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Geschrieben von marit am 07.11.2003, 10:59 Uhrzurück

Re: stimmt...

Von Pommes und Burgern weiß ja jeder, daß sie dick machen, aber dann drängen bieten die eltern Fruchtzwerge, Müsliriegel etc. an und halten das für gesund. Außerdem werden viele Kinder gerade dann, wenn sie sich richtig verausgaben (rennen, schnell rad fahren etc.) von ihren eltern gebremst, weil die dann zu große Angst haben, daß etwas passiert. Fast allen Eltern ist es doch lieber, wenn ihr Kind fridlich zuhause Lego spielt, als den ganzen Tag mit Freunden draußen herumzutollen und sich erst am Abend wiederzumelden.


Ich möchte aber schon noch was an die vorbildlichen Karottenschnitzanbieter loswerden. Eben war vom Schwimmbad die Rede und davon, wie viele Dicke Kinder es da gibt. Ich war selbst ein paar Jahre (zwischen 9 und 14) ein dickes Kind und den Spaß am schwimmen (noch heute meine Lieblingssportart) haben mir damals 2 Frauen um die 30 verdorben, die ohne jedes Schamgefühl sich laut darüber unterhielten, wie viele fette Kinder es heute gibt (das war vor 16 Jahren). Dann fingen sie, wohl um eine empirische Basis zu haben auch noch an, die dicken Kinder zu zählen (!). Das war für mich so beschämend (man stelle sich nur mal vor, sie hätten behinderte Kinder öffentlich gezählt), daß ich von da an 3 Jahre lang nicht mehr im Schwimmbad war. Außerdem war ich nicht dick, weil meine Mutter nicht darauf geachtet hätte oder sogar gedacht hätte, viel essen wäre gesund. Das gegenteil war der Fall. Meine Mutter und meine Schwester sind extrem dünn und haben aufgrund einer Schilddrüsenüberfunktion einen überproportionalen Umsatz. Sie können beide jede Menge essen ohne zuzunehmen. Trotzdem schränken sie sich noch ein, weil sie sich erst unter 50 kilo (bei 1,70 m) hübsch finden. Ich, die ich eher immer schon einen Ansatz zum Zulegen hatte, war gleichermaßen ein Mysterium wie ein Ärgernis für meine Mutter. Wenn ich heute Kinderbilder von mir sehe bevor ich dick wurde, sind das ganz süße "normale" Kinderphotos. Aber meine Mutter redete mir da schon ein, wie häßlich ich wäre, weil ich ein winziges Bäuchleich hatte. Mit 7 Jahren begann der Diätzwang. Ich wurde jeden Tag gewogen. Hatte ich zugenommen gabs keinen Nachtisch und keine Zwischenmahlzeiten. Bei den Hauptmahlzeiten gabs immer nur ganz wenig auf den Teller, meine Mutter tat aber immer so, als ob das eine normale Portion sei. Ich fühlte mich oft regelrecht ausgehungert und auf einmal lernte ich ein Gefühl kennen, das vorher nicht da war, regelrechte Gier auf etwas zu essen, richtigen schlimmen Hunger. Als Kind blieb mir nichts anderes übrig, als mein Taschengeld dann in Süßigkeiten, Weißbrot und Milch anzulegen; ich hätte auch Gesünderes gegessen, aber man kann sich als Kind ja schlecht einen Weißkohl kaufen um ihn dann himlich zu kochen. Meine Mutter bekam das natürlich heraus und von da an gab es "Razzien" in meinem Zimmer. Wenn da ein Snicckers-Papier entdeckt wurde, gab es hysterisches Gekreische und oft auch Schläge. Eine Magendarmgrippe, bei der es mir 2 Wochen lang hundeelend ging und ich selbst meine Medikamente umgehend erbrechen mußte, kommentierte meine Mutter nur mit einem glücklichen "wirst mal sehen, jetzt nimmste auch ab". Schöne Kleider wurden für mich nicht gekauft ("an dir sieht ja eh alles scheiße aus").zwischen 12 und 14 habe ich mit meiner Mutter kein freundliches Wort gewechselt. Immer wenn ich es mal wieder versuchte, nahm sie die Gelegenheit wahr, mal wieder im "Guten" über meine Figur zu sprechen. Ich bin mir 1000% sicher, daß ich nie richtig dick geworden wäre, wenn meine Mutter mich einfach nur in Ruhe gelassen hätte. Aber so wurde mein Körper zu einem Kriegsschauplatz. Nach der Schule trieb hab ich mich mit einem Buch in mein Zimmer eingeschlossen, ging nur da raus, wenn meine Mutter gerade weg war; mit anderen Kindern konnte ich nicht spielen, weil die mich nur fertiggemacht haben (damals gab es ja noch nicht so viele dicke Kinder), eine Bande von Jungs hat mich sogar immer auf dem Schulhof abgefangen, mich geschlagen und herumgestoßen und einmal sogar in meinen Ranzen gepinkelt. Meine Mutter erfuhr nie davon, weil ich damals sicher war, sie würde sagen, daß ich selbst schuld bin (ich hab den Ranzen vergraben und behauptet, ich hätte ihn im Bus vergessen).

Mit 14 habe ich dann von ganz allein abgenommen, weil ich verliebt war nochmal ordentlich in die Höhe geschossen bin und Freunde in einer Theatergruppe gefunden hatte. Einer von ihnen war schon über 20 und hatte ein eigenes Haus von seinen toten Eltern geerbt. dort bin ich nach der Schule hingegangen, wir haben alle zusammen gekocht und ich hab so überhaupt erst ein normales Essverhalten lernen können. Ich ging dann auch wieder schwimmen und mein Gewicht pendelte sich von ganz allein bei 65 Kilo ein, was für meine Mutter zwar immer noch widerwärtig ist, mir aber gut steht, wie ich finde.

Es ist darum einfach nicht wahr, wenn behauptet wird, daß nur die Raucher alles abkriegen. Niemand würde Raucher dermaßen terrorisieren!

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