Die meisten Babys beginnen schon im Mutterleib mit dem Nuckeln und trainieren das Saugen - manche von ihnen so heftig, daß sie mit regelrechten "Schwielen" am Däumchen geboren werden. Offenbar sind die kleinen Menschenkinder schon sehr früh auf das Saugen "programmiert" - auf eine lebensnotwendige Fertigkeit, die es ihnen ermöglicht, satt zu werden.
Manchmal dauert es zwei oder drei Monate, bis ein Baby zuverlässig seinen Daumen findet. Dann aber wird er ein guter Freund, befriedigt das angeborene Saugbedürfnis als ein ganz elementares Bedürfnis, tröstet bei Angst, verschafft Entspannung vor dem Einschlafen, vertreibt die Langeweile und "rettet" ganz Hungrige auch schonmal bis zur nächsten Mahlzeit. Es ist also kein Wunder, wenn die meisten Kinder in ihren ersten beiden Lebensjahren noch am Daumen lutschen.
Weil kein Baby dem anderen gleicht, sind auch ihre Saugbedürfnisse unterschiedlich groß. Manchen reicht schon das Saugen an der Brust während der Mahlzeiten - andere können gar nicht genug davon bekommen und brauchen das Nuckeln an den Fingern zur Beruhigung und Entspannung. In diesen ersten beiden Jahren ist Daumenlutschen etwas ganz normales und die meisten Kinder hören im dritten Lebensjahr von selbst damit auf.
Kann das Nuckeln gesundheitliche Probleme verursachen?
Zahnärzte und Kieferorthopäden verneinen heute die Frage, ob das Daumenlutschen in normalem Ausmaß während der ersten beiden Jahre negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kiefers und die spätere Zahnstellung hat. Sie warnen aber auch vor sehr intensivem, ständigem Daumenlutschen, das auf Dauer zu Verformungen des Kiefers führen kann.
Warum nuckeln gestillte Kinder weniger?
Den Umstand, das gestillte Kinder im Schnitt weniger zum Daumenlutschen neigen als Flaschenkinder führt man darauf zurück, daß sich Mütter beim Stillen meist unbewußt mehr Zeit nehmen und das Baby länger saugen darf als an einer Flasche. Auch Babys, die Fläschen bekommen, wollen ihr Saugbedürfnis befriedigt wissen, weshalb man auch ihnen beim Füttern alle Gelegenheit dazu geben sollte - mindesten 15-20 Minuten pro Mahlzeit, sagen Fachleute. Vorteilhaft ist es z.B. auch, wenn das Loch im Sauger nicht zu groß ist und die Nahrung intensiv gesaugt werden darf. Bei Babys, die auffallend häufig am Daumen lutschen, kann u.U. schon der Versuch, es häufiger zu Füttern, lohnen.
Wann sollte man sich Gedanken machen?
Wenn ein Kind auch über das zweite Lebensjahr hinaus auffallend häufig am Daumen lutscht, hat das nicht selten seelische Ursachen. Dies gilt umso mehr, wenn es schon einmal mit dem Lutschen aufgehört hatte - und plötzlich wieder damit anfängt.
Dahinter verbergen können sich gesteigerte Bedürfnisse nach Trost, Zuwendung und Zärtlichkeit (vielleicht vermißt es Aufmerksamkeit, weil ein Geschwisterchen eingetroffen ist oder es fühlt sich einsam, weil Mami aus anderen Gründen nicht mehr genug Zeit zum Schmusen hat) - aber auch Angstgefühle (Angst zu versagen), Müdigkeit, Überlastung oder seltener Krankheiten (das Kind möchte wie ein Baby umsorgt werden).
Ständiges Daumenlutschen nach dem zweiten Lebensjahr kann aber auch die Folge von allzu übertriebener Behütung und Umsorgung sein - manche Kinder ziehen sich dann in sich selbst zurück und werden passiv, sagen Psychologen.
Auf keinen Fall...
...sollte man Kinder deswegen bestrafen. Daumenlutschen ist - auch in Gesellschaft - nichts Peinliches und nichts "Babyhaftes", dessen sich die Eltern schämen müßten. Beschimpfen und besonders auch Auslachen kann zu ernsten seelischen Problemen führen, mit denen manch ein Kind alleine nicht mehr fertig wird.
Sätze wie "... Du bist ja noch ein Baby!" führen meist in einen problematischen Kreislauf, indem sie genau das Gegenteil des Bezweckten erreichen: Mami schimpft - das Kind ist traurig - um Mamis Liebe wieder zurückzubekommen, benimmt es sich ganz unbewußt wie ein Baby und lutscht am Daumen - Mami sieht das und schimpft ...
Vor allem aber Bestrafungen machen alles nur noch schlimmer und bewirken gar nichts - außer neuen seelischen Belastungen.
Helfen kann ...
... oft schon ein wenig mehr Zuneigung und Interesse dafür, womit sich das Kind beschäftigt. Zunächst einmal sollte man hinter dem Daumenlutschen ein Defizit vermuten - meist ist es tatsächlich Zuwendung, die vermißt wird. Kinder die nuckeln, hören nicht selten schon damit auf, wenn man sich öfter gemeinsam mit ihnen ihren speziellen Interessen und Vorlieben (Spiele, Basteln, Schmusen) widmet. Solche Ablenkungen und ein Ignorieren, bzw. Nicht-mehr-ansprechen des Daumenlutschens sind meist recht gute Mittel, das Lutschen langsam aber sicher "vergessen" zu lassen. Nebenbei kann man mit einem Besuch beim Kinderarzt nichts falsch machen und vielleicht sogar den einen oder anderen "Geheimtip" in Erfahrung bringen.
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