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Geschrieben von marit am 23.08.2004, 8:45 Uhrzurück

Re: Refrendariatsgehalt ist aber weit mehr als Friseurlehrlingsgehalt...

Ich bin ja nicht gegen Hartz IV, was die Zahlungen angeht, sondern argumentiere hier bloß gegen die Zwangsarbeitsvertreter (was ja in der Härte von Harz 4 nicht gefordert wird). Außerdem ist es ein Unterschied, ob jemand 700 Euro im Referendariat bekommt und davon Miete und alles andere zahlen muß etc. oder ob ein 16jähriger Lehrling, der noch zu Hause lebt dieses Geld praktisch als Taschengeld hat. Die 12 Semester entsprechen nicht der Regelstudienzeit, das ist richtig. Abe einfach der Realität, selbst wenn man zügig studiert. Ich habe es in 11 Semestern geschafft, aber auch nur deshalb, weil ich schon im 5 Semester zufällig erfahren habe, daß man sich für eine Staatsexamensprüfung schon 2 Jahre im Voraus bei dem Prof anmelden muß, weil die nur verpflichtet sind, 40 Studierende pro Semester zu prüfen und es deshalb ewig lange Wartelisten gibt. DAS ist doch die Realität an deutschen Unis. Übrigens ist das Studieren in Deutschland trotz Gebührenfreiheit recht teuer. An amerikanischen Unis sind zwar die Gebühren immens, dafür wohnt man aber zu quasi symbolischen Preisen auf dem Campus, bekommt sehr leicht gutbezahlte Studentenjobs, meist auch auf dem Campus, die die Uni vermittelt, zahlt praktisch nichts für Benzin (derzeit 32 cent pro Liter), Telefon, Internet und Kino (gibts ebenfalls auf dem Campus). Wenn man das alles mal abzieht, muß man schauen, was von den Studiengebühren dann noch übrig bleibt (außerdem gibt es ja auch noch ein wirklich großzügiges Stipendiensystem).

Übrigens habe ich nicht von minderwertigen Jobs gesprochen, sondern von Jobs, die einem den Lebenslauf versauen. Das meine ich nicht in bezug auf die Qualität des Jobs, sondern dahingehend, daß die Zeit für mich verloren ist. Ich habe einen Job, bei dem ich immer mal Arbeitslosigkeit von ein paar Monaten zwischendurch einkalkulieren muß. Da ich Beamte auf Zeit bin, würde ich gleich in Hartz IV fallen, ohne vorher Arbeitslosengeld zu bekommen. Diese Zeit muß ich aber dringend für Bewerbungsarbeit und Weiterqualifizierung nutzen, da hab ich einfach keine Zeit zu verplempern. Wenn eine Projektstelle als Wissenschaftlerin ausgeschrieben ist, dann brauche ich mindestens 1-2 Monate um meine Bewerbung genau auf die Stelle anzupassen. Die suchen jemand für ein Alteritätsforschungsprojekt, ich habe da aber nur marginale Kenntnisse? D.H. ich muß sie mich binnen eines Monats da auf den Forschungsstand bringen, dann in 2 Wochen einen Aufsatz darüber schreiben (um mich als Expertin auf dem Gebiet auszuweisen) und fit sein, mit der Bewerbungskommission über dieses Thema auf höchstem Niveau zu sprechen.

Wenn ein Musiker eine Anstellung in einem Orchester sucht, wird er eine ähnlich lange Zeit benötigen, um für das Vorspielen dort zu üben (einmal ganz abgesehen davon, daß er naürlich nichts tun darf, wodurch er sich die Hände verletzen könnte).

Natürlich würde ich auf die Frage, was haben Sie die letzten 4 Monate getan im Zweifel etwas erfinden, das ist nicht das Problem. Das Problem ist aber, daß ich in diesen 4 Monaten eben nicht, wie der Bewerber, der nach mir kommt, 3 Aufsätze publiziert und 2 Vorträge gehalten habe. Dazu kommt, daß ich auch bei Arbeitslosigkeit nach der Habilitation weiter Seminare an der Uni geben müßte, um meine Venia legendi nicht zu verlieren. Allein dadurch ist man schon relativ ausgelastet.

Was ist so schlimm daran, ein Leben zu führen, in dem man 6 Jahre lang jede Menge Steuern zahlt, um dann ein halbes Jahr lang das Existenzminimum von der Gesellschaft zu erhalten um dann wieder 6 Jahre lang hohe Steuern zu zahlen?? Im Gegenzug hat jemand mit Mitte 50 wohl zumindest so lange in seinem Leben schon gearbeitet, daß auch er/sie zumindest das Mindeste zum Leben von seinen Mitmenschen erhalten darf, ohne mit der Mülltüte hinter ihnen herlaufen zu müssen.

Noch einmal: ich finde Jobs wie Aufräumen, putzen, Müll einsammeln etc. überhaupt nicht ehrenrührig und habe das auch selbst schon gemacht. Ich finde es nur unzumutbar, das unter Zwang und für fast kein Geld tun zu müssen.

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