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Geschrieben von marit am 06.08.2004, 12:01 Uhrzurück

mein Hintergrund

Hallo Käferchen,

worauf beziehst du denn dein posting? Wieso bin ich "immer" dafür, daß die Armen noch ärmer werden? Nur weil ich diese Harz IV-Regelung im Grunde für vernünftig halte??? In vielen anderen Diskussionen habe ich ganz anders Position bezogen - zum Beispiel was den Ausbau von Kindertagesstätten oder Ganztagsschulen angeht. Klar, ich hab auch mal gegen Pendlerpauschalen und Eigenheimzulagen votiert, aber gerade nicht um die "Armen ärmer zu machen" sondern im Gegenteil, weil ich finde, daß dieses Geld wirklich Bildungseinrichtungen oder z.B.der Obdachlosenhilfe zunutze kommen sollte. Ich finde man muß alles tun, um Menschen zu motivieren, so gut wie möglich für sich selbst zu sorgen, Talente nicht verkümmern zu lassen, Eigeninitiative zu unterstützen. Und das alles auf der Basis, daß Grundbedürfnisse wie Wohnung, Essen und Kleidung sichergestellt sind. Letzteres ist in unserem Staat zum Glück der Fall, an ersterem hapert es noch - und dafür trete ich auch persönlich ein. Nachrangig finde ich aber eben die Sicherung eines bestimmten Lebensstandards (und das ist ja die Kritik an Harz iV) - vielleicht hat DAS wiederum mit meiner Biographie zu tun. Ich habe schon viele verschiedene Lebensstandards erlebt (anfangs war mein Vater Student, wir lebten zu viert 5 Jahre in einem Zimmer, dann bekam er einen prima Job, es folgten 8 Jahre gesellschaftlicher Aufstieg, Haus, 2 Autos etc., dann wurde er spielsüchtig, es war nie Bargeld im Haus, wir konnten uns gar nix mehr leisten, alle Sommerferien hindurch habe ich gejobbt (im supermarkt, in einer Buchhandlung, als Briefträgerin, NIE hatte ich wirklich Ferien) dann starb er als ich im 2. Semester war - Bafög bekam ich keins, weil ich, als er noch lebte das Studienfach gewechselt hatte, die Halbwaisenrente reichte gerade für die Miete, für alles andere mußte ich selbst aufkommen, dann bekam ich für ein Jahr ein richtig lukratives Auslandsstipendium, doch gegen Ende erkrankte meine Mutter schwer, ich mußte mehrmals hin und herreisen und dadurch ging das davon Ersparte drauf etc). Mein Examen machte ich während ich 2 Nebenjobs hatte, die mich gerade so über Wasser hielten. Ich habe also wirklich gelernt, daß man als Mensch auf jedem finanziellen Niveau glücklich oder unglücklich sein kann, ich habe selbst die Erfahrung gemacht, daß auch ein finanzieller Abstieg nicht das Ende der Welt ist. Inzwischen verdiene ich ganz gut, aber auf einer befristeten Stelle als Beamte auf Zeit. Zuvor war ich 6 Jahre angestellt und habe Beiträge zur Arbeitslosenversicherung bezahlt, diese werden verfallen, weil das, wenn die Beamtenstelle ausläuft 3 Jahre lang her sein wird. Die Druckkosten meiner Dissertation von 4200 Euro mußte ich selbst tragen, mein Mann ist mit seiner Ich-AG pleite gegangen (bei 3500 Euro Schulden), Arbeitslosenhilfe bekam er keine, weil ich zuviel verdiene (Schulden zählen bei diesen Berechnungen nicht). Monatlich tragen wir, bzw. ich 900 Euro an Schulden ab. Was danach übrig bleibt, reicht wieder einmal nur zum Leben auf studentischem Niveau. Erst vor ein paar Tagen hat mein Mann nun endlich einen regelmäßigen Kunden an Land gezogen, wie dessen Zahlungsmoral ist, wird sich dann zeigen. Nebenher sorgen wir für meine Nichte die bei uns lebt (übrigens auch finanziell) und schießen der Mutter meines Mannes, die knapp überm Sozialhilfesatz verdient, immer mal wieder etwas zu, wann immer wir können.
Übrigens wurden die Kitagebühren meiner Nichte an MEINEM Einkommen bemessen, weil sie ja bei uns gemeldet ist; nicht etwas am (nicht vorhandenen) Einkommen meiner Schwester.
Vielleicht hast du recht darin, daß ich manchmal ganz schön hart argumentiere (was das Thema Selbstverantwortung angeht), aber ich habe eben selbst erfahren, daß man über sich hinauswachsen kann, wenn man im Leben auch mal hart angepackt wird (wenn es natürlich in bestimmtem Rahmen bleibt). Ich bin ehrlich schockiert, wenn ich sehe (siehe einse meiner Postings unten), daß eine 5 köpfige Familie in einem einzigen Raum zusammengepfercht leben muß (und zwar total davon unabhängig davon, ob das eine deutsche oder eine Flüchtlingsfamilie ist), ich könnte vor Wut und Trauer losheulen, wenn ich höre, daß eine Frau ein verkrüppeltes Kind nach dem anderen gebährt, weil ihr Mann in einer Bananenplantage zwischen Pestiziden herumlaufen muß. Aber, sorry, ich gehe nicht zu einer "Montagsdemonstration", weil eine Familie der Tochter später nun nicht mehr den Führerschein bezahlen kann. Das vom Staat zu forden finde ich anmaßend und unverschämt.

Übrigens habe ich noch nie etwas anderes als die Grünen gewählt, falls du mich auch politisch einsortieren magst.

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