge die "Filialprägung" bei den Vögeln und Säugetieren erzeugen.

Die primäre Bindung der Säuglinge an die Mutter bedeutet aber nicht, dass der Säugling kein Empfinden davon hätte, ein eigenes, leibliches Wesen zu sein. Seine grundsätzlichen Empfindungen überhaupt zu existieren erwachsen ihm aus der Wahrnehmung der Reize, die von seinen Wahrnehmungsdetektoren, den Empfindungsrezeptoren, über die verschiedenen Körper- und Kopfsinne seinem Gehirn zugeleitet werden. Diese bewirken das sogenannte Körper-Ich, von dem bereits die Rede war. Neuere neuropsychologische Studien (A. Damasio, Descartes´ Irrtum, 1997) meinen sogar schon einen Ort für diese Grund- oder Hintergrundsempfindung, wie Damasio es nennt, im menschlichen Gehirn ausmachen zu können, nämlich die Körperfühlsphäre bzw. die somatosensorische Hirnrinde mit ihren benachbarten Sekundärstrukturen und der sog. Inselregion, und zwar in der rechten Großhirnhemisphäre. Eine spätere Schädigung dieses Hirnabschnittes führt nämlich zu merkwürdigen Ausfällen des Selbstgefühls und des damit verbundenen Sozialverhaltens. Außerdem entwickelt sich eine Unfähigkeit, Krankheiten oder Schädigung des eigenen Körpers real wahrzunehmen (Anosognosie).

Zurück zum Säugling: Der Säugling empfindet also die Mutter-Kind-Einheit aus seiner Sicht immer etwas zwiespältig wie eine widersprüchliche Botschaft von Empfindungen, einerseits in der Mutter gleichsam aufzugehen, andererseits ganz eigene Gefühle aushalten zu müssen und zu können. Dieser Zwiespalt entsteht v.a. in jenen Momenten, in denen die Mutter per Physiognomie und Gestik etwas ganz anderes auszudrücken scheint, als er selbst gerade empfindet (Affekt-Interferenz). Immer dann aber, wenn der Säugling spürt, dass gerade das, was sich in ihm als Bedürfnis bemerkbar macht, z.B. Hunger im Bauch, Nässeempfinden im Windelbereich oder Unheimlichkeit in der Seele, auch zugleich von der Mutter wahrgenommen und durch ihr adäquates Handeln ihm befriedigt wird, immer dann schwindet für einen Moment der Empfindungszwiespalt, und es stellt sich so etwas wie eine Glückseligkeit ein (Affekt-attunement nach D.Stern, Die Lebenserfahrung des Säuglings, 1992). In solchen Augenblicken wird vermutlich ein Schwall von Endorphinen (sog. Glückshormonen) durch sein Gehirn fließen und werden Neurotransmitter (Botenstoffe) wie Serotonin und Dopamin dafür sorgen, dass eine Unzahl an synaptischen Verknüpfungen seiner Hirnnervenzellen den Gefühlstransport in angenehmster Weise zu den entsprechenden Zentren herstellt. Das Ergebnis wird eine Vermehrung positiver Erfahrungen in seinem Erinnerungsspeicher sein, welcher in bestimmten Hirnrindenabschnitten repräsentative Engramme (Einprägungen) bildet. Die Mutter-Kind-Einheit erscheint perfekt.

Das funktioniert natürlich nicht immer so. Im Gegenteil: In vielen Momenten des Alleingelassenseins und des erzwungenen Bedürfnisaufschubs werden Gefühle mit ganz anderen Vorzeichen in seinem Gehirn transportiert, und die sorgen dann dafür, dass der auf sich selbst und sein Dasein bezogene Zwiespalt im Säugling (s.o.) wieder anwächst und das wahre Getrenntsein von der Mutter seine Schatten voraus wirft. Für diese Gefühle sind wahrscheinlich andere Schaltstellen und Botenstoffe zuständig, wie z.B. Noradrenalin mit bestimmten Rezeptoren, oder auch Adrenalin, Substanzen also, die sehr stark auf das Neuropeptid Cortico-Releasing-Hormon (CRH) ansprechen und die Gefühlszentrale für solche Negativempfindungen, nämlich die Amygdala (Mandelkerne) anfüllt. Solche Augenblicke würde man landläufig als negativen Stress bezeichnen, und gerade diese Art von Stress ist es, die sich so schädlich auf die Ausdifferenzierung (Spezialisierung) der Hirnnervenzellen auswirkt. An Tiermodellen konnte z.B. in der Neurobiologischen Abteilung der Universität Magdeburg gezeigt werden, dass einem solchen Stress ausgesetzte Säugetiere (Degusratten, wegen ihres hohen Sozialverhaltens), erzeugt durch regelmäßige Trennung von Muttertier und ihren Jungen eine Zeitlang nach der Geburt, sich bestimmte Hirnregionen insgesamt schlechter entwickelten und die Tiere deutliche Probleme in Bezug auf ihr späteres Explorationsverhalten (Erforschungsdrang) in neuer Umgebung zeigten. Sie waren schlichtweg schlechter lebensfähig als ihre Geschwister aus der Vergleichsgruppe. Weiter unten werde ich diese Untersuchung noch etwas genauer besprechen.

Ein wohl dosiertes Maß dieser negativen Erfahrungen ist aus anderen Gründen für die Entwicklung trotzdem wichtig. Allerdings genügt es absolut, wenn seine Größenordnung auf das Unvermeidbare beschränkt bleibt, denn das Ziel der Entwicklung ist ja ohnehin die Auflösung der Dyade und der Aufbruch in die Selbständigkeit. Auf welche Weise das geschieht, davon wird in diesem Kapitel die Rede sein. Es handelt sich hierbei also nicht um einen Widerspruch der Grundvoraussetzungen, sondern nur um die ungeheure Geschicklichkeit, mit der die Natur fördernde und bremsende Impulse auf die Entwicklung vereint.

Also sollten wir noch einmal festhalten, dass es keinen logischen Grund dafür gibt, die Mutter-Kind-Dyade vorzeitig aufs Spiel zu setzen oder gar zu sprengen, sondern dass es ganz im Gegenteil zahlreiche Gründe dafür gibt, die Mutter-Kind-Dyade nach Leibeskräften zu unterstützen. Denn es macht sehr viel Sinn, das sich an früheste Gefühle erinnernde menschliche Gehirn mit positiven Grundemotionen zu füttern und nicht von vornherein einem negativen Stress zu unterziehen.

Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man also mit einigermaßen großer Sicherheit sagen, dass ein positiv einstimmendes, emotionales Grundpolster im Leben eines Menschen eine solide Basis dafür abgibt, den konflikthaften Entwicklungen in seiner weiteren Sozialität besser gewachsen zu sein. Dass solche Konflikte unausweichlich kommen werden, davon wird im Folgenden zu sprechen sein.

Diese zuletzt ausformulierte These begründet neben der mehrfach genannten Bindungstheorie den zweiten Pfeiler der seelischen Reifung des Menschen zu einem ausgewogenen Sozialwesen. Dabei geht die Vorstellung von dem Ineinandergreifen der ersten, ganz frühen Gefühle des Menschen (der primären Gefühle) dahin, dass deren ursprünglich negative, schädliche Gefühlskomponenten wie Unheimlichkeit, Bedrohung und Angst beim Säugling durch eine gute emotionale und soziale Aufeinanderabstimmung mit der primären Bezugsperson überwiegend getilgt werden und einer Art Gefühlskaskade von schlecht nach gut oder unangenehm nach angenehm Platz macht. Das Ziel dieser wertsetzenden Emotionskaskade ist die Konstitution des persönlichen Willens als der eigentlichen Überlebenskraft in der von der primären Bezugsperson losgelösten selbstständigen Persönlichkeit eines jeden Menschen. Die Mutter-Kind-Dyade ist also von vornherein konzipiert als ein passageres (vorübergehendes) Sozialprogramm im ersten Lebensjahr.

Ich möchte diese These gern als emotionale Integrationstheorie zusammenfassen. Sie soll besagen, dass in der emotionalen Ausgestaltung der Mutter-Kind-Dyade der Grundstein gelegt wird für die Ausformulierung des persönlichen Selbst als Ergebnis der vom Willen gesteuerten Überwindung jener anfänglich scheinbaren Verschmelzung mit der primären Bezugsperson. Positive Empfindungen fördern diesen Prozess, negative wirken hinderlich oder bremsen ihn völlig. Die Loslösung gelingt also um so leichter und konfliktfreier, je mehr ursprüngliche negative Gefühle in positive umgewandelt werden konnten. Sagen wir einfach, das glücklichere Kind ist das freiere, das gelöstere im wahrsten Sinne des Wortes. Dieses Kleinkind, das wir als sicher gebunden in der Fremde-Situation (s.o.) erkennen, wird mehr von seinen Charakteranlagen zeigen können, wird authentischer sein und wird stabilere Selbstanteile entwickeln.

Wie können wir diese Vorstellungen nachweisbar machen? Zunächst soll auf die Tatsache aufmerksam gemacht werden, dass zwischen Säugling und Mutter in einer durchschnittlichen (Tages)Episode mit face-to-face-Interaktion (mimisch-gestischer Gefühlstransfer) pro Minute etwa 8,5 emotional relevante, mimische Veränderungen und Affektsignale ausgetauscht werden (referiert. nach E.Lemche, "Emotion und frühe Interaktion", 2002, S.20). Des Weiteren steht zur täglichen Beobachtung an, was der Emotionswissenschaftler E.Lemche den regulierenden Affektaustausch zwischen Mutter und Kind unter dem Aspekt des Spannungsauf- und abbaus bezeichnet, nämlich den intradyadischen "Appropriations-Interaktionsmodus" (übersetzbar vielleicht mit Annäherungsverständigung) beim kleinen Säugling.

Auf dieses weitgehend unbewusste Geschehen im ersten Lebensjahr folgt dann das mimisch, gestische Rückversichern bei der Mutter ("sichere Basis", s.o.) aus der Distanz heraus des sich fortbewegenden einjährigen Kleinkindes als Referenzierungs-Interaktionsmodus (Rückversicherungsverständigung). Beide recht komplizierten Begriffe sollen zum Ausdruck bringen, dass es einen vorverstandlichen, eng aufeinander abgestimmten Affektaustausch zwischen Säugling und primärer Bezugsperson gibt, welcher die Emotionen (in der aufgezeigten Kaskade), wie die explorativen (auskundschaftenden) Entwicklungsschritte, nämlich Neugier und Interesseverhalten stark beeinflusst. Diese Vorgänge, die kaum je exakt messbar sind, sind die Motoren des Emotionsaustausches in der Mutter-Kind-Dyade und darüber hinaus in der Phase der Loslösung. Den Nachweis der emotionalen Integrationstheorie werden wir einstweilen also nur in der jeweils sich fortsetzenden, psychosozialen Entwicklung eines Kindes erkennen können, wenn nämlich die Auswirkungen der appropriativen und referenziellen Interaktion (s.o.) in der Gestaltung des Selbst langsam offensichtlich werden.

Eines Tages wird man dann wahrscheinlich in bestimmten Hirnabschnitten (als dort gespeicherte Repräsentationen des Erlebten) durch bildgebende Verfahren der Hirnstrukturen genauere Aussagen über die neurobiologischen Auswirkungen all dieser frühkindlichen interpersonellen Abläufe machen können.

Wenn wir hier von zwei Grundpfeilern der seelischen Entwicklung eines jeden Menschen gesprochen haben, nämlich Bindungstheorie mit Mutter-Kind-Dyade und Loslösung, sowie emotionaler Integrationstheorie mit Gefühlskaskade von Negativ zu Positiv, unterschlagen wir heimlich eine dritte Grundvoraussetzung. Ich meine die der Selbstentwicklung als einem in sich geschlossenen System. Im übernächsten Unterkapitel soll dieses Thema ausführlich besprochen werden. Der Vollständigkeit halber soll hier aber schon gesagt werden, dass sich meiner Auffassung nach das Selbst eines Menschen auf dem Boden eines genetischen Programms entfaltet, und zwar ausgehend von der schlichten Grundempfindung zu existieren hin zu einer individuellen, persönlichen Daseinswahrnehmung. Oder anders gesagt, das Selbst fußt auf seiner Körperempfindung und gipfelt in den "Phantasien" zur eigenen Existenz, rein persönlich wie sozial. So betrachtet geht in die Selbstentwicklung jener sehr persönliche Anteil eines Menschen ein, den wir seine charakterliche Anlage nennen. Wie dessen Ausgestaltung jedoch ausfällt, das hängt größtenteils wiederum von seinen individuellen Bindungserfahrungen und seiner persönlichen emotionalen Integration ab.

Loslösung und erster Trotz (das Gefühl des Willens)



a) der Wille
Werden wir wieder ein wenig konkreter und damit anschaulicher. Wie begegnet uns der knapp einjährige Säugling im alltäglichen Geschehen? Neben seiner statomotorischen Entwicklung, die die Reifung vom liegenden, sich drehenden, robbenden zum sitzenden und krabbelnden, dann stehenden und laufenden menschlichen Wesen vollzieht, prägen drei weitere Eigenschaften sein Auftreten und Benehmen. Erstens seine auskundschaftenden und entdeckerischen Fähigkeiten im ersten Spiel, zweitens seine Sprache und drittens seine ersten klaren, willentlichen Bekundungen. Sprechen wir hauptsächlich von diesen letzteren, denn in dieser Abhandlung geht es ja in erster Linie um die emotionale Entwicklung.

Die ersten willentlichen Reaktionen beim Säugling nehmen alle Eltern bei Ihren Säuglingen auf dem Wickeltisch oder im Hochstühlchen wahr, wenn er sich nicht mehr wickeln lassen möchte oder beim Füttern den Mund zusammenkneift. Die meisten Menschen glauben aber schon viel früher, nämlich in den ersten emotionalen Äußerungen des Säuglings, so etwas wie einen Willen zu erkennen. Nach den von mir ausgeführten Ansichten müssen wir das für falsch halten. Daher noch einmal zur Erinnerung: die Bedürfnisäußerungen des kleineren Säuglings darf man nicht schon als deren Willensbekundungen interpretieren, sondern muss sie in ihrem affektiven Ausdruck als ein dringendes Streben nach Befriedigung werten. Insofern sind die kleinen Säuglinge auch nicht verantwortlich zu machen für die Art dieser Bekundungen, die je nach Charakteranlage und Temperament mal heftig und "aufschubintolerant" erscheinen, mal geduldig und genügsam. Der eigentliche Wille beinhaltet dagegen ein absichtsvolles, individuell ausgerichtetes, planvolles Handlungsbedürfnis, dessen Ziel und Erfolgschance geistig vorweggenommen werden. Alle diese, den Willen im Grundsätzlichen charakterisierenden Eigenschaften treffen jedoch auf den kleinen Säugling nicht zu (obwohl es vordergründig so wirkt)! Absichtsvoll hieße nämlich in ganzer Klarheit über die Wirkung des Gewollten, was ein folgerichtiges und Zeit bestimmtes Denken voraussetzt. Individuell ausgerichtet hieße auf sich selbst und sein Ich bezogenes Denken, was im Rahmen der Leih-Selbst-Situation (s.o.) in dieser Entwicklungsphase noch nicht möglich ist. Planvoll vorgehen hieße begrifflich-logisch vorkonzipiert, was rein geistig noch gar nicht möglich ist. Gerade dieser letzte Faktor wird in absehbarer Zukunft sogar beweisbar sein durch die bildgebenden Untersuchungsverfahren der menschlichen Hirnfunktionen, denn man weiß in etwa, wo genau im Gehirn diese planerischen Vorstellungen regelmäßig erzeugt werden. Durch geeignete Tests sind solche Zonen in der Hirnrinde z.B. in der Positronen-Emissions-Tomographie oder der funktionellen magnetischen Resonanz-Tomographie in Verbindung mit dem EEG-brain-mapping (elektrophysiologische Kartierung des Gehirns) schon heute darstellbar.

Neben die genannten Eigenschaften des Willens stellt sich mit der Zeit ein weiteres, wesentliches konzeptionelles Element, das ebenfalls vom Säugling und kleinen Kleinkind nicht beherrscht wird. Es muss immer besonders herausgestellt werden, denn es erfordert noch wesentlich mehr geistige Fähigkeiten im menschlichen Gehirn, als bisher genannt. Ich meine das Phänomen der Entscheidung. Entscheidung ist nicht der Anfang, sondern das Ende des Willensprozesses. Jede willentliche Vorstellung oder Idee schließt ab mit der Entscheidungsfindung, soll das Gedachte nun getan werden oder Vorstellung bzw. Phantasie bleiben. Um diesen Vorgang in reifer Form vollziehen zu können, bedarf es des Verständnisses zweier, vollständig getrennter, innerer Welten im Gehirn. Zum einen der Sinnesspiegel der realen, äußeren Welt in Form von inneren Bildern oder den sogenannten Repräsentationen und zum anderen das Kaleidoskop der in den Neuronen (Hirnnervenzellen) generierten oder erzeugten, rein inneren, nennen wir sie hier Phantasie-Welt, welche letztlich immer irreal bleibt. Das Begreifen solcher geteilter Geistigkeit im eigenen Gehirn ist eine Aufgabe der gesamten Kindheit und wird erst in der Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens) vollständig erfahrbar (Stichworte: magische Phase, Phantasiegestalten, Rollenspiel als Geschehen in der Phantasiewelt usw.). Es kann demzufolge noch kein Wille sein, was der kleine Säugling in den ersten Lebensmonaten äußert. Nennen wir es zur sicheren Unterscheidung einfach nur Bedürfnisäußerung. Diese Bedürfnisäußerung ist hauptsächlich vegetativ und über bedingte Reflexe gesteuert und vom Willen eben nicht beeinflussbar, d.h. auch nicht im Sinne einer Kontrolle oder Zurücknahme. Wenn der kleine Säugling also schreit, schreit er nicht, weil er etwas "will", sondern weil sich in ihm "ein Bedürfnis regt", das dringend befriedigt werden muss und nicht vom eigenen Willen kontrolliert werden kann! Allein die Befriedigung kann Abhilfe schaffen. Ich halte das für ein Naturgesetz. (Diese Position möchte ich auch als einen gewissen Gegensatz zu der seit einigen Jahren propagierten Regulationsstörungstheorie verstanden wissen).

b) die Konditionierung und das Gewöhnen
Das also müssen wir Erwachsenen bedenken, wenn wir auf das lautstarke Begehren eines Säuglings eingehen oder aus "erzieherischen" Gründen einmal nicht eingehen wollen. Es hat dem Gesagten zufolge aber keinen Sinn, bei einem kleinen Säugling Bedürfnisaufschub erreichen zu wollen, in dem man ihn in kleinen Dosen immer länger schreien lässt, bis man ihm endlich Befriedigung gewährt. Dieses auf Konditionierung fußende Erziehungsprinzip ist wahrscheinlich einer der größten Fehler, den Menschen an ihren jüngsten Nachkommen begehen können. Selbst wenn durch Konditionierung ein Erfolg hinsichtlich des Verhaltens beim Säugling sichtbar wird, ist er immer auf Kosten seiner gesunden emotionalen Entwicklung zustande gekommen, denn die Frustration und der negative Stress, die gemeinsam den Konditionierungseffekt bewirken, haben sich, wie wir oben gesehen haben, äußerst ungünstig auf seine weitere Hirnentwicklung ausgewirkt.

Wenn wir hier von Konditionierung sprechen, tun wir das in dem Wissen, dass Konditionierung alles andere als ein Lernprozess im höheren, geistigen Sinne ist. Denn Lernen heißt verstehen, nachvollziehen und der Vernunft hinzufügen, sofern der Lerninhalt positiv zu bewerten ist. Kein Säugling besitzt solche Fähigkeiten. Es fehlt ihm auch vollkommen die Möglichkeit zur moralischen Wertung des Geschehensinhalts, also ob und dass es nun gut ist oder (doch) schlecht, sich dem Druck zu unterwerfen und sich nach den Wünschen der Anderen zu richten. Wie man sieht, ist es also mit dem Lernprozess bei einem Säugling und auch Kleinkind viel komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Wenn also Konditionierungsprozesse, und zu dem Schluss gelange ich hier, sich von der Sache her verbieten, sind sie doch Gewöhnungsprozesse bei alltäglichen Vorgängen im Säuglingsleben. Gewöhnung ist sogar ein die Gefühle und Affekte regulierender Faktor. Aber sie ist immer nur dann erlaubt, wenn sich ein positives Ergebnis im Erleben für den Säugling daraus ergibt und die Gewöhnung sanft und einfühlsam ist. Z.B. basiert jedes "Ritual" (zur Förderung des abendlichen Einschlafens oder später des "anständigen" Essens) auf den Grundlagen der Gewöhnung. Was wir in diesem Zusammenhang aus der emotionalen Integrationstheorie ableiten können, ist die Tatsache, dass solche negativen Konditionierungsprozesse, und jetzt auch jeder schlechte Gewöhnungsprozess (z.B. als Vernachlässigung), gegen den sich ein Säugling allerdings durch Schreien intuitiv wehren würde (die Erwachsenen, die Eltern tragen hierfür die Verantwortung!), einen Verlust an positiven Gefühlen anrichten und die Vermehrung von negativen Gefühlen hervorrufen würde. Die Auswirkungen dessen erlebt man aber nur bei extremer Negativaussetzung sofort, die subtileren Formen der Säuglingsvernachlässigung oder -missachtung treten erst sehr viel später in Erscheinung, wenn sich nämlich das Selbst im Kleinkind entfaltet. Darauf kommen wir weiter unten an geeigneter Stelle zurück.

Ein allen Eltern bekanntes Argument, das häufig gegen zu frühes Reagieren auf die Bedürfnisäußerung des Säuglings vorgebracht wird, ist das des Verwöhnens. Aber wie bei der Konditionierung ist auch diese Behauptung einer Verwöhnung schnell mit den selben, oben genannten Gegenargumenten zu entkräften. Die im Verwöhnen behauptete Ausnutzung elterlicher Güte zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, d.h. die persönliche Vorteilsnahme durch den Säugling entgegen den legitimen Rechten und Bedürfnissen der Eltern, verliert ihre Grundlagen in identischer Weise in der noch unreifen geistigen Welt der kleinen Säuglings. An anderer Stelle soll das noch einmal Thema werden. Wenn es aber nun kein Wille ist, was den Säugling in seinen Bedürfnissen leitet und ihn so beharrlich, ja oft dramatisch schreien und/oder sich wehren lässt, was ist es dann? Mit der Antwort hierauf nehmen wir wieder den Faden in der Entwicklung zu Wille und Trotz auf.

Neben der Urangst, auf die wir im ersten Kapitel ausreichend eingegangen sind, ist es nämlich das Gefühl der Wut, das bereits beim Säugling mit sehr starken Affekten in Erscheinung tritt. Auf die Wut hatte ich auch schon ganz am Anfang im Kapitel über das Schreien hingewiesen und sie als erstens, rein sozial-interaktiv geprägtes Gefühl beim kleinen Säugling herausgestellt. D.h. Unheimlichkeit und Angst fühlt ein Säugling aus sich heraus und auch Glücksmomente bis zu einem gewissen Grade, wenn auch zeitbegrenzt und flüchtig. Wut jedoch empfindet er nur, wenn seine primäre Bezugsperson ihm die Bedürfnisbefriedigung verweigert. Diese Wut ist zunächst Affektabwehr, sie ist in der Art des Schreiens erkennbar und kann und sollte zur emotionalen Beruhigung durch die Bindungsperson führen. Je nach Temperament und Charakteranlage führt sie aber bei Nichtbeachtung über kurz oder lang zur inneren Not, Angst und schließlich zur Panik (der Missachtung unterworfen zu sein). Jetzt entsteht schnell ein Teufelskreis, denn die immer dramatischer werdenden, affektiven Reaktionen des in Panik geratenen Säuglings, wieder ausgedrückt im Schreien, werden vom Erwachsenen für zunehmende und inadäquate Wutäußerungen gehalten. Diesen meint dann der Erwachsene, mit eigener Wut und Konsequenz im Verhalten gegensteuern zu müssen. Misslingt ihm das aber, kann eine solche Situation leicht einen Misshandlungswunsch in ihm hervorrufen. Das Schütteln der Babys ist eine häufige und sehr gefährliche Reaktion. Aber auch brutale Gewalt mit Todesfolge kommt vor.

Die damit verbundenen Anspannungen im eigenen Inneren werden auch von dem Erwachsenen nicht als angenehm empfunden. Die meisten beschreiben ihr Gefühl als große Hilflosigkeit und immense Wut. Aber beide Gefühle richten gegen ein absolut abhängiges, von Angst erfülltes und gänzlich unwillentlich reagierendes Menschenwesen. Warum sollte (aus der Sicht des Säuglings) aber Angst nicht sofort abgewendet werden, Hunger und Durst nicht sofort gestillt, Schmerz nicht unmittelbar beseitigt? Warum sollte dem Urbedürfnis des Getragenwerdens oder Schaukelns nicht Rechnung getragen und der Neugier und dem Interesse nicht entgegengekommen werden? Warum sollte dagegen Schlaf einsetzen, wenn keine Müdigkeit besteht oder Überreiztheit eingesetzt hat, warum Nahrungsaufnahme geduldet, wenn kein Hunger vorhanden ist, oder vielleicht sogar Bauchschmerzen (Kolikproblematik) bestehen?

c) von der Wut zum Widerstand
Unvermeidbar sind selbstverständlich die kleinen, alltäglichen Pannen im interaktionären Verhältnis von Eltern und Säugling, und die führen notwendigerweise zum "Warnruf" des schwächeren Partners, nämlich des Säuglings, als Ausdruck der Wut. Wut erspart dem Säugling erst einmal die Verdrängung des unliebsamen Gefühls und dient der eigenen "Affektabwehr" (=Emotionsbewältigung), sowie der Regelung der sozialen Bezüge. Denn so reagieren die Bezugspersonen schneller und zuverlässiger. Auch die Wut gehört somit zum Appropriations-Interaktionsmechanismus in der Mutter-Kind-Dyade, wie es E. Lemche (s.o.) benennt. Wut muss dem zufolge aber richtig verstanden und "bedient" werden, und zwar in dem die Eltern das natürliche Verlangen nach sozialer Regulation beachten; damit kein Teufelskreis, wie oben ausgeführt, entsteht. Aus dem Wutgefühl nun, das somit natürlich jeder Säugling kennt, entwickelt sich im aufkommenden Willen auch das Bedürfnis nach Widerstand gegen mütterliche Aktionen wie Wickeln oder Füttern, vor allem im "falschen" Moment. Da sich in diesem fortgeschrittenen Säuglingsalter inzwischen auch deutliche Loslösungstendenzen aus der Mutter-Kind-Dyade bzw. der primären Bindung bemerkbar machen, kommt den Eltern dieser Widerstand wie ersten absichtsvolles Handeln vor.
Das rührt daher, dass sich in dieser Phase Neugier und Interesse beim Säugling (als fortgeschrittene kognitive Entwicklung) mit ersten Willensäußerungen (als fortgeschrittene emotionale Entwicklung) verbinden, und diese Reifungsschritte über den Widerstand gegen die mütterlichen Handlungen als notwendiges Loslösungsphänomen zutage treten. Was wir Erwachsenen hier also im Säuglingsverhalten feststellen, sind demzufolge tatsächlich erste intentionale (absichtsvolle) Aktionen. Da dabei das Loslösungsbestreben beim Säugling mehr und mehr erkennbar wird, was sich sowohl motorisch in seinen Fortkrabbeln oder Fortlaufen äußert, als auch geistig in Form von Gegenstände eigenständig greifen, untersuchen und wieder fortwerfen, oder Dinge auf ihre funktionellen Möglichkeiten hin untersuchen, erscheint dieser fundamentale Entwicklungsschritt wie ein ständiges Abwehren von irgend etwas. Diese Wehr entspricht aber keineswegs immer einer grundsätzlichen Verneinung der beim Säuglng durchgeführten, pflegerischen oder "erzieherischen" Handlungen durch die Eltern, sondern überwiegend einer Formulierung seiner ersten eigenen, willenhaften Bestrebungen und Handlungen.
Versteht man als Eltern das nicht und fühlt sich durch sein Kind herausgefordert, erliegt man im Grunde einem Missverständnis in der appropriativen Interaktion (Lemche, s.o.). Dieses Missverständnis kann ungünstige Folgen in der fortgesetzten emotionalen Entwicklung nach sich ziehen, vor allem dann, wenn man meint, als Eltern jetzt endlich mit erzieherischen Maßnahmen einsetzen zu müssen. Im Machtkampf, der daraus entsteht, unterliegt über kurz oder lang selbstverständlich das Kind, was in ihm eine Enttäuschung seines Vertrauens auf die bald als primäre Bezugsperson scheidende Mutter hervorruft und eine Schwächung des langsam aufkeimenden Selbst. Doch davon später.

d) der Drang und das Beharren
Wichtig an diesem Punkt der Entwicklung ist es zu vermerken, dass der anfängliche Wille aus Gründen der bis dahin noch nicht vollständig vollzogenen Loslösung und des dadurch noch unfertigen Ich nicht der Kontrolle der eigenen Persönlichkeit unterliegt, sondern sich gleichsam frei im Kleinkind entfaltet und in seinen Auswirkungen oftmals mehr einem Zwang gleicht als einem entscheidungsmächtigen Willen. Beispiele für diese zwanghafte Komponente im Willen gibt es zahlreich, z.B. dass der Säugling/das Kleinkind auf einer bestimmten Abfolge beim Essen besteht oder "ausrastet", wenn die Schuhe nicht nebeneinander an der richtigen Stelle stehen oder das abendliche Heimkehren des Vaters nicht dem gewünschten Wiedervereinigungs-Schema entspricht. Die Liste hierzu ist ellenlang und alle Eltern wissen davon zu berichten. Als Eltern versteht man häufig nicht, was da in dem eigenen Kind vor sich geht und man hält die damit verbundenen frühkindlichen Reaktionen für Übellaunigkeit oder bockige, resp. zickige Anwandlungen.
Diesen Erfahrungen mit dem frühen, kindlichen Willen zufolge möchte ich den noch "unfertigen", von keinem eindeutigen Ich beherrschten Willen gerne als Drang bezeichnen, wobei der Begriff Drang hier auf das schon eigenmächtige Tunwollen abheben soll bei aber noch nicht klar definierter Ich-Kontrolle. Der Drang äußert sich in dem hinlänglich bekannten, nicht unabwendbaren "Beharren". Diese Vorstellung einer Entwicklung des Willens aus den Drang heraus wird unterstrichen, ja geradezu erzwungen durch die oben ausführlich genannten geistigen Beschränkungen, denen der Säugling und das Kleinkind noch unterliegen (unzureichende Logik, mangelhafte Planung, fehlendes Zeitkonzept, Unfähigkeit zur Entscheidung). Die Unabwendbarkeit der einmal vom Kleinkind initiierten und begonnenen Hnadlung beschwört so manchen Konflikt im alltäglichen Umgang herauf, und deren autoritäre Unterbrechung durch die Eltern führt so manches Mal zu einem schmerzlichen Tränenausbruch beim Kind. Das kommt daher, dass es dem Kind keineswegs immer nur um den sinnvollen Vollzug der Handlung geht, sondern oft genug um das Handeln selbst als eigenständiges Unternehmen und Erfahrungsvermehrung in der Frage der persönlichen Authentizität.
Insofern ist das unterbrechende Eingreifen durch die Eltern auch mehr als nur ein Verbot einer unliebsamen, manchmal auch gefährlichen oder schädlichen Unternehmung. Vielmehr ist es zugleich auch immer eine Schwächung der eigenen Selbstentfaltung. Schwächung der eigenen Selbstentfaltung wird dann später im verbalisierten Kommunikationsaustausch das, was wir persönliche Kritik nennen und was bei schwachem Selbstbewusstsein vom Kritisierten schnell als Kränkung aufgefasst wird. Daher ist es in diesem frühen Stadium wichtig, abgesehen von tatsächlich selbstgefährdenden Manövern, das Kind in seinem Schaffensdrang nicht zu behindern; es vielmehr zu unterstützen, zu bestätigen und allenfalls liebevoll zu korrigieren. Völlig falsch erscheint es mir, in diesem Stadium schon davon zu sprechen, dem Expansionstrieb des Kindes "Grenzen setzen" zu müssen, damit es früh an solche Einschränkungen gewöhnt wird und diese später toleriert. Eher das Gegenteil wird der Fall sein. Diesen scheinbaren Widerspruch werden wir im Rahmen der Selbstbehauptung richtig verstehen lernen.
Ein weiteres wichtiges Element der vorübergehenden Zwanghaftigkeit soll nicht unerwähnt bleiben. Das Kind ist in dieser Entwicklungsphase noch vollständig überwältigt von der Menge der Dinge und Geschehnisse. Unfähig dieses "Chaos" zu sichten und zu ordnen, versteift es sich auf einige Vorgänge und Prinzipien, welche quasi prototypisch eine Ordnung in seinem Kopf herstellen (repräsentieren). Natürlich will es nun, dass diese frisch hergestellt Organisation der Umgebung auch unbedingt so erhalten bleibt. Und dieses Bedürfnis nach Ordnung sollte Untersützung finden. Angeboren zwanghafte Charaktere behalten diesen unabweisbaren Drang ihr Leben lang bei, bis hin zu pathologischen Auswüchsen.

e) das "Nein" und der Beginn der Erziehung
An diese Stelle passt die Besprechung jenes wichtigen Geschehens am Anfang des zweiten Lebensjahres, das mit dem entscheidenden Wörtchen "nein" verbunden ist. Der begriffliche Inhalt von "nein" wird vom Kind nicht sofort erfasst. Seine kognitiven (wissensmäßigen) Voraussetzungen reichen noch nicht aus, in dem Wort "nein" symbolhaft das Verbot zu erkennen. Dieses reicht von der Aufforderung zum Handlungsabbruch, über die Handlungskorrektur (aus Gründen allgemeingesellschaftlicher Ansichten) bis zur Schutzfunktion seiner eigenen Person. Dagegen empfindet das Kind die verbale elterliche Reaktion auf das eigene Handeln eher als ein neues Spiel, wie zuvor vielleicht das Geben und Nehmen oder das Herunterwerfen und Aufheben, nur jetzt mit etwas anders definierten Spielregeln. Die neuen Regeln des Spiels lauten jetzt Agieren und Reaktion, Handeln und Verhinderung, was durchaus seinen entwicklungspsychologischen Sinn hat, denn Handeln als Ausdruck fortgeschrittener kognitiver Reife und Verhinderung als erste Regelsetzung durch die "Gesellschaft", hier im kleinsten durch die Eltern, ist der Ausgangspunkt der einsetzenden Selbstentfaltung im Gesamtrahmen der Loslösung.

Also wird ein Kleinkind, sagen wir mit gut eineinhalb Jahren, z.T. auch schon früher, das "Nein" seiner Eltern zunächst als Bestärkung auffassen, ja auffassen müssen, sein begonnenes Tun zu Ende zu führen und nicht als dessen Begrenzung. Da die Natur nun den anfänglichen Willen nicht gleich mit der Selbstkontrolle verbinden kann (s.o.), und der frühe Wille daher mehr ein Drang und ein Beharren als ein Entscheiden ist, wird in dieser und in ähnlichen Situationen das Kleinkind immer wieder dasselbe tun, was die Eltern gerade verboten haben, und es wird auf diese Wiese immer mehr Selbstempfindung genießen. Daher strahlt oder lächelt es, während es wieder und wieder das Verbot scheinbar übertritt.

Ohne Verständnis dieser Zusammenhänge sind die Eltern natürlich genervt und werden versuchen, durch zusätzliche Aktionen zum Wort "nein" dessen inhaltlichen, symbolhaften Charakter, zu unterstreichen. Automatisch setzen die Eltern zunächst die Mimik ein, die verbunden mit dem "Nein!" bedrohlich erscheinen soll (böse), oder, wenn auch das nichts mehr hilft, wird der Körpereinsatz benutzt, welcher das Kind vom Objekt endgültig trennt (oder das Objekt vom Kind durch Wegnehmen). Ein solcher Körpereinsatz wird in vielen Fällen sicher gerechtfertigt sein, wenn das Kind oder das Gegenstandsobjekt geschützt werden müssen, er muss aber sanft und verständnisvoll geschehen und mit beruhigenden Erklärungen verbunden sein. Trotzdem wird das Kind im Einzelfall heftig gegen diese "gewaltsame" Unterbrechung seines Vorhabens protestieren und laut zeternd oder sogar um-sich-schlagend seine Verteidigung demonstrieren. Auf diese einfache und überzeugende Weise werden zwei Dinge erreicht: Erstens lernt das Kind den symbolhaften Inhalt des Wortes "nein" und damit die erste Regelsetzung in der gesellschaftlichen Kommunikation. Das ist unabdingbar wichtig für sein späteres Agieren in der menschlichen Gesellschaft. Zweitens wird der Selbstentfaltung ein Regulativ entgegen gesetzt, welches im Gewährenlassen ihre Expansion (Ausdehnung) zulässt und im Unterbrechen ihre notwendige Einschränkung durchsetzt. Dadurch wird die elterliche Reaktion nun zu einem für die Gesamtpersönlichkeit entscheidenden Steuerungsinstrument, welches demzufolge in großem Verantwortungsbewusstsein eingesetzt werden sollte.

An dieser Stelle muss eine Warnung ausgesprochen werden. Überstarke, gar autoritäre oder gewalttätige Formen der Einschränkung (z.B. auch das "Auf-die-Finger oder den Po-schlagen") sind schädlich für die Selbstentwicklung des Kindes und schwächen das spätere Persönlichkeitsbild im Kindergarten- und Schulkindalter. Das absolut emotional gesteuerte Kleinkind fasst eine solche Grenzsetzung überwiegend als Kränkung, ja als Ablehnung seiner Person auf. Jede offenkundige Ablehnung des Kindes unterminiert aber die Bindung und beschädigt das gerade aufkeimende Selbstgefühl. Ebenso ist ein permanentes Gewährenlassen schädlich für die Selbstentwicklung, da das Selbst noch in vollkommen egozentrischer Manier die Eigenschaft besitzt, sich gleich uferlos "auszudehnen", was in der kindlichen Seele eine zunehmend schmerzliche Orientierungslosigkeit verursacht. Solche Persönlichkeitsentwicklungen neigen später zu krnakhaft narzisstischer Ausprägung (überstarke Selbstbezogenheit). D.h., die frühe Regeleinführung durch die Eltern muss die hohe Empfindsamkeit des Kleinkinds berücksichtigen und darf nur in verantwortungsbewusster Abwägung fördernder und hemmender Wirkungen eingesetzt werden. Dass dabei die ein oder andere "Panne" selbst bei bemüht kindgerechter Erziehung auftreten kann, ist eine Problematik im menschlichen Zusammenleben, die von der Natur verziehen wird.

f) Loslösung in der Triade
Unter Triade versteht man die familiäre Grundkonstellation von Vater, Mutter und Kind. War der Vater im ersten Lebensjahr weitgehend nur Ersatzbindungsperson für den Fall, dass die Mutter als primäre Bezugsperson ausfiel, bekommt er zum Ende des ersten Lebensjahres und im zweiten Lebensjahr eine erstrangige Funktion im Rahmen der Loslösung. Damit das Kleinkind sich aus der eng gefügten Mutter-Bindung (der Symbiose") herauslösen kann, braucht es ein positiv besetztes Vorbild für sein selbstständiges Agieren. Zumindest ist ihm ein solches sehr hilfreich. Denn auch bei alleinerziehenden Müttern, ein Zustand, der aus diesen Gründen als schwierig zu bewerten ist, muss die Loslösung gelingen können. Hier fehlt dann aber das den Vorgang der Loslösung tragende Vorbild, wenn nicht eine andere Person aus der Familie oder dem näheren Lebensumfeld für für den eigentlichen Vater einspringt. Der Begriff Loslösung ist den Ansichten der Psychoanalytikerin Margaret Mahler entliehen, die schon vor der psychischen Abnabelung des Kindes von der Mutter im zweiten Lebensjahr im aktiven Sich-entfernen mit gut einem halben Jahr einen Akt echter Verselbstständigung sah. Daher ihre mechanistische Wortgebung.

Schon zum Ende des ersten Lebensjahres erleben viele Mütter diesen Trend ihres Kindes hin zum Vater wie einen ersten schmerzlichen Abschied. Manche Mütter fühlen sich gar verletzt und "im Nachhinein ausgenutzt". Das ist unsinnig. Bei aller Loslösungstendenz bleibt die Mutter-Bindung zunächst immer noch die Grundfeste aller kindlichen Unternehmungen, wie ich bereits im Kapitel über die Anhänglichkeit mit der ihr vebundenen "Urambivalenz" geschrieben habe. Für die Väter sollte diese, ihre erste eigene, wichtige Rolle in der frühkindlichen Welt unbedingt klar sein. Es kommt darauf an, dass sie ebenso zuverlässig und einfühlsam ihre Funktion ausüben, wie zuvor die Mutter, und ihrem Kind all die Wärme geben, die es ihnen abverlangt. Dazu gehört es vor allen Dingen auch, das kindliche Bedürfnis nach Körpernähe und Schmusen angemessen zu beantworten, und in den brenzligen Situationen wie beim Füttern und beim Übergang zum Schlaf weitgehende Aufgaben im Ritual zu übernehmen. Ich sage bewusst angemessen zu reagieren, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass all die überstarken, übertriebenen und aktiv-aggressiven Elemente im Umgang mit ihren Kindern, die Väter so gerne demonstrieren, besser unterbleiben sollten.

Entwicklung von Ich und Selbst im emotionalen Bewusstsein



Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber wegen ihrer Wichtigkeit, möchte ich folgende Zusammenhänge noch einmal herausstellen. Die Verringerung der angeborenen negativen Daseinsgefühle wie Unheimlichkeit und Angst und die Vermehrung der positiven Gefühle wie Glück/Freude und Vertrauen gelingt durch deren Umwandlung von negativ zu positiv im Zusammenspiel mit dem einfühlsamen und geduldig nachsichtigen Handeln der primären Bezugsperson in der Mutter-Kind-Dyade. Über diesen Weg formiert sich der kindliche Wille aus dem Drang des Säuglings und bahnt die Entwicklung zum Ich auf rein emotionaler Schiene (emotionale Integration, s.o.). Parallel dazu verläuft der Weg über die kognitiven Bahnen (des Begreifens und Verstehens) aus der totalen geistigen und körperlichen Abhängigkeit von der Mutter in der Leih-Selbst-Position. Dieser Vorgang ist aus natürlicher Sicht um der sozialen Vorprägung des Menschen willen unverzichtbar, denn jedes Kind muss die Autonomie seines Selbst erringen und die primäre Bindung soweit lösen, das es sein personales Getrenntsein von der Mutter erkennen kann. Ich und Selbst vereinigen sich dann gegen Ende des zweiten Lebensjahres zu einer "geistig-emotionalen Zelle", welche fortan Grundstein für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen wird.

Aus dieser Darstellung wird deutlich, wie wichtig die positive emotionale Integration für den Säugling und das Kleinkind ist, denn von ihr hängt ab, wie stark sein Wille ausgeprägt wird und wie stabil sein Ich im (zunehmend reflexiven, dem uns Erwachsenen bekannten) Bewusstsein ersteht. Aber nur ein als stark empfundenes Ich kann sich nach außen (hin zur Gesellschaft gerichtet) auch ein starkes Selbst erlauben. Anders ausgedrückt: Die primäre Bindung kann nur dann erfolgreich "gelöst" und neuen Strukturen unterzogen werden, wenn das Ich des Kleinkindes stark genug ist, sich ein stabiles Selbst zu "leisten".

Kinder hingegen, die auf diese Weise geschwächt aus der Säuglingszeit und der emotionalen Integration hervorgehen, entwickeln ein eher schwaches Ich und demzufolge auch ein schwächeres Selbst. Das wiederum erschwert es, dass sie sich aus der primären Bindung lösen können. Da aber jedes Kind von Natur aus darauf angelegt ist, sich aus der primären Bindung zu lösen und zu einem autonomen Selbst zu finden, ja beides um seiner selbst willen sogar zu müssen, wird es diesen Loslösungsprozess trotz allem mit aller Kraft durchzusetzen versuchen, es sei denn, es ist inzwischen psychisch derart geschwächt, dass es diese Kräfte nicht mehr aufbringen kann (als Störungsbild gekennzeichnet mit frühkindlicher Deprivation und/oder anaklitischer Depression). Jedes andere Kind aber, das noch ausreichend Kräfte in sich spürt, wird die "verschärfte Loslösung" wird größerer Wut (jetzt als Synonym für Widerstand) und stärkerem Trotz zu bewältigen versuchen. Das nenne ich die erschwerte Loslösung. Die Spannung zwischen Eltern und Kind wächst dabei verständlicherweise erheblich an. Kindliche Temperamentsfaktoren und Charakteranlagen zu starker, impulsiver Wut können das ganze Geschehen stark aufheizen, zumal ja im Rückschluss die Säuglingszeit auch schon von großen Spannungen durchsetzt gewesen sein muss und wenig ursprünglich negative Empfindungen der positiven Umwandlung unterzogen worden sind.

Ein nicht unerhebliches Maß an schlechten Gefühle ist aber bereits der Verdrängung unterworfen worden, weil auch die Wut des Säuglings oft ins Leere gelaufen ist oder mit hohem Einsatz elterlicher Macht beendet wurde. Nach tiefenpsychologischen Vorstellungen ist das Unterbewusstsein dadurch bereits so früh stark belastet. (Nur zur Klarstellung: Diese Interpretation des Unterbewusstseins, nämlich als Hort unterdrückter (meist negativer) Gefühle, deckt sich nicht ganz mit dem Freud´schen Instanzenmodell, in der das Unbewusste Ursprung aller triebhaften, im Es versammelten Gefühle und Bedürfnisse ist, welche nicht sublimiert werden können).

Wenn man einen ungefähren Zeitpunkt für diesen insgesamt phasenhaften Verlauf der Selbstentstehung festlegen wollte, dann müsste man den zeitlichen Punkt finden, an dem dem Kleinkind plötzlich klar wird, dass es ganz allein und auf sich gestellt in der Welt existieren muss. Es gibt einen sehr sicheren Hinweis darauf, wann das Kind diesen inneren Prozess gerade vollzieht. Es handelt sich um sein geändertes Verhalten vor dem Spiegel. Bis ungefähr zu einem Jahr reagiert das Kind regelmäßig freundlich und lachend bei der Betrachtung seines Spiegelbildes, wobei die Freude auch dem Erkennen der Mutter gilt, wenn diese es auf dem Arm hält oder neben ihm steht. Auch die Feststellung der doppelten Anwesenheit der Mutter (real und Spiegelbild) irritiert das Kind nicht sonderlich. Mit eineinhalb Jahren ändert sich das Verhalten. Plötzlich reagiert das Kind irritiert und verschämt auf die Begegnung mit seinem Spiegelbild und seinem eigenen Antlitz. Es drückt sich in den Arm seiner Mutter und guckt auch diese erstaunt an, weil sie auf einmal doppelt erscheint. Tupft man dem Kind unbemerkt einen roten Puderfleck auf die Nase, ist es bestrebt, diesen Fleck auf seiner eigenen, tatsächlichen Nase abzureiben (Rouge-Test, Doris Bischof-Köhler). M.Dornes beschreibt in seinem Buch "Die emotionale Welt des Kindes" (2000) diesen Vorgang ausführlicher.

Das Kind vollzieht also jetzt den Schritt zur Erkennung seines persönlichen Aussehens und zur selbst gefühlten Körperlichkeit als der wahren Existenz (Individualität). Damit muss die Vorstellung einer gemeinsamen Existenz mit der Mutter endgültig aufgegeben werden. Diese Gedanken sind natürlich nicht sofort fertig, sondern müssen spielerisch immer wieder neu eingeschliffen werden. Das Spiel heißt jetzt: "wo ist deine Nase, wo ist Mamas/Papas Nase?" Auch auf verbaler Ebene wird dieser geistige Schritt zuweilen evident, und zwar in der Form, dass die Ansprache der Mutter mit "Mama" gemieden wird, und auf die Frage: "Wo ist deine Mama" nur ein verlegenes Lächeln produziert wird. Solche Kinder haben offensichtlich noch ein letztes Loslösungsproblem. Mütter reagieren oft irritiert, wenn sie ihr Kind scheinbar nicht mehr erkennen will.

Um die Entwicklung des menschlichen Selbst auf der Basis der klassischen Psychoanalyse und nicht so sehr auf der Basis der "abweichlerischen" Bindungstheorie haben sich neben vielen anderen zwei Psychoanalytiker sehr verdient gemacht, nämlich Heinz Kohut und Otto F. Kernberg. Beide Autoren begegnen sich in der Vorstellung, dass das Selbst eines Menschen zwei Empfindungsstränge in Bezug auf die eigene Persönlichkeit vereinigt, einen positiven, das Selbst stärkenden und einen negativen, das Selbst in Frage stellenden, welcher jedoch zuzulassen und zu integrieren ist.

Lässt man alle psychoanalytische Theorie weg, kommt man zu dem Ergebnis, dass das Selbst eines Menschen seine eigene, auf sein Dasein bezogene Objektvorstellung ist. Darin wird das Selbst aber zugleich auch Subjekt, da es ja in einer Person der sich vorstellende und vorgestellte Teil ist. Das Selbst ist also die Subjekt-Objekt-Vereinigung der eigenen Person im Dasein. Dazu muss angefügt werden, dass in der von mir vorgetragenen Vorstellung das Selbst ebenso wie alle wahrgenommenen Gefühle integraler Bestandteil des menschlichen Organs Gehirn sind und nicht eine Art Aura, welche den Menschen irgendwie umgibt oder aus nicht menschlichen Sphäre vergeben wird (Leib-Seele-Phänomen/Monismus, s.o.).

Wir wollen hier aber die Philosophie des Selbst nicht weiter ausführen und wieder auf die Psychologie der Säuglinge und Kleinkinder zu sprechen kommen. H.Kohut schlägt in seiner Theorie vor, die positiven Elemente in der Selbstentstehung aus dem positiven Elternbild herzuleiten, was er das idealisierte Eltern-Imago (Bild) nennt. In der notwendigen Trennung des Kindes von seiner Mutter durch Verwirklichung des eigenen Selbst erkennt er aber auch die Ansätze zu einer negativen Gegenposition, welche durch die trennungsbedingt unvermeidlichen, realen Beschränkungen in der Selbstentfaltung aufkommen. Das Leben wird jetzt ohne die scheinbare Vereinigung mit der Mutter (als primärer Bezugsperson) jetzt zu einer großen Herausforderung. Fortan muss sich das Kleinkind vermittels seiner idealisierten Elternrepräsentation im Inneren gegen alle Beschränkungen und Begrenzungen durch seine Lebensumwelt in der Loslösung und Selbstentfaltung behaupten. Auf diese Weise konkurrieren in der inneren Welt des Kindes zwei Entwicklungsstränge im Selbst, einer von guten Empfindungen in der Verinnerlichung und dem geistigen Erhalt der Mutter-Eltern-Kind-Bindung und einer von schlechten, welcher sich aus den eigenen negativen Empfindungen bei der Loslösung und Trennung ergibt und den aus der Wirklichkeit zugefügten Beschränkungen und Begrenzungen. Für psychoanalytische Zwecke erweist sich diese Grundstruktur des Selbst aller Erfahrung zufolge als sehr fruchtbar.

Daher sieht auch O. Kernberg die Selbstentstehung des individuellen Menschen an als eine Komposition aus zwei großen, grundsätzlichen Anteilen. In seiner Vorstellung ersetzen fördernde und hemmende Impulse aus der Lebensumwelt die Begriffe von positivem Eltern-Bild und Trennung und Loslösung aus der Mutter-Kind-Dyade. Diese Impulse kommenden automatisch bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zustande und rühren her sowohl aus der bisher entstandenen, inneren Welt, als auch aus der äußeren Umwelt. Es handelt sich dabei sowohl um Selbst- als auch um Objektrepräsentanzen (innere Abbilder), welche er in ideale und reale aufspaltet. Die idealen stärken die Selbstbewertung und werden vorzugsweise vermehrt, sofern es die Lebensumwelt gestattet, die realen werden soweit als negativ unvermeidbar passiv hingenommen (Trotzanfälle ausgenommen). In der Ausbalancierung dieser, sagen wir, zwei Kammern entwickelt sich das gesunde Selbst, was bedeutet, dass auch die potenziell abwertenden "Repräsentanzen" im Selbst Berücksichtigung finden können und nicht massiv verdrängt werden (müssen).

Beide Modelle entspringen, wie gesagt, der Psychoanalyse und Psychotherapie und leisten dort wertvolle Dienste. Für den Normalfall der Selbstentwicklung geben sie vielmehr ein wertvolles Grundgerüst ab. Daher sollten wir hier einmal ganz pragmatisch festhalten, welche Eigenschaften (Attribute) des Selbst (nicht nur) vom Kind auf der positiven Seite zu vermerken sind, und welche auf der eher negativen. Diese Gegenüberstellung ergibt einen guten Überblick über all die erwünschten und unerwünschten Verhaltensweisen bei kleinen Kindern.

a) positiv gewertet werden: Ausgeglichenheit, Harmonie, eigene Wertschätzung, Lust, Motivation, Kraft und Macht aus dem Inneren heraus. Höherer Rang, gute Wirkung auf die Anderen, Anerkennung, Erfolg, Können und Besitz im äußeren sozialen Umfeld.

b) negativ gewertet werden: Unausgeglichenheit, Disharmonie, Entwertung, Unlust, Demotivation, Schwäche, Ohnmacht aus dem Inneren heraus. Unterlegenheit, Wirkungs- und Erfolglosigkeit, Unvermögen und Versagen, sowie Besitzlosigkeit im äußeren, sozialen Umfeld.

Unmittelbar verständlich wird aus dieser Aufzählung das Bestreben eines jeden Kindes, ja sein Ringen darum, die Positivskala ständig höher zu erklimmen, um der Negativskala zu entkommen. Hierzu sind für die inneren Attribute (Wertungen) lt. Kohut -und nicht nur lt. ihm- vor allem auch jene Erfahrungen wesentlich, die das Kind im ersten Lebensjahr im Rahmen der Mutter-Kind-Dyade gemacht hat. Aus der Erkenntnis der emotionalen Integration (s.o.) ergibt sich hierfür die notwendige emotionale Basis durch die Bewegung der ursprünglichen Stimmungs- und Gefühlslage von Negativempfindungen zu positiven Erlebnissen. Unverzichtar hierfür sind die Einfühlsamkeit und das verständnisvolle Handeln (z.B. den Säugling "erhören", hochnehmen und trösten) der primären Bezugsperson, also der Mutter oder vielleicht auch des Vater. Sie als Leser sehen also bereits jetzt, wie sich die Dinge im entstehenden Selbst in Wirklichkeit zusammenfügen. Die positiven Attribute im äußeren, sozialen Umfeld müssen sich alle Kinder in gewisser Weise erkämpfen, wobei ihnen neben der eigenen, bereits entstandenen inneren Wertschätzung vor allem auch günstige Veranlagung, persönliche Stärkung durch die Eltern und eine gelungene Loslösung zur Seite stehen.

Trotzerscheinungen und Selbstbewusstsein



Mit diesen Ausführungen wenden wir uns den potenziell negativen Attributen im Leben des Kindes zu und befinden uns mitten im Geschehen des Trotzes. Dabei sollten wir gleich vorweg folgendes festhalten: Der Trotz dient auf natürliche Weise der Erstellung, Erhaltung und Verteidigung des werdenden Selbst gegen alle Einschränkungen. Dies nahe zu bringen und verständlich zu machen ist besonderes Anliegen dieses Textes. Denn der Trotz oder das Trotzen (the trouble two im Englischen) ist zusammen mit dem Schreien der Säuglinge und den Fütterungs- und Schlafproblemen der Ein- bis Zweijährigen die größte Klippe im Aufziehen von Kindern bis zum Kindergarten- und Schulalter. (Und der häufigste Grund für Arztbesuche mit psychologischem Hintergrund).

Im Trotzen, das man genau genommen als endgültige Verabschiedung aus der Mutter-Kind-Dyade verstehen muss, kommt beim Menschen jetzt ein ursprünglicher Trieb zur Geltung, den man als Aggression bezeichnet. Es bringt meines Erachtens Schwierigkeiten mit sich, zu einem früheren Zeitpunkt vom Auftreten von Aggression zu sprechen, weil die in diesem Alter verwendeten emotionale Begriffe wie Wut und Widerstand die von ihnen verursachte Handlung besser und genauer ausdrücken als Aggression. Aggression ist vielmehr ein Trieb im eigentlichen Sinn und dient den Zwecken eines strategischen Schutzes der eigenen Person, also der Unantastbarkeit der Individualität, was eine ganz andere Aufgabenstellung in der Sozialstruktur beinhaltet. Aggression entsteht unabhängig von einem extern auslösenden Geschehen (kann also Streit aktiv verursachen), regeneriert sich sich immer wieder aus sich selbst (bedarf keines erneuten Anlasses) und kommt nicht von allein zur Ruhe.

Welche Formen des Trotzes sind uns Erwachsenen und Eltern geläufig? Zwei Formen sind eklatant, nämlich der Trotz gegen die Elternmacht und der Trotz gegen die Allmacht der Natur. Einschließen hier wollen wir aber noch die Rivalitätsproblematik, die nicht unbedingt dem Trotz zuzuordnen ist, die aber ein ständiges Konfliktthema in den Kinderstuben darstellt.

Wenden wir uns der ersten Situation zu, diejenige, die den Eltern am meisten gegen den Strich geht. Ein Beispiel: Man hat als Eltern alles so schön geplant, der Ausflug ist vorbereitet, das Auto gepackt und nun sollen alle einsteigen, damit man losfahren kann. Aber plötzlich überlegt es sich der Kleine, nennen wir ihn Tim, anders und verweigert das Mitkommen. Man redet zunächst freundlich auf ihn ein, lockt ihn mit Versprechungen, schiebt ihn ein wenig in Richtung Auto. Das alles hilft nicht, der Junge bleibt stur wie ein Esel. Man versteht es nicht. Wieso macht er das, alles ist doch so schön in die Wege geleitet, und auch er müsste doch Lust haben. Ja, müsste! Er hat sie aber nicht. Wir werden nicht herausfinden, warum er keine Lust hat. Wir werden bei ihm, wie schon andere Male, auf Granit beißen. Nun tut man ihm Gewalt an, sanfte Gewalt und versucht, ihn ins Auto zu bugsieren. Er muss sich doch fügen, es kann doch nicht (alles?) nach seinem Kopf gehen! Er wehrt sich, fängt an zu strampeln, zu schreien, er haut seine Eltern, er beißt. Entsetzt lässt man ihn wieder fallen. Er stürzt, tut sich weh, rennt ins Haus zurück. Jetzt soll der Vater ein Machtwort sprechen. Er rennt hinterher und im Haus knallen Türen. Aus dem Kinderzimmer ertönt martialisches Kindergeschrei. Man hört auch die lauter und lauter werdende Stimme des Vaters.

Im besten Fall verlässt der Vater wutschnaubend das Zimmer und lässt den kleinen Tim weiter toben. Dabei fliegen ein paar Spielsachen an die Wand und das neue Plastikauto geht zu Bruch. Die Gebäude aus Holzklötzen der letzten Tage, auf die Tim so stolz war, stürzen unter seinen Fußtritten in sich zusammen. Dann wird es ruhig, eine viertel Stunde Schweigen. Plötzlich steht Tim wieder auf der Haustürschwelle. Seine Gesichtszüge sind entspannt. Ein paar Tränen fließen, und er kuschelt sich bei seiner Mutter in den Arm, die Fahrt kann beginnen.

Was geht da vor? Vorerst wollen wir nicht besprechen, wie man mit Trotzanfälle am besten umgeht, erst wollen wir versuchen, sie zu verstehen. Dazu ist es vor allem anderen wichtig, den eigentlichen Anlass nicht über zu bewerten, denn dieser ist im Prinzip austauschbar. Allerdings wiederholen sich meist dieselben oder ganz ähnliche Anlässe, und das ist auch schon der Schlüssel zum Verständnis. Es geht um Bestimmungs- und Entscheidungsmacht und um die kindliche Demonstration des erwachenden Selbst. Der Inhalt des Vorgangs wird genau genommen nur Mittel zum Zweck. Da sich Machtkonflikte immer in denselben Ereigniskonstellationen abspielen, kann man relativ relativ präzise voraussagen, wann ein Trotzanfall auftreten wird. Allerdings spielt die Laune des Kindes noch eine wesentliche Rolle. Ein übermüdetes, an sich schon gereiztes Kind unterliegt viel leichter einer Trotzreaktion, als ein gut gelauntes und ausgeschlafenes.

Bestimmungsmacht ist eine Errungenschaft des Selbstgefühls, welches die angestrebte Autonomie aufleben lässt und fortan unterstützt. Wird diese Macht nun durch eine größere Macht, hier die autoritäre (Entscheidungs-)Macht der Eltern, gebrochen, entsteht für das Kind ein Selbstwertverlust, welcher ein Wesentliches der eben aufgezählten positiven Attribute ins Negative verkehrt. Das kann ein Kind in dieser Phase, in der es sich noch längst nicht durch Vernunft selbst kontrollieren kann (auch hierfür fehlen noch die geistigen Voraussetzungen), nicht akzeptieren und muss sich wehren. Trotz ist also zunächst einmal Verteidigung des entstehenden Selbst.

In dieser Darstellung soll klar werden, dass Trotz kein Spleen, kein Abersinn des Kindes und schon gar keine grundsätzlich oppositionelle Herausforderung der Eltern ist, dem jetzt unbedingt durch pauschales "Grenzen setzen" begegnet werden muss. Vielmehr ist er ein Durchsetzungsversuch des noch brüchigen und hochgradig verletzlichen Selbstgefühls. Ist das elterlich erzieherische Eingreifen aus falsch verstandener Verteidigung eigener "elterlicher Hoheit" zu autoritär, oder sogar grob, brutal oder herablassend, bleibt es nicht mehr nur bei der widerständigen Reaktion des Kindes, sondern kommt es auch zur Kränkung des sich ja gerade etwas mühsam herausschälenden Selbst. Auf Dauer wird die Selbstschwächung in der Persönlichkeit von früh an mit anwachsen, sozusagen als permanente Selbstkritik oder ständiger Selbstzweifel, und wird zu einer ungünstigen Ausgangsposition für das ganze Leben. Das soll nicht heißen, dass man uneingeschränkt dem Trotz nachzugeben hat, nur sollte man sich überlegen, wie stark man gegen ihn vorgehen darf. Aber das wollen wir erst im nächsten Kapitel weiter ausführen.

Was ich hier an diesem einen Beispiel, und es gibt derer zahllose, dargestellt habe, ist der Zweimächtekonflikt. Am typischsten sind die schweren Trotzanfälle im Supermarkt, wenn die Eltern den Kauf von Süßigkeiten oder Kleinspielzeug verbieten wollen. Die eine Macht ist immer der Selbstentscheidungs- und Selbstbehauptungswille des Kindes, die andere die, sagen wir, autoritäre Macht der Eltern. Eine andere Konstellation ist der Dreimächtekonflikt. Es könnte nämlich auch eine natürliche Macht sein, wie z.B. der eigene Ausscheidungsdruck für Urin und Stuhl, oder die Müdigkeit, dem oder der das Kind nicht ohne weiteres nachgeben möchte. Unterstützen die Eltern dann den natürliche Druck durch mahnende Worte oder durch Zwang zur Ausführung, dann siehtr sich das Kind einer doppelten Macht gegenüber. Wie kann das sein? Auch die natürlichen Bedürfnisse wertet das Kind zunächst einmal wie eine fremde Macht. Es begreift noch nicht, dass diese inneren Vorgänge nicht vom eigenen Willen steuerbar sind, sondern naturbedingte Notwendigkeiten, denen man sich grundsätzlich unterwerfen muss (um seinen Körper und sein eigenes Wohlergehen nicht zu schädigen). Urinausscheidung, Stuhlgang, Müdigkeit, aber auch Hunger und Durst, die eigentlich Grundtriebe des Menschen sind, können im frühen Kindesalter als eine Aufoktroyierung (Aufzwingung) durch innere Mächte empfunden werden, welchen, wenn sie im ungelegenen Moment auftreten, getrotzt werden kann. Treten sie also als angenehm empfundener Druck auf, sind sie ein Bedürfnis. Treten sie als unliebsame Notwendigkeit auf, sind sie eine ärgerlicher Zwang.

Insbesondere wenn die Loslösung aus der primären Bindung als erschwerter Vorgang (s.o.) durch starken Trotz in dieser Phase unterstrichen werden muss (oder schlecht gebundene, auf das Dasein in der Loslösung unvorbereitete Kinder, wie auch Kinder mit geschwächtem Selbst durch selbstschwächende Attribute, usw.), kann der Trotz in diesem Zusammenhang dramatische Ausmaße annehmen. Z.B. wird Urin eingehalten, bis die Blase ihn nicht mehr halten kann und ein explosives Einnässen einsetzt (Fachbegriffe: Miktionsaufschub, Dranginkontinenz). Stuhl wird so lange eingehalten, bis er im Enddarm eintrocknet und festsitzt (Fachbegriff für den harten Stuhl: Skybala), so dass tagelang die Toilette nicht aufgesucht werden kann und die Entleerung schließlich nur unter heftigen Schmerzen zustande kommt (Fachbegriff: habituelle Obstipation). Müdigkeit wird solange ignoriert und aufgeschoben, bis heftige Übermüdung einsetzt, der Schlaf nicht mehr kommt und jegliche Toleranz von irgendeinem unliebsamem Geschehen zusammenbricht. Das Einschlafen ist in solchen Augenblicken also praktisch unmöglich, der Kampf beim Zubettgehen unvermeidlich. Sogar Essen und Trinken kkönnen aufgeschoben und aufgehoben werden, so dass es zu Gewichtsverlust (Nahrungsverweigerung) und Austrocknung (Fachbegriff: Exsikkose) kommt. Ungewollt aufgenommene Nahrung wird wieder hochgewürgt und ausgebrochen (Rumination). Die Schwierigkeit besteht immer darin, diesen "Knoten" in der kindlichen Vorstellungswelt wieder zu lösen, und zwar ohne den mithelfenden Einsatz von regulierender Vernunft, derer das Kind in diesem Alter noch nicht mächtig ist. Ohne fachkundige Hilfe ist das oft gar nicht mehr möglich.

Aber auch ganz einfache, natürliche Phänomene wie z.B. das Wetter können am Anfang solcher trotzigen Eskalationen stehen, wenn die Eltern dem erforderlichen, kindlichen Anpassungsverhalten an die Witterung nachhelfen wollen. Regnet es z.B. draußen und soll ein Kind Regenmantel, Gummistiefel und Regenmütze anziehen, möchte aber lieber seine Sandalen anbehalten, nasse Haare bekommen und auf den Regenmantel verzichten, kann es zu schweren Trotzerscheinungen kommen. Schneit es und das Kind mag weder Schal noch Handschuhe anziehen, passiert genau dasselbe. Ist der Schnee dann aber zu kalt an den Händen und lachen jetzt die Eltern schadenfroh, fühlt sich das Kind bloßgestellt und trotzt erneut Die Anlässe sind so zahlreich wie die Witterungsbedingungen im Jahr.

Ich denke, es ist inzwischen klar, welche Bedeutung dem Trotzen in der Entwicklung des Kleinkindes zukommt. Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen. Trotzen ist keine selbstgefällige Widerspenstigkeit des Kindes. Es soll auch keine gezielte Herausforderung der Elternmacht sein. Trotz ist des Weiteren keine Provokation, auch wenn es vordergründig so wirkt. Trotz ist Selbstbehauptung, Selbstschutz und Selbstverteidigung an scheinbar falscher Stelle, weil die Vernunft zur Regulation der Emotionen noch nicht ausreicht. Diese Vernunft wird auch noch ein Weilchen auf sich warten lassen. Das Selbst ist in diesem Zustand aber noch so zerbrechlich und verletzbar, dass es dieser Verteidigungsmaßnahmen unbedingt bedarf, sagen wir, koste, was es wolle; notfalls auch die Zuneigung der Bezugspersonen. Dieses hohe Risiko geht ein Kind normalerweise aber nur recht kurze Zeit ein, und über kurz oder lang meldet sich jedes trotzende Kind bei seinen Eltern wieder zurück, um sich neu zu vereinigen und um sich ihrer Zuneigung und Liebe wieder zu versichern. Solche Momente sind ganz wichtig in der Entwicklung, denn hier wird eine neue Form von Zärtlichkeit in der Beziehung und Kommunikation aufgebaut, welche ein wesentliches Erfahrungsmoment trägt, das der Vergebung und des Verzeihens.

Kommen wir zum dritten und letzten Punkt des Trotzens, der eigentlich nicht genau dazugehört, aber aus methodischen Gründen hier angefügt sein soll. Es geht um die Rivalität. Rivalität entsteht im Leistungsvergleich der Kleinkinder (und aller Menschen) untereinander, v.a. wenn es sich um etwa altersgleiche Gefährten handelt. Der Wettbewerb wird geboren und begleitet fortan das ganze leben. Wiederum steht zunächst das "neugeborene Selbst" im Zentrum des Geschehens. Das Selbst wird in Zukunft nicht nur kritisch in bezug auf elterliche oder natürliche Macht beurteilt, sondern auch auf die potenzielle Machtausübung durch hierarchisch Gleiche. Wiederum zählen positive und negative Werte für und gegen das eigene Selbst, und zwar in der oben aufgezählten Form.

Ganz prägnant sind die Verhaltensformen etwa Zweijähriger in Gruppen, wenn man sie in Kinderzimmern unbeaufsichtigt spielen lässt. Ein solches Miteinanderspielen geht in der Regel nicht lange gut. Über kurz oder lang entbrandet ein Streit über die "Besitzverhältnisse". Nahezu alle Kinder versuchen, sich Selbstwertvorteile durch eigenes Spielzeug zu verschaffen. Aber ebenso auch über das Beherrschen von Spielzeug anderer, das im Moment gerade irgendwie attraktiv erscheint (z.B. weil sich das andere Kind intensiv damit befasst), auch wenn es nicht zum eigenen Spielzeug gehört. Da ein Kleinkind dieses Alters keinen Begriff von der Rechtmäßigkeit eines Besitzes hat, wird es, so es die körperliche oder verbale Kraft dazu besitzt, sich dieses Spielzeugs bemächtigen wollen. Verteidigt das um sein Spielzeug angegangene Kind aber hartnäckig seinen Besitz, kommt es zur Auseinandersetzung. Kraft der altersgemäß einsetzenden Aggression (s.o.) fallen die Angriffs- und Verteidigungsmaßnahmen schon recht drastisch aus. Da wird geschlagen, getreten, gebissen und an den Haaren gezogen, was die eigene Kraft hergibt. Kleinere Kinder, die noch nicht so sicher auf ihren Beinen stehen, werden in solchen Momenten auch gerne durch Schubsen zu Fall gebracht. Das Spielzeug wird den Händen entrissen. Schlimmstenfalls wird das Spielzeug, um das es geht, oder bei älteren Kindern ein anderer entsprechender Gegenstand dazu missbraucht, auf den Kontrahenten einzuschlagen. Zwar kommt es fast nie zu schwereren Verletzungen, jedoch ist die Wirkung solcher "Prügeleien" von nicht zu unterschätzendem Ausmaß. Als Eltern kann man die Dinge nicht einfach so laufen lassen.

Rivalität kann sich auch viel versteckter abspielen, was besonders bei Geschwistern zum Tragen kommt, oder Kindern, die oft und eng in Gruppen zusammenkommen. Vor allem bei Mädchen ist diese Form häufiger anzutreffen. Immer wieder beobachtet man, dass sich manche Kleinkinder durch Geschicklichkeit im sozialen Auftreten oder einfach nur bedingt durch ihr besonders ansprechendes Aussehen Vorteile bei größeren Kindern oder Erwachsenen verschaffen. Das ruft den Argwohn der oder des Geschwister(s) hervor oder der anderen Gruppenmitglieder. Der Selbstgewinn beim erfolgreichen Kind ist groß, der befürchtete Selbstverlust bei den Unterlegenen jedoch ebenso. Wahrscheinlich sind solche Gefühle die Anfänge von Argwohn, Eifersucht und Neid, welche frühe negativ komplex soziale Gefühle sind.

Die Wut auf eine solches "anbiederisches" Kind wird mit der Zeit groß. Es handelt sich auch bei dieser Wut jetzt um das komplexere Gefühl der Wut, das wir als Zorn bezeichnen. Zorn ist im Gegensatz zur Wut ein sich selbst erhaltendes, andauerndes Gefühl mit einem zielgerichteten (Einzel-)Objekt. Zorn kann sich demzufolge auch ansammeln und wird oft erst bei überschrittener Toleranzschwelle entladen. Die Wut dagegen ist immer situationsbezogen, im Moment reaktiv und entlädt sich sofort. Nur der Vollständigkeit halber sei noch der Hass erwähnt: Hass wäre eine noch weiter gehende negative, komplex-soziale Gefühlsform, welche dem Zorn folgt (wie auch der Eifersucht und dem Neid) und kognitiv, d.h. durch Erkenntnis und Wissen, stark überformt wird.

Es gibt ganz unterschiedliche, individuell oder durch die soziale Konstellation geprägte Formen von Rivalität. Auch unterscheiden sich hierin schon Jungen und Mädchen. Jungen zeigen mehr körperliche Auseinandersetzungen und vergleichen ihre Kraft und Stärke, Mädchen bauen mehr soziale Ränge auf und unterscheiden ihr Aussehen und ihre Beliebtheit. Rivalität ist in jeder sozialen Gesellschaftsform unvermeidlich und wird später positiv ausgebaut und in das Sozialleben mit einbezogen. Auf dieser ausgeformten Stufe bekommt der Begriff mit Konkurrenz einen positiv gewendeten Sinn. Im Kleinkindesalter ist die Rivalität jedoch noch gleichsam roh und ungezügelt und ständiger Grund für Auseinandersetzungen. Kaum ein Elternpaar kennt nicht solche Szenen, wie die oben skizzierten, und falsches Reagieren auf diese kindstypischen Verhaltensformen kann das Selbst eines Kindes mindestens in ungünstiger Weise auf Dauer beeinflussen.

Kurz eine Bemerkung noch zur Aggression, auf die wir hier nur am Rande eingehen können. Aggression will ich verstehen als einen natürlichen Trieb, der alle in Gemeinschaft lebenden Wesen zur Regulation ihrer Gruppenformen erfasst und beim Menschen aus natürlichen Gründen mit der frühen, psychosexuellen Differenzierung in der frühen Kindheit auftritt. Grundsätzlich dient die Aggression meiner Auffassung nach zur Verteidigung der individuellen Person und Persönlichkeit in der Gruppe sowie ihrer Stellung und Bedeutung in der Gemeinschaft. Der Selbsterhaltungstrieb ist beredter Ausdruck dieses Zweckes. Der Wettbewerb unter den zu gleichen Individuuen ist die Austragungsart auf gemeinschaftverträglicher Ebenen. Bei begrenzten Ressourcen z.B. von Nahrung und Lebensraum geht der Wettbewerb schnell in den Verteilungskampf über. Aber auch das an sich positive Bindungsprinzip kann durch gezielten Ausschluss fremder "Subjekte" v.a. im Rahmen der Gruppenbildung aggressiven Charakter annehmen.
Nimmt die Aggressivität aus einer speziellen, die eigene Art erhaltenden Entwicklung zu, kann sie die Existenz in Gruppen unmöglich machen und zum Einzelgängertum führen (bestimmte Tierarten). Der Mensch zählt normalerweise nicht zu einer solch aggressiven Spezies. Im Gegenteil, seine natürliche Ausstattung zwingt ihn zu einem Leben in der Gruppe und damit zu einem maßvollen Umgang mit der Aggression und zur Herabregulation seiner aggressiven Impulse. Dazu dienen ihm der Sexualtrieb und die Beständigkeit in der Bindung. Sexualtrieb und Aggressionstrieb stehen in einer gewissen Ausbalancierung und sind in ihrer Impulsstärke zu einem gewissen Teil untereinander austauschbar (psych.: Sublimation).

All das ist wichtig zu wissen, will man verstehen, warum das eigene Kind auch bei völlig friedlicher Gesinnung seiner Eltern und seiner Familie in manchen Momenten plötzlich aggressive Impulse an den Tag legt. Was an ähnlichem Verhalten bei älteren Säuglingen und vielleicht Eineinhalbjährigen noch spielerisch zärtlich gemeint ist und nur etwas grob vorgetragen wird, kann bei Zweijährigen durchaus schon "bewusst aggressiv" zur eigenen Abgrenzung und Verteidigung eingesetzt werden. Ist der Impuls von Natur aus stark ausgeprägt, was in erster Linie in den Temperamentsfaktoren und Charakteranlagen zu suchen ist, kann das aggressive Verhalten im Bedarfsfall auch heftiger umgesetzt werden. Sogar "Vorwärtsverteidigung" bis hin zur Herausforderung des Kontrahenten ist möglich, insbesondere dann wenn

a) das Kind gelernt hat, erfolgreich damit zu sein (selbststärkende Wirkung) und

b) die Eltern solche aggressiven Elemente in die Erziehung als verstecktes Vorbild selbst eingebracht haben (Selbststärkung durch aggressive Vorwärtsverteidigung).

Kann der aggressive Impuls bei hoher innerer Spannung nicht gegen den Verursacher von Wut und Zorn ausgelebt werden, wird er auch im Einzelfall ersatzweise auch gegen sich selbst ausgelebt. Solche Kinder schlagen dann ihren Kopf mehrfach auf den Boden oder gegen die Wand, oder kneifen, "pitschen", beißen sich selbst. Schon ältere Säuglinge sieht man im Einzelfall ihren Kopf gegen die Gitterstäbe ihres Bettchens schlagen.

Umgang mit dem trotzenden Kind



Man darf nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass der Trotz ein entwicklungsbedingtes, unvermeidliches Phänomen in der Persönlichkeitsausbildung des Menschen ist. So schwer er den Eltern zuweilen das Leben mit ihren Kleinkindern in dieser Phase macht, so schwer sind auch die widerstrebenden Gefühle vom trotzenden Kind selbst zu ertragen. Ist der Gewinn an Selbstwert ein überaus lustvolles und höchst befriedigendes Gefühl, wobei im Gehirn das sogenannte Belohnungszentrum aktiviert wird, so ist der Verlust an Selbstwert ein überaus schmerzliches, stark irritierendes Gefühl, wogegen das Kind sich (verständlicherweise) auflehnt. Dabei tritt das neurophysiologische Pendant zum Belohnungszentrum, das Bestrafungszentrum, in Aktion. Diese beiden "Zentren" aktivieren Botenstoffe im Gehirn, die im Hirnnervenkerngebieten im Hirnstamm bzw. Mittelhirn gebildet werden und die in der Hirnrinde, sowie in der grauen Substanz unterhalb der Hirnrinde, den Basalganglien und dem Limbischen System sektorförmig verteilt werden. V.a. wird eben auch das limbische System über langen "Bahnen" mit diesen Botenstoffen beschickt und da insbesondere wieder die Mandelkerne (Amygdala), die für die Regulation von negativen Gefühlen wie Angst und Panik zuständig sind (s.o.). Dieser Vorgang entspräche dann neurophysiologisch jener Angst verursachenden Reaktionen beim Kind, die durch eine echte oder auch nur vermeintliche Gefährdung des aufkommenden Selbst bei einem zu machtvollen Eingriff durch Erwachsene oder die Natur selbst entstehen. Es erscheint mir problematisch, solche Angst verursachenden Reaktionen im Gehirn zu Erziehungszwecken zu missbrauchen.

Die positiven Gefühle im Belohnungssystem hemmen hingegen dieses "Angstzentrum" und fördern die Aktivierung bestimmter Hirnrindenabschnitte im Frontalhirn, sowie in den bereits genannten Anteilen der tiefer gelegenen, grauen Hirnsubstanz. Da ist insbesondere der Nucleus (=Kern) accumbens zu nennen. Dabei sind neben den Neurotransmittern Serotonin und Dopamin auch die Endorphine beteiligt, welche geradezu als Glückshormone gelten. Das alles erwähne ich vor allem deshalb, weil einiges von diesen Zusammenhängen auch schon in der Laienpresse publik gemacht wird und derartige neurophysiologischen Zusammenhänge inzwischen durch bestimmte Untersuchungsmethoden auch konkret nachweisbar sind (fMRT, PET).

Die Empfehlungen zum Umgang mit dem trotzenden Kind, die hier folgen sollen, beziehen also ihre Grundposition aus den gemachten (tiefen-)psychologischen, wie auch neurophysiologischen Zusammenhängen. Sie hängen also weder einem kulturellen Trend, noch einer gesellschaftspolitischen Anschauung an.

Trotz wird schnell mit oppositionellem Verhalten und Aggression in Zusammenhang gebracht, aber bei diesen drei Reaktionsformen handelt es sich nicht um dieselbe Gefühlsebene oder Gefühlsstufe. Aggression ist ein Trieb und kommt eigentlich nur als verstärkendes Element dem Gefühlsspektrum des trotzenden Kindes zu Hilfe. Dabei initiiert sie eigentlich erst einmal nur Verteidigungsbereitschaft. Diese Verteidigung gilt dem eigenen noch unvollkommenen und unsicheren Selbstgefühl. Verteidigung hat zwar etwas mit Opposition zu tun, ein oppositionelles Verhalten im eigentlichen Sinn ist Trotz dennoch nicht. Dies vor allem auch deswegen, weil sich das Kind ja keinen Gegner für seine Position sucht, sondern ganz im Gegenteil einen Verbündeten. Das macht die gewisse Tragik aus, die sich im Trotz verbirgt. Opposition wäre überlegter oder bei Kleinkindern oft unüberlegter Widerstand gegen unliebsame Anordnungen.

Man kann ohne Probleme folgende Skala der -sagen wir- widerständlerischen Gefühle des Menschen, hier erst einmal des Kindes, aufstellen, wobei zu Anfang die allgemeinste und unmittelbarste, beinahe rein reflektorische Form steht, nämlich die Wut. Sie bildet gleichsam die emotionale Basis aller auf ihr aufbauenden, sich weiter differenzierenden Gefühle und Reaktionen und gehört für sich genommen zu den komplex-sozialen Basisgefühlen, die schon im Säuglingsalter auftreten. Der Wut folgt mit zunehmender Willkürmotorik der eigentliche Widerstand, welcher dann im Trotz aufgeht. Erst danach stehen das oppositionelle Verhalten und die eigentliche (provokative) Aggression. Alle diese Gefühlsqualitäten, welche in der Aggression vom Trieb als solchem dann gänzlich überlagert werden, haben etwas mit der Entstehung und dem Erhalt des Selbst zu tun. Das Selbst als Form der Individualisierung und Abgrenzung des einzelnen Menschen gegen seine Vereinahmung durch die "Masse" bedarf einer im Gefühl verankerten Verteidigungsstrategie, welche lebenslang aufrecht erhalten werden muss.

Zwar kommt schon im Stadium der Opposition die Aggression als Trieb dem Gefühlserleben Widerstand zu Hilfe, aber diese bleibt dabei noch reine Strategie der Verteidigung. Das Stadium der Opposition kann sich tatsächlich bis weit in die Schulzeit hinein verlängern, ohne in offenkundige und provokative Aggression (mit Angriffsstrategie) umzuschlagen. Das ist vor allem immer dann der Fall, wenn einerseits das Selbst in seiner positiven Bewertung wohl keine Fortschritte machen kann, aber andererseits der aggressive Impuls anlagemäßig nicht stark genug ausgeprägt ist.

Generell kann man sagen, je positiver sich das Selbst bewertet (erlebt), desto geringer muss der aggressive Impuls bemüht werden, irgendwelche sich behauptenden Verhaltensstrategien in der sozialen Gemeinschaft zu entwickeln. Ist zugleich auch die Triebveranlagung nicht so hoch, wobei das männliche Hormon Testosteron eine große Bedeutung spielt, dann erscheint ein solches Kind sozial gut ausgerichtet und fügt sich leicht und unkompliziert in die Gemeinschaft ein Es gilt als anpassungsfähig und tolerant.

Je negativer sich das Selbst bewertet (erlebt), desto stärker muss nun der aggressive Impuls bemüht werden, dieses schwache Selbst vor dem befürchteten Untergang zu bewahren. Solche Kinder fühlen sich viel leichter gekränkt und stärker bedroht als andere. Sie fangen an, um den Erhalt ihres Selbst zu kämpfen. Fühlen sie sich dazu aber zu schwach, sind noch zu jung oder reicht ihr aggressiver Impuls dafür einfach nicht aus, verharren sie in der Oppositionshaltung und trotzen gleichzeitig heftig weiter. Ist ihr aggressiver Impuls aber gut ausgerüstet, klettern sie mitunter die ganze Skala des Widerstandes (s.o.) aufwärts, um im schlimmsten Fall die –angriffslustige- Aggression jetzt nicht mehr allein gegen Sachen zu richten, sondern auch gegen Menschen. Dadurch drohen sie auf der letzten Stufe der Aggressionsskala sogar in die Delinquenz abzugleiten.

Psycho- und soziopathologische Abweichungen sind hier allerdings nicht das Thema. Es geht vielmehr darum, eine geeignete Umgangsweise mit dem normalen kindlichen Trotz zu finden, denn bis zu einem gewissen Grade trotzt jedes Kind, auch das, welches ein gutes emotionales Polster aus der Säuglingszeit mitbringt und eigentlich schon ein recht starkes Selbstgefühl verspürt. Beim Trotz ist es wie mit allen frühkindlichen, sozialen Verhaltensformen, sprich also Fremdeln und Anhänglichkeit und Loslösung, sie treten auf, ganz gleich wie das Kind veranlagt ist und ganz gleich wie die Eltern darauf reagieren oder reagiert haben. Es handelt sich also um natürliche, psychodynamisch unentbehrliche Verhaltensmuster.

Ein stark trotzendes Kind befindet sich in einem psychischen Ausnahmezustand! Es muss dann mit aller Vorsicht und allem Respekt vor seiner inneren Not behandelt werden. Ist der soziale Druck der zufälligen Zeugen eines solchen Anfalls zu groß, bei umher stehenden Fremden ist das fast immer der Fall, ist es geboten, das außer Kontrolle geratene Kind abseits zu bringen und sich dort auskämpfen zu lassen. Die ungeheure Wut, die im Kind aufgekommen ist, braucht einige Minuten, oft auch wesentlich länger, bis sie wieder zur Ruhe gelangt und versöhnlichen Gefühlen Platz macht. Diese kommen dann aber regelmäßig, wenn prinzipiell die Mutter-Vater-Kind-Bindung, dem Alter gemäß, noch intakt ist. Ein solches Verhalten entspräche einer "sicheren Bindung".

Das bedeutet, dass es sinnlos und schädlich ist, in das Trotzgeschehen emotional steuernd eingreifen zu wollen. Vielleicht ganz am Anfang eines solchen Anfalls, wenn man ihn aufkommen sieht, gelingt es manchmal, präventiv die Affekte des Kindes in den Griff zu bekommen. Aber sehr schnell ist ein Punkt im Geschehensablauf erreicht, welcher keine Umkehr mehr zulässt.

Ganz konkret heißt das alles: was zu verhindern ist, sollte verhindert werden, ohne dass man deswegen dem Betreiben des Kindes, irgend etwas zu erreichen, ständig nachgibt. Vielmehr sollte grundsätzlich vorab oder aktuell in der Situation entschieden werden, ob es wichtig und lohnenswert ist, dieses oder jenes durchzusetzen und dafür einen Trotzanfall in Kauf zu nehmen, oder eben nicht. Die meistens Trotz auslösenden Situationen sind ja in der Regel schnell bekannt und vorauszusehen.

Hat der Trotz eingesetzt und erscheint die Situation so richtig schön verfahren, ist es zuweilen besser, den Fortgang des Geschehens einer anderen Vertrauensperson zu überlassen, um nicht selbst durch Schlagen übergriffig gegen das Kind zu werden. Eigenes Schlagen lehrt das Kind oder ermuntert es, selbst zu schlagen, was man dann aber nicht will und doch erneut durch angreifend aggressives Verhalten (stärkeres Schlagen) zu unterbinden versucht. Der Widerspruch im eigenen Verhalten wird eklatant und vom Kind sofort erkannt. Dieser Widerspruch führt dazu, dass im Sinne eines Modellernens (Imitation, implizites Lernen) der aggressive Angriff blitzschnell ins eigene Verhaltensrepertoire übernommen wird. Schließlich besitzt das Kind im Rahmen der eigenen Aggression ja eine genetische Voraussetzung für aggressive Verhaltensweisen wie Schlagen, Beißen, Kneifen, Treten, an den Haaren ziehen, Umstoßen Kleinerer und Schwächerer (s.o.) und vieles mehr.

Aggressives Übergriffigwerden verbietet sich also aus pädagogischen wie humanitären Gründen, wobei es dem Kind selbst bis zu einem gewissen Grade zugestanden werden muss, da es bei ihm als genetische Vorgabe erscheint und als "Rauferei" zum Verhaltensrepertoire des kleinen Menschen gehört. Von diesem Verhalten aus sollte sich dann aber der Weg zur Gewissensbildung herausbilden, was aber ein ganz neues Thema wäre und an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt wird.

Nicht zur aggressiven Übergriffigkeit, sondern zum üblichen Verhaltensrepertoire gehören drei Erziehungsweisen, welche menschtypisch sind und zur sozialen Regulation unbedingt Anwendung finden sollten. Es handelt sich um das Drohen, das Schimpfen und das "soziale Trennen".

a) Drohen: Auch im Tierreich gibt es das Drohen als regulierende Verhaltensweise für die sozialen Beziehungen. Das Drohen wird überwiegend mit der Mimik ausgeführt, z.T. aber auch mit der Gestik. Schon im Rahmen des Referenzierungs-Interaktionsmodus (E.Lemche, s.o.) bei der Loslösung des Kindes (und auch noch früher in der Säuglingszeit) spielte die Mimik eine entscheidende Rolle. Das fortlaufende Kind versicherte sich durch Zurückblicken zur Mutter von deren Unbesorgtheit, die es ihrem aufmunternden Gesichtsausdruck zu entnehmen lernte (auch "sichere Basis", F.Renggli, s.o.). Umgekehrt führte ängstlich besorgte Mimik bei der Mutter ganz ohne Worte zum Abbruch der begonnenen Handlung. Diese Prinzip findet hier und jetzt seine Fortsetzung, allerdings muss die Mimik den Situationen angemessen nur etwas "erschreckender" werden. Hierbei spielt gerade der Blick eine ganz besondere Rolle. Der böse Blick, der schon im Säuglingsalter das Kind beeindruckt und zuweilen Weinen ausgelöst hat, zumindest aber ein Wegblicken und Sichabwenden, bekommt jetzt eine klar formulierte Aufgabe, die Verhinderung einer vom Kind beabsichtigten Tat. Nicht gemeint ist ein verbale Äußerung mit der Androhung einer Strafe.

b) Schimpfen: Auch das Schimpfen gibt es schon im Tierreich als Warnruf oder Gebrüll bzw. Gezeter bei Primaten. Beim Menschen ist Schimpfen zweierlei. Einmal klare Änderung der Stimmführung und Lautstärkenänderung. Zum anderen besonderer verbaler Inhalt. Den verbalen Inhalt der ärgerlichen "Botschaft" oder Mitteilung mag das Kind nicht immer verstehen, den Tonfall, mit dem diese vorgetragen wird, aber regelmäßig. Das Kind wirkt unmittelbar beeindruckt. Je nach bereits erworbener Selbstsicherheit hält das Kind bei seinem Tun inne und richtet sich nach der verbalen Aufforderung, entweder als Ver- oder Gebot, oder es erschrickt und fängt sogar an zu weinen. Auf jeden Fall erreicht die Mutter oder eine andere erziehende Person, dass das Kind sich nicht mehr gemäß seinem eigenen Wunsch und Willen, sondern demjenigen der in die Situation eingreifenden Person verhält. Schimpfen verbraucht sich relativ leicht, was zu beachten ist. Man sollte es nicht inflatorisch anwenden. Übrigens kann auch ein kurzer und energischer "Anruf" die ganze Wirkung des Schimpfens entfalten.

c) Sozial Trennen: die Maßnahme des Fortschickens oder auch selbsttätig Forttragens, um das widerspenstige Kind wenigstens eine Zeitlang außerhalb der sozialen Gemeinschaft zu stellen, ist im wesentlichen eine menschliche Eigenschaft. Sie basiert im Grunde auf der Einschränkung des Kindlichen, emotionalen Bedürfnisses, möglichst immer "dabei zu sein" und im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Das Kind versucht ja grundsätzlich, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, eine Aufmerksamkeit, die ihm Bedeutung und Wichtigkeit suggeriert. Beide sozialen Bezugsformen stärken nämlich sein Selbst. Entgehende Aufmerksamkeit wirkt auf das Kind beinahe wie eine seelische Verletzung. Bestes Beispiel hierfür ist die lange Zeit mit einer anderen Person telefonierende Mutter, die nun permanent von ihrem Kind bedrängt wird. Das soziale Trennen ist für das Kind eine harte Maßnahme, und sie sollte nur im äußersten Notfall eingesetzt werden Das Einsperren des Kindes ist verboten und Teil der sogenannten schwarzen Pädagogik. Das Kind muss die Möglichkeit haben, sobald es sich beruhigt hat, zur Mutter oder einer anderen, erziehenden Person zurückzukehren und um Trost und Verzeihung zu ersuchen. Diese Reaktion tritt auch über kurz oder lang regelmäßig ein, sofern die sozialen Grundbeziehungen noch intakt sind, und muss gebührend beachtet werden.

Ohne auf die jeweils spezifischen Abläufe und die mit diesen Reaktionen verbundenen Schwierigkeiten im Einzelnen eingehen zu können, muss gesagt werden, dass diese Trias in aller Regel genügt, ein nicht gewünschtes Handeln des Kindes zu stoppen, oder auch eine drohende Trotzreaktion oder oppositionelle Haltung zu verhindern. Ist der Trotzanfall aber vollständig zum Ausbruch gekommen, hilft gewöhnlich nur die letzte Maßnahme, das soziale Trennen, denn jedes Schimpfen oder jeder Beschwichtigungsversuch lässt das Kind sich allzu häufig weiter in die Wut hineinsteigern. So ist es meines Erachtens auch ganz falsch, durch plötzliche und zusammenhangslose Zuwendung zu ihm das Kind zur Aufgabe zu bewegen. Diese Nachgiebigkeit käme geradezu einer Regelverletzung seitens der Eltern oder Erzieher gleich, denn auch das Kind schafft sich Regeln und möchte, dass sie von den Anderen eingehalten werden.

Lässt sich das Trennen nicht durchführen, weil das Kind dabei sich gleichsam in Raserei steigert, kann man nur den Spieß umdrehen und sich selbst vom Kind entfernen, wohlgemerkt immer mit dem Signal, die Wiederannäherung zuzulassen. Auf diese Weise entwickelt das Kind jenen wichtigen Sozialmechanismus der Reue und des Wunsches nach Verzeihung, beides wichtige Funktionen in der Regulation jeglicher aggressiver Konfliktauseinandersetzung. Also hierbei schon und so früh werden soziale Verhaltensweise ins Leben gerufen und erprobt, welche das Leben lang von entscheidender Bedeutung sind. Grundsätzlich muss jede erzieherische Maßnahme so gestaltet sein, dass das Kind letztlich einen Vorteil für sich selbst darin erkennen kann (wenn auch vielleicht nicht sofort) und nicht einen Nachteil, mit dem die simple Abstrafung aufwarten würde. Wir, die erziehenden Erwachsenen und Eltern, haben die –bislang nirgendwo deklarierte- Pflicht, die Kinder so zu erziehen, dass sie in deutlichem Vorteil für ihr eigenes Selbst aus der Erziehungsmaßnahme hervorgehen. Aus der Sicht des Kindes ist dies ein Menschenrecht.

Ein letztes Wort noch zum Umgang mit den Rivalitätskonflikten in den Kinderzimmern oder auf den Spielplätzen. Aber auch hier kann keineswegs jede Konfliktkonstellation im Detail besprochen werden. Vielmehr sollen allgemeine, situative Verläufe und sinnvolle, elterliche Eingriffsmöglichkeiten zur Sprache kommen.

Zunächst ist es vielleicht wichtig noch einmal zu sagen, dass die Rivalität unter Kleinkindern um so größer wird, je näher sich die Kinder familiär stehen und je geringer ihr Altersabstand ist. Das Geschlecht spielt einstweilen noch keine so große Rolle, was sich später ändert. Demzufolge wäre der größte Rivale das Zwillingsgeschwister, was sich aber nicht immer betätigen lässt. Offenbar gibt es unter Zwillingen so etwas wie einen Rivalitätsschutz. Hingegen sind Geschwister in geringem Altersabstand in der Regel große Rivalen. Die meisten Eltern erleben die Auswirkungen dieser Rivalität, wenn ein Geschwisterkind geboren wird. Spätestens, wenn der kleine Bruder oder die Schwester sich ihren Platz im Kinderzimmer oder auf dem elterlichen Schoß erobert, beginnt der "Kampf".

Rivalität entsteht durch Sorge vor Verlust an Selbstanteilen. Die Entwicklung des Selbst ist im Kleinkindalter das absolut vorrangige, psychosoziale Geschehen. Alles, was der Selbstaufwertung dient, ist willkommen und wird mit den positiven Erscheinungen der äußeren Umwelt in die innere Welt integriert. Alles, was das Selbst abwertet, ist bedrohlich und wird zu externalisieren versucht oder ganz gemieden. Auf dieses Vermeidungsbedürfnis des Kindes greifen übrigens viele Erziehungsprinzipien zurück, die gerade in diesem Alter mit Vorliebe schon angewandt werden, weil sie sich als so wirksam erweisen.

Ein solches Ausnutzen der kindlichen Schwäche ist natürlich sehr schädlich, weil in diesem Licht betrachtet es sich bei dem Erziehungsvorgang nicht nur um eine simple Beeinflussung des kindlichen Verhaltens zum Zweck der Korrektur handelt, sondern sogleich um eine schwerwiegende Seelenverletzung, bzw. Kränkung. Konkret gemeint sind direkte demütigende Kommentare, Verächtlichmachung des Tuns, Erniedrigung durch Vergleich mit anderen, angeblich besseren Kindern, Hervorhebung der kindlichen Schwäche, simple autoritäre Übermächtigung, körperliche Züchtigung, dabei auch Klapse auf die Finger und den Po, Anschreien, Einsperren und noch schlimmere Dinge, die Liste ist lang.

Aber auch die Kinder sind nicht gerade zimperlich, was das Erlangen von Selbstvorteilen angeht oder die Methodik Ihrer Selbstaufwertung. Vor allem dann, wenn ein Kind aus dem Zwei- oder Dreimächtekonflikt ziemlich regelmäßig als Unterlegener hervorgeht und sein Selbst bereits in der Entstehung erschüttert sieht, greift es verstärkt zu Mitteln in seinem Verhalten (ja muss es geradezu), die eine höhere Selbstbewertung nach außen tragen. Jede Form von Macht und Stärke ist ihm hierfür willkommen. Im Einzelfall kommen in diesem Zusammenhang auch schon einmal provokative Handlungen vor.

Da Sachwerte, insbesondere Spielzeug als selbstaufwertende Attribute angesehen werden, wie grundsätzlich jeder "Besitz", aber auch Kleidung, nettes Aussehen, guter Sozialkontakt, Anführerschaft, gute verbale Ausdrucksfähigkeit, Gelenkigkeit und geschickte Motorik, Musikalität und zeichnerisches Talent, sowie alle Fähigkeiten auf die die Eltern als Bezugspersonen besonderen Wert legen, werden auch diese persönlichen Eigenschaften und Ausstattungen (also gerade nicht das, was das Kind innerlich über seine gesellschaftliche Bedeutung fühlt) -sagen wir- gnadenlos eingesetzt. Auf die Interessen anderer Kinder wird dabei wenig Rücksicht genommen, wenn überhaupt. Auf Grund der eigenen Willensstärke und körperlichen Überlegenheit werden dann z.B. Spielsachen anderen, schwächeren Kindern einfach aus der Hand gerissen. Oder unbeholfene, unsichere Kinder werden schlicht übervorteilt, in dem das selbstsicherere Kind sich in den Vordergrund schiebt oder sich ohne jede Rücksicht vordrängelt. Wir hatten über die Methoden der Auseinandersetzung in den Kinderzimmern bereits gesprochen.

Man könnte boshaft meinen, unter den Kindern herrsche ein erbarmungsloser, sozialdarwinistischer Kampf. Bis zu einem gewissen Grade ist das tatsächlich so, nur darf man die hierzu angewandten Verhaltensweisen nicht überbewerten und z.B. mit dem antisozialen Verhalten älterer Kinder und Jugendlicher gleichsetzen. Zwar spielt auch bei den Kleinkindern mehr und mehr ein aggressiver Impuls mit hinein (s.o.) und unterstützt sowohl die Verteidigungshaltung als auch die noch schwache Angriffsposition, jedoch handelt es sich im Gegensatz zu Heranwachsenden noch um vergleichsweise harmlose Vorgänge, welche eigentlich vielmehr dazu geeignet sind, letztendlich positives Sozialverhalten zu erkennen, zu erlernen und einzuüben. Sie müssen also nicht unbedingt gleich ausgetrieben werden. Entsprechend lauten meine Empfehlungen für die eingreifenden Eltern.

Ich hatte mit meiner obigen Aufzählung der verbotenen Reaktionsweisen Erwachsener ja schon zum Ausdruck gebracht, dass jegliches Eingreifen in die frühkindlichen Auseinandersetzungen, welche dazu geeignet sind, das gerade erstehende, kindliche Selbst nachhaltig zu schädigen, von vornherein ausgeschlossen sind. Das möchte ich hier noch einmal als einen entscheidenden Grundsatz aller Frühpädagogik herausstellen. Alle erzieherischen Eingriffe, und darum geht es ja jetzt eindeutig, müssen so gestaltet sein, dass das "erzogene" Kind einen persönlichen Vorteil aus der Maßnahme ziehen kann und eben nicht mit einem Nachtteil für sich selbst abgestraft wird (s.o., kindliches Menschenrecht). Das gilt übrigens auch für jede andere erzieherische Maßnahme, wie sie z.B. bei heftigem Trotz oder bei oppositionellem und provokantem Verhalten angebracht ist. Ich hatte weiter oben auch hierauf schon hingewiesen und will es nur noch einmal unterstrichen sehen.

Wie sollte man sich also nun in ganz konkreter Form im turbulenten Kinderzimmer verhalten? Ganz einleuchtend, wenn auch etwas übertrieben, ist vielleicht der Vergleich mit den UNO-Blauhelmsoldaten in Krisengebieten der Welt. Im Vordergrund steht dort wie hier die Deeskalation der Geschehnisse. Man sollte sich auch als Eltern hüten vor allzu klarer Parteinahme. Selten ist Klärung der Situation in schuldig und unschuldig möglich. Ein alltägliches Beispiel: Hat ein Kind im Sandkasten einem anderen sein Schüppchen weggenommen, dann vielleicht nur deshalb, weil dieses Schüppchen seit einiger Zeit achtlos herumlag und das Kind dieses Instrument zum Graben dringend gebrauchen konnte. Da den Kindern altersgemäß Eigentumsverhältnisse unbekannt sind, hat das andere Kind auch keinen Grund gesehen, den Besitzer der Schaufel erst einmal zu fragen. Es hat sich genommen, was es glaubte, sich nehmen zu dürfen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil es es brauchte. Nun protestiert das Kind, dem das kleine Grabgerät gehört, weil es in dem Moment merkt, eines Attributs (die schöne, vielleicht neue Schaufel) verlustig zu gehen. Das merkt es erst, als es den jetzt ja Kontrahenten mit seinem eigenen Schüppchen hantieren sieht. Das "bestohlene" Kind wähnt sich im Recht, auch ohne vorheriges Verhandeln, sich sein Schüppchen notfalls mit Gewalt wieder zurückzuholen. Dabei kommt es zur Rangelei, weil auch der Kontrahent auf seinem Recht besteht, nämlich das nützliche Stück zu behalten. Der Kontrahent unterliegt, bekommt auch noch einen Schlag auf den Kopf und fängt an zu weinen. Nun stehen Sie als Mutter oder Vater da und sollen schlichten.

Sie werden vermutlich spontan dem Besitzer des Schüppchens recht geben und ihn in seinem Tun bestärken. Aber ist das gerecht? Der kleine Besitzer hat im entscheidenden Moment sein Schüppchen nicht gebraucht und es achtlos herumliegen lassen. Seines Besitzertums ist er erst in dem Moment gewahr geworden, als ein anderes Kind sein Auge auf diesen Gegenstand geworfen hat. Das tat dieses Kind prinzipiell mit dem gleichen Recht, das auch der Besitzer jetzt für sich in Anspruch nimmt, denn notwendiger Gebrauch ist ebenso ein elementares Recht wie Eigentum (jedenfalls in der Vorstellungswelt der Kinder). Insbesondere wird der zweckmäßige Gebrauch dann zum Recht, wenn dem willentlichen Benutzer gar nicht bekannt sein kann, dass solche Eigentumsrechte existieren und diese dann als vorrangige von der Benutzung ganz unabhängig sind. Wahrhaftig ein Dilemma! Wie soll man das jetzt dem geschlagenen Kind klarmachen? Dieses muss ja denken, wieso darf ich die Schüppe nicht gebrauchen, wo sie doch herumliegt und wieso werde ich für meine Tat gleich zweimal bestraft. Zum einen schlägt mich der Besitzer, zum anderen werde ich auch noch von seiner Mutter ausgeschimpft.

Es gibt aber auch weiter denkende Eltern, die meinen, mit ihren Kindern von Anfang an der Toleranz und dem Altruismus entgegen arbeiten zu müssen. Diese erwarten nun von ihren Kindern, dass sie das Utilitarismusprinzip schon verstehen könnten und ihr Schüppchen dem anderen Kind doch für den Gebrauch überlassen sollten. Das findet das eigene Kind aber ganz und gar nicht gerecht, und es fühlt sich schnell von seinen eigenen Eltern verraten. Es hat das Gefühl, die eigenen Eltern fielen ihm in den Rücken. Dadurch sieht es sich in seinem Selbst beschnitten und abgewertet, ein Empfinden, dass ein Kleinkind dieses Alters, ich rede von eineinhalb bis vielleicht 3 Jahren, überhaupt nicht vertragen kann. Sein Selbst allein ist und hat in diesem Alter, sowie auf dieser Entwicklungsstufe, R/recht. Jene mit einem solchen Toleranzverhalten verbundene, ideelle Aufwertung des Selbst in der menschlichen Gesellschaft kann ein zweijähriges Kind noch nicht begreifen und erscheint ihm wertlos.

Wie könnte man sich nun am günstigsten verhalten? Eingedenk der Tatsache, dass in der geschilderten Situation beiden Kontrahenten juristisches Recht noch unbekannt ist, gibt es eigentlich keine gerechte Lösung. Da bleibt einem dann nur die Wahl zwischen dem harten Eingreifen, das darin besteht, die Kampfhähne zu trennen, und der (weichen) Kompromisslösung, die darin besteht, dass das Kind, welches das Nachsehen hat, anders entschädigt wird, und das Kind, das den Erfolg davonträgt, nicht noch dafür besonders belohnt wird. Aber grundsätzlich wird man sich damit abfinden müssen, dass es in diesem Stadium keineswegs immer eine ganz elegante Lösung gibt, die allen Beteiligten gerecht würde.

Weil das so ist, erwartet jedes Kind, dass seine Mutter, sein Vater ihm zur Seite stehen wird und nicht dauernd auf die Interessenlage des anderen Kindes hinweist. Diesem Anspruch unterwerfen sich Eltern ungern, da sie den Anspruch haben, das fehlende Rechtsbewusstsein durch übertriebenen Altruismus ausgleichen zu müssen. Das aber kränkt das eigene Kind und macht den Konflikt perfekt. Der Streit erscheint gelöst, aber zu dem Preis, dass das eigene Kind nun stundenlang schmollt.

Kommen wir an dieser Stelle auch schon einmal kurz auf die Gewissensentwicklung zu sprechen. Gewissen ist ebenso wenig wie die Vernunft eine angeborene Eigenschaft oder Fähigkeit des Menschen. Beide wichtigsten sozialregulativen, geistigen Eigenschaften des Menschen müssen im frühen Alter der Kleinkindzeit beginnend erworben werden. Dabei spielen stilles, elterliches Vorbild ebenso eine Rolle wie gezielt demonstrierte Konfliktlösungsstrategien in der Interaktion. Während Gewissen die emotionale Seite der Sozialverträglichkeit formt und sich in Einfühlsamkeit, Mitleid und Fürsorge äußert, bedingt die Vernunft deren kognitive und zeigt sich in der Zurücknahme des Egoismus zugunsten höherer Sinnhaftigkeit des Daseins und einer durch Gesetze geregelten, übergeordneten Gemeinschaftsform. Hier im kleinsten in den Auseinandersetzungen zwischen den Kindern und in dem erzieherischen Eingreifen durch Eltern oder Pädagog(inn)en beginnt der Weg in die großen Strategien der Konfliktlösung. Sie sollen das nächste Thema in dieser Abhandlung sein.

Trost für die Eltern



Die große Mühe, die Sie als Eltern in diesem Stadium auf die gemeinsame Bewältigung aller aufkommenden Probleme und Konflikte aufwenden (auch schon im Lesen dieses Textes), sind Ihre weitgehende Garantie dafür, dass Sie im weiteren Verlauf der Kindheit und der sich anschließenden Pubertät und Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens) nicht unter den in diesem Alter auftretenden Schwierigkeiten zu leiden haben.

Vier große Problemkomplexe stehen häufig dann ins Haus, wenn alle guten Worte, die in diesem frühen Entwicklungsstadium für ein günstiges Eltern-Kind-Verhältnis vorgetragen werden, unbeachtet bleiben oder beiseite geschoben werden. Diese vier großen Problemkomplexe sind:

a) die aggressiven Verhaltensauffälligkeiten, die in Form von oppositionellem und provozierendem Verhalten noch einigermaßen zu beheben sind, in Form von offenkundiger und angriffslustiger Aggression, sowie darüber hinaus gehender Delinquenz aber enorme Schwierigkeiten im sozialen Umgang hervorrufen.

b) die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, die sich insgesamt viel schleichender bemerkbar machen, dann aber durch extreme Unausgeglichenheit in der Selbstpräsentation erkennbar werden bei völlig überhöhter Selbstbewertung, verbunden mit einem über Gebühr hohen Anspruch an die Umwelt, was die Bestätigung des eigenen Selbst angeht.

c) die Aufmerksamkeitsstörungen und das hyperkinetische Verhalten, die jeweils einzeln oder in Kombination durch große Anpassungsschwierigkeiten an die sozialen und leistungsmäßigen Anforderungen der Gesellschaft auffallen, und daraus resultierend allgemeines Versagen oder ständige Regelverletzungen nach sich ziehen.

d) die regressiven und depressiven Persönlichkeitsentwicklungen, welche wiederum eher schleichend und unauffällig in Erscheinung treten und im ersten Fall Rückfälle in frühkindliche Verhaltensweisen produzieren, und im zweiten Fall eine stille, resignative Abkehr von den gesellschaftlichen Ereignissen und Ansprüchen.

Schließlich gibt es zu diesen vier Komplexen noch alle möglichen Abweichungen von den einzelnen Störungsformen durch Kombinationen oder Teilüberschneidungen. Es ist aber nicht die Aufgabe dieses Textes die kinder- und jugendpsychiatrischen Störungs- und Krankheitsbilder zu besprechen, sondern deren Verhinderung durch frühe und günstige Beeinflussung der Persönlichkeitsentwicklung.

Also sollten wir unser Augenmerk darauf legen, was zu tun ist, seelischen Fehlentwicklungen von Anfang an vorzubeugen. Das zu erreichen, darauf sind alle hier vorgetragenen Empfehlungen an das Erziehungsverhalten ausgerichtet. Daher sollte jetzt gesagt werden, was an positiven Wirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung schon im Kleinkindalter erreicht werden kann.

Absolut im Vordergrund steht die hohe positive, emotionale Integration, welche den Grundstein für die gesamte weitere psychosoziale Entwicklung legt. Positive Integration ist das, was in den zwei ersten Teilen dieser Abhandlung als stille Botschaft enthalten ist. Diese soll hier noch einmal gebündelt vorgetragen werden: Unheimlichkeit, Befremdung und Angst am Lebensanfang müssen durch mütterliche Einfühlsamkeit und Empathie aufgefangen und in Urvertrauen in Form innerlicher Zufriedenheit und Glück möglichst maximal umgewandelt werden.

Der daraus sich entwickelnde Wille wird ein in sich abgefederter sein mit einem geringeren Maß anfänglichen Drangs und Zwangs. Dieser Wille wiederum ist die emotionale Keimzelle des Ichs mit weiteren Auswirkungen auf die Selbstentstehung, welche sich auf parallelem Weg bindungstechnisch durch die gelungene Loslösung aus der Mutter-Kind-Dyade ergibt. Das Selbst auf den ersten Stufen einer lebenslangen Leiter nach oben ist auf natürliche Weise stark verletzlich und muss im Trotz -sagen wir- auf Biegen und Brechen verteidigt werden. Je verständnisvoller und toleranter die Eltern dabei mit Ihrem Kind umgehen, desto klarer formieren sich die kindlichen Willensstrukturen mit ihrer Durchsetzungskraft einerseits, aber eben auch mit der Fähigkeit zur eigenen Zurückhaltung andererseits. Auf diese Weise stärkt sich das Selbst im erfolgreichen, sozialen Umgang und zementiert so das Ich in der Persönlichkeit. Auf diese Weise müssten auch, ich wähle hier noch bewusst den Konjunktiv, denn das alles ist neu in der Entwicklungspsychologie, optimale Ausgangsbedingungen für die Persönlichkeitsstruktur eines jeden Menschen entstehen. Einschränkend muss allerdings Beachtung finden, dass dieser in sich durchaus schlüssigen, psychosozialen Entwicklung angeborene, anlagemäßige Faktoren zugrunde liegen, welche sich in Temperament und Charakter zu erkennen geben. Diese werden dann in einer solchen Entwicklung eher wenig beschliffen und bleiben persönliches Merkmal.

Die Triebe Aggression und Libido (sexuelle Lust), welche genau in der bisher erreichten Entwicklungsphase sich in einem jeden Kind zu Wort melden, und das nicht ohne natürlichen Grund, wirken mit an der Ausgestaltung der Persönlichkeitsstrukturen. Dabei muss die Aggression, als Motor von der Selbstverteidigung bis hin zur Angriffshaltung sozialverträglich eingebunden werden, denn wir Menschen sind Gruppenwesen und keine typischen Einzelgänger (s.o.). Ebenso muss die Sexualität eine einwandfreie und allgemeinverträgliche Einbettung in die Persönlichkeit bekommen, denn von ihr hängen im späteren Leben, d.h. in der Pubertät und Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens), nämlich dann wenn die Persönlichkeit geschlechtlich expandiert, entscheidende Verhaltensweisen in der Gruppe und der Gemeinschaft ab. Sexualität und Aggression stehen in der Persönlichkeit dabei in einem ausbalancierten Verhältnis. Auf diese Fragen werden wir dann im nächsten Kapitel zu sprechen kommen, in dem es hauptsächlich um Gewissen und Ansätze zur Vernunft gehen wird. Ein wesentliches Thema wird auch die Sauberkeitsentwicklung sein, die sich als erster wichtiger, sozialkompetenter Schritt nahtlos an die Willensfragen und den Trotz anschließt.
Rüdiger Posth

Lesen Sie hier weiter:

Teil 1:  Die Erlebniswelt des Säuglings
Teil 2:  Fremdeln und Anhänglichkeit
Teil 3:  Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein
Teil 4:  Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft
Teil 5:  Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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