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Das emotionale Bewusstsein

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Dr. Rüdiger Posth

Teil 1 -  Die Erlebniswelt des Säuglings

Liebe Eltern,



von der großen Anzahl der Fragen im Entwicklungsforum überwältigt, ist es mir ein großes Bedürfnis geworden, allgemeine Grundsätze meines entwicklungspsychologischen Konzepts auch in einem fortlaufenden Text darstellen; erlauben mir doch die Antworten auf konkrete Fragen nur ein sehr beschränktes Eingehen auf den Gesamtkomplex.

Die Basis



Bei meinem Unternehmen will ich mich bemühen, die doch recht schwierigen Zusammnenhänge der frühkindlichen, seelischen Entwicklung auf ein allgemein verständliches Niveau zu bringen. Die vielen Einflüsse aus der Geschichte der Kinderpsychologie, einer Geschichte, die sich nahezu ausschließlich auf die letzten fünf Jahrzehnte des vergangenen Jahrhundert beschränkt, werde ich mit Zitaten auf ein Mindestmaß beschränken. Lassen Sie sich vor allem auch nicht von den z.T. unvermeidlichen Fremdwörtern irritieren. Ich werde mich bemühen, diese sofort oder noch im aktuellen Zusammenhang zu erklären. Bedenken Sie, wollte ich Ihnen die Funktionsweise des menschlichen Immunsystems erklären oder -einem ganz anderen Bereich entnommen- das Innenleben eines Computers, ginge es auch nicht ohne Fremdwörter ab. Jede weit entwickelte, wissenschaftliche Disziplin besitzt inzwischen ihre eigenen Sprache, die sie benutzt, um einen schnellen, allgemein verständlichen Kommunikationsaustausch zu sichern, aber nicht, um sich für die Allgemeinheit unverständlich zu machen.

Was ist nun meine Grundvorstellung?



Für mich ist der kleine Säugling das empfindlichste Wesen in der Natur überhaupt. Er ist, anders als die kleinen Tiere, erstens viel weniger durch eine instinktive Brut- oder Nestpflege seitens seiner Eltern existenziell abgesichert und zweitens hat er von der Natur nicht die rasche Entwicklung zur Selbständigkeit z.B. in der Fortbewegung mit bekommen. Demzufolge ist der Säugling auf zwei entscheidende Fähigkeiten angewiesen, nämlich erstens den Sozialkontakt mit seinen Eltern ständig und wirkungsvoll herauszufordern und zu erhalten, und zwar im Guten, wie im "Schlechten". D.h., da es in der Natur solche Kategorien, wie gut und böse nicht gibt, geht es allein um Signale, die unmißverständlich sein müssen. Zweitens besitzt der Säugling angeborene, innere Gefühle, die nicht nur seine elementaren Triebe wie Hunger und Durst ihn gewahr werden lassen, sondern auch sein dringendes Bedürfnis nach eben diesem, für ihn überlebenswichtigen Sozialkontakt.

Innere Gefühle und über Jahrtausende hinweg gesicherte Prägungen im Verhalten sichern auf diese Weise dem Säugling die Fähigkeit sein Leben aufzubauen. Diese Prägungen des Verhaltens müssen, wie gesagt- eindeutig sein und intensiv im Ausdruck, weil sonst die Eltern, die sich ihrerseits mit den existenziellen Problemen plagen, diese Signale überhören oder fehlinterpretieren könnten, letzteres aus Egoismus sogar bewußt. Der Schrei ist ein solches Signal, welches im einen Säugling aufziehenden Erwachsenen Sorge und inneres Unbehagen auslöst mit der Folge, das er sich um dessen Bedürfnisse kümmert und das Unangenehme ihm beseitigt. Zwei ganz eigene Gefühle bewegen dabei den Erwachsenen, die beide auch für ihn von großer Bedeutung sind. Erstens die Besorgnis um sein Kind, die ihm als solche letztlich angeboren ist, wie die Brutpflege dem Tier, zweitens sein Verantwortungsgefühl, das er zusammen mit den Inhalten seines Gewissens erlernt hat. Diese beiden inneren Empfindungen kennzeichnen entscheidende Werte der Menschlichkeit und erziehen auch den Erwachsenen zu einem respektablen Gesellschaftsmitglied.

Das Lächeln oder Lachen ist neben dem Schreien das andere, äußerst starke Signal, welches nun am gegenüberliegenden Ende der Gefühlsskala emotionale Übereinstimmung mit den aufziehenden Eltern und bei diesen eigene, innere Freude auslöst. Das Säuglingslachen vermittelt den Erwachsenen Bestätigung ihrer guten Betreuungsleistung. Dieses Gefühl der Bestätigung braucht der Erwachsenen dringend, um seine Zuwendung und Pflege trotz aller Schwierigkeiten beständig fortzuführen. Solche Beständigkeit empfindet wiederum der Säugling als Zuverlässigkeit, von der sein Wohlbefinden stark abhängig ist.

Wir sprechen übrigens bei diesen die Emotionen eines Menschen ausdrückenden Verhaltensweisen von Affekten, was dazu geführt hat, dass der Begriff Affekt zuweilen synonym mit Emotion=Gefühl benutzt wird. Ich möchte aber die doch sehr aussagehaltige Unterscheidung der Begriffe um eines klaren Verständnisses willen beibehalten.

Also Schreien, Lachen, Streicheln, Umarmen, Anschmiegen, Schlagen, Beißen usw., all das sind Affekte, bzw. affektive Handlungsweisen, deren jeweiligen emotionalen Hintergrund wir Erwachsenen kennen und verstehen sollten, um das Verhalten unserer Nachkommen richtig zu interpretieren. Darum vor allem geht es mir in diesem Text, darum vor allem drehen sich auch die meisten Fragen, die mir gestellt werden. Der ganze theoretische Unter- oder Überbau ist eigentlich nur selten Inhalt einer Frage.

Grundlagen der menschlichen Persönlichkeit



Wie aus den Begrifflichkeiten der Entwicklungsneurologie, die sich mit dem Bewegungssystem und den Sinnen des Säuglings befaßt, d.h. also mit den organischen Funktionen des Zentralnervensystems, und denen der Entwicklungspsychologie, als das hier zu Besprechende, hervorgeht, berechnet man das Säuglingsalter auf das erste Lebensjahr und das Kleinkindalter auf weitere fünf. Danach beginnt das Schulalter. Die hier gemachten Ausführungen erstrecken sich etwa auf die ersten drei Jahre dieser Zeit.

Ein ganzes Jahr braucht der Mensch, um seinen aufrechten Gang auf zwei Beinen gegen die Auswirkungen der Schwerkraft zu erlernen (Stato- oder Grobmotorik). Mindestens genauso lange braucht er, um die Funktion der zwei frei bleibenden Arme einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen (Hand- und Feinmotorik). Störungen oder Schwächen in der für ein selbständiges Leben notwendigen Beherrschung dieser Funktionen bezeichnet man als sensomotorische Integrationsstörung.

Interessanterweise braucht der Mensch aber ebenso lange, um verstehen zu lernen, dass er ein eigenes Individuum ist, das sich von der oder den ihn aufziehenden, erwachsenen Personen entfernen kann und nach Bedürfnis auch wieder zu diesen zurückkehren. Dazu muß der Säugling wenigstens zwei Dinge erkannt haben. Das erste ist die Gewißheit, dass wenn er seine Bezugspersonen verläßt, diese auch wieder auffindbar sind, wenn er zu ihnen zurückkehrt (Objekt-, resp. personelle Permanenz n. J.Piaget). Das zweite ist die Erfahrung, dass seine Umgebung ein Raum ist, den man "durchkrabbeln" und durchlaufen kann, und in dem man jederzeit wieder umkehren und an den verlassenen Platz zurück gehen kann. Dass man für dieses Gehen Zeit braucht, die dabei verstreicht und in der Vergangenheit "verloren" geht, davon wissen der Säugling und das Kleinkind lange Zeit noch nichts.

Die Handlungen des Säuglings, die in diesem Lebensabschnitt der Entfernung von seiner Bezugsperson einen entscheidenden Wendepunkt vollziehen, sind zum erstem Mal von seinem eigenen Willen geprägt. Alle Eltern spüren diesen Augenblick, wenn ihr Kind plötzlich Dinge tut, von deren Vollzug es nicht ablassen mag, und dessen Realisation es auch ständig neu inszenieren muß. Der hier spürbare Wille ist einstweilen so starr und beharrlich, dass er beinahe einem Zwang gleichkommt, was bedeutet, dass das Kind selber von seinem einmal gefaßten Willen nicht so ohne weiteres los kommt und eine Behinderung in dessen Ausübung (z.B. durch die erziehenden Eltern) mit dramatischem Protest quittiert. Was sich im Säuglingsalter mit beharrlicher Persistenz als statomotorische und feinmotorische Entwicklung vollzogen hat, ereignet sich im zweiten Lebensjahr mit gleicher Intensität in der Ausübung des Willens. Wie wir heutzutage wissen, bewegt sich der Wille im Gehirn eines Menschen auf ähnlichen funktionellen Pfaden, wie sein Drang zur Bewegung. Man könnte sagen, der Wille ist, bevor er als eigener Wille erkannt wird, nichts als ein starker Drang, etwas zu tun, resp. eine Handlung zu vollziehen. Ich nenne diesen Drang eine Regung. Nebenbei gesagt sind auch Gedanken eine Art Bewegung im Gehirn, nämlich eine geistige Bewegung.

Auf alle diese Fragen werden wir zurückkommen, vorläufig wollen wir aber bei den Gefühlen des kleines Säuglings bleiben. Wir müssen uns vorstellen, dass der kleine Säugling, der als Neugeborenes die schützende Hülle der Gebärmutter verläßt, in einen ihm völlig andersartigen, völlig fremden "Raum" eintritt. Alles, was er vorfindet, ist ihm fremd, aber auch alles, denn auch die mütterliche Stimme klingt nun anders, und ihr Herzschlag ist ihm ferner denn je. So ist es verständlich, dass die ersten Bestrebungen des Neugeborenen die Anklammerung an die Mutter sind, die ihm gleich nach der Geburt mit ihrer Brust und ihren Armen Schutz und Sicherheit bietet. Fortan werden Brust (=Saugen) und Arme (=Tragen) die wichtigsten Schutzelemente sein, die er von Anfang an spüren und richtig verstehen kann. Es sind seine ersten Erfahrungen. Diese Erfahrungen betreffen aber nicht so sehr sein verstehendes Wissen, denn das entwickelt sich erst am Ende der Säuglingszeit, sondern seine Gefühlswelt, insofern wir lieber von Erlebnissen reden sollten, als von Erfahrungen. Der kleine Säugling erfährt sein Dasein in gefühlshaften Erlebnissen. Dass diese prägend für das ganze spätere Seelenleben eines Menschen sein sollen, wird ebenso heftig bestritten, wie verteidigt, aber allein die Tatsache, dass diese Vorstellung das menschliche Gemüt so heftig bewegt, beweist meines Erachtens, wie wichtig diese Anschauung letztendlich doch geworden ist. Hervorgebracht wurde sie vor allem von Freud, der allerdings die postulierte Erlebniswelt des Säuglings ursächlich auf libidinöse Triebe zurückführte (d.h. auf eine direkte Befriedigung ausgerichtete Bedürfnisse, was einen gewissen Bezug zur Sexualität herstellt) und deren Versagung, weil von der Mutter unerfüllbar. Freud fand seine Nachfolger, z.B. seine Tochter Anna Freund oder Melanie Klein, die diese Libidotheorie hin und her diskutierten, aber schließlich auf keinen gemeinsamen Nenner kamen.

Der Zugang zur Erlebniswelt des Säuglings



Heutzutage wird ein anderer Zugang zu der Erlebniswelt der Säuglinge versucht. Ein wesentliches Element dabei ist die sogenannte Direktbeobachtung. Anders als Freud und ein Großteil seiner Nachfolger, die das kindliche Erleben rein retrospektiv, d.h. aus der rückwärts gerichteten Sicht im späteren Leben psychisch erkrankter oder vielleicht auch nur leidender Erwachsener betrachteten (Psychoanalyse), wählt man jetzt die unmittelbare Beobachtung und Analyse des Säuglingsverhaltens (z.B. M.Dornes an der Universität in Kassel).

Das hört sich leichter an, als es ist. Mit der reinen Beobachtung ist es nämlich nicht getan. Man muß sich dabei überlegen, wie registriert der Säugling seine Umwelt und mit welchen Gefühlen tut er das. Zu der Art, wie ein Säugling seine Umwelt registriert, gibt es zahlreiche Untersuchungen, die allesamt darauf abheben, zu erkennen wie die Sinne des Säuglings funktionieren und auf "Gehirnebene" miteinander arbeiten (Wahrnehmungspsychologie). dass die fünf Sinne des Säuglings noch etwas anders funktionieren als beim älteren Kind und Erwachsenen, das war schon immer klar. Worin aber diese Unterschiede bestehen, das ist Gegenstand aktueller Forschung. Man weiß aber heute durch geschickte Untersuchungsanordnungen, dass Säuglinge ihre fünf Sinne im Gehirn schon recht gut miteinander in Beziehung setzen können. Das heißt allerdings noch nicht, dass sie daraus auch ein echtes Wirklichkeitsverständnis ableiten können. Mir z.B. aber kommt es gar nicht so sehr auf die Funktion der Wahrnehmung (oder wissenschaftlich: Perzeption) des Säuglings an, sondern auf die Emotionen, d.h. die Gefühle, die diese Wahrnehmungen unweigerlich begleiten.

Nehmen wir hier zur Konkretisierung und zum besseren Verständnis meiner Position aber nicht eine Funktion aus dem Wahrnehmungsbereich, sondern aus dem Verhaltensbereich, denn so ist leichter verständlich zu machen, was ich sagen will. Nehmen wir das eindringliche Beispiel des Schreiens. Ich wähle hier das Schreien bewußt, weil es für alle Eltern ein zentrales Geschehen im Aufziehen ihrer Säuglinge ist. Wissenschaftlich wird also untersucht, wie oft und wie lange ein Säugling schreit, bis man ihm attestieren muß, unnormal bzw. krankhaft zu schreien. Des weiteren wird untersucht, wie hoch sein Puls dabei geht, wie stark er schwitzt, vielleicht wie sich seine Hirnströme im Elektroencephalogramm (EEG) verhalten oder seine Muskelspannung. Was man hier untersucht, sind tatsächlich die psychovegetativen Auswirkungen des Schreiens, d.h. dessen körperliche Erscheinungen und Meßbarkeiten, aber weder dessen Ursache, noch dessen Folgen. Mir geht es aber um gerade die beiden letzteren Aspekte. Dass Schreien das vegetative (das unwillkürliche, nicht steuerbare) Nervensystem beeinflußt, ist ein gesichertes Phänomen, dem nichts wesentlich Neues hinzuzufügen ist. Interessant sind aber doch nur die Ursache und die Auswirkungen des Schreiens. Davon wird gleich zu sprechen sein.

Neben die direkte Beobachtung des Säuglingsverhaltens, die wie gezeigt rein wissenschaftlich sich schnell in meßbare Skalen ergeht und ursächliche (kausale) Gesichtspunkte aus den Augen verliert, muß immer und sofort die empathische Betrachtungsweise treten, welche ihre Bezüge aus der Intuition (Einfühlsamkeit) gewinnt. Intuition heißt hier, dass das zu untersuchende Gefühlserleben des Säuglings etwas mit den eigenen Gefühlen zu tun haben muß, also denen des Untersuchers (die allesamt selbst einmal Säuglinge waren!). Das darf man sich nun nicht subjektiv und völlig spekulativ vorstellen, sondern muß es als eine durch Übereinkunft in der Gefühlswelt menschlichen Erlebens erzielte und daher zu verallgemeinernde, psychologische Theoriebildung anerkennen. Letztere folgt einem langen Prozeß der Erkenntnis emotionaler Vorgänge im Menschen und benutzt neben Beobachtungen aus der Ethnologie (Völkerkunde) und Verhaltensbiologie (Natur menschlichen Verhaltens) auch die pathologische (also ins Krankhafte) Verkehrung des Normalen.

Als dritter Faktor in der Erklärung und dem Verständnis von Empfindungen im Gehirn des Säuglings wird in Zukunft immer mehr auch die biochemische Analyse und die bildgebende Darstellungsweise (computergesteuerte Messung magnetischer Wellenspektren/MRT, oder der Zuckerverbauch bei Aktivität in speziellen Hirnarealen/PET) des unmittelbar untersuchten Gehirns treten. Bei der biochemischen Analyse v.a. der sogenannten Botenstoffe im Gehirn, die Neurotransmitter, werden auch Untersuchungen an "artverwandten" Tieren zu Rate gezogen, da sich aus ethischen Gründen gezielte Untersuchungen an unseren Säuglingen größtenteils verbieten.

Gerade solche Untersuchungen haben in jüngster Zeit meines Erachtens wesentliche Dinge ans Licht gebracht. Als ganz entscheidende Entdeckung ist zu werten, dass sich bald nach der Geburt im Zuge der Verknüpfung von Neuronen (Hirnnervenzellen) zur Aufnahme von Abbildungen aus der Wirklichkeit, dingliche wie erlebnishafte zum Aufbau der "inneren Welt", im menschlichen Gehirn stark überzählige Verknüpfungen bilden, die sogenannten Synapsen, aus deren Vielzahl dann im Laufe der weiteren Monate und Jahre die günstigsten und effektivsten durch Reduktion selektiert, d.h. ausgewählt und stabilisiert werden. Die anderen "verfallen" gleichsam im Normalfall. Bei diesem Vorgang spielen die Botenstoffe/Neurotransmitter eine entscheidende Rolle. Die Neurotransmitter aber gehören selbst zum emotionalen System des Menschen und steuern die Ausprägung der Gefühle. Das wiederum weiß man z.B. aus der Verwendung von Psychophamaka, welche allesamt ihre Wirkung aus der Beeinflussung der Neurotransmitter beziehen (z.B. Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer/SSRI wie Fluoxetin oder auch Methylphenidat, das Mittel, das man zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperkinetisches-Syndrom/ADHS verwendet). Die eben erwähnte Reduktion der Synapsen auf die entscheidenden Verknüpfungen in der Entwicklung der menschlichen Psyche und des Geistes wird zweifelsohne durch die soziale Interaktion (das gesellschaftliche "Miteinander") von Säugling und Bezugspersonen beeinflußt. Das müssen wir uns wahrscheinlich so vorstellen, dass alle regelmäßig und zuverlässig einsetzenden Maßnahmen der Sorge und Pflege des Säuglings die Vielzahl der potenziellen Verbindungen im Gehirn auf ein zuträgliches und -sagen wir- gesundes Maß zurückstuft. Auf diesem reduzierten und geordneten Boden bauen sich dann alle wesentlichen geistig-seelischen Entwicklungsmerkmale als Charakter des Menschen auf. Im Umkehrschluß heißt das aber, dass im Falle der massiven Störung dieser "Synapsenreduktion" durch Inkonsistenz (Unzuverlässigkeit) der Bezugspersonen dem Säugling gegenüber oder durch jede Form von Vernachlässigung (evtl. auch extrem langes Schreien lassen) die überzähligen Verknüpfungen bestehen bleiben und als ständiger "Störfaktor durch ablenkende Querverbindungen" die Kindheit bis in das Erwachsenenalter hinein begleiten können. Alle diese dann am System teilhabenden Nebenverbindungen beanspruchen aber auch weiterhin Neurotransmitter für ihr Funktionieren, so dass einerseits deren Erschöpfbarkeit schneller als im Normalfall einsetzen kann, andererseits jede zusätzliche pharmakologische Gabe von Neutransmitteraktivität fördernden Substanzen sich in gewisser Weise nützlich auswirken wird (Beispiel Methylphenidat bei ADHS).

Das Schreien als ursprünglichste affektive Äußerung



Nun kennen wir das Rüstzeug und wissen, was damit an Aussage über das Fühlen und Empfinden des kleinen Säuglings zu machen ist. Wenden wir uns nun tatsächlich stattfindenden Ereignissen zu, so wie viele Eltern diese in der Arztpraxis, der psychologischen Praxis oder z.B. auch im Internet vortragen.

Da geht es in erster Linie um das Schreien des Säuglings. Jeder, der Säuglinge erlebt, merkt recht bald, dass es mindestens drei Formen des Schreiens gibt. Die erste Form ist das Signal für Unzufriedenheit und Unlustgefühle. In der Direktbeobachtung sehen wir einen unruhigen, stampelnden, motorisch erregten Säugling, der im Gesicht von Ernst gezeichnet um die Aufmerksamkeit seiner Berzugsperson ringt. Intuitiv erkennen wir das Schreien als Ärger oder, wenn die Geduld zu sehr strapaziert wurde als Wut. Am Anfang nur ein Meckern oder kürzere, klagende Laute vortragend, eigentlich mehr ein Weinen denn ein Schreien, steigert sich der Säugling je nach Temperament schnell ins "wutentbrannte" Geschrei. Das ist gekennzeichnet von mit Nachdruck hervorgebrachten Schreilauten (Kreischen), die von kurzen, oft "juchzenden" Atemzügen zum Luftholen unterbrochen sind.

Kommt keine Hilfe oder wird nur nicht schnell genug reagiert, geht das Anfangsschreien in ein ausdauerndes, zunächst noch nachdrücklich wirkendes, dann immer kläglicher werdendes Dauerschreien, ein Schreien aus Not, über. Dieses kann stundenlang anhalten und den Säugling bis in die tiefste Erschöpfung treiben.

Zum Beispiel bei Zufügen stärkerer Schmerzen, aber auch im Rahmen des Dauerschreiens immer wieder aufflammend, erleben wir das Panikschreien, welches exzessiv erscheint und höchst dramatisch klingt. Es ist Ausdruck allergrößter Not im Säugling. Schrie ein erwachsener Mensch in dieser Form, nähme jeder andere intuitiv den höchsten Grad von körperlicher oder seelischer Verletzung an und reagierte dementsprechend. Nicht so beim Säugling! Haben wir hier unsere Intuition verloren?

Wie können wir uns dieses Schreien erklären, wenn wir immer wieder feststellen müssen, dass gerade in den ersten Lebenswochen kein für uns ersichtlicher Daseinszustand von großer Not oder Bedrohung erkennbar ist. Ist es tatsächlich erlaubt, sich mit organischen Erklärungsmodellen, wie Dreimonatskoliken zu begnügen? Ist es desweiteren erlaubt, dem Säugling angeborene Unfähigkeit in der Selbstregulation zu unterstellen, wobei deren rein physiologische Gründe noch weitaus weniger nachvollziehbar sind, als die viel zitierten, etwas ominösen Schmerzen im Gedärm? Was wäre denn Selbstregulation bei einem emotional vollkommen abhängigen Wesen, wenn nicht eine angeborene Fähigkeit zum Yoga? Die Antwort ist meines Erachtens immer nein, bzw. eine solche Fähigkeit besitzt der Säugling nicht. Das erste, was der Säugling nach der Geburt auf dieser Welt erlebt, ist eine totale Befremdung. Nichts von dem, was er ab diesem Augenblick erfahren und erleben muß, ist ihm in irgendeiner Weise bekannt. Diese Fremde oder Befremdung erlebt der Säugling aber mit Sicherheit nicht kognitiv, d.h. wissensmäßig, denn dazu fehlen ihm sämtliche Vorauserfahrungen als Empirie, sowie die nötige Denkfähigkeit mit Begriffsbildung und logischen Schlußfolgerungen. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Reifung des menschlichen Gehirns sprechen gegen solche Fähigkeiten. Der Säugling kann diese Dinge nur rein emotional erfahren.

Dass aber das Neugeborene und der kleine Säugling schon Emotionen erlebt und auch in seinem Gehirn verarbeiten kann, ja offenbar sogar abspeichert, dafür sprechen Untersuchungen, die u.a. der Amerikaner J.LeDoux aus einem Puzzle testpsychologischer Untersuchungen an erwachsenen Menschen (mit dem Ergebnis: "Gefühle sind immer schneller als Erkenntnisse") und zahlreichen neurophysiologischen (die Hirnbiologie und den Hirnstoffwechsel betreffenden) Untersuchungen an jungen Tieren herausgelesen hat. Das Ergebnis all dieser Untersuchungen war, dass eine bestimmte Struktur im Gehirn der Säugetiere und Menschen Gefühle von ganz früh an steuert, nämlich die Mandelkerne (Amygdala). Die wiederum bedienen sich dabei eines Erregungssystems, welches aus Botenstoffen im Gehirn, genannt Neurotransmitter, s.o., besteht (Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Acetylcholin, Endorphine u.a). In zwei -sagen wir- schleifenförmig verlaufenden Hirnkomplexen, die beide zusammen als Limbisches System bezeichnet werden, gelangen die Ergebnisse des Fühlens "von etwas" in die allgemeine Gefühlszentrale zurück (Thalamus), zugleich aber auch in das Frontal-(oder Stirn-)hirn (über den Gyrus cinguli). Diesem System an Gefühlskonstruktion ist nur noch eine Tatsache hinzuzufügen, um dahin zu kommen, was das Gefühlserleben der Säuglinge so entscheidend betrifft, nämlich dass Gefühle sogar aus Vorprägungen im Gehirn (also angeborenermaßen) entstehen können.

Um das zu verstehen, müssen wir Erkenntnisse der Verhaltensbiologie hinzunehmen, so wie sie z.B. von I.Eibl-Eibesfeld schon in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts an Säuglingen und Kleinkindern von verschiedenen Völkern in der Welt gewonnen hat. Vorprägung heißt, dass überall auf der Welt Säuglinge und Kleinkinder in etwa dieselben emotionalen und affektiven Reaktion auf bestimmte Ereignisse zeigen, erklärbar allein durch die Annahme, dass die Menschheitsgeschichte über die Jahrtausende hinweg (Phylogenese) die Empfindungen und Verhaltensweisen uns Menschen allgemein zur schnellen Sozialisierung mit auf den Weg gegeben hat.

Wie aber können solche Vorprägungen nun im Gehirn bereits bei Geburt verankert sein? Sicher weiß man dazu längst noch nicht alles. Es ist aber durchaus denkbar, dass in der genetisch vorgegebenen Ausgestaltung der Adapterstellen für die Neurotransmitter, spezielle Rezeptoren, die Antwort auf unsere Frage ruht. Denkbar ist nämlich eine spezifische Anordnung dieser Rezeptoren in den einzelnen Hirnregionen, welche sich in der frühkindlichen Entwicklung dann auf bestimmte Teilfähigkeiten des Gehirns nun also im Verbund mit Gefühlsqualitäten in dieser Region spezialisieren. Ein jedes Kind käme also mit einer Rezeptorgrundkonstellation im Gehirn zur Welt, welche durch die Selektion der synaptischen Verbindungen einer individuellen Ausgestaltung einmal Platz macht. Auf diese Weise wären auch die angeborenen Temperamente gut zu erklären.

Eigentlich wissen wir jetzt alles, was wir wissen müssen, um das Schreien der Säuglinge zu verstehen. Das Schreien dient als Signal an die Bezugspersonen, sprich die Eltern, den in innere Not geratenen Säugling in seiner Hilflosigkeit zu verstehen und alles Erdenkliche zu tun, ihn aus dieser Lage zu befreien. Untersagt man dem Säugling diese Hilfe, gerät er in Verzweiflung und erlebt Gefühle der Panik. Der Grund, warum sich aber der Säugling häufig ganz aus einem inneren Gefühl heraus in Not befindet und nicht durch Unterlassungen der Eltern, liegt mit der Evolutiongeschichte des Menschen nun auf der Hand. Es ist das Erschrecken vor der Fremde und der möglichen Einsamkeit, in die er sich hinein begeben mußte, ein Erschrecken, das sich meines Erachtens am leichtesten als Unheimlichkeit nachempfinden läßt. Unheimlichkeit überkommt uns Erwachsene übrigens oftmals auch noch völlig unerwartet und scheinbar unerklärlich (z.B. beim Heimweh in der Fremde), und wenn es so ist, dann setzt sich in der Regel ein anderer Mensch für den Betroffenen ein und redet ihm bezogen auf diese Situation jeden Grund für das genannte Gefühl aus. Mit dieser Erklärung kommen wir nahe dran an das, was den Säugling unerwartet schreien läßt. Er "erhofft" sich in seinem Schrei aus Not das Hinzukommen eines Anderen, der Mutter als pimärer Bezugsperson, ihm die Gründe für dieses Gefühl "auszureden". Dieses Ausreden stellt sich faktisch dar als Trösten.

Um die Not aus der Evolutionsgeschichte des Menschen zu verstehen, müssen wir uns noch einmal daran erinnern lassen, dass der Mensch ursprünglich mehr oder weniger schutzlos dem Unbill und den Gefahren der Natur ausgesetzt war. Bedrohung durch das Wetter, die Wildtiere, aber auch durch den z.B. Hungers darbenden Mitmenschen waren ständig präsent. Ohne die Sicherheit in der Gruppe sah sich der Mensch generell einer Bedrohung ausgesetzt. Bedrohung ohne Verständnis dessen von was erzeugt jedoch tiefes Unbehagen. Das ist das Gefühl der Unheimlichkeit, das den Säugling ohne den nötigen Schutz bei seiner Bezugsperson befällt. Dem Gefühl der Unheimlichkeit folgt die Angst auf dem Fuße. In gewisser Weise ist Angst die Antwort auf die Unheimlichkeit, denn jetzt kann ein Mensch sich wenigstens eine kausale Erklärung für sein Empfinden geben. Es ist einem unheimlich, weil man Angst verspürt, und wieder umgekehrt. Zwar kann der Säugling sich solche rationalen (verstandesmäßigen) Erklärungen nicht geben, aber etwas derartiges spüren kann er schon. Bekanntermaßen schreien Säuglinge nicht so viel von den ersten Lebenstagen an, sondern erst, wenn ihre Wachsamkeit und Aufmerksamkeit stärker auf die Umwelt gerichtet erscheint.

Es ist also so, dass das einstweilen noch stillschweigend erduldete Gefühl der Unheimlichkeit (in den oft noch schlafähnlichen Anfangszuständen) erst mit den Lebenswochen und einer höhergradig gewordenen Wahrnehmung in die Angst mündet, welche sich jetzt durch Schreianfälle affektiv äußert. Auf diese Weise wäre auch erklärbar, wieso hauptsächlich die Nachmittage und Abende die Zeit des Schreiens sind, weil nämlich um diese Zeit die Wachheit und Aufmerksamkeit des Säuglings am größten ist. Warum aber sollten dagegen am Nachmittag die Koliken im Bauchraum stärker sein als am Morgen, wo doch rund um die Uhr gefüttert wird, und warum sollte am Nachmittag die Selbstregulation zusammenbrechen, wenn sie ohnehin nicht ausreichend stattfindet?

Ist also die Angst die Erklärung des Schreiens im frühen Säuglingsalter, dürfte die Empfehlung zum elterlichen Verhalten eindeutig sein. Wie könnte man es denn verantworten, sein aus Angst und Unsicherheit weinendes (was wäre, wenn wir nur noch von lautem Weinen redeten?), schreiendes Kind sich selbst zu überlassen? Wie könnte ein in Panik geratener Säugling durch Selbstregulation wieder zur Ruhe kommen, wo er doch weder emotionale noch kognitive Strategien besitzt, sich in dieser gefühlsmäßigen Talfahrt zu stoppen? Entsprechend lehrt die Erfahrung, dass je länger ein Säugling bereits geschrien hat, desto schwerer es ist, ihn wieder zu beruhigen. Gehen wir nun davon aus, dass die Gefühle, die beim Schreien erlebt werden und die aus Angst und Panik bestehen, im Gehirn schon zu so früher Zeit abgespeichert werden, (auf die Vorstellung vom Unterbewußtsein werde ich noch zu sprechen kommen), dann können wir uns leicht vorstellen, was der Säugling hinsichtlich seines Vertrauens in die ihn aufziehenden Personen für Gefühle entwickelt, und wie er bei jedem nächsten Überkommen von Unheimlichkeit und Angst reagieren wird. Auf welche Weise das Angstschreien sich auch ungesund auf die organische Struktur des Gehirns auswirken kann, haben wir weiter oben im Zusammenhang mit der "Synapsenreduktion" besprochen.

Wie sollen wir also handeln? Das ist wohl die Frage, die sich nun jeder stellt. Ich hatte meine Erklärungen in Anbetracht dieser Frage bereits darauf zugespitzt, zu formulieren, dass ein Säugling eigentlich nur aus Hilflosigkeit schreit, und dass man als betreuender Erwachsener gehalten ist, alles zu tun, die im Schreien zum Ausdruck kommende Not zu beseitigen. Ich sage ausdrücklich Not. Nicht jede Unzufriedenheit eines kleinen oder größeren Säuglings ist Not. Meckern oder sich ähnlich lautstark äußerndes Beschweren über ein mißliebiges Erlebnis muß nicht zu denselben Hilfeleistungen führen wie Notschreien. Jeder Säugling muß das Recht haben, sich emotional im "Schimpfen" und "Meckern" innere Erleichterung zu verschaffen. Auf dieser obersten Gefühlsstufe geht das auch, weil es die natürliche Methode der Affektabwehr ist und vom Säugling schon vollzogen werden kann.

Insofern muß nicht jedesmal, wenn der Säugling sich etwas lauter bemerkbar macht, das ganze Programm der Beruhigungsmaßnahmen abgespult werden. Man wird auch abwarten könnten, um zu sehen, wie er von allein mit seinen Gefühlen umgehen lernt. Hört man aber am Weinen/Schreien heraus, dass das Alleinsein zur Einsamkeit wird und die Unheimlichkeit und Angst im Inneren zu regieren beginnen, muß der eigene Hilfseinsatz beginnen.

Immer wieder kommt die Frage, was denn im Säugling passiert, ließe man ihn eine gewisse Zeitlang schreien, um dann festzustellen, dass er sich doch von allein beruhigt. Selbstverständlich, so müssen wir folgerichtig denken, hat die Natur jedem Menschen, überhaupt jedem Lebewesen einen Toleranzspielraum für das Ertragen unangenehmer Empfindungen und Gefühle mit auf die Welt gegeben. Sonst sähe es für den Fortbestand einer bestimmten Art schlecht aus. Gerade der mit Psyche begabte Mensch ist extrem auf solche Toleranzfähigkeit angewiesen. Trotzdem darf man dieses Toleranzsystem nicht über Gebühr beanspruchen! Gerade die Säuglinge, welche mit einer solchen Toleranz eher schlecht ausgestattet sind ("das schwierige Temperament") darf man nicht überstrapazieren. Aber gerade diese Säuglinge fordern ja die Toleranz der Bezugsperson(en) aufs Äußerste heraus. Das ist die Schwierigkeit im Umgang mit temperamentvollen Säuglingen. Die Sorge vor Verwöhnung besteht einstweilen nicht, das sei zur Beruhigung aller Eltern gesagt, denn ein Säugling besitzt noch nicht genug Erkenntnis der Dinge und Geschehnisse und nicht genug Sachverstand für eine gezielte persönlichen Vorteilsnahme. Er besitzt nur immense Bedürfnisse und ist eigentlich sofort zufrieden, wenn ihm diese erfüllt werden. Ist es nicht so, dann hat man das Bedürfnis nicht richtig erkannt, was manchmal schwierig ist, oder der Säugling hat z.B. unerkannte Schmerzen. Darunter fallen natürlich auch die berühmten Dreimonatskoliken, die es tatsächlich gibt, die man aber recht effektiv behandeln kann.

Glaubt man, man könne einen kleinen Säugling dahingehend trainieren, einen höheren Grad an Frustration auszuhalten und zu ertragen, d.h. man beabsichtigt, seinen Toleranzspielraum auszuweiten und fügt ihm dazu Unlustgefühle zu, z.B. indem man ihn erst einmal eine gewisse Zeit schreien läßt, bis man sein Signal erhört, dann riskiert man, dass die in dieser Art sich unkalkulierbar auftürmenden Streßempfindungen verfestigen und als erster Erfahrungsschatz von Gefühlen in der tiefsten Seele abspeichern. Den theoretischen Ort eines solchen Speichers nennt man seit S.Freund das Unterbewußtsein. Es heißt deswegen so, weil es permanent "unterhalb" des tatsächlichen, wachen Bewußtseins arbeitet und durch normale Denkvorgänge nicht erreicht werden kann. Je stärker das Unterbewußtsein eines Menschen mit mißliebigen Gefühlen belastet ist, desto bedrohter von diesen Gefühlen ist sein weiteres Leben. Das jedenfalls ist die tiefenpsychologische Vorstellung von der psychischen Grundstruktur eines Menschen.

Ob dieses von Freud entwickelte, sogenannte Instanzenmodell des menschlichen Bewußtseins (Bewußtsein, Vorbewußtes, Unterbewußtsein) so ohne weiteres haltbar ist, das ist einstweilen noch Forschungsgegenstand. Es gibt aber inzwischen gute Hinweise im menschlichen Gehirn für eine tatsächliche Existenz des Unterbewußtseins und zwar in den innersten und am tiefsten gelegenen Hirnstrukturen, die man als Limbisches System zusammenfaßt, s.o., und die vor allem über den Gyrus cinguli in engster Verbindung mit den mittleren und unteren Anteilen des Frontalhirns (Stirnhirns) stehen. Schäden in diesen Hirnanteilen, das läßt sich an Hirnverletzten oder an durch Krankheit Hirngeschädigten feststellen (A.Damasio, Neurologe und Forscher in den U.S.A.), verlieren große Teile ihres Gefühlslebens und ihre Lebensfähigkeit im gesamten psychosozialen Agieren.

Es ist, und damit will ich das Kapitel Schreien beenden, also ein sehr hohes Risiko, wenn man seinen kleinen, auf einen selbst extrem angewiesenen Säugling schreien und leiden läßt. Ein Risiko ist es deswegen, weil die im Säugling kulminierenden Angstgefühle durch "Verdrängung" ins Unterbewußtsein eine Hypothek für sein späteres Leben werden könnten. Ein Risiko ist es auch, weil die Ordnungsstrukturen im Säuglingsgehirn durch "Synapsengestaltung" behindert und sogar dauerhaft geschädigt werden könnten. Tröstet man den Säugling aber zügig und nach schneller Klärung der Ursache für sein Schreien, dann vermehrt man seine Gefühle von Vertrauen und Zuversicht, die sich im Säugling selbst als Gefühl von Freude und Glück ausnehmen. Dies ist der Weg zu Icherfahrung und Selbsterleben, Empfindungen, die der Säugling braucht, um aus der primären (Mutter-)bindung zur eigenen Person und Persönlichkeit zu finden. Dieses Glück kann man in den Augen seines Säuglings unmittelbar ablesen und miterleben!

Trost für die Eltern



Die Phase erhöhter Anfälligkeit für Schreien ist im Leben eines Menschen eher kurz, um nicht zu sagen unbedeutend. Normalerweise beträgt die Schreianfälligkeit etwa drei Monate im Leben eines Menschen. Das sind genau die drei Monate, in denen der kleine Mensch, sprich der Säugling, noch keine gefühlsmäßige Unterscheidung von bekannt und unbekannt, von vertraut und unvertraut vollziehen kann. Erst mit dem Einsetzen der Fähigkeit zu fremdeln kann der Säugling seine Ängste vor Bedrohung und Ausgeliefertsein, d.h. also das Gefühl von Umheimlichkeit, kanalisieren und gezielt ausdrücken. Zwar ist das Schreien nicht schlagartig vorbei, aber das Fremdegefühl erzielt im Empfinden des Säuglings eine frühe geistige Markierung, was mit fremd= unvertraut gemeint sein könnte. Das ist hilfreich und fortan weint und schreit der Säugling hauptsächlich nur dann, wenn er im Fremden objektive Bedrohung erlebt. Nur in Momenten emotionaler Instabilität, wie bei Krankheit, Verlassenheit, unter Schmerz oder an der kritischen Grenze von Wachheit und Schlaf ereilen ihn noch einmal die Ursprungsängste, und er schreit u.U. wieder wie am Anfang. Je einfühlsamer man nun als Eltern mit dem Schreien umgeht und je mehr Vertrauen der Säugling in seine Bezugsperson(en) bei diesen emotionalen Grenzgefühlen erfährt (Urvertrauen nach E.Erikson), desto besser sind seine Aussichten, in der Kleinkindphase mit den sozialen Anpassungsproblemen zurecht zu kommen. Diese Aussicht sollte alle Eltern ermutigen, mit weitestgehender Nachsicht und Zuwendungsbereitschaft auf ihre weinenden/schreienden Säuglinge einzugehen.

Unzufriedenheit und Ärger als weitere affektive Äußerung des Säuglings



Säuglinge sind meistens recht ausgeglichene, mit sich selbst zufriedene Wesen. Das setzt jedoch voraus, dass ihre Elementarbedürfnisse wie Hunger, Durst, Körperpflege, Schmerzfreiheit und emotional-soziale Zuwendung durch die primäre Bezugsperson, aber auch weiterer von ihnen akzeptierter Personen aus der Familie und Umgebung ziemlich unmittelbar befriedigt werden. Alle Kinder können nicht warten, aber der Säugling kann es am allerwenigsten. Das liegt an zwei Dingen: Erstens kann der Säugling einen Bedürfnisaufschub nicht kalkulieren. Weder von der Sache her, noch von dem zeitlichen Ablauf besitzt der Säugling eine Chance zur geistigen, d.h. kognitiv entwickelten Erkenntnis darüber, was in diesem Moment des Wartens mit ihm passiert. D.h. der Säugling weiß weder, dass ihm nichts geschieht, bzw. kein Schaden entsteht, wenn ein Bedürfnis statt sofort erst fünf oder zehn Minuten später befriedigt wird, noch weiß er, dass etwas, das nicht sofort geschieht, durchaus etwas später geschehen könnte. Mit anderen Worten, der Säugling kennt nur das "hier und jetzt". Ihn davon zu überzeugen, dass er durchaus noch warten könnte, ohne dass ihm ein Härchen gekrümmt wäre, scheitert einstweilen an seiner fehlenden Einsicht in zukünftige Geschehnisse mit gleichem, ähnlichen oder mit speziell von ihm erwarteten Inhalt. Ein solches Denken bezeichnet man als Antizipation (geistige Vorwegnahme eines Geschehens). Solche Antizipationen als geistige Operation kann ein Säugling aber erst dann vornehmen, wenn er a) uneingeschränkte Authentizität (Ichbezogenheit) seines Denkens und Empfindens erlebt, b) sich als alleinigen Verursacher von seinen Handlungen erkennt c) eine Grundvorstellung von Dauer der Zeit entwickelt hat. Demzufolge kann man antizipierendes Denken wahrscheinlich frühestens im zweiten Lebensjahr erwarten.

Somit erscheinen sämtliche, auf fortgeschrittenen geistigen Fähigkeiten basierende Erziehungsprinzipien beim Säugling zum Scheitern verurteilt. Die Erfahrung im Umgang mit Säuglingen lehrt, dass diese Ansicht richtig ist. Zwar kann man einen Säugling wie einen Hofhund auf gewisse Verhaltensweisen konditionieren, aber das Ergebnis eines solchen Vorgangs ist kein Lernprozeß im eigentlichen Sinn. Denn Lernen ist einsichtiges Verstehen von lebenswirklichen Grundstrukturen und deren zweckmäßiges Anwenden. Lernen wird somit zu einem unumstößlichen Bewußtseinsanteil des menschlichen Gehirns, welcher erst durch einen Umdenkprozeß revidiert werden kann. Konditionierung ist dagegen ein reiner Automatismus, unverstanden vom konditionierten Individuum, welcher ebenso leicht wieder umprogrammiert werden kann wie zunächst implementiert (eingerichtet). Bis zu einem gewissen Grade sind solche Konditionierungen allerdings als Gewohnheiten im Lebens des Säuglings von der Natur auch vorgesehen. Sie ersetzen die noch bestehende Unfähigkeit zum Lernprozeß und ermöglichen es, Lebensrhythmen in sich aufzunehmen. Spätestens aber, wenn der Urheberimpuls im Menschen erwacht und die Individualität des eigenen Daseins in den Denkstrukturen Raum greift, spätestens dann beginnen die ersten wahren Lernvorgänge. Wofür besprechen wird das? Das Thema Erziehung im ersten Lebensjahr knüpft sich eng an die affektiven Äußerungen des Säuglings von Unzufriedenheit und Ärger. Wir Erwachsenen alle wissen nur zu gut, was uns beim Verhalten des Säuglings Verdruß bereitet und was uns erfreut. Allzu gerne würden wir deren häufige Unduldsamkeit mit einem Machtwort beenden und das um so lieber, je schwieriger der Säugling uns im Temperament erscheint. Aber wie wir gesehen haben ist unser erzieherischer Impetus absolut vergeblich und scheitert an der noch fehlenden Einsichtsfähigkeit beim "Objekt". Das wäre weiter nicht schlimm, wenn die nutzlosen Erziehungsversuche sich einfach in Luft auflösten.

Das Problem für den Säugling fängt aber damit an, dass der erwünschte Erziehungsdruck durch eine Einschränkung der Zuwendungsintensität unterstützt werden soll. Das bedeutet, dass das alt bekannte Erziehungsmittel "Liebesentzug" auf dieser frühen Stufe schon eingesetzt wird. Abgesehen davon, dass Liebesentzug in der Erziehung immer ein ungeeignetes und letztlich schädliches Mittel ist, ist hier zu beachten, dass er für den Säugling pures Gift ist. Der Säugling wird nämlich auf diese Weise quasi mit Entzug eines für ihn existenziell wichtigen Nährstoffs bestraft und das für eine Tat, die er noch gar nicht begehen kann! Mit anderen Worten, man verhängt die Strafe für eine gar nicht zu begehende Tat. Welch Absurdität! Natürlich stirbt der Säugling nicht gleich an Liebesentzug, aber die Zuverlässigkeit der Bindungsstrukturen zwischen Säugling und primärer Bezugsperson nimmt Schaden, was im leichtesten Fall ungünstige Auswirkungen auf dessen Autonomiebestrebungen im zweiten Lebensjahr haben kann, im schlimmsten Fall allerdings eine frühkindliche Depression hervorrufen kann (anaklitische Depression).

Damit es nicht soweit kommt, hat die Natur den Menschen eine interaktionäre, d.h. ausschließlich und beständig zwischen Menschen ausgetragenene Emotion mit auf den Lebensweg gegeben, den Ärger und die Wut. Diese im späteren Leben ja auch auf sich selbst zu beziehende Negativempfindung vom Selbst findet im Anfangsstadium ausschließlich zwischen dem Gefühlsempfänger Säugling und dem Gefühlsaussender Bezugsperson statt. Das Selbst eines Säuglings ist in seiner Wahrnehmung einstweilen noch ganz mit der primären Bezugsperson, in der Regel der Mutter, verwoben. So wendet sich der Ärger auch grundsätzlich an diese, was seinen Ausdruck allerdings nicht anders erscheinen läßt. Die Erscheinungen des Ärgers beim Säugling sind eigentlich allen Eltern geläufig, und doch scheint nicht immer klar zu sein, was sich an Gefühlsentladung in den Kleinsten abspielt. Vor allen Dingen ist es die intensive Verbindung der Ichwahrnehmung des Säuglings mit der Mutter in Form eines Leih-Selbst (wie oben angedeutet), welche die ungeheure Ohnmachtsempfindung im schwächeren der beiden Partner auslöst, wenn dessen Bedürfnisbefriedigung nicht zügig vonstatten geht. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass der Säugling seine Mutter oder auch eine der nachfolgenden Bezugspersonen mit seinen Wünschen übermächtigen oder terrorisieren wollte.

Im Gegenteil, es ist der Säugling, der sich wie terrorisiert fühlt und zwar von der Übermacht seiner primären Bezugsperson, die mit ihm umspringen kann wie sie will. Allein der Schutz durch die fehlende kritische Wahrnehmung der situativen Bedingungen bewahrt den Säugling vor dem inneren Zusammenbruch. Aber was er nicht verstehen kann, kann er doch empfinden, empfinden als eine enorme Bedrohung seiner persönlichen Sicherheit und Integrität. Und die Bedrohung kommt nicht als ein Sachobjekt aus dem Raum, den er außerhalb von sich langsam wahrzunehmen lernt, sondern sie kommt aus dem "Raum", den er quasi noch zu seinem eigenen existenziellen Territorium, seinem Subjekt zählt, nämlich von seiner primären Bezugsperson als seinem Leih-Selbst. Das ist es, was seine Wut so ungemein emporschnellen läßt und dieses wütende Geschrei verursacht.

Was also die Kinderanalytikerin Melanie Klein als aggressiven Akt des Säuglings infolge der Triebversagung durch die Mutter interpretierte und als den dann folgerichtig ausgeführten zornigen Biß des Säugling in die böse, weil sich letztlich versagen könnende Mutterbrust bezeichnete, ist in Wirklichkeit die unbändige Angst des kleinen Geschöpfes vor der Ausstoßung seiner Person aus dem zu seinem Selbst zugehörig wahrgenommenen Raum. Kurz gesagt, der Säugling empfindet die Unterlassung der primären Bezugsperson wie eine nicht beeinflußbare und nicht zu stoppende Verletzung durch sich selbst. Ich gehe davon aus, dass jeder sich vorstellen kann, wie schrecklich eine solche Erfahrung sein muß.

Gerade diese letzte Vorstellung erklärt noch einmal die ungeheure Dramatik, die sich in dem kleinen Säugling wohl abspielt, wenn ihm lebensnotwendige Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Das oft "mörderische" Geschrei, das seiner Kehle entfährt, ist eigentlich nur die große Wut über seine eigene Unzulänglichkeit, die Geschicke zu beeinflussen. Insofern müßte man eigentlich das Wutgeschrei des Säuglings begrüßen, stößt es einen selbst doch manchmal mit der Nase auf den Fehler seines Handelns.

Noch einmal Trost für die Eltern



Wir Erwachsenen wissen ja nur zu gut, wie wichtig wütende Entladungen sind, um den inneren Spannungszustand abzumildern. Es kommt uns zuweilen vor wie ein reinigendes Gewitter. Bei den Säuglingen dürfte das nicht viel anders sein. Ein wütender Schrei, der die Mutter oder den Vater dazu veranlaßt, die momentane Tätigkeit zu unterbrechen und sich um sein Kind zu kümmern, muß als ein gesunder Akt frühester Kommunikation gewertet werden. Auch wenn es einem manchmal sehr zuwider läuft, seine eigenen Bedürfnisse denen des Kindes zu unterwerfen, man sollte immer bedenken, dass das Kind aus der Position des Schwächeren und Abhängigen aufbegehrt. Man sollte auch nicht übersehen, dass die Bedürfnisbefriedigung für den Säugling nicht eine Frage der Selbstbefriedigung ist, sondern ein Frage, etwas übertrieben gesagt, auf Leben und Tod. Hoch ist dann auch der Lohn, den der Säugling für die einfühlsame Behandlung und Zuwendung herausgibt. Es ist seine bedingungslose Liebe zu den Bezugspersonen. Diese ist zwar nicht immer ersichtlich und wird auch nicht konstant gezeigt, aber mit den Jahren durch die Kindheit hindurch, erweist sie sich als das allergrößte Gut in der Lebensgemeinschaft.

von Rüdiger Posth

Lesen Sie hier weiter:

Teil 1:  Die Erlebniswelt des Säuglings
Teil 2:  Fremdeln und Anhänglichkeit
Teil 3:  Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein
Teil 4:  Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft
Teil 5:  Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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