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Das emotionale Bewusstsein

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von Rüdiger Posth

Teil 2 -  Fremdeln und Anhänglichkeit

Eine neue Einleitung



Nachdem wir uns gemeinsam durch die komplizierten Zusammenhänge der grundsätzlichen Lebensbedingungen des Menschen hindurch gearbeitet haben (und zwar so wie diese hier verstanden sein sollen) und die ersten emotional-affektiven Signale des Säuglings interpretieren können, nämlich Urangstschreien, Lächeln und Lachen, sowie Ärger bzw. Wut, wollen wir uns den ersten Erkenntnisleistungen des Säuglings zuwenden, die mit den Gefühlen im Zusammenhang stehen.

Das ist zwar nicht minder kompliziert, aber sicherlich etwas anschaulicher, denn erstens können wir Erwachsene Erkenntnisleistungen leichter verstehen, da diese mit unser eigenen Denkstruktur besser zusammenpassen. Zweitens gehören diese frühen Erkenntnisleistungen zum beeindruckendsten, was der Säugling hervorzubringen vermag. Über die Entstehungsweise und die Auswirkungen dieser erkenntnishaften Prozesse im Gehirn selber wird in der Wissenschaft allerdings noch heftig gestritten, und ich möchte einmal die ganze Zunft der Neurowissenschaftler grob aufteilen in die großen Optimisten und die ewigen Zweifler oder Skeptiker. Was heißt das?

In ihrem Buch mit dem programmatischen Titel „Forschergeist in Windeln“ beschreibt die Wissenschaftlergruppe um Alison Gopnik, Patricia Kuhl und Andrew Meltzoff aus den USA in begeisterter Form die enormen Leistungen, die schon kleinste Säuglinge in puncto Weltsicht und Selbstverständnis hervorbringen. Dazu werden komplizierte Untersuchungstechniken unter Nutzung des Verhaltens von Säuglinge angewandt, um die unsichtbaren Leistungen im Gehirn dem Untersucher erkenntlich zu machen. Z.B. wird längeres und stärkeres Saugen am Nuckel gemessen, wenn optische oder akustische Reize variiert werden, oder länger andauerndes Anblicken, wenn das zu betrachtende Objekt gegen ein anderes ausgetauscht wird. Bezüglich solcher Untersuchungstechniken gehöre ich nun eher auf die Seite der Skeptiker, weil ich mich frage, ob nicht solche Versuchsanordnungen ihren eigenen Erfolg in versteckter Weise, wenigstens teilweise, mit einbauen und unerlaubt vorwegnehmen. Es ist z.B. nämlich denkbar, daß die Versuchsgestaltung einfach solange wiederholt wird, bis das gewünschte Ergebnis statistisch nachweisbar erscheint. Oder es werden nur Säuglinge mit einer besonders hohen Aufmerksamkeitsfähigkeit für die Versuche ausgewählt, welche, was die jeweiligen Zeitangaben einer bestimmten Leistung angeht, ein beeindruckend frühes Datum an den Tag legen. Nicht zuletzt wird vielleicht ein Verhaltensergebnis des Säuglings einfach positiver gesehen als tatsächlich hervorgebracht. Dann aber stimmten diese Ergebnisse gar nicht wirklich, sondern befriedigten letztlich nur das Ego der Wissenschaftler.

Allerdings gibt es für viele Zeitangaben kognitiver Leistungen von Säuglingen inzwischen auch überprüfende Gegenuntersuchungen, z.B. jüngst aus der Universität Heidelberg, von S. Paulsen, die in der Zeitschrift Gehirn und Geist, (Ausgabe 1/2003), zumindest die Fähigkeit etwas älterer Säuglinge zur Bildung bestimmter Kategorien von Gesehenem im Kopf bestätigen kann. Diese Untersuchungen ergeben hinsichtlich der dinglichen Objektwahrnehmung des Säuglings, daß dieser Bauklötze für Bauklötze hält, die sich von allein nicht bewegen werden und Hunde (aus Holz) für Tiere, welche sich vielleicht doch bewegen könnten, zumindest, wenn er, der Säugling, es schon einmal zuvor beim lebenden Tier gesehen hat. Das ist nicht so trivial, wie es sich anhört. Denn hier bildet der Säugling bereits zwei entscheidende Kategorien, die sich durch das Merkmal belebt und unbelebt unterscheiden, eine Leistung, welche eine wie auch immer gestaltete, innere Vorstellung von lebender und toter Materie voraussetzt, sprich von Leben oder Wesen auf der einen Seite und Ding oder Sache auf der anderen. Wie aber könnte ein Säugling ohne ausreichende Empirie und ohne Logik eine solche Unterscheidung überhaupt erspüren?

Dazu dient v.a. das „Tier-Ball-Paradigma“, das besagt, daß ein Säugling (im Versuch 7 Monate alt) nach Betrachten eines mit einem Ball sich umherschlängelnden Wurmes (bewußt gewählt ist ein nicht gerade typisches Tier) nach Abbruch der Szene länger den Wurm anblickt, ob dieser sich vielleicht wieder bewege, als den Ball (der an sich ja auch leicht beweglich ist, aber doch nur ein Ding). Also wiederum erkennt der Säugling, seiner Erwartungshaltung nach zu urteilen, Belebtes und Unbelebtes, und er erkennt es anhand von Kriterien, die ihm optisch und von Gestalt Leben verraten, nämlich ein Gesicht mit Augen und Mund, ein Fell oder vielleicht Beine mit Füßen. Nimmt man dem besagten Wurm nämlich diese Attribute (Auge, Mund, Fell), verliert der Säugling schnell sein Interesse an ihm und stuft ihn „zurück“ auf das Niveau des Balls als einem Ding.

Wie gesagt, Skepsis ist angebracht. Denn, was versteht der Säugling nun wirklich von den Objekten der tatsächlichen Welt? Empfindet er nicht in Wirklichkeit nur (subjektives) Leben auf der einen Seite und Gegenstand und objektive Welt auf der anderen und zieht (noch) keinerlei kausale Verknüpfung zwischen diesen Kategorien. Ist für ihn dieses Leben nicht allein soviel wie Mutter und Geborgenheit oder Angst vor dem Verlust der Mutter, als seiner primären Bezugsperson? Und bedeutet Tier nicht einzig Aufpassen und Vorsicht, denn es könnte für ihn gefährlich sein, die Kategorie also, die über die Jahrtausende Menschheitsgeschichte hinweg sich in die Gehirne der Menschen eingebrannt hat? Und heißt hingegen Ding, Gegenstand, Sache für ihn nicht nur: da ist etwas, das ist irgendwie anders als die lebendige Mutter? Das hat nicht so richtig Leben?

Die Gefahr der Überschätzung von kognitiven Fähigkeiten des Säuglings liegt nicht so sehr in dem Zuwachs an deren grundsätzlicher Anerkennung am Lebensanfang eines jeden Menschen. Es wäre schön, wenn eine solche Hochschätzung des Säuglings endlich in der menschlichen Zivilisationsgeschichte zustande käme. Nein, die Gefahr liegt vielmehr in der mit einer solchen Anerkennung automatisch verbundenen Zuweisung von Verantwortung für das eigene Handeln. Da aber das „Handeln“ eines Säuglings vordergründig betrachtet egoistisch und anmaßend erscheint, was es natürlich nicht ist, denn es entspricht ja nur dem Ausweichen seiner Hilflosigkeit und dem Signalisieren seiner Bedürftigkeit, wäre jede Inverantwortungnahme ein großes Unrecht an ihm. Nur mit dieser kritischen Selbstbetrachtung konfrontiert dürfen wir uns auf weitere Entdeckungen von Leistungen des Säuglingsgehirns freuen.

Das Phänomen des Fremdelns in der emotionalen Entwicklung



Überlegen wir uns jetzt einmal: was bemerkt eigentlich ein kleiner Säugling von der Welt, in die er hineingeboren ist, genau? Er bemerkt ohne Verständnis dessen, worauf er in dieser Welt trifft, daß es offenbar zwei unterschiedliche Objekte in seiner Umgebung gibt, nämlich Wesen, wie seine Mutter (oder primäre Bezugsperson) und Dinge, die irgendwie ganz anders sind, nämlich Gegenstände. Erst einige Zeit später erfährt er, daß es auch andere Wesen gibt, die nicht Mensch sind, nämlich Tiere (s.o.) und daß es auch andere Dinge gibt, die nicht greifbar sind und die noch nicht einmal einen Gegenstand darstellen, sondern eher einem Geschehen gleichen, wie Licht oder Luft. Dabei stellt er des weiteren fest, daß es in ihm so etwas wie eine zentrale Wahrnehmungsstelle gibt, welche alle diese Dinge bemerkt und erlebt; oder sagen wir besser (passiv) zu erleben hat. Er entwickelt dadurch ein Subjektgefühl, das sich einstweilen auf seine Empfindungen und Gefühle, wie auch auf seine Erlebnisse stützt, die er mit seinem Körper(empfinden) verbindet. Wir sollten dieses Existenzgefühl als Körper-Ich bezeichnen. Es ist wichtig, diese Empfindungsformen des Säugling zu verstehen, um nachempfinden zu können, was Fremdeln tatsächlich bedeutet.

An dieser Stelle wäre eigentlich ein längere Abhandlung angebracht, die Bezug nimmt auf das unterschiedliche Objektverständnis in der Psychoanalyse und der Philosophie. Denn in der Psychoanalyse wird der Objektbegriff auf den Menschen angewandt, mit dem ein anderer Mensch, der Analysant, oder der Patient eine Beziehung eingegangen ist. In der Philosophie wird mit Objekt grundsätzlich das außerhalb des -betrachtenden- Subjekts/Mensch sich befindende Ding bezeichnet, welches erkenntnishaft wahrgenommen und verinnerlicht wird. Dieser Diskurs läßt sich hier aber nicht vertiefen).

Der Säugling merkt auch bald, daß Wesen und Dinge untereinander Beziehungen eingehen und auch unabhängig von ihm miteinander etwas anstellen. Das sind für ihn Geschehnisse. Wenn er wach wird, wird er z.B. von einem Wesen, meistens seine Mutter, auf dem Bettchen hochgehoben und auf ein Ding, einen deutlich härteren Untergrund als das Bett gelegt (Wickeltisch). Dann wird er von Dingen entkleidet (er spürt nur, daß ihm etwas über die Haut gezogen wird, das vielleicht klemmt oder kratzt), und danach wird er zwischen den Beinen mit einem kühlen oder warmen, fließenden Ding (nämlich Wasser, o.ä.) berührt und abgerieben. So geht es stetig fort. Das Wesen, die Mutter, flüstert, raunt, lächelt, liebkost, streichelt, spricht, die Dinge fühlen sich irgendwie an, fließen wie Wasser, blenden hell wie die Lampe, oder tun von sich aus überhaupt nichts wie der Schrank oder das Bild an der Wand. Mutter, Flüssigkeit, Licht und Dinge wie Kleidung und Bild kommen zu bestimmten Zeiten zusammen vor und verursachen an ihm, dem erwachenden Subjekt ein Geschehen. Das Wichtigste dabei ist: es gibt angenehme Geschehnisse und unangenehme. Einem bestimmten Geschehen folgt ein anderes und diesem wiederum ein anderes. Sind alle diese Geschehnisse angenehm, verspürt nun das Subjekt im Säugling ein freudiges Gefühl, dem er, sobald ihm seine Gesichtsmuskel einigermaßen gehorchen, durch ein Lächeln Ausdruck verleiht.

Ein völlig anderes Gefühl verspürt er jedoch, wenn diese Geschehnisse unangenehm oder vielleicht sogar schmerzend sind. Dann befällt ihn ein schwer erträglicher innerer Krampf, der sich in lauten Geräuschen aus seinem Kopf heraus äußert, jener Affekt, den wir Beobachter als Schreien vernehmen. Dieses Gefühl strengt an und tut weh, und je länger es dauert, desto anstrengender und schmerzlicher wird es. Fortan verbinden sich bei mißliebigen Vorgängen und Geschehen im Säugling drei Komponenten, nämlich ein unangenehmes Gefühl, das Zusammenkrampfen des Inneren mit schreienden Lautäußerungen, Anstrengung und ein zunehmender Schmerz. In analoger Weise aber mit völlig umgekehrten Vorzeichen der inneren Gefühlshaftigkeit baut sich dagegen auch das Glücksgefühl auf.

Der Säugling nimmt in ziemlich kurzer Zeit auch noch folgendes wahr: Es gibt ein Wesen, eine Person, welche ständig mit dem Körper, den er in sich spürt, etwas tut, etwas unternimmt, und es gibt eben diesen Körper, der immer bei ihm ist, der er offenbar selbst ist (hier muß das Wort „selbst“ aus methodischen Gründen schon benutzt werden). Somit ergänzt sich zu der inneren Wahrnehmung von Erlebnissen mit ihm die ständige Präsenz einer zweiten Person als der Schlüssel zum Körper-Ich. Dieses „Erleben vom Ich“ ist aber völlig unreflektiert und unhinterfragt, denn der Säugling kennt noch keine Logik, die ihm das Beweisen von sich oder irgend etwas durch dessen potenzielles Abstreiten einsichtig macht, am allerwenigsten bezüglich seines eigenen Körpers. Es ist doch so, daß wir Menschen alle uns die Wahrheit unseres Daseins und der Welt, in der wir leben, letztlich nur dadurch klarmachen und als Wirklichkeit ins Bewußtsein heben können, daß wir uns auch das Gegenteil dieser Wirklichkeit, nämlich deren Nichtexistenz theoretisch vor Augen führen können. Reflexion bedeutet also, Wirklichkeit und Nichtvorhandensein von etwas sauber auseinander halten zu können. Dazu aber ist der Säugling noch lange nicht imstande. Er kennt nur das Wirkliche als das, was er im Verbund mit seiner primären Bezugsperson, der Mutter, erlebt und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt hat. Insofern empfindet er sich wirklich/real allein mit ihr im Verbund, und es befällt ihn Unheimlichkeit und Angst, wenn diese existenzielle Rückversicherung in Form der Mutter in bedürftigen Momenten versagt bleibt. Genau davon aber wird beim Fremdeln immer die Rede sein.

Die eben beschriebene, existenzielle Position des Säuglings ist auch der Dreh- und Angelpunkt des Leih-Selbst, bzw. der Mutter-Kind-Dyade, wie sie v.a. die Österreicherin Margarete Mahler in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts in „Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation“ beschrieben hat. Gerade die Vorstellung vom Leih-Selbst macht deutlich, wie dramatisch der Säugling den Verlust seiner primären Bezugsperson erleben muß, nachdem er sich einmal an sie gebunden hat. Vor dieser Bindung mag ein Austausch dieser bestimmten Person noch einigermaßen zu verkraften sein, obwohl ja außer dem Erkennen und Erleben schon andere Sinnesfähigkeiten des Säuglings die Identifikation einer bestimmten Person zulassen, nämlich Geruch und Geschmack (Brust). Aber nach dem eingehenden Erkennen der primären Bezugsperson ist ein solcher Austausch einstweilen wenigstens vom Prinzip her unmöglich. Damit wären wir nun beim Phänomen des Fremdelns angekommen, wie es sich in der Realität bei jedem Säugling äußert.

Das Fremdeln ist allem Gesagten zufolge das Gefühl von großer Unheimlichkeit und Angst, wenn die Mutter oder primäre Bezugsperson in einer bedrohlich empfundenen Situation nicht greifbar ist, oder den Anschein erweckt, den Säugling nicht ausreichend schützen zu können. Die Betonung liegt dabei auf einer „bedrohlich erscheinenden Situation“. Diese muß nicht wirklich bedrohlich sein. Allein das Gefühl des Säuglings genügt, daß es so sein könnte. Da genügt es empfindsamen Säuglingen schon, wenn eine fremde Person sich plötzlich und unerwartet ihm nähert. Die potenzielle Gefahr, die von diesem Fremden ausgeht, und dabei ist es einerlei, ob diese Person eigentlich noch zur Familie gehört, veranlaßt den Säugling dazu, anfangs durch Schreien, später auch durch Fluchtbewegungen hin zur Mutter, diese von seiner Angst in Kenntnis zu setzen. Seine Erwartungshaltung ist die, daß die Mutter ihn vorbehaltlos schützt und mit Ihrer Körpernähe vor jeder Gefahr bewahrt. Um das noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Es spielt keine Rolle, ob dem Säugling tatsächlich eine Gefahr droht, d.h. es handelt sich beim Fremdeln nicht um eine Furcht vor etwas oder jemandem, sondern es handelt sich um reine Angst als ursprüngliches Gefühl, das ganz allein im Säugling entsteht und unmittelbar der Unheimlichkeit entspringt. Man kann es vergleichen mit der Angst Erwachsener vor Dunkelheit oder dem Eingeschlossensein, Empfindungen, die selbst dann aufkommen, wenn der Betroffene genau weiß, daß ihm in diesem Moment und in dieser Situation nichts wirklich passieren kann.

Die Art und Stärke des Fremdeln ist nach Anlage und Temperament sehr unterschiedlich und reicht von wenigen eindringlichen oder skeptischen Blicken zum Fremden und dem optischen Rückversichern bei der Mutter über das „Schüppchenziehen mit der Unterlippe“ und der motorischen Unruhe bis hin zu einem explosiv auftretenden, panischen Schreien. Bei einem Fremdelereignis können alle Stadien auch ineinander übergehend auftreten in der Art einer schnellen Steigerung, insbesondere dann, wenn die angefremdelte Person sich nicht wieder zurückzieht und die Gefühle des Säuglings mit dem Wunsch nach Einhaltung von Distanz mißachtet.

Drei Stufen des Fremdelns sind im Prinzip ganz gut zu unterscheiden:

1. das lange, ernst erscheinende und ausforschende Betrachten des Fremden

2. das Herabziehen der Mundwinkel und Stirnrunzeln bei allgemeiner Unruhe

3. das erste Weinen und sich Steigern in das panische Schreien mit Fluchtimpulsen

Man kann sagen, daß jeder emotional gesunde Säugling fremdelt, manchmal jedoch so versteckt, daß in der speziellen Beobachtung ungeübte Eltern das Verhalten ihres Kindes nicht als Fremdeln identifizieren. Die Zeit des Fremdelns beginnt ganz vereinzelt noch vor dem 4. Lebensmonat, geht dann mit etwa einem halben Jahr ihrem zahlenmäßigen Höhepunkt entgegen und läßt danach wieder langsam nach, um wiederum in Einzelfällen beinahe nahtlos in ein der Trennungsangst ähnliches Verhalten im Rahmen der Anhänglichkeit (s.u.) überzugehen. Das hat frühere Interpretatoren dazu veranlaßt, von einer Achtmonatsangst zu sprechen, um ängstliches Verhaltens bei Säuglingen in einem Begriff zu erfassen.

Die Fremdeldauer ebenso wie die Fremdelstärke sagen etwas über die Charakteranlagen eines Kindes aus. Eher neugierige und auf Fremde allgemein tolerant reagierende Säuglinge, ebenso aber auch in ihrer Mutterbindung sich sicher fühlende, fremdeln eher sporadisch und ohne viel Schreien, hingegen ängstlich veranlagte, aber auch in ihrer Bindung verunsicherte Säuglinge fremdeln häufig und heftig. Solche Säuglinge können zeitweilig auch weitgehend vertraute Personen anfremdeln, wie den Vater oder mitbetreuende Großeltern. Dies geschieht insbesondere in Streßmomenten, z.B. bei der Übergabe der Betreuungsaufgabe. Ein solches Verhalten führt bei den Mitbetreuern oft zu falsch verstandenen Gefühlen von persönlicher Ablehnung. Der Säugling verbindet aber mit Fremdeln keine persönliche Aversion gegen jemand, sondern er erlebt nur seine eigenen Gefühle von (grundsätzlichem) Bedrohtsein, allenfalls kennt er noch so etwas wie Antipathie gegen das Aussehen oder Auftreten bestimmter Menschen. Niemand darf sich aber verletzt und abgelehnt fühlen, wenn er von einem Säugling mit Fremdeln bedacht wird.

Selbstverständlich kann sich Fremdeln spezifizieren, wenn man dem Säugling wiederholt unliebsame Gefühle oder Schmerz zufügt. Dann gibt man dem Gefühl der generellen Bedrohtsein Nahrung aus der unmittelbaren Realität und konzentriert es auf ein bestimmtes Geschehen.. Kommt ein solches Geschehen häufiger vor, „konditioniert“ man den Säugling auf eine spezielle Angst, welche jetzt schon die spätere Furcht vorwegnimmt. In einem solchen Fall kann auch schon der etwas größere Säugling vor einer bestimmten Person Angst empfinden oder vor einer festgelegten Situation.

Neben dem Fremdeln bei Personen gibt es auch das Fremdeln an unvertrauten Orten und in unbekannten Situationen. Vor allem wieder der etwas ältere Säugling, also der jenseits dar Halbjahresgrenze erlebt seine Umgebung schon relativ detailliert und spürt genau, ob er sich an einem vertrauten oder unvertrauten Ort befindet. Gerüche, Geräusche, Lichtverhältnisse und räumliche Ausgestaltung zu Hause besitzen inzwischen Repräsentationen in seinem Gehirn und können so mit anderen Räumen verglichen werden. Da der Säugling zur Orientierung und Absicherung seiner Position die gewohnten Umgebungsmerkmale immer wieder „aufsucht“, wird deren gänzliche Umgestaltung wieder jene Unheimlichkeit in ihm hervorrufen, die er gerade in seiner vertrauten Umgebung überwunden hat.

Ganz ähnlich ergeht es ihm, wenn die Erlebnisweise seines eingeschlagenen Lebensrhythmus plötzlich variiert wird oder „auf den Kopf gestellt“ erscheint, vielleicht auch seine Bezugsperson(en) unerwartet anders reagieren, dann geraten alle in ihm ruhenden Muster seiner Existenz in Unordnung und die Angst macht sich wieder breit.

Der Umgang mit dem fremdelnden Säugling



Nun muß man nicht denken, ein Säugling sei wie ein rohes Ei zu behandeln. Die Fähigkeit der Menschen zur Anpassung an veränderte Umgebungsbedingungen und Lebensverhältnisse ist sehr groß. Ursprünglich waren die Menschen Nomaden und wechselten häufig, wenn nicht ständig ihren Standort und Lebensraum. Allerdings blieben bestimmte Umgebungsbedingungen dabei auch gleich und genau das ist es, worauf auch heute noch der Säugling angewiesen ist. Wenn man also etwas verändern will im unmittelbaren Lebensumfeld des Säuglings, muß man gleichzeitig einige Eckkonditionen beibehalten. Will man z.B. eine weitere Betreuungsperson einführen, so sollte das im eigenen häuslichen Umfeld geschehen und mit enger Begleitung durch die Mutter oder eine andere primäre Bezugsperson. Muß man mit seinem Säugling irgendwo übernachten, nimmt man am besten sein vertrautes Reisebett mit oder wenigstens die bekannte Bettumrandung und die Decke, usw..

Jede größere Veränderung in der Betreuung des Säugling muß lange genug vorbereitet sein. D.h. ein Babysitter oder auch die abends bestreuende Großmutter sollten sich schon mehrmals im Beisein der Mutter mit dem Säugling beschäftigt haben und an dem avisierten Abend rechtzeitig, d.h. mit zeitlicher Pufferzone bereits im Hause sein. Ganz und gar verbietet es sich, den Säugling in Rahmen einer hektischen Übergabe einem fremden Babysitter zu überlassen. Das panische Schreien ist dann vorprogrammiert. Die Katastrophen, die solche Übergaben oft nach sich ziehen, werden von den Babysittern im Nachhinein gerne kleingeredet oder ganz verschwiegen, da das Mißlingen der Betreuungsaufgabe letztlich auch auf deren Babysitter-Fähigkeiten zurückfallen könnte. Außerdem muß der Säugling seinen Babysitter grundsätzlich sympathisch finden.

Der Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeld führt ganz allgemein zum Thema Fremdeln und Mutter-Kind-Dyade/s.o. in seinem Buch „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ auf S.259 folgendes aus: „In der Essenz besagt sie (und damit meint er die Bindungstheorie von J.Bowlby und M.Ainsworth), daß Mutter und Kind von vornherein durch stammesgeschichtliche Anpassung aufeinander abgestimmt seien und für die weitere Entwicklung einer Beziehung individualisiert vorbereitet handeln. Beide sind dabei aktive Partner. Das Kind ist keineswegs nur passiver Empfänger sozialisierender Reize. Unter anderem zeigt das Kind eine deutliche Monotropie (J.Bowlby 1958), den Drang, mit einer bestimmten Bezugsperson - normalerweise handelt es sich um die Mutter - eine persönliche Beziehung einzugehen. Entscheidend für die Auswahl der Bezugspersonen sind dabei nicht das Ausmaß an physischer Betreuung, sondern Verhaltensmuster liebevoller Zuwendung, wie Herzen, Küssen, ansprechen, zum Dialog Ermuntern und schließlich das gemeinsame Spielen. Jedes Kind braucht eine in dieser Weise interagierende und immer wieder verläßlich auftretende Bezugsperson.“

Die Anhänglichkeit



Mit dem kurzen Zitat von eben will ich das Thema Fremdeln hier erst einmal beenden und mich im Folgenden der Anhänglichkeit zuwenden. Ein Verweis auf ein anderes Buch soll dazu gleichsam als Einleitung dienen. Es handelt sich um den Psychoanalytiker und Verhaltensforscher Franz Renggli mit seinem Buch „Angst und Geborgenheit, Soziokulturelle Folgen der Mutter-Kind-Beziehung im ersten Lebensjahr“. Darin benennt er das Verhältnis, das die Mutter zum sich von ihr durch Krabbeln oder Davonlaufen entfernenden Kind besitzt, als das einer secure base bzw. sicheren Basis (S.74). Ich meine, dieser Begriff trifft ziemlich genau das, um was es in dieser Entwicklungsphase geht.

Der Säugling vollzieht in dem Stadium, in dem er statomotorisch in der Lage ist, sich aktiv bzw. selbständig von der Mutter fortzubewegen, auch zugleich einen gewaltigen, geistigen (kognitiven) Schritt. Diese Errungenschaft seiner Welterkundung, nämlich zu erfahren und zu verstehen, daß es neben dem unmittelbaren räumlichen Geschehen um ihn und seine Mutter herum weitere, im Moment unsichtbare Räume gibt, in denen ein begonnenes Geschehen auch ohne ihn selbst seinen Fortgang genommen hat oder weiterhin nimmt, und aus dem im Augenblick verschwundene Personen unversehrt wieder auftauchen, diese fundamentale Errungenschaft nennt der schweizer Entwicklungs- und Kinderpsychologe J.Piaget „ Objektpermanenz“. Diese neu errungene Denkfähigkeit läßt sich schnell nachweisen.

Läßt man z.B. ein kleines Stofftier hinter einer schwarzen Leinwand von der einen Seite verschwinden, blickt der Säugling von etwa 10-12 Monaten automatisch zur anderen Seite, weil er wartet, daß dort das Tier wieder auftaucht. Ein kleinerer Säugling kann diesen geistigen Schritt noch nicht vollziehen. Oder versteckt man einen interessanten Gegenstand unter einem Tuch im Beisein des Säuglings, zieht er nach kurzem Überlegen das Tuch beiseite, um an den Gegenstand heranzukommen.

Der Säugling vollzieht inzwischen auch von sich aus kleine Experimente, in dem er (selbst) Spielsachen vom Wickeltisch oder aus dem Hochstühlchen herunterfallen läßt und diesen nachschaut, um deren unverändertes Erhaltenbleiben in der Bewegung zu erkennen und um durch den Fall Schwerkraft und Raummaß zu entdecken (ab etwa 9 Monat). Schließlich wirft er die Gegenstände regelrecht um sich, um die Wirkung seiner Tat zu erfahren. Auch beginnt er an allen Schnüren zu ziehen, um zu sehen, daß er mit dem Werkzeug Schnur und mit Einsatz seiner Körperkraft Gegenstände selbständig bewegen und räumlich verändern kann. Bei all diesem Treiben wird ihm zum erstenmal die Urheberschaft seines Tuns bewußt.

Wofür muß man solche Dinge wissen? Was hat das mit Anhänglichkeit und der „sicheren Basis Mutter“ zu tun? Die Neugier und das Interesse am Erforschen seiner Umwelt drängen den Säugling fort von seiner (normalerweise) sich ständig um ihn herum bewegenden Mutter oder primären Bezugsperson. Er muß seinen Aktions- und Erkundungsradius erweitern. Er muß das Gefühl von Eigenständigkeit erleben und die Erfahrung von Räumlichkeit machen, Raum der ihn überall umgibt und den er allein durchmißt. Aber die dabei vollzogene Entfernung von der Mutter ist auch mit ängstlichen Gefühlen verbunden und läßt in ihm wieder das alte Empfinden der prinzipiellen Bedrohtheit wach werden. Man kann diese Angstgefühle demzufolge auch als die Ursprünge der Trennungsangst bewerten. Es mischt sich also in seinen Unternehmungsgeist auch eine gehörige Portion Unsicherheit und Vorsicht.

Der Drang nun, etwas zu unternehmen, wird in diesem Moment, was ein äußerst wichtiger Entwicklungsschritt ist, zum in sich empfundenen „Wollen“ des Säuglings, aber dieses Wollen ist angebunden an einer anderes, nahezu gleich starkes Wollen, nämlich dasjenige, in Sicherheit bei der Mutter zu bleiben. Somit ist denn aber der erste Wille eines Menschen von vorn herein mit widerstrebenden Gefühlen gepaart, der Wille ist ursprünglich also ambivalent. Erst mit der zunehmenden Selbstsicherheit im zweiten Lebensjahr gewinnt der Wille seine Klarheit in der Absicht und damit die uneingeschränkte Authentizität, d.h. erst jetzt wird er langsam zu dem selbstaktivierenden Empfinden, das wir Erwachsenen an ihm kennen. Allerdings kann die Ambivalenz im Willen im weiteren Leben immer wieder auftauchen und Entscheidungsschwierigkeiten hervorrufen.

Dem Säugling kann in diesen Anfangsmomenten der Unsicherheit nichts besseres passieren, als daß seine Mutter immer und unmittelbar wieder greifbar ist, damit er sich zu ihr zurück flüchten kann, wenn es ihm in seinem Forscherdrang zu brenzlig wird. Damit wird die Mutter zu seiner -besagten- sicheren Basis. Passiert es aber, daß die Mutter plötzlich dort verschwunden ist, wo er sie verlassen hat, oder schließt sich eine Tür zwischen ihr und ihm, befällt ihn schnell eine große Angst, denn sein rein abstraktes Räumlichkeitsdenken ist einstweilen noch weit überfordert. Eine Theorie von Räumlichkeit überall und an jedem anderen Ort, auch außerhalb seines bekannten Lebensraumes und zwar auch hinter Türen und Wänden besitzt er noch lange nicht. Aus dieser Angst entwickelt sich oft und unmittelbar Panik, vor allem dann, wenn die Mutter auf seine Hilferufe nicht bald reagiert.

Diese Panik kann sich je nach Temperament und Charakteranlagen, aber auch durch im ersten Lebensjahr die Urangst fördernde Erfahrungen, zu extremen „Klammern“ an die Mutter steigern, so daß schon das Zuschlagen einer Tür oder das Verschwinden der Mutter hinter dem Duschvorhang ein lautstarkes Schreien auslöst. Solche Kinder zeigen häufig auch fortgesetzte Fremdenangst im Sinne eines anhaltenden Fremdelns und können vorübergehend sogar Personen wieder ablehnen, die sie vorher schon freudig akzeptiert hatten. Vermutlich spielt hier die grundsätzliche Angst mit, daß andere Personen sie der Mutter „wegnehmen“ könnten und damit eine unerträgliche Trennung hervorriefen (Beginn einer Trennungsangst). In diesem Zusammenhang steht auch ein Phänomen, das eigentlich erst etwas später im zweiten Lebensjahr auftritt. Das Kind erlebt es als unerträglich, wenn Mutter und Vater sich „zu nahe kommen“ und Zärtlichkeiten austauschen. Unter Umständen wirft es sich wütend dazwischen und attackiert (bei aggressivem Temperament) auch zuweilen seine Eltern durch Schlagen. Auch hier wird eine Ambivalenz (Widerstreit der Gefühle) im Kind deutlich. Einerseits fühlt es sich noch zu der Mutter hingezogen als der „sicheren Basis“, andererseits nimmt es sich den Vater zum Vorbild als Identifikationsperson für die Loslösung von der Mutter. Zwischen diesen zwei gefühlsmäßigen Positionen muß sich das Kind ja entscheiden. Beide Positionen sind aber durch geliebte Elternteile vertreten. Nur in ihren festgefügten (Alternativ-)Rollen kann das Kind die Eltern als Person widerspruchsfrei tolerieren. Gehen diese augenscheinlich nun eine zu starke Allianz ein, zerbricht die klare Ablösungsstruktur, und das Kind erlebt sich in einem gefühlsmäßigen Hinundhergerissensein. Ärgerlich oder sogar wütend will es den „alten“ und eindeutig klaren Zustand wiederherstellen. Auf dieser zwiespältigen Grundposition könnten sich später, so mag man spekulieren, Teile des Eifersuchts-geschehens aufbauen.

Der an der Verhaltensbiologie des Menschen interessierte Psychoanalytiker J.Bowlby und seine Schülerin M.Ainsworth begründeten zwischen 1950 und 1970 auf ähnlichen Beobachtungen eine neue tiefenpsychologische Sichtweise des frühkindlichen Verhaltens, die sogenannte Bindungstheorie. Erkenntnisse zu diesen Verhaltensweisen gewann J.Bowlby vor allem aber auch aus der Interpretation der Verhaltensweisen von jungen Tieren, insbesondere der Menschenaffen, bzw. Primaten. Die Übertragung solcher Verhaltensmerkmale auf menschliche Kinder setzt natürlich die Anerkennung darwinistischer Prinzipien der menschlichen Evolution (Abstammungslehre) voraus. Bowlby bekannte sich zu C.Darwin. M.Ainsworth entwickelte in den 1970er Jahren einen Verhaltenstest von einjährigen Kindern, der als "Strange-Situation-Test"“ oder deutsch die „Fremde-Reaktion“ in die Psychologie-Geschichte, insb. die der frühkindlichen Entwicklungspsychologie eingegangen ist.

Der Vorgang dieses Tests ist schnell erklärt. In drei einander nachfolgenden (und standardisierten) Beobachtungssequenzen wird das frühkindliche Verhalten (etwa ein Jahr alte Kinder) studiert und eingeordnet. Das Kleinkind spielt in Anwesenheit der Mutter. Danach verläßt die Mutter den Raum. Eine weibliche Betreuerin kommt anstelle der Mutter herein und versucht, spielerischen Kontakt zu Kind zu erlangen. Die Mutter kehrt zum Kind zurück und die Betreuerin verläßt wieder den Raum.

Dieser Test dient dazu, die Bindungsgestaltung und Bindungssicherheit des Kindes zu beurteilen. Folgende Reaktion werden klassisch unterschieden:

1. Das Kleinkind registriert den Fortgang der Mutter durch unterbrechen seines Spiels, reagiert aber nicht stark ängstlich. Es läßt sich auch bis zu einem gewissen Grad auf die Spielangebote der hereingekommenen Betreuerin ein, ist aber erst wieder richtig erleichtert, nachdem die Mutter zurückgekehrt ist. Die Mutter wird vom Kind freudig begrüßt. Solche Kinder bezeichnet man als sicher gebunden, bzw. „integriert“.

2. Das Kleinkind reagiert sehr ängstlich und weint oder schreit, wenn die Mutter den Raum verläßt. Die Spielangebote der Betreuerin werden nicht akzeptiert und das Kind kann sich nicht beruhigen. Im Gegenteil, es steigert seine Angst und schreit fortgesetzt. Wenn die Mutter zurückkehrt, reagiert das Kind aber weiter mit großer Unsicherheit und Angst und kann sich auch auf dem Arm der Mutter zunächst nicht beruhigen. Solcher Kinder werden als unsicher-ambivalent gebunden bezeichnet, bzw. als hochgradig affektiv.

3. Das Kleinkind macht den Eindruck, als registrierte es den Fortgang der Mutter kaum oder gar nicht. Es spielt auch ohne ersichtliche Skepsis oder Reserviertheit mit der hereinkommenden Betreuerin, als wäre diese die eigene Mutter. Kehrt dann die Mutter selbst zurück, nimmt das Kind von dieser scheinbar keine Notiz und widmet sich weiter seinem Spiel. Dieser „Typ“ gilt als unsicher-vermeidend gebunden, bzw. als desintegrativ. Neurophysiologische Untersuchungen an diesen Kindern konnten feststellen, daß ihr Tun von einem enorm großen Streßpegel begleitet ist.

4. Das Kleinkind ist in seiner seelischen und geistigen Entwicklung von Grund auf auffällig und stellt keine feste Bindung zu seiner primären Bezugsperson her. Es erscheint in allen drei Beobachtungssequenzen hochgradig auffällig und scheint keinen sicheren Wahrnehmungsbezug zum Geschehen aufnehmen zu können. Solche Kinder gelten als dissoziiert, wobei zunächst nichts darüber gesagt ist, ob diese Bezugslosigkeit zur Realität organischer Natur ist als eine Hirnerkrankung oder psychischer als Deprivation.

Was hier zunächst nur in einer „Laborsituation“ beobachtet worden ist, stellte sich recht bald auch in der tatsächlichen Kinderstube als eine aussagekräftige Untersuchungsmethodik heraus. Denn was hier unter dem Siegel „Bindungsfestigkeit: Darstellung und Wirkung als biologisch geprägte Verhaltensstatistik“ in Fachkreisen veröffentlicht und diskutiert wurde (v.a. unter den verschiedenen Vertretern der Psychoanalyse), entpuppte sich als erste wahre Analyse der im ersten Lebensjahr entstandenen Mutter-Kind-Bindung. Insbesondere der österreichischen Psychoanalytikerin M.Mahler ist es zu verdanken, daß dieses verhaltensbiologisch anmutende (Bindungs-)Konzept eine tiefenpsychologische Untermauerung und Erklärung erhielt.

Tiefenpsychologische Erklärung der Bindungstheorie



M. Mahler ging davon aus, daß die körperliche und psychische Geburt des Menschen zeitlich nicht zusammenfallen. Das heißt, die Psyche bzw. die Seele eines Menschen entwickelt sich in mehreren Stufen erst im Laufe der Säuglings- und Kleinkindzeit. Diese Anschauung wirft grundsätzliche Meinungsunterschiede auf, die wir heutzutage im Kern als das Leib-Seele-Problem bezeichnen. Es gilt ja bis heute als eine ungelöste Frage, ob sich die Seele im Gehirn des Menschen sagen wir gänzlich frei entfaltet und nicht wirklich an das Organ Gehirn gebunden ist, oder ob sie wachsender Bestandteil des für sie zuständigen Organs Gehirn ist, in welchem sie als Repräsentanzerscheinung aller erlebten Gefühle fest verankert im Netzwerk der miteinander verbundenen Hirnzellen existiert. In den Ansichten von M.Mahler wäre die zweite Erklärung zugrunde zu legen, welche besagt, daß der neugeborene Mensch gleichsam psychisch neutral zur Welt kommt und erst im Laufe der ersten Lebensmonate und -jahre sich die Gestalt seiner Seele erwirbt. Die Grundeinstellung hat sich eigentlich auch bei allen weiteren Analytikern der Entwicklungspsychologie durchgesetzt und war letztendlich auch die grundsätzliche Anschauung von S. Freud.

Daraus ergibt sich die Auffassung, daß, ganz gleich wie man es ursächlich und zeitlich definiert, die seelische Entwicklung des Menschen ein Vorgang in Stufen oder Phasen ist, welche sich unter Einfluß der Lebenssituation und Lebensbedingungen so oder so gestalten. Man darf im Grunde drei Faktoren festlegen, welche die seelischen Entwicklung eines Menschen beeinflussen, erstens die (ererbten) Charakteranlagen, zweitens die frühkindlichen Lebensbedingungen und drittens die jeweilige aktuelle (individuelle) Lebenssituation.

Um nun auf M. Mahler zurückzukommen: M.Mahler erkannte in zwei gepaarten Elementargeschehen im Leben eines Menschen den Motor für die seelisch-geistige Entwicklung. Nämlich das Eingehen einer festen Bindung an eine bestimmte Person einerseits und die Notwendigkeit zur Loslösung aus dieser Bindung andererseits. Die Spannung, die hierdurch im Menschen entsteht, löst sich schließlich auf in einem Entwicklungssprung hin zur individuellen Gestaltung seines Lebens. Mahler bezeichnete die erste, extrem feste Bindung, die der noch kleine Säugling eingeht, nämlich die zu seiner Mutter (oder zu einer anderen primären Bezugsperson) als Symbiose, wobei sie weniger auf das biologische Geschehen in der Symbiose abhob (gegenseitige Förderung und Ernährung von Organismen) als auf deren metaphorische (übertragene) Bedeutung einer starken Abhängigkeit. Sie erkannte also die enorme Abhängigkeit des Säuglings von der Mutter und meinte dabei nicht nur die ernährungs- und pflegemäßige Abhängigkeit, sondern v.a. auch die psychische, d.h. die seines Gefühlslebens und seiner Selbstwahrnehmung.

Von M. Mahler stammt denn auch der Begriff der Mutter-Kind-Dyade, welcher inzwischen zum gebräuchlichen Vokabular in der Entwicklungspsychologie gehört. Mutter-Kind-Dyade bedeutet in Bezug auf die Eigenwahrnehmung des Säuglings, daß dieser von sich selbst, also von seinem persönlichen Existieren keine klare, eindeutige Vorstellung hat, sondern nur diejenige, die ihm in der Beziehung zu seiner Mutter präsent wird. Es macht Sinn, daraus die Anschauung abzuleiten, daß der kleine Säugling sich zunächst nur in einer „Leih-Selbst-Wahrnehmung“ erlebt, weil er sein Selbst noch leihweise dem seiner Mutter entnimmt. Wie man sich als Erwachsener eine solche Empfindung vorzustellen hat, kann man eigentlich nur noch aus einer ins geradezu Krankhafte verkehrten Abhängigkeitsempfindung ableiten. Im Falle des Säuglings handelt es sich aber um einen völlig gesunden, seelischen Zustand, welcher unabweislich ist, da sich aus ihm die gesamte soziale Verhaltensstruktur im späteren Leben ableitet. Darauf wird an geeigneter Stelle noch zu sprechen zu kommen sein.

Erst wenn wir diese Zusammenhänge richtig verstehen können, können wir begreifen, was sich im Säugling abspielt, wenn ihn die Urangst überkommt und er hemmungslos weint, um nicht zu sagen schreit, und wenn ihn das beängstigende Gefühle der Unheimlichkeit im Fremdeln und in der Trennung von der Mutter oder einer anderen wesentlichen Bezugsperson ereilt.

Ein wenig anders stellt sich die Sicht zum Selbstempfinden des Säuglings bei dem amerikanischen Psychiater Daniel Stern dar, was allerdings im Endergebnis, nämlich in dem Mutter-Säugling-Verhältnis keinen wesentlichen Unterschied macht. Er stellt ein in sich zusammenhängendes (kohärentes), aber noch rudimentäres Selbstempfinden (Kern-Selbst) in den Vordergrund und betont demzufolge ganz besonders die primäre Übereinstimmung der Gefühle von Mutter und Kind, das „attunement“. Daraus soll sich schließlich das Band der primären Beziehung oder Bindung entwickeln. Gegen die Ansicht ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil, von dem Begriff „attunement“ sollte man grundsätzlich auch in der Vorstellung von der Mutter-Kind-Dyade Gebrauch machen, denn gerade diese als Repräsentantin der Leih-Selbst-Situation ist auf das gute gefühlshafte Aufeinanderabgestimmtsein von Mutter und Säugling angewiesen. M. Mahler und D. Stern sind sich also bei gewissen theoretischen Unterschieden in der Forderung nach einer soliden und zuverlässigen Mutter-Säugling-Beziehung absolut einig.

Bindungstheorie und Neurowissenschaften



Nach der Entwicklungspsychologie scheinen jetzt auch die Neurowissenschaften und Verhaltensbiologen das enge und hundertprozentige gefühlsmäßige Aufeinanderabgestimmtsein von Mutter und Säugling erkannt und auch in ihr Forschungsprogramm aufgenommen zu haben. Da man aber an kleinen Säuglingen aus ethischen Gründen nicht forschen kann, bleibt den Wissenschaftlern nicht anderes übrig als mit dem Menschen einigermaßen vergleichbare Tierjunge zu nehmen. Da werden z.B. Junge von Primaten gewählt, also kleine Äffchen, aber aus bestimmten Gründen auch niedere Säugetieren wie Mäuse und Ratten. Ziel dieser Forschungen ist, die ganz frühe Bindung der Tierjungen an ihre Eltern zu beobachten und die Auswirkungen einer gezielten Störungen derer zu untersuchen. Im Tierreich nennt man diesen Vorgang der ganz frühen Bindung Filialprägung, d.h. Festlegung der Jungen auf ein ganz bestimmtes Elternpaar. Weltweit bekannt sind die Beobachtungen von Konrad Lorenz hierzu mit der Prägung gerade geschlüpfter Graugänse auf ihn selbst. Was passiert nun aber, wenn man diese Filialprägung behindert oder ganz unterbindet?

Sowohl die Untersuchungen an Affenjungen als auch an kleinen Ratten und Mäusen, oder z.B. auch an Haushuhnküken (Universität Magdeburg) ergaben regelmäßig massive Störungen in der späteren Sozialstruktur der heranwachsenden Tiere bis hin zu ihrem Ausschluß aus der Gruppe. Gerade an jungen Ratten ging man noch einen Schritt weiter und untersuchte die Auswirkungen einer gezielten Störung der Prägungsvorgänge mittels eines definierten Angstreizes, den man durch mehrfache und längere Trennung von Jungtieren und Elterntieren setzte. Die Folgen waren gravierend. Die heranwachsenden Jungratten zeigten in fremder Umgebung starke motorische Unruhe und völlige Desorientiertheit. Anders als ihre gesunden Geschwister fanden sie sich in neuen Umgebungen nicht zurecht und reagierten auf diese Herausforderung mit großer Angst. Bei der Untersuchung ihrer Gehirne zeigten sich Störungen in der Verteilung der Synapsen, jener Verschaltungsorgane also, mit denen Nervenzellen untereinander in Netzwerk-Kontakt treten und Informationen austauschen. Betroffen im Gehirn waren besonders Strukturen, die mit der Steuerung der Emotionen in Verbindung zu bringen sind (Teile des Limbischen System, v.a. Mandelkerne/Amygdala, Teile des cingulären und frontalen Cortex/Hirnrinde). Neurotransmitter, Botenstoffe im Gehirn, welche an den synaptischen Verbindungen operieren, erschienen gleichfalls gestört, v.a. die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Beide Neurotransmitter beeinflussen auch beim Menschen sehr stark die psychischen Empfindungen.

Kehren wir von dem kurzen Ausflug in die Neurowissenschaften zu den Säuglingen zurück. Natürlich kann man die viel komplexeren menschlichen Verhaltensformen nicht unmittelbar aus dem Instinktverhalten der Tiere ableiten. In Grundzügen gibt es aber doch verblüffende Analogien.

Auch die Säuglinge reagieren ganz eindeutig mit Angst auf die Trennung von ihrer primären Bezugsperson, die meistens die Mutter ist. Wenn man will, kann man auch das Fremdeln schon dazu zählen. Zwar werden hierbei Mutter und Säugling nicht wirklich getrennt, aber der Säugling empfindet im Erkennen des Fremden offenbar eine Art Trennungsmacht, die übrigens hauptsächlich von dessen Augen ausgeht. Es ist faszinierend festzustellen, daß man durch nicht mehr Anschauen, resp. Fixieren eines aus Gründen des Fremdelns weinenden Säuglings bei diesem ziemlich unmittelbar eine Beruhigung erzeugen kann. Umgekehrt fängt der Säugling sofort wieder an zu weinen, wenn man seine Augen erneut auf ihn richtet. Der Blick des Menschen besitzt also eine ungeheuer große Macht. (J.P.Sartre hat sich in seiner phänomenologischen Ontologie „Das Sein und das Nichts“ eingehend über die daseinshaften Auswirkungen des menschlichen Blicks ausgelassen).

Fremdeln ist eigentlich der erste und sicherste Beweis für das Entstandensein der primären Bindung oder für die noch in Entstehung begriffene. Insofern sichert Fremdeln auch die früheste kognitive, resp. geistige Fähigkeit des Säuglingsgehirns. Parallel mit den ersten gezielten motorischen Bewegungen im Greifen ist also die Fähigkeit zur Gesichtererkennung und -unterscheidung entwickelt. Dabei muß sich die Natur etwas gedacht haben. Dieses Etwas kann nur die Notwendigkeit zum ganz frühen Eingehen der primären Bindung sein. Denn diese ist die Grundvoraussetzung im menschlichen Leben für eine gesunde emotionale und fortan funktionierende soziale Entwicklung. Daran dürfte heutzutage eigentlich kein Zweifel mehr bestehen.

Der Umgang mit der Anhänglichkeit



Wie beim Fremdeln steht auch jetzt der Säugling mit seinen basalen Bedürfnissen im Vordergrund, denn diese sind ihm von der Natur zur Herstellung und Aufrechterhaltung der primären Bindung vorgegeben. Es ist ganz und gar nicht so, als käme in diesen Bedürfnissen des Säuglings dessen übertriebener Wille zum Ausdruck, oder versuche er, seine Eltern zu gängeln oder gar zu erpressen. Solche gezielt steuernden Eingriffe in die Interaktionsformen (Austausch von Verhalten und Affekten) zwischen Mutter, resp. Vater und Kind kann ein Säugling noch nicht leisten. Dazu fehlen ihm einstweilen noch wesentliche Anteile des begrifflich-logischen Denkens. Um solche Gedanken zu entwickeln, bedarf es nämlich erstens einer großen Erfahrung (Empirie) von -sagen wir- typisch menschlichen Reaktionsweisen, zweitens einer Fähigkeit zur Antizipation von Reaktionsformen des anderen (hier die Eltern) auf eigene Verhaltensstrategien und drittens eines erkenntnishaften Verständnisses von Zeitabläufen des Geschehens, alles dies, damit der Säugling selbst versteht, was er da tut und warum er es tut. Denn Verstehen seines Tuns ist Voraussetzung für jede willentliche Inszenierung.

Solche geistigen Fähigkeiten besitzt der Säugling aber lange noch nicht, und diese Fähigkeiten sind auch keineswegs Teil eines genetisch vorgegebenen Programms. Zu festgelegt wäre nämlich sonst die Verhaltensstruktur des Säuglings, d.h. zu wenig flexibel wäre sie für eine Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen. So gesehen ist der Säugling also unschuldig an dem, was er verlangt und wie er dieses Verlangen äußert.

In der noch bestehenden Leih-Selbst-Situation ist wohlgemerkt noch nicht einmal ein auf das eigene Ich bezogenes, von der im Verhalten adressierten Person (Mutter/Vater) vollkommen gelöstes, Selbstverständnis vorhanden. Demzufolge wäre ein derart strategisches, auf den eigenen Vorteil bedachtes Denken einstweilen gar nicht möglich, ja beinahe selbstschädigend. Ebensowenig ist aber auch ein auf die Bezugsperson gerichtetes empathisches und dabei sich selbst zügelndes Denken möglich. Gerade aber das erwartet man instinktiv als Eltern von seinem Kind. Auf diese Weise ist das Mißverständnis hinsichtlich des frühkindlichen Verhaltens geradezu vorprogrammiert. Die Mutter fühlt sich von dem ihr ständig nachfolgenden Säugling eingeschränkt und belagert, der Säugling kann von diesem Verhalten aber nicht ablassen, da es ihm noch existenziell erscheint. Insofern muß die Mutter oder primäre Bezugsperson noch einmal über ihren Schatten springen und das freimütig zulassen, was unvermeidbar ist.

Das klettenhafte Nachfolgen des Säuglings läßt sich allerdings doch zumindest zeitweise unterbrechen dadurch, daß man eine andere Mutter in ähnlicher Situation zu sich nach Hause bittet oder eine Vertrauensperson aus der Familie mit dem Kind spazierengehen schickt. Auch alle kindgerechten Ablenkungsmanöver sind geeignet, den kindlichen Zwang zum Bindungserhalt ein wenig zu lockern. Zuletzt sind auch Krabbelgruppen durchaus in der Lage, die isolierte Situation der Mutter zu Hause zu entschärfen und den Übergang aus der engen häuslichen Bindung hin zur gelösteren Bindung in der sozialen Gemeinschaft zu vollziehen. Allerdings muß man sich zwei Dinge dabei klar machen. Das erste: Kleinkinder in dieser Altersklasse können noch nicht wirklich sozial miteinander spielen. Das zweite: Manche Säugling und Kleinkinder reagieren in größeren sozialen Gemeinschaften derart empfindlich auf die Gruppe, daß man entweder sich vorläufig wieder zurückziehen muß oder wenigstens ganz behutsame Gewöhnungsprozesse einleiten.

Entwicklungsbeziehung zwischen Fremdeln und Anhänglichkeit



Zum Abschluß dieses Kapitels soll noch einmal auf die Entwicklungsbeziehung von Fremdeln und Anhänglichkeit eingegangen werden. Fremdeln tritt immer vor der Anhänglichkeit auf. In gewisser Weise ist Fremdeln die Voraussetzung für sie. Denn erst muß die Bindung in der Vorstellungswelt des Säuglings fest gefügt sein, dann kann der Säugling so etwas wie ein Sich-hingezogen-fühlen zum Bindungspartner erleben. Damit aber diese Bindung, resp. dieser innige Bezug zu der Mutter entstehen kann, muß diese sich dem Säugling gegenüber als absolut sicher, zuverlässig und vertrauenswürdig erwiesen haben. Solche Attribute entstehen auf der Basis von Bedürfnisbefriedigung, menschlicher Nähe und Körperpflege. E.H.Erikson spricht in seinem berühmten Buch „Kindheit und Gesellschaft“ in diesem Zusammenhang von Urvertrauen. Also in dem sozialen Angebot der Mutter liegt die entscheidende Note, die den Säugling sich für die Mutter „entscheiden“ läßt. Da der Säugling jedoch gar keine Wahl besitzt und eine Entscheidung ihm von den kognitiven (geistigen) Voraussetzungen noch gar nicht möglich ist, geht die Natur von der Situation aus, daß die Mutter immer die geeignete Bindungsperson ist. Die Natur läßt es höchstens zu, daß eine andere Person mit derselben mütterlichen Qualität an ihrer statt gleich nach der Geburt die Rolle übernimmt. So betrachtet hat nicht nur der Säugling keine Wahl, sondern auch die Mutter. Da aber auch die unmittelbaren nachgeburtlichen Umstände ein wichtige mit gestaltende Rolle bei der primären Bindung spielen, müßte die Ersatzmutter schon sehr schnell nach der Geburt in das Leben des Kindes treten. Das ist allein deswegen schon notwendig, weil das Neugeborene schon Geruchs- und Geschmacksreize von seiner Mutter empfängt, die auf direktem Weg das Gehirn erreichen.

Die Bindungssicherheit ist an das Vertrauen gekoppelt, das der Säugling seiner primären Bezugsperson entgegenbringt. Erikson (s.o.) nannte es also das Urvertrauen, das der Säugling aufbauen muß, um sein angeborenes Mißtrauen in die tatsächlichen Lebensverhältnisse aufzulösen. Dabei handelt es sich um die ersten Lebensmonate des Säuglings. Bindungssicherheit entsteht aber in der Phase der Loslösung (um den ersten Geburtstag herum) noch einmal verstärkt, wenn die Mutter dann als primäre Bezugsperson bei der Loslösung die reaktivierten Bindungstendenzen ihres Kindes vorbehaltlos akzeptiert und ihm gegenüber sich als immer wiederauffindbare sicher Bezugsperson erweist (secure base, s.o.).

Wir wollen an dieser Stelle eine vorsichtigen Versuch wagen, das Fremdeln und die Anhänglichkeit in eine kausale Beziehung zu bringen. Wir können einmal annehmen, das Temperament, die Charakteranlagen eines Säuglings seien so ungünstig, daß alle Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit einer Mutter nicht ausreichen, um in ihm das nötige Vertrauen in die primäre Bindung aufzubauen. Ein solcher Säugling schrie weiter, obwohl die Mutter alles für ihn tut, ihn herumträgt und ihn vor allem auch des nachts immer tröstet. Setzen wir dabei voraus, daß dieser Säugling keinerlei körperliche Beschwerden hat. Was können wir nun über seine spätere Anhänglichkeit vermuten? Vermutlich wäre dieser Säugling trotz aller Bemühungen seiner Eltern auch ein ängstlich anhängliches Kleinkind, welches man im „Fremde-Test“ (s.o.) als ambivalent unsicher gebunden einzustufen hätte. Vermutlich haben wir mit dieser Einschätzung recht und die Mutter, die Eltern wären völlig schuldlos an dieser Entwicklung. Im Einzelfall wird es ein solches Kind tatsächlich geben und es wäre bestimmt eben ein solcher kleiner Säugling gewesen, der praktisch von Anfang extrem viel und kaum tröstbar geschrien hätte. Wir können vermuten, daß die Angstprägung dieses Kindes auch im weiteren Leben erhalten bleibt.

Anders ist nun aber die Situation bei kleinen Säuglingen, die aus ähnlichen oder ganz anderen Gründen viel geschrien haben, bei denen das Trösten jedoch gut gewirkt hat. Ihre natürliche Angst und ihr Mißtrauen wurden im Ganzen gut aufgefangen und in Vertrauen umgewandelt. Es liegt nahe anzunehmen, daß unter der Voraussetzung, daß die entstandene Bindung nicht im weiteren Verlauf noch erschüttert wird, der größere Säugling eher weniger stark fremdelt oder zumindest im Arm seiner Mutter schnell zu seiner Ruhe findet und dadurch sich sein Interesse am Fremden auch schnell zurückmeldet. Im Alter der Loslösung fänden wir einen sicher gebundenen Säugling/Kleinkind vor, welcher zur Freude seiner Eltern auch einen Fremdbetreuer unter optimaler Voraussetzung des miteinander Bekanntwerdens schnell akzeptiert. So oder so ähnlich verliefe auch die Entwicklung des von Anfang an -sagen wir- bequemen, charakterlich ausgewogenen Säuglings, der eher wenig Ansprüche an seine Bezugsperson(en) stellt und der vielleicht früh durchschläft und wenig nächtliche Präsenz seiner Eltern fordert.. Ein solcher charakterlich günstig erscheinender „Typ“ fordert natürlich die Toleranzgrenzen seiner Eltern auch wenig heraus.

Da gibt es noch einen weiteren „prototypischen“ Fall, nämlich den Säugling, der erst im Fremdelalter richtig schwierig erscheint (obwohl Fremdeln eigentlich ja einen Teil der Ursprungsangst abmildert) und zwar mit jetzt manifester Angst vor allem Unbekannten, und der gerade in dieser schwierigen Situationen nicht richtig aufgefangen wird. Im Stadium der Loslösung wird er von wenig Vertrauen in seine Bezugsperson gekennzeichnet eher dem vermeidend unsicher gebundenen Typ angehören und unter heftigster innerer Anspannung leiden. Dabei wird er versuchen, sich seiner Situation adäquat anzupassen. Bei diesen Kindern findet man sicher auch solche, die als Säuglinge sich immer wieder selbst überlassen waren und „stundenlang“ schreien mußten, ob aus familiärer Not oder falsch angewandten Erziehungsprinzipien. Die innere emotionale Erschöpfung hat sie früh aufgeben und verstummen und im weiteren Geschehen zu den „stillen Erduldern“ werden lassen.

Wohlgemerkt bei diesen „Typisierungen“, bei denen es natürlich alle möglichen Übergangsformen gibt, was die Sache so unendlich kompliziert und unüberschaubar erscheinen läßt, handelt es sich noch um ganz normale Entwicklungen, d.h. Entwicklungen, welche zunächst kein eindeutiges Potenzial zu einer pathologischen Persönlichkeitsform in sich bergen. Es handelt sich also nicht um deprivierte (schwer entwicklungsgestörte) Säuglinge, welche in Heimen bei unzureichender Betreuung zu beobachten sind und die alle miteinander schwere Hospitalisierungserscheinungen aufweisen. Solche Säuglinge müßte man in der Phase der Loslösung schon als dissoziiert bezeichnen. Zu diesen Typisierungen hat sich auch M. Dornes in seinem Buch "Die emotionale Welt des Kindes" ursächlich und entwicklungsbezogen ausführlich geäußert.

Trost für die Eltern



Wie gesagt, die eben aufgestellt „Prototypen“ sind weitgehende Kunstprodukte, die nur zur Veranschaulichung des Sachverhalts hier ins Leben gerufen wurden. Die meisten Säuglinge sind „Mischtypen“ und weisen in verschiedenen Phasen zuweilen auch widersprüchlich erscheinende Eigenschaften auf. Dennoch, die Erfahrung lehrt, daß bei Einhalten der für die sichere Bindung zwischen Säugling und primärer Bezugsperson notwendigen Regeln sich die Wahrscheinlichkeit auf ein sicher gebundenes Kleinkind deutlich erhöht und die überstarke, manchmal ja sehr strapaziöse Anhänglichkeit sich auf ein Normalmaß reduzieren läßt. Wenn man also den fremdelnden Säugling vor den ihm angstbereitenden Menschen oder Orten schützt und ihm die absolute Sicherheit im elterlichen Arm zubilligt, wird er sich mit der Zeit zu einem weniger ängstlich gebärdenden, zuversichtlicher aufs Neue blickenden, älteren Säugling und Kleinkind entwickeln.

Das bedeutet aber im Einzelfall, daß man es einer fremden Person, u.U. auch den Großeltern nicht gestattet, den Säugling schnell einmal eben auf den Arm zu nehmen und zu schmusen, wenn er es mit Schreien quittiert. Auch ein Säugling hat ein Recht auf Distanz, ja wie wir gesehen haben, gerade ein Säugling. Er kann sich ja Distanz nicht selbst schaffen. Aber im Schützen durch die Mutter, u.U. den Vater, steckt jetzt soviel wie im Trösten des kleinen, schreienden Säuglings. Das Urvertrauen in seine Bezugspersonen wächst und der Säugling schafft sich auf diese Weise eine tragfähige emotionale Basis. Mißachtet man diese Grundsätze, dann strapaziert man die emotionale Toleranzschwelle des Säugling, die je nach Temperament schneller oder weniger schnell überschritten ist.

In der Tiefenpsychologie geht man davon aus, daß jetzt schon das Unterbewußtsein mit negativen Gefühlsmustern belastet wird, den Verdrängungen, aus dem sich bei weiterem Anschwellen der Verdrängungsprodukte ein ganzer Hort unliebsamer Gefühle entwickelt. Dieser kann in zunehmendem Maße die weitere Entwicklung ungünstig beeinflussen und die Toleranzgrenzen für frustrierende Gefühle immer höher, d.h. unerreichbar, werden lassen. Die Folgen kann man sich jetzt schon ausmalen. Umgekehrt, und das sollte man nicht aus dem Auge verlieren, ist aber ein wenig belastetes Unterbewußtsein (ganz zu vermeiden sind belastende Gefühle sicherlich nie) eine gute Voraussetzung für eine stetig anwachsende Toleranzfähigkeit. Das wird sich sicher schon bald, nämlich im Trotzalter, erstmals günstig auszahlen.
Rüdiger Posth

Lesen Sie hier weiter:

Teil 1:  Die Erlebniswelt des Säuglings
Teil 2:  Fremdeln und Anhänglichkeit
Teil 3:  Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein
Teil 4:  Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft
Teil 5:  Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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