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Geschrieben von Linda in USA am 28.02.2003, 18:38 Uhrzurück

Warum Europaeer Amerikaner nicht verstehen

(Nicht von mir, aus einem anderen Forum, aber passend zur aktuellen Diskussion)

Sie sind groß geworden mit Amerika. Sie haben als Kinder Donald Duck gelesen, "Flipper" geguckt und "Bonanza", Disney und Hollywood. Sie haben die Mondrakete Saturn V als Plastikmodell aufgebaut. Es kam Vietnam, aber auch McDonalds. Sie haben alles in allem zu wissen geglaubt, was Amerika ist. Als ich, kurz nach dem Studium, zum ersten Mal ruebergeflogen bin, ist mir aufgegangen, wie wenig das echte Amerika verstanden wurde.

Von meinem Geburtsort waren es keine 20 Minuten zur Mauer, der deutsch-deutschen Grenze.

Von New York bis zur Westspitze Europas fliegt ein Flugzeug sechs Stunden lang ueber nichts als Wasser. Deutschland ist ein Land, Europa sind viele Laender mit vielen Kulturen. Amerika ist ein Kontinent: terra continens, eine abgeschlossene Landmasse und die USA sind ein Schmelztiegel aller Nationen und Kulturen, voellig anders.

Da wird anders gedacht, anders empfunden, man ist nicht ganz so kleinlich, mann muss nicht peinlichst genau auf alles Moegliche -und Unmoegliche achten, mehr Lebensraum, weniger Enge laesst Grossmut wachsen.

Stundenlang auf einer Piste durch die Gegend zu fahren ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen laesst das Gefuehl von Freiheit zu der Luft werden die wir einatmen.

Man kann die Unterschiede, die sich daraus in den Denk- und Wahrnehmungsstrukturen ergeben, gar nicht genug ueberschaetzen.

Wir haben gelesen, dass für die USA der 11. September ein Schock war. Er war fuer uns auch ein Schock, ja. Aber dass drueben vom Erlebnis der Verwundbarkeit die Rede war, dass die Welt nun mit voellig anderen Augen zu sehen sei, das haben wir, wenn wir ehrlich sind, nicht ganz verstanden.

Als Bush von Selbstverteidigung und Homeland Security sprach, fing man an in Europa die Augenbrauen hoch zu ziehen. Die Befreiung Afghanistans von der Knute der Fundamentalisten wurde gerade noch so hingenommen, die ersten Spoetter sprachen schon vom neuen amerikanischen Imperialismus, dem US-Imperium-der Pax Americana, leise fluesterten die Ersten schon vom "Griff nach dem Oel".

Nicht umsonst ist der Anti-Kriegslaerm besonders im sich gerade "selbstbefreiten" Deutschland dafuer am lautesten.

(Praesident Reagan wars der Gorbatschow, in Berlin aufforderte "diese Mauer einzureisssen!")

Genau diese Deutschen, haben 40 Jahre in der Zone verbracht, in der nach aller damaligen Wahrscheinlichkeit der Weltuntergang anfangen wuerde.

Das hat sie gelehrt, Gefahren nicht digital zu sehen - es gibt sie oder es gibt sie nicht, und man kann sie angeknipst lassen oder sie ausschalten, sondern in Hierarchien der Gefahr zu denken: Es gibt groessere und kleinere, es gibt akute und weniger akute, und es gibt Gefahren, die erst dadurch entstehen, dass man eine Gefahr mit falschen Mitteln abwehrt.

Fuer Europas Praktiker der Politik ist das zentrale Denkschema ueber Jahrhunderte das der Balance und der Beschwichtigung gewesen. Trotzdem wurden in diesem sich heute so unschuldig praesentierendem Europa mehr Kriege gefochten, mehr Blut vergossen, als irgendwo anders, die Sklavenhaendler, die Kolonialisten, aber auch die ersten Amerikaner waren allesamt Europaeer.

Dass Saddam Hussein gefaehrlich ist -geschenkt. Aber ist er wirklich so gefaehrlich?

Der zweite Unterschied betrifft das Pathos. Wenn hier zu Lande einer eine "Achse des Boesen" ausrufen wuerde, waere er von Stund an ein Fall für die parlamentarische Hinterbank. Wenn einer behaupten wuerde, er werde jetzt den Kampf gegen diese Achse aufnehmen, und nach einer ungewissen, aber doch begrenzten Zeit das Boese wenn nicht ausgerottet, so doch unschaedlich gemacht haben, waere sein Verbleib nicht mal auf der Hinterbank sicher, moeglicherweise wuerde man dieser Person den Rat einen Psychologen zu konsultieren nahe legen.

Sowas glauben wir einfach nicht. Unsere Geschichte hat uns Misstrauen gelehrt. Europa ist getraenkt von Blut, vergossen für die gerade aktuelle gute Sache. Der vermutlich einzige Krieg, auf dessen Einstufung als gerecht sich die ganze Alte Welt einigen kann, war der gegen Hitler-Deutschland. Aber damit ist im Denken vieler Deutscher der Maßstab gesetzt, der allenfalls die Ausnahme zulaesst.

Daraus erwaechst ein Drittes. Es gibt in Europa, speziell aber in Deutschland keine Moeglichkeit, ausschließlich pragmatisch ueber eigene Interessen und Zweck-Mittel-Relationen zu deren Durchsetzung zu reden. Jede dieser Abwaegungen wird durch Moral ueberlagert. Wer etwa die Frage stellt, ob es fuer das Ueberleben der Hochindustriestaaten des Westens nicht unumgaenglich ist, gewisse Herde der Instabilitaet in der Golfregion auszuschalten, bekommt sofort ein kategorisches "Kein Blut für Oel" zu hoeren.

Darum dringt der Versuch Amerikas, gemeinsame Interessen zu beschwoeren, meist gar nicht durch; in Deutschland am wenigsten. Machiavelli wird bei uns nicht als der Realist wahrgenommen, der er auch war, sondern nur als gewissenloser Schurke.

All diese Elemente kommen in der heutigen Situation, den Krieg gegen den Irak d.h. gegen den Diktator und Tyrannen Saddam Hussein, zusammen.

Ein ranghohes deutsches Regierungsmitglied hat unlaengst von einer Unterredung mit einem ranghohen amerikanischen Gegenueber erzaehlt, in deren Verlauf er den Mann aus Washington gefragt hat, wie denn die Strategie der USA fuer den Irak nach einem Krieg aussehe. "Das werden wir sehen, wenn es so weit ist", war die Antwort. Den Deutschen hat das nachhaltig erschuettert. Er hat die Auskunft als Beleg für seinen Verdacht gedeutet, dass der Amerikaner nicht weiss, was er tut.

Auf die Idee, dass der andere die Komplexitaet des Problems sehr wohl sieht, genau deshalb noch keine Antwort weiss und sich dadurch trotzdem nicht vom Handeln abhalten lassen will, ist er nicht gekommen. Wir, die wir noch bei der Novelle der Gewaessergueteverordnung die Folgen fuer die Beziehungen zum Rhein-Anlieger Schweiz bedenken muessen, koennen uns Experimente mit allzu ungewissem Ausgang nicht leisten.

Solche im Weltmaßstab erst recht nicht. Deshalb will Europa, insbesondere Deutschland, Amerika manchmal gar nicht verstehen.

Oder koennen sie das einfach nur nicht, weil sie sich das versagen-der deutsche Weg?

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