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Geschrieben von marit am 04.11.2004, 14:56 Uhrzurück

Re: Zutiefst beschämt und am Boden zerstört

vor allem regt mich dabei auf, daß viele Studenten gar nicht wählen konnten, weil man sie nicht in die Wählerverzeichnisse ihres Studienortes aufgenommen hat, daß es Auslandsamerikanern schwer gemacht wird, zu wählen, außer sie sind in den Streitkräften oder daß Inhaftierte ihr Wahlrecht verlieren. Wieso ist das möglich.

Dem Lamento über die "gleichgeschalteten" Medien möchte ich mich aber nicht anschließen, wie ich schon weiter unten geschrieben habe, sind die USA doch sowas wie die Wiege der Pressefreiheit! Man KANN sich in den USA durchaus umfassend darüber informieren, was in der Welt vorgeht, man KANN sehr regierungskritische Zeitungen abonnieren und nicht zuletzt wird ja auch ein Michael Moore in den USA problemlos toleriert (was vielleicht sogar systemstabilisierend ist). Es gibt nur eben einen Riesenunterschied, zwischen den Informationen, um die man sich ein klein wenig bemühen muß und denen, mit denen man beim Zappen durch die Kanäle "automatisch" gefüttert wird. Aber es ist definitiv nicht so, daß es keine anderen Angebote gäbe! Es gibt natürlich auch eine Informationsschräglage, was unser Amerika-Bild in Europa angeht. Ich z.B. lese Philip Roth, Jonathan Franzen und Paul Auster, schaue "sex and the cities" und wenn ich an die USA denke, denke ich in erster Linie an New York, die großen Uni-Städte an der Ostküste, an Seattle und San Franzisko. DAS ist für mich die USA- und alles, was ich von dieser Seite aus mitbekam, ist NATÜRLICH demokratisch. Selbst nette kleine Serien, die ich mir ab un an anschaue (wie Judging Amy oder Gilmore Girls sind von der Ideologie her republikanerkritisch). Aber natürlich ist das ein vollkommen schiefes Bild. vor 3 Tagen habe ich z.B. mal eine Reportage zur "silver-ring-Kampagne" (sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe) gesehen, und die Leute da kamen mir vor, als würden sie alle einer vollkommen abgedrehten Sekte angehören - dabei ist das offensichtlich eine Massenbewegung. Man darf die Macht des christlichen Fundamentalismus z.B. nicht unterschätzen, die in Bush zum allerersten mal eine Stimme in der Regierung haben (die stimmen im Zweifel gegen ihre eigenen sozialen Interessen und dafür für ihre religiösen Interessen ab) und vor allem darf man nicht unterschätzen, daß Bush einen (zwar vollkommen irrationalen) Optimismus ausstrahlt, auf den man sicher auch in Deutschland reagieren würde. Ich bin mir ziemlich sicher, daß eine große Zahl an Wählerstimmen auch hierzulande an jemanden gingen, der einfach sagt "das wird schon wieder, packen wirs an - die Durststrecke überstehen wir doch locker" . Und so wird Bush dort eben AUCH gesehen. Es wird auch nicht so wahrgenommen, daß er die Wähler angelogen hat- er hat lediglich gesagt, daß er wahrhaft "geglaubt" hat, daß im Irak Vernichtungswaffen lagerten und hat dann zugestanden, daß er sich eben "geirrt" habe. Damit ist er moralisch für viele doppelt rehabilitiert: einmal, weil er nach seinem Glauben und seiner Überzeugung gehandelt hat (das ist dort wichtiger, als die Fakten) und zudem darum, weil er öffentlich einen Irrtum eingestanden hat. Mir ist oft aufgefallen, auch in Diskussionen mit Amerikanern, daß das "I believe" zwar einerseits eine Floskel, andererseits auch ein Totschlagsargument ist. Wenn einer "I believe" sagt, darf ihm niemand mehr widersprechen- auch wenn es sich um einen völlig irrwitzigen Sachverhalt handelt.

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