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Geschrieben von irulan am 14.08.2003, 14:32 Uhrzurück

älterer SZ Artikel: "Und nichts als die Wahrheit..."

http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/artikel126594.php

Und nichts als die Wahrheit

Der Way of Lie: Müssen die USA lügen, um die Welt zu retten?

von Andrian Kreye

Es hätte nie jemand erfahren dürfen. Doch ein paar Beamte des Pentagon
haben jetzt der New York Times erzählt, zu den künftigen Aufgaben des
neugegründeten „Office of Strategic Influence“ gehöre es auch, gezielte
Falschmeldungen in der internationalen Presse zu plazieren. Prompt lief
die Weltpresse Sturm und die American Society of Newspaper Editors
schickte einen bösen Brief. „Eines muss klar sein“, konterte
Verteidigungsminister Donald Rumsfeld während seines Besuchs in Salt
Lake City, „Regierungsbeamte, das Verteidigungsministerium und alle die
mit mir zusammenarbeiten sagen Amerikanern und den Menschen dieser Welt
die Wahrheit.“ Eine recht absurde Szene – der Chef des Amtes für
Fehlinformationen verkündet, dass seine Behörde ausschließlich wahre
Informationen verbreite. Doch nicht die Tatsache, dass amerikanische
Regierungsstellen Lügen verbreiten könnten, war daran erstaunlich,
sondern das ungeschickte Eingeständnis. Denn ist die Bereitschaft zu
Lügen als Taktik der psychologischen Kriegsführung erst einmal bekannt,
funktioniert sie nicht mehr.

Normalerweise beherrscht keine Militärmacht die psychologische
Kriegsführung so perfekt wie die USA: beispielsweise das Umschmeicheln
und Verängstigen, oder das In-die-Irre-Führen und Demoralisieren. All
jene Taktiken also, die der Militärhistoriker Richard Johnson als
„Schläge gegen den menschlichen Geist und die Emotionen“ beschreibt.
Ein historischer Moment in diesem Zusammenhang war der D-Day, als die
Landetruppen den Deutschen weismachten, sie würden im meilenweit
entfernten Calais angreifen. Legendär sind auch jene DJs, die den
panamaischen Diktator Noriega und ganze Bataillone der irakischen
Armee mit ihren Lautsprechertürmen und Heavy-Metal-Platten zum
Aufgeben zwangen.

Abseits davon geht es auf dem Schlachtfeld der Psyche aber noch um
etwas anderes: um die eigene, um die amerikanische Bevölkerung.
Amerikaner sind nämlich nur sehr schwer dazu zu bewegen, mit ganzer
patriotischer Leidenschaft militärische Aktionen in Übersee zu
unterstützen. Vielleicht hat die US- Militärmaschinerie auch deshalb
die psychologische Kriegsführung perfektioniert. Denn bis zum 11.
September gab es noch nie eine direkte physische Bedrohung des Landes
selbst. Sogar Pearl Harbor war letztendlich der Angriff auf eine
Kolonie, die Tausende von Meilen vom Festland entfernt im Pazifik
liegt. Rationale geopolitische Gründe alleine reichten da nicht aus,
deswegen musste der so genannte Krieg „um die Köpfe und Herzen“ auch
immer im eigenen Land geführt werden.

Moral macht mobil

Es war meist die Behauptung moralischer Überlegenheit, mit der die
Massen emotional mobilisiert werden konnten. Die übermächtigen Feinde
in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges machten es dem
Weißen Haus relativ leicht. Es ging Amerika offiziell nie um
Rohstoffquellen oder um die Sicherung strategischer Einflusssphären,
sondern immer um die Verteidigung des „Way of Life“. Der amerikanische
Kongress wusste sehr wohl um die Gefahren dieser Strategie und erließ
deswegen schon 1913 strenge Gesetze, die dem Weißen Haus und dem
Pentagon untersagten, das Volk und seine Vertreter in der Legislative
mit Propagandamitteln und modernen Public-Relations-Techniken auf Linie
zu bringen. Doch dann kamen zwei Einschnitte, die es der amerikanischen
Regierung schwer machten, das Volk und die Welt für die amerikanische
Sache zu gewinnen.

Der erste Einschnitt war Vietnam. Der Schock, einen ungerechten Krieg
geführt zu haben, saß tief. Auch zehn Jahre später noch. Das stellte
die Regierung Ronald Reagans vor ein massives Problem. Die Kommunisten
hatten sich in Nicaragua eingenistet. El Salvador war in Gefahr.
Michael Kelly, Staatssekretär bei der Air Force, sagte damals: „Unsere
wichtigste Mission ist heute, das amerikanische Volk davon zu
überzeugen, dass uns die Kommunisten an den Kragen wollen. Wenn wir
diesen ideellen Krieg gewinnen, dann gewinnen wir auch überall sonst.“
1983 konstruierte Ronald Reagan zusammen mit dem CIA und den
Führungskräften der besten Werbe- und PR-Agenturen einen
Kommunikationsapparat, mit dessen Hilfe die alten Anhänger der
Somoza-Diktatur bei den Contras zu Freiheitskämpfern stilisiert werden
konnten. Vorbild war dabei nicht die klassische Propaganda, sondern
Techniken aus der Wirtschaft – zum Beispiel „Branding“ oder das
Implantieren einer Corporate Identity. Es ging also schon längst darum,
das Produkt Amerika und seinen Krieg zu verkaufen.

Sie sind überall: die Barbaren

Der zweite Einschnitt kam mit dem Mauerfall. Mit dem Zusammenbruch des
kommunistischen Blocks war auch das Hauptargument in der Kampagne für
Amerika verschwunden. Der französische Politikwissenschaftler
Jean-Christophe Rufin war der Erste, der damals vorhersagte, dass sich
Amerika nun auf die Suche nach einem neuen Feind machen würde. Er
verglich den Mauerfall mit dem Sieg des römischen Reiches über
Karthago. Die Römer fanden ihren Feind damals in den Barbaren. Die USA
und der Westen suchen ihre neuen Gegner seit dem Ende des Kalten
Krieges in der Dritten Welt. Im Drogenkrieg von Lateinamerika, im Nahen
Osten, in der arabischen Welt.

Im Golfkrieg lief die Maschinerie der psychologischen Kriegsführung auf
Hochtouren. Auf der einen Seite hatte man einen mächtigen Feind. Auf
der anderen Seite war dieser weit weg. Seinen berüchtigten Höhepunkt
fand der Kampf um die Herzen der Welt in dem Auftritt einer jungen
Kuwaiterin, die sich als Krankenschwester im Hospital von Kuwait City
ausgegeben hatte. Unter Tränen beschrieb sie vor dem Kongress, wie
irakische Soldaten Säuglinge aus den Brutkästen gerissen und getötet
hätten. Was niemand wusste: Die 15-Jährige war die Tochter des
Botschafters von Kuwait in Washington. Ein Konsortium von 20 Lobby- und
PR-Agenturen unter der Leitung der weltgrößten PR-Firma Hill & Knowlton
hatte den Auftritt inszeniert. Eine der Firmen, die damals zum
Konsortium gehörte, war die Rendon Group, die jetzt das „Office of
Strategic Influence“ betreut.

Mit dem islamistischen Terror hat der Westen wieder einen Feind, gegen
den man nach Argumenten nicht mehr suchen muss. Islamistische
Terroristen suchen keinen Dialog. Ihr Fernziel ist die absolute
Zerstörung aller säkularen Gesellschaftsformen. Die Taliban lieferten
das Anschauungsmodell dazu. Und die Anschläge vom 11. September weckten
eine Angst, die der Westen seit der KubaKrise nicht mehr gekannt hatte.


Afghanistan war für die amerikanische Regierung seit 1945 der größte
Sieg im Kampf um die Köpfe und Herzen der Welt. Auch dieser Frieden
muss nun gesichert werden. George W. Bush hat deswegen letzte Woche
verkündet, dass er die erfolgreichen Propagandamaßnahmen nach dem 11.
September institutionalisieren werde. Und dazu braucht man eben ein
Amt, das ein positives Image der USA etablieren und antiamerikanische
Strömungen bekämpfen soll. Wobei das „Office“ aber nur ein kleiner Teil
der psychologischen Großoffensive sein soll. In diesem Zusammenhang hat
man übrigens auch einen hübschen neuen Euphemismus für das hässliche
Wort Propaganda gefunden. Man nennt das übergeordnete Ganze nämlich so:
„Office of Global Diplomacy“.

ANDRIAN KREYE
Links zu aufgeflogenen PR-Kampagnen:
http://www.arbeiterfotografie.com/galerie/kein-krieg/hintergrund/index-medien-und-krieg-1.html

http://gib.squat.net/reader/propaganda-und-krieg.html

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