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Geschrieben von asya am 19.02.2006, 0:09 Uhrzurück

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Maleja falls du noch nicht müde bist, hier ist ein Bericht über die Forensik-Klinik Eickelborn.
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Weil man den Trieb nicht wie einen Blinddarm entfernen kann

Die Forensische Psychiatrie kann die Straftäter in ihrer Obhut nicht heilen, nur bessern: Jede Freilassung birgt das Risiko der falschen Prognose

Von HANS-WERNER LOOSE
4000 Menschen werden in Kliniken für Forensische Psychiatrie behandelt und verwahrt - Mörder und Kinderschänder. Wenn einer dieser Kranken ausbricht und rückfällig wird, schlägt die Empörung hohe Wellen. Die größte deutsche Klinik steht im westfälischen Eickelborn. Dort soll auf Anordnung eines Richters in drei Tagen ein gefährlicher Totschläger entlassen werden - gegen die Warnung der Ärzte.
Eickelborn - Der gepflegte Park ist 274 000 Quadratmeter groß. Alte Eichen und Buchen spenden Schatten. An den Wegen blühen Rhododendren und Rosen. Schmucke Häuser, um die Jahrhundertwende gebaut, fügen sich in die Idylle. Ein Stück Rasen ist gerodet. Auf einer Kiesfläche, so groß wie ein Kinderspielplatz, stehen Skulpturen aus Stein und rostigem Eisen: Eine Figur steht auf dem Kopf und reckt die schön ausgeformten Hände in den Himmel; eine andere kauert zusammengekrümmt hinter Stacheldraht; die dritte hat drei Köpfe. Männer aus Haus 16 haben ihre Gefühle umgesetzt. Die Künstler sind Mörder und Totschläger mit doppeltem Stigma - krank und gefährlich.

Die hellen Häuser sind nur von Ferne schön. Sie sind so abnorm wie die 357 Bewohner. Gitterstäbe vor den Fenstern, dick wie Wasserschläuche, malen lange Schatten an die Wände der Zimmer, die Zellen sind. Pförtner hinter Panzerglas öffnen die Durchlässe in den 4,50 Meter hohen Zäunen mit doppeltem Stacheldraht und Kameras elektronisch erst nach Mikrofonkontakt und Blick auf die Monitore. Schlüssel gibt es hier nicht. Sicherheitsschleusen geben den Weg zu den beiden Etagen nur frei, wenn die stählernen Eingangstüren wieder fest verriegelt sind.

Dennoch werden die Hürden noch höher. Bagger wühlen im Erdreich, um Platz für Fundamente eines zweiten Zauns zu schaffen, der fünf der neun Häuser des Westfälischen Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn umschließen soll: 5,40 Meter hohe Gitter auf Stahlprofilen, mit durchsichtigen Acrylglasplatten selbst gegen Wurfanker gesichert, an der Spitze 2,10 Meter nach innen gebogen, 950 Meter lang, pro Meter 2800 Mark teuer. Das Werk ist der letzte Verbesserungsvorschlag des technischen Leiters Arno Raschert, der sich nach 18 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet hat.

Der neue Zaun vor den alten Häusern der kranken Seelen, den Experten für unüberwindlich halten, soll den 2250 Einwohnern des Dorfes Eickelborn in der Soester Börde jene absolute Sicherheit suggerieren, die es nirgendwo gibt. 1990 hatte ein Patient beim Freigang ein 13jähriges Mädchen getötet, vier Jahre später ein ausgebrochener Sexualtäter eine Siebenjährige. Der jüngste Ausbruch hätte durch keine Mauer vereitelt werden können, vielleicht aber durch verschärfte Kontrollen der Besucher: Vor zwei Wochen setzte ein 44jähriger einem Pfleger einen Schreckschußrevolver an den Kopf, nahm auf dem nahen Friedhof eine alte Frau als Geisel und wurde drei Stunden später von einem Sondereinsatzkommando nach einem Beinschuß gefaßt.

Der Mann gilt als harmloser Kleinkrimineller: Er hatte nicht aufgehört, ohne Führerschein Lastwagen zu lenken, und war vom Gericht wegen einer Persönlichkeitsstörung nach Eickelborn geschickt worden. Seine Nachbarn sind von anderem Kaliber: psychisch gestörte Mörder und Totschläger, Räuber und Diebe, Brandstifter und Erpresser. Jeder vierte ist ein Sexualstraftäter mit erwachsenen Opfern, zwölf Prozent sind Kinderschänder, je ein Prozent haben Erwachsene oder Kinder mißbraucht und umgebracht.

In Deutschland werden mehr als 4000 Menschen in 63 Kliniken für Forensische Psychiatrie behandelt und gesichert, 1400 in den acht Anstalten in Nordrhein-Westfalen, im chronisch überbelegten Eickelborn sogar in Fünf-Bett-Zimmern. Und die Enge nimmt zu: Jährlich verurteilen die Gerichte etwa 1500 Sexualtäter zu Haft ohne Bewährung; 100 von ihnen müssen in den unbefristeten Maßregelvollzug. Dort kostet jeder Platz den Steuerzahler jeden Tag 450 Mark, dreimal soviel wie in einem Gefängnis.

Das Land Nordrhein-Westfalen alimentiert die Klinik Eickelborn mit jährlich 95 Millionen Mark. Träger ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster, dem 18 Kreise und neun kreisfreie Städte angehören. 19 der 519 Planstellen sind mit Ärzten besetzt, 34 mit Psychologen, 15 mit Sozialarbeitern und fünf mit Pädagogen. Zwei Drittel der Angestellten sind Pflegerinnen und Pfleger. Michael Osterheider (42), Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut, ist seit Anfang des Jahres der Leitende Arzt. Er habilitiert mit einer Forschungsarbeit über "Differenzierte Behandlungsstrategien bei Angststörungen unter Routineanwendungsbedingungen" und hat eine große Herausforderung ausgemacht: "Ich will diese Klinik und ihre Patienten entstigmatisieren."

Um etwas für das lädierte Image der größten deutschen Klinik für Forensische Psychiatrie zu tun, möchte Osterheider 80 bis 100 Betten auslagern und "Menschen endlich menschenwürdig unterbringen". Doch keine Kommune in Westfalen will einen Neubau für Kranke, die als Monster und Bestien verteufelt sind, die das Grauen in sich tragen. Als der Landschaftsverband laut über eine moderne Entlastungsklinik im 70 000 Einwohner großen Herten nachdachte, gingen die Bürger auf die Barrikaden. Sie entwarfen Szenarien wie aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer", wo der geniale Irre Hannibal Lecter einer jungen Psychologin noch durch die Gitterstäbe Angst macht. Die Düsseldorfer Landesregierung beugte vor dem Volkszorn das Knie, Gesundheitsminister Axel Horstmann (SPD) klebte ein Trostpflaster: Er schnürte ein Paket mit einem Volumen von 30 Millionen Mark für die forensischen Kliniken. Eickelborn erhält neben dem neuen Zaun ein Gutachterinstitut für Forensik, das Stiefkind der Psychiatrie. Das Modellprojekt, das der Landschaftsverband seit 1993 angemahnt hat, kostet pro Jahr 450 000 Mark und soll vier Jahre laufen.

Denn Fachärzte für Psychiatrie müssen sich ganze 15 Stunden mit Forensik beschäftigen, um bei Gerichten als Gutachter anerkannt zu werden. Professor Norbert Leygraf (47) aus Essen, einer der drei Lehrstuhlinhaber für Forensische Psychiatrie in Deutschland, fordert, "daß nicht länger jeder pensionierte Landesmedizinaldirektor, der viel Zeit hat, zum Gutachter berufen wird". Die Mehrheit dieser Richter in Weiß bestehe "bestenfalls aus Autodidakten". Und: "Ein Drittel aller Gutachten in NRW, die zu Einweisungen in geschlossene Anstalten geführt haben, stammen von Pensionären."

Michael Osterheider hat für seine Patienten in Eickelborn - zu 95 Prozent Männer - eine durchschnittliche Verweildauer von 4,91 Jahren mit Tendenz nach oben ausgerechnet, "aber es gibt auch Einzelfälle von 20 Jahren und mehr, und es kann vorkommen, daß sie die Klinik erst verlassen, wenn sie tot sind". Die meisten sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die Fluktuation nimmt ab. 1997 gab es 45 Abgänge und 56 Aufnahmen. 20 stehen auf der Warteliste. Bei den meisten Frauen und Männern ist nach erfolgreicher Therapie Ausgang 1:1 möglich - begleitet von einem Pfleger. Ausgang in begleiteten Gruppen gibt es für Sexual- und Gewalttäter grundsätzlich nicht mehr, nicht mal zum Einwohnermeldeamt. 158 Männer sind ohne jede Chance auf Lockerung der Verwahrbedingungen.

Osterheider hält grundsätzlich auch Sexualtäter und Kindermörder für therapierbar, trotz der Rückfallquote von 28 Prozent - sie sind nicht geheilt, sondern nur gebessert, weil man den Trieb nicht wie den Blinddarm aus dem Körper schneiden kann. Zehn bis 15 Prozent der Straftäter, denen Gerichte nach Paragraph 20 jede Schuldfähigkeit abgesprochen oder nach Paragraph 21 heruntergestuft haben, seien weder behandelbar noch therapiefähig. "Glücklicherweise", sagt er, "ist die Psychiatriegläubigkeit der siebziger Jahre von ideologischen Verkrustungen befreit worden."

Haus 15 liegt neben einem Teich mit Seerosen und Enten. Bis zur gotischen Kirche von Eickelborn sind es drei Fußminuten - wenn nicht die sechs Meter hohe, braun geflieste Mauer wäre. Jeder Neuzugang wird in diesem Haus mit der Sicherheitsstufe eins untergebracht, auch Untersuchungshäftlinge zur psychiatrischen Begutachtung. 66 Männer, sechs mehr als geplant, teilen sich derzeit die Betten in zwei Etagen. 20 schlafen in vergitterten Einzelzimmern. Ärzte und Pfleger tragen Infrarotmelder, die auf Knopfdruck oder wenn sie vom Hosenbund gerissen werden, Alarm auslösen.

Am Fenster eines Dreierzimmers hängt ein schwarzgelber Schal. Sein Besitzer, ein 22jähriger pummeliger Fan von Borussia Dortmund, tippt auf Jupp Heynckes als Nachfolger von Nevio Scala. Auf dem Flur sprechen er und seine Nachbarn, ein 19jähriger mit Bartflaum und ein dünner, kindlicher 30jähriger, über den Grund für ihren Aufenthalt so freundlich und unbefangen wie über das Wetter: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Kindesmißbrauch. Ein 52jähriger Lehrer mit schwarzem Zopf mischt sich ein: "Ich auch."

Wann das ungleiche Quartett in ein anderes Gebäude verlegt wird, ob und wann sich einmal die Schleusen öffnen, entscheiden die Richter - im günstigsten Fall nach fünf bis sechs Jahren. Jahr für Jahr überprüfen sie die Dauer des Maßregelvollzugs in jedem Einzelfall nach der Begutachtung durch das geschulte Klinikpersonal. Wohlverhalten ist kein Kriterium, kriminelles Verhalten nur bedingt vorhersehbar. Alle drei Jahre werden zudem Expertisen von externen Psychiatern eingeholt, weil falsche Prognosen sich als tödliche Irrtümer erweisen können.

Indes: Nicht immer hören Laien auf Fachleute. Ein junger Richter vom Amtsgericht Lippstadt hat angeordnet, daß Holger G. am Montag entlassen werden muß - obwohl die Ärzte dem 26jährigen, der ihnen 1992 mit einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren wegen gemeinschaftlichen Totschlags anvertraut worden war, "eine schwere Persönlichkeitsstörung" attestieren, "eine negative Behandlungsprognose" stellen und ihm "keinerlei Lockerungen" zugestehen können. Der Leitende Arzt hat vergeblich versucht, den Totschläger zu behalten, denn er befürchtet einen Rückfall. "Ich soll dafür die Beweisführung antreten", beschreibt Michael Osterheider sein Dilemma und kommentiert zornig: "Und wenn es dann passiert, stehen wir wieder als die Idioten da."

Irgendwann hat jemand im Pflegerzimmer in Eickelborn einen alten Kaffeebecher zurückgelassen. "Die Welt ist ein Irrenhaus", lautet der Spruch darauf. Wirklich komisch klingt das in dieser Umgebung nicht.


Quelle http://www.welt.de/daten/1998/05/22/0522s373245.htx?search=Forensik+Dortmund&searchHILI=1

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