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Geschrieben von sasu am 12.04.2003, 19:59 Uhrzurück

"Sind wir die Seuche?" Artikel a.d. Frankfurter Rundschau (sehr lang, aber sehr informativ. auch interessanter input ueber bush's fuehrungsstab)....damit uns der diskussionsstoff nicht ausgeht.....gruss, sasu

Ein Selbstgespräch über Bushs theologisches Arsenal

Von István Eörsi

Arthur Miller machte einige Tage vor Beginn des Irak-Kriegs in New York einen Leseabend. In dessen Verlauf stellte er die einem Dramatiker geziemende Frage: "Wie konnte es geschehen, dass einer der blutigsten Diktatoren der Weltgeschichte gegen uns die moralische Überhand gewonnen hat?" Es sind die schmerzhaften Widersprüche, die uns zu großen dramatischen Fragen veranlassen. Der König von Theben, Ödipus, kam mit verblüffender Beharrlichkeit seinem eigenen Verbrechen auf die Spur. Der dänische Königssohn erlangt statt über das Verbrechen seines Onkels Gewissheit über sein eigenes intellektuelles Unvermögen. In der schlechten Welt ist die herzensgute chinesische Prostituierte - zur Verteidigung eben dieser Herzensgüte - gezwungen, manchmal auch selbst böse zu sein. Wie konnten die Dinge so weit aus den Fugen geraten, dass Miller das Gefühl hat, die stärkste Demokratie der Welt sei moralisch "unter" das Niveau des Despoten mit den blutigen Händen abgesunken? Natürlich musste uns klar sein, dass ein Mensch mit gesundem Instinkt gegenüber dem Angreifer die Partei des Angegriffenen ergreift und sich gefühlsmäßig auf die Seite des Schwächeren stellt.

Bushs wichtigste Berater sind fast ausnahmslos persönlich am großen Ölgeschäft interessiert. Damit lässt sich auch der Widerstand der stärksten Staaten des Kontinents gegen den amerikanischen Griff nach der Weltherrschaft deuten. Der Irak-Krieg brachte den unter der Oberfläche schwelenden Interessenkonflikt innerhalb des atlantischen Bündnisses zwischen Europa und Amerika ans Tageslicht, und dieser Konflikt wird Saddam überleben.

Ich habe Verteidigungsminister Rumsfeld zugesehen, wie er mit selbstgefälligem Lächeln verkündete, dass, sollte der Irak Widerstand leisten, er Ziel solcher Bombenangriffe werde, wie die Welt sie noch nicht erlebt hat. Die Amerikaner haben sich eingeredet, das irakische Volk werde sich freuen, wenn man es mit Hilfe von Bomben von dem verhassten Diktator befreit. Nur hat das irakische Volk unter Saddam nicht mehr gelitten als das russische Volk unter Stalins Diktatur, und selbst dieses Volk verteidigte sein von dem Tyrannen gequältes Vaterland, als man es im Namen des Guten mit Bomben und Panzern "befreien" wollte. Was Vizepräsident Cheney betrifft: Von ihm genügt es zu wissen, dass er gegen die Freilassung von Nelson Mandela war. Wolfowitz, der Falke im Verteidigungsministerium, befasste sich zu Nixons Zeit mit der Propagierung des Vietnam-Krieges. Die rassistische und antifeministische Haltung des frommen John Ashcroft, der die Homosexualität kriminalisieren will, ist allgemein bekannt. Ein anderes Mitglied von Bushs Mitarbeiterstab, Richard Armitage, vertrat die Vereinigten Staaten zu Zeiten des Schah in Iran. Zwei andere hohe Beamte, John Poindexter und Elliot Abrams, versorgten unter Reagan die iranischen Mullahs mit Waffen und finanzierten sie mit Geld, das die Todesschwadronen von Nicaragua und El Salvador ihnen zukommen ließen.

Spiritualität in christlicher Soße

Diese Spiritualität, getunkt in sektiererische christliche Soße, tischt man der öffentlichen Meinung der Welt auf. Bush selbst fühlt sich berufen, den Kreis der Guten und vor allem der Bösen abzustecken. Der Fundamentalist weiß jedoch nicht nur, wer die Bösen sind, er fühlt sich auch ermächtigt, sie zu vernichten. Deshalb ist dieser Krieg so fürchterlich. Wer das Böse ausmerzen will, droht mit dem Grauen. Das Gute - vor allem, wenn es eine Atomgroßmacht ist - kann sich unter den Bösen nicht einfach einen aussuchen. Seine Spiritualität erzwingt - wenn die Weltreaktion auf den Irak-Krieg seine Absicht nicht vereitelt -, auch von den anderen Verkörperungen des Bösen nacheinander diejenigen zu überfallen und zu zerbomben, die nicht über Atombomben verfügen. Obendrein hat Bush sein Unternehmen als Kreuzzug bezeichnet und so seiner antiterroristischen Propaganda eine religiöse Nuance gegeben. Jetzt sehen die Muslime außer ihrem Öl auch ihren Allah in Gefahr.

Der islamische Fundamentalismus wird beflügelt, der Zorn gegen die amerikafreundlichen arabischen Regierungen schlägt hohe Wellen, und die Glaubenskriege unter den gegenwärtigen zivilisatorischen Bedingungen können innerhalb kurzer Zeit außer Amerika auch Israel und den Weltfrieden bedrohen. Bush und die Seinen nehmen von all dem nur so viel wahr, dass die alte, auf dem atomaren Patt beruhende Weltordnung zusammengebrochen ist, und folglich können sie die Institutionen dieser Weltordnung aufs Altenteil schicken. Sie haben ausgeklügelt, dass der Sicherheitsrat nicht von demjenigen um sein Ansehen gebracht wurde, der ihn übergangen hat, sondern von demjenigen, der gegen das Ultimatum der Amerikaner sein Veto einlegen wollte.

Wenn jedoch ein Veto dem Geist des Sicherheitsrats widersprechen würde, dann hätte Amerika es nicht eingelegt, sooft es Israel vor den mit Sanktionen und Fristen verbundenen Beschlüssen des Gremiums retten musste. Das Wesen des Sicherheitsrats verleugnet, wer meint, ein Beschluss des Sicherheitsrats betreffs eines Präventivkriegs sei deshalb unnötig, weil ein solcher seit dem zweiten Golf-Krieg, d. h. seit mehr als einem Jahrzehnt, wenn auch suspendiert, so doch noch immer in Kraft sei. Abgesehen von der Fragwürdigkeit dieser Behauptung beinhaltet der Begriff Beschluss, dass er entweder gültig oder ungültig ist. Ein Beschluss kann nicht suspendiert werden. Wenn er Fristen enthält, dann werden die Bedingungen der Suspendierung durch ein Detail des geltenden Textes geregelt. Und selbst wenn das Absurdum wahr wäre, dass seit dem zweiten Golf-Krieg ein suspendierter Beschluss gegen Irak in Kraft wäre, dann könnte auch nur der Sicherheitsrat die Suspendierung des Beschlusses außer Kraft setzen.
In Berlin, wo ich diesen Artikel schreibe, sehe ich auf den Bildschirm mit den Kriegshandlungen, und wieder fällt mir Arthur Millers kummervoller Satz ein. Kürzlich zeigte das irakische Fernsehen zwei amerikanische Leichen und fünf Kriegsgefangene. Auf den Gesichtern der Kriegsgefangenen lag Todesangst. Mit Grauen denke ich an das, was sie durchgemacht haben und was ihnen noch bevorsteht. Und dann muss ich die amerikanische Entrüstung sehen. Amerika beruft sich auf die Genfer Konvention.

Europa muss mutig sein

Es droht mit dem internationalen Gerichtshof für den Fall, dass Irak die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen nicht einhält. Mir fällt ein, dass die amerikanische Seite kürzlich, im Afghanistan-Krieg, nicht anerkannte, dass sie gegen Soldaten kämpfte. Sie bezeichnete die Leute von Al Qaeda und die Soldaten der afghanischen Armee gleichermaßen als Terroristen, um erklären zu können: Für sie gilt die Genfer Konvention nicht. Obwohl selbst der Paragraf 4 der Genfer Konvention besagt, dass als Kriegsgefangener jeder gefangene Soldat (d. h. auch die Taliban) und jedes gefangene Mitglied von Freiwilligenverbänden (d. h. auch die Kämpfer der Al Qaeda) zu gelten hat. In Bagram, der amerikanischen Verhörzentrale in Afghanistan, wurden nach Angaben des Korrespondenten der Washington Post die Verhafteten bei der großen Hitze in Stahlcontainer gesperrt, wo sie in "schmerzhafte Körperhaltungen" gezwungen waren. "Wir üben jeden nur möglichen Druck aus", erklärte ein amerikanischer Verhöroffizier. Die New York Times verbreitete eine Meldung über psychologische Manipulationen und "Schlafentzug". Da Verhöre unter Folter in Amerika durch Gesetz verboten sind, wurden die für die Folter Bestimmten in solche Länder - zum Beispiel Saudi-Arabien, Ägypten oder Marokko - verbracht, wo Verhör unter Folter legal ist. Ägyptische, marokkanische und sonstige Henker quälen die Gefangenen, und amerikanische Fachleute halten sich im Nebenraum auf oder sind sogar anwesend wie in Saudi-Arabien.

Ich habe ein Interview gelesen, in dem ein marokkanischer Verhöroffizier dem Reporter versichert, dass sie ihre Gefangenen "ausputzen", dass sie in ihnen unter anderem den Glauben abtöten, dass Gott irgendetwas mit dem zu tun habe, was sie machen. "Wir putzen sie völlig leer", sagte er. Der International Herold Tribune berichtet am 13. März, dass laut Beschluss eines amerikanischen Gerichts in Guantanamo die amerikanischen Gesetze über Haft und Prozessordnung nicht befolgt zu werden brauchen, weil dieses Fort nicht auf amerikanischem, sondern auf kubanischem Hoheitsgebiet liegt.

Dort können Amerikaner die Verhöre führen, den Gerichtsprozess vorbereiten und den Verdächtigen über sämtliche Stufen des amerikanischen Rechts jagen, nur eben so, dass dabei er und nur er nicht von den Gesetzen der amerikanischen Demokratie geschützt ist. Er kann nicht einmal Kontakt zu einem Anwalt aufnehmen. Und obzwar jedermann dies alles weiß, fällt Rumsfeld beim Anblick der ersten amerikanischen Kriegsgefangenen die Genfer Konvention ein. Bush und Rumsfeld drohen beim Anblick der fünf amerikanischen Kriegsgefangenen mit dem internationalen Gerichtshof, also mit einer Instanz, die gemäß einem frisch erlassenen Gesetz kein Verfahren gegen einen amerikanischen Staatsbürger einleiten kann. Diejenigen, die das Kriegsrecht verletzt haben, sollen vor ein internationales Gericht gestellt werden, besonders Iraker und Afghanen, auch Serben und Kroaten, und ihre Länder sollen so lange keine Unterstützung bekommen, wie sie die Verbrecher nicht ausliefern; gegen ein Land jedoch, das einen amerikanischen Verbrecher ausliefert, kann Amerika sogar in den Krieg ziehen. Diese in eine patriotische Lüge verpackte Heuchelei kann man nur deuten, wenn man Bushs theologisches Arsenal kennt.

Ich habe mit der Diagnose von Arthur Miller begonnen, und ich will mit den Worten eines anderen Dramatikers abschließen. Als Harold Pinter in diesem Jahr in der ersten Februarhälfte zum Ehrendoktor der Universität Torino promoviert wurde, beendete er seine Dankrede folgendermaßen: "Die Vereinigten Staaten bersten offenbar vor Verlangen, den Irak anzugreifen. Ich glaube, sie werden es auch tun - nicht nur, um das irakische Öl zu kontrollieren, sondern weil die US-Regierung jetzt ein blutdürstiges wildes Tier ist. Bomben sind ihr einziges Vokabular. Wir wissen, dass die Haltung ihrer Regierung viele Amerikaner mit Entsetzen erfüllt, aber es scheint, sie sind hilflos. Wenn Europa sich nicht solidarisch, intelligent und mutig zeigt und die Macht der Vereinigten Staaten nicht in Frage stellt und sich ihr widersetzt, dann verdient Europa selbst die Definition von Alexander Herzen: ,Wir sind nicht die Ärzte. Wir sind die Seuche'."

So antwortete auf Arthur Millers noch gar nicht gestellte Frage sein Kollege Harold Pinter. Diese beiden Namen erinnern mich daran, dass de Gaulle sich während des Algerienkriegs angeblich beklagte: "Die Sartres sind immer gegen uns." Ihn bekümmerte das noch. Bush wird von solchem Kummer nicht berührt, denn aller Wahrscheinlichkeit nach bedeuten solche Namen ihm nichts.

quelle:http://www.frankfurter-rundschau.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=192164&page=1

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