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Geschrieben von marit am 01.10.2003, 16:08 Uhrzurück

Re: @Ralph

*zustimmend nick*

aber ich hab auch ein paarmal mitbekommen, wie diese Rankings gemacht werden. Die Leute vom Spiegel kamen einen (!) Tag lang vor die Seminarbibliothek, und zwar in den Semesterferien. Dort fand gerade ein nachgeholtes Blockseminar bei nem supertraditionalistischen Prof (einer, der keine andere Meinung in seinen Seminaren duldet) statt. Es kamen also 40 Leute raus, die alle nacheinander befragt wurden. Sie gehörten alle derselben Forschungsrichtung an. Du kannst dir sicher vorstellen, wie repräsentativ dann die Frage war, wo man die eigene Universität forschungsmäßig einordnen würde.

Daß wir Unidozenten noch mehr als die Lehrer um unsere viele Freizeit beneidet werden (4 Monate Semester"ferien" und nur 8 Stunden die Woche unterrichten)ist ja auch ein alter Hut. Nur: allein für eine einzige Vorlesung a 2 Stunden muß ich ca. 20 Seiten Text produzieren; und das jede Woche. Das schreibt sich ja nicht schnell mal in den 2 Stunden vorher. Proseminare benötigen zwar nicht so strikte Vorarbeit, dafür muß ich mir aber in den Semester"ferien" erstmal das ganze Thema erschließen (ich bin ja noch jung und hab praktisch nichts in der Schublade, was ich nur noch hervorziehen muß). Außerdem ist es nicht immer kalkulierbar, wie sich die Sitzungen entwickeln, es gibt ja keinen Lehrplan. Dann bekommt man die ganzen Gutachten und diverse andere Arbeiten noch von den Profs aufs Auge gedrückt...

naja und die sogenannten Semesterferien sehen dann so aus:

1. Woche: Prüfungszeit (jeden Tag mindestens 4 mündliche Prüfungen, dazwischen Korrektur der Klausuren.

2. Woche: Seminarapparate fürs nächste Semester zusammenstellen, Reader in Druck geben, den Text für den nächsten Sammelband (des Profs) einrichten.

3. Woche: endlich Urlaub, da kann ich dann endlich die Texte für mein eigenes Seminar lesen.

4. und 5. Woche: 2 Wochen eigene Forschung. Herrlich! so hab ich mir eigentlich den ganzen Beruf vorgestellt...

6. Woche: Die Hausarbeiten trudeln ein, der Finanzantrag für die nächste Tagung muß vorbereitet werden und die Druckfahnen des Sammelbandes liegen zur Korrektur bereit

7. Woche: es wird allmählich Zeit, die ersten Unterrichtswochen vorzubereiten und ich stelle fest, daß ich dieses Semester mit der Organisation des Uni-Austauschs mit St.Louis dran bin. Hilfe, mein Englisch muß schnell noch aufpoliert werden.

8. Woche: Für uns sind die "Ferien" vorbei. Die Erstsemester sind da und wollen durch die Bibliothek geführt werden, allgemein beraten werden und überhaupt suchen jeden Tag Studenten Rücksprache mit mir, weil sie keinen seminarplatz mehr ergattert haben. Die Information, daß sich schon 53 angemeldet haben, obwohl der Raum nur 30 Sitzplätze hat, schreckt sie leider nicht ab...

Naja,
wenn ich mit Freunden rede, stelle ich immer wieder fest, daß man andere gerade um das beneidet, was man nicht hat. Die Lehrer regen sich auf, daß sie immer in Hochsaison, wo es am teuersten ist, in Urlaub fahren müssen, die Nichtlehrer regen sich darüber auf, daß sie gerade dann nciht freibekommen. Die 8-Stunden-Bürojobber nervt, daß sie nicht mal nen Tag frei haben um anderen Kram zu erledigen, wenn man sich aber die Zeit einteilen kann, beneidet man die anderne um die klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit.

Als Studentin hab ich mich immer aufgeregt, daß viele Profs montags gar nicht zur Uni kommen und sie für total faul gehalten. Ich biete nun immer 2 Seminare montags an und stelle fest, daß ich mich damit um mein Wochenende bringe; denn das muß dann ja logischerweise immer sonntags aufbereitet werden.

Fazit: ich glaube kaum, daß man irgendeinen Beruf richtig ernsthaft kritisieren kann, wenn man ihn nicht selbst mal erledigt hat. Viele Nachteile erkennt man so von außen gar nicht.
Auch die ewige Politikerschelte geht mir etwas auf die Nerven. Ich hab kürzlich mal ein Interview mit Andrea Fischer gehört. Da hat sie sehr eindringlich beschrieben, warum in der Politik alle so schnell altern. Sie sagte, es gebe praktisch keinen anderen Job, wo man so sehr unter Beobachtung stünde, und wo man, so sehr man auch arbeitet und sich ins Zeug legt, immer nur negative Rückmeldungen bekommt. Das leuchtete mir unmittelbar ein; denn in der Öffentlichkeit machen sich ja immer nur die bemerkbar, die die neuen Reformvorschläge scheiße finden; wenn man sie dann modifiziert, fängt sofort die nächste Gruppe an zu höhnen, daß man den Schwanz einzieht etc.

Mich entschädigt es sehr, wenn ich bemerke, daß meine Arbeit jemanden anregt oder sogar begeistert. Ich kann mir auch vorstellen, daß man als Sozialarbeiter ein gutes Gefühl hat, wenn man jemandem wirklich helfen konnte. Im ganz normalen büroalltag ist es denke ich eh normal, daß man sowohl Lob als auch Kritik einstecken muß.

Darum leuchtet es mir unmittelbar ein, daß Menschen, die ausnahmslos öffentlich ausgebuht werden, das Gefühl haben, sie müssen dafür wenigstens monetär entschädigt werden.

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