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Geschrieben von sasu am 30.06.2003, 21:55 Uhrzurück

kongo Teil 1.....achtung sehr lang, da mehrere artikel...mt

Täglich 2.500 Tote im Kongo
26.05.2003
Finbarr O'Reilly
http://www.thestar.ca

Als ein großer mit Hilfsgütern beladener Lastkahn hier letztes Jahr in einem kurzen Moment des Optimismus ablegte wurden zwei Tauben in die Luft geworfen, um den lange herbeigesehnten Frieden im Herzen Afrikas zu symbolisieren. Eine Taube weigerte sich, zu fliegen. Die andere fiel in das schmutzige Wasser des Kongos, wo sie, ihre Federn ölverschmiert, ertrank.

Dies war nur ein weiteres böses Omen für die Demokratische Republik Kongo, die schon unzählige Versuche erlebt hat, Afrikas größten Konflikt zu beenden.

Seit fast fünf Jahren taucht der Krieg im früheren Zaire immer mal wieder kurz in den Medien auf, aber nur, wenn es wieder zu einem Ausbruch schwerer Kämpfe, einem Massaker, der Ermordung eines Präsidenten oder einem Vulkanausbruch gekommen ist.

Die meisten Kämpfe finden in entlegenen Regionen statt und ihre Opfer bleiben ungenannt, während alle Seiten versuchen, möglichst viel Mineralien zu exportieren, aus denen Juwelen oder das neuste technische Spielzeug für reiche Nationen hergestellt werden, um damit den Krieg zu finanzieren.

Aber Gewalt, Hunger und Krankheiten haben zu 3,3 bis 4,7 Millionen Toten geführt, was dies einem Bericht des New Yorker International Rescue Committee zufolge zu dem tödlichsten Konflikt seit dem 2. Weltkrieg macht. "Wir werden niemals erfahren, wieviele gestorben sind, denn ihre Leichen sind verschwunden - ganze Dörfer und Stämme sind verschwunden" sagte ein hoher Diplomat hier in Kinshasa. "Hier passiert ein Völkermord und die internationale Gemeinschaft ist immer noch ruhig. Es ist so eine komplexe, vielschichtige Sache, daß es schwierig für westliche Köpfe ist, die Kompliziertheit der damit verwickelten afrikanischen Fakten zu erfassen."
Kannibalismus, Zusammenstöße unterschiedlicher Stämme und das Vorhandensein traditioneller Krieger, die glauben, verzaubertes Wasser könnte Kugeln aufhalten, verstärken nur das unheimliche Bild des Kongo, wie es vor 100 Jahren in Joseph Conrads klassischer Novelle Herz der Finsternis beschrieben wurde.

Das riesige Land konnte selten Frieden oder Stabilität genießen seit der belgische König Leopold II ein privates zentralafrikanisches Weltreich geschaffen hatte, das ein Inbegriff für Gier und Brutalität wurde.

Mobutu Sese Seko riss die Macht 1960 nach einer hastigen Unabhängigkeitserklärung an sich und seine kleptokratische Herrschaft dauerte fast vier Jahrzehnte an.

Ein chaotisches Land von der Größe Westeuropas, ist der Kongo jetzt in persönliche Lehen unterteilt, die von diversen Rebellgruppen, unzähligen Gruppen umherziehender Banditen und einer Regierung, die nicht in der Lage ist, die Herrschaft über die Nation zurückzuerlangen, kontrolliert.

Die Hauptkriegsführer behaupten, sie würden für die "Wiedervereinigung" ihres Landes kämpfen, aber nationale und Stammesinteressen haben Vorrang und das Endergebnis für die Mehrheit der 60 Millionen Menschen im Kongo ist noch mehr Armut und noch mehr Leid.

Für Agnes, eine 20 Jahre alte Frau in dem östlichen Ort Bukavu, ist jeder Tritt ihres Kindes in ihrem Körper eine Erinnerung an die Nacht, als bewaffnete Männer ihr Dorf im Wald stürmten und sie vergewaltigten, bis sie ohnmächtig wurde. "Es ist ein Kind des Bösen, aber es hat zum Teil auch mein Blut, uns so weiß ich nicht, was ich tun soll", flüstert sie, und sagt, daß sie vor dem Angriff noch eine Jungfrau war. "Es quält mich."

15 andere Frauen, zusammengekauert unter einem Baum nahe einem Hilfszentrum, sind so verstört, daß sie sich manchmal angesichts ihrer Erinnerungen übergeben müssen - Erinnerungen, die ein erschreckendes Muster von als Kriegswaffe eingesetzten Massenvergewaltigungen zeichnen.

"Ich kenne keinen Ort, wo die Situation so schlimm ist wie hier" sagt ein Mitarbeiter einer westlichen Hilfsorganisation in Bukavu. "Vergessen Sie Afghanistan unter den Taliban. Ostkongo ist vermutlich der schlimmste Ort auf der Welt für eine Frau. Und die Sache ist die, daß kaum etwas getan wird, das zu ändern."

Die Region wurde in die Anarchie gestürtzt als tausende von Hutu-Extremisten, bekannt als Interahamwe, in die Wildnis des Kongo geflüchtet waren nachdem sie 1994 den Völkermord in Ruanda begangen hatten. Ruanda und eine alliierte kongolesische Rebellenarmee verfolgten sie und lösten einen Krieg aus, der sich immer weiter ausbreitete. Allein die Anzahl der Kriegsparteien läßt schon die Hoffnung auf Frieden schwinden.

Der Kreislauf der Gewalt schließt traditionelle Mai-Mai-Krieger ein, die gegen die Rebellen der von Ruanda unterstützten Rally for Congolese Democracy, die auf dem Papier ein Drittel des an Bodenschätzen reichen Landes kontrolliert, kämpfen.

"Vergewaltigung wird häufig gegen Frauen eingesetzt, um deren Ehemänner zu bestrafen, wenn man sie verdächtigt, mit den Mai-Mai zu kollaborieren", sagt die kanadische Organisation Rights & Democracy. "Einige Kämpfer haben damit geprahlt, daß sie die vergewaltigten Frauen mit AIDS infiziert haben." Man schätzt, daß bis zu 60 Prozent der Soldaten und Milizen in Ostkongo mit dem AIDS verursachenden HIV-Virus infiziert sind, was auf eine zukünftige Katastrophe für die vergewaltigten Frauen und ihr Land hinweist.

In der abgelegenen Goldminenstadt Shabunda sagen die Leute, daß 80 Prozent der Frauen vergewaltigt worden sind. Anderen Frauen wurden die Genitalien mit Stöcken, Messern, Rasierklingen oder Waffen verstümmelt.

Es läuft meistens nach dem gleichen Muster ab. Sie greifen nachts an oder sie fallen über Frauen her, die in den Feldern Nahrung, Wasser oder Feuerholz sammeln. Frauen und Mädchen werden als Sexsklaven gefangen und gezwungen zu kochen, zu waschen und gestohlene Sachen zu transportieren.

Der Krieg in Afrikas drittgrößtem Land begann, als Rebellen unterstützt von Uganda und Ruanda 1998 in das Land eindrangen, um die Täter des Völkermords von Ruanda zu verfolgen. Uganda und Ruanda begannen als Verbündete, wandten sich dann aber gegen einander. Die Armeen sind mehrfach im Kongo zusammengestoßen und die beiden Länder unterstützen unterschiedliche Kriegsparteien, die um die Kontrolle über die riesigen Reichtümer des Landes kämpfen.

Als "Afrikas 1. Weltkrieg" bezeichnet, hat der Konflikt die ganze Region polarisiert und spielt Ruanda, Uganda, Burundi und diverse Rbellengruppen gegen die Regierung und die Verbündeten Angola, Zimbabwe und Namibia aus. Nicht beendete Bürgerkriege in Ruanda, Uganda, Burundi und Angola haben teilweise im Kongo stattgefunden und örtliche Fehden und Stammesfeindschaften stacheln ethnische Gewalt im Nordosten an.

1999 fror ein Friedensvertrag die Armeen an ihren Standorten ein, schaffte es aber nicht, die Kämpfe oder die Plünderung der Reichtümer des Kongo, unter anderem Gold, Diamanten, Holz und Coltan, ein Mineral, das für Laptops, Mobiltelephone und Stealthbomber verwendet wird, zu stoppen. Die meisten ausländischen Soldaten sind abgezogen, aber Anführer aller Seiten des Kriegs im Kongo werden von den Vereinten Nationen noch immer beschuldigt, die Ressourcen zu plündern während das Volk leidet.

Diamanten sind die größte Exporteinnahmequelle des Kongo, der offizielle Wert betrug im Jahr 2000 240 Millionen US-Dollar und in 2001 225 Millionen US-Dollar. Aber das doppelte dessen wird illegal von korrupten Beamten, kriminellen Netzwerken und Rebellen über die durchlässige Grenze geschmuggelt, so ein Bericht von Partnership Africa Canada, eine Organisation mit Sitz in Ottawa. "Das Volk verarmt immer weiter während andere - Unternehmer, Diebe und Mörder - immer reicher werden."

Es hat unzählige Friedensbemühungen gegeben - der letzte wurde letzten Monat unterzeichnet - und manchmal ein leichtes Aufflackern von Hoffnung. Aber Fortschritte in Richtung eines dauerhaften Friedens werden von der extrem instabilen Situation in der nordöstlichen Provinz Ituri bedroht, wo die kürzlich verübten ethnischen Massaker Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda 1994 wachgerufen haben.

Blutige Zusammenstöße zwischen den Stämmen der Hema und der Lendu in der Gegend um die nordöstliche Stadt Bunia haben in den letzten Wochen hunderte Zivilisten das Leben gekostet.

Die Truppe der Vereinten Nationen im Kongo ist hoffnungslos unterbesetzt, nur ungefähr 4.400 Soldaten sind über das ganze Land verteilt und nicht gewillt, in die gefährlichsten Gebiete zu vorzudringen. Mitgliedsstaaten zögern, sich in einen so komplexen Krieg einzumischen und die UN wird von ihrem Status als Beobachter ohne Mandat, bei Ausbruch von Kämpfen einzugreifen, behindert.

Kongolesische Zivilisten haben wenig Respekt vor UN-Personal und werfen häufig Steine nach ihren glänzenden, weißen Geländewagen und nennen sie "Touristen", weil sie mit prallen Brieftaschen kommen.

Das französische Angebot, eine stärkere ausländische Präsenz in Ituri zu leiten könnte von neuen Berichten von zwei nahe Bunia "grausam getöteten" UN-Militärbeobachtern beeinträchtigt werden.

Während die Welt abwartet, um zu handeln, steigt die Zahl der Opfer in einem Krieg mit geschätzten 2.500 Todesopfern jeden Tag an.

Massaker sind üblich, aber die Mehrzahl fällt mangelhafter Ernährung und dem Fehlen auch nur der einfachsten Gesundheitsfürsorge zum Opfer, in einem Land, das praktisch keine Infrastruktur mehr besitzt, wo Ernten verlassen werden und die Wirtschaft zusammengebrochen ist, zusammen mit dem bißchen Gesundheitsfürsorge, das vor dem Krieg existierte.

"Ich kämpfe für Kongo" sagt Jackson, ein 16 Jahre alter Soldat, der mit von Uganda unterstützten Rebellen seit drei Jahren im nördlichen Kongo kämpft. Wenn man ihn fragt, was er oder sein Land durch den Krieg gewonnen hätten, zuckt er mit den Schultern und sagt "Ich weiß nicht."
http://www.freace.de/artikel/mai2003/congo260503.html


Wird Kongo ein neues Ruanda?
50.000 Menschen Opfer ethnischer Kämpfe - Uno greift nur zögernd ein
Von Stefan Ehlert

Nairobi - Wird der Nordosten Kongos ein zweites Ruanda? Mindestens 50 000 Menschen in der Provinz Ituri sollen in wenigen Monaten dem Konflikt zwischen den Volksgruppen der Hema und Lendu zum Opfer gefallen sein. Zehntausende, wenn nicht gar Hunderttausende, sind auf der Flucht und ohne Hilfe von außen dem Hunger und Seuchen preisgegeben. Die Lage ist so gefährlich, dass sich trotz Anwesenheit von rund 600 UN-Soldaten alle Hilfsorganisationen aus Ituri zurückgezogen haben.

Die verfeindeten Milizen unterzeichneten zwar am Freitag in der nordost-kongolesischen Stadt Bunia einen Waffenstillstand - zweifelhaft aber ist, ob er die wochenlangen Kämpfe beenden wird.

Journalisten dringen allenfalls bis zur Stadt Bunia vor und berichten Entsetzliches: Die oft jugendlichen Marodeure erschlagen Babys und hacken Kindern Arme und Beine ab. Das Wort "Extermination" macht die Runde, es herrscht Angst vor der eigenen Ausrottung, vor allem unter der Minderheit der Hema. Über die Verhältnisse im Umland von Bunia dringt wenig nach außen, doch dürften sie kaum besser sein als in der Stadt. Bis zu 60 000 Menschen sind auf der Straße Richtung Süden unterwegs, sie wollen in Beni Zuflucht finden, nach 160 Kilometern Fußmarsch. "Hier sterben die Menschen zu Hunderten, und das passiert zurzeit nirgendwo sonst auf der Welt", klagt der UN-Menschenrechtskommissar Sergio Viera de Mello, "aber wer kümmert sich darum?"

Die Vereinten Nationen haben nur sehr zögerlich und nach langen Beratungen auf die zugespitzte Lage reagiert und jetzt begonnen, eine internationale Eingreiftruppe aufzustellen. Nach Angaben eines UN-Sprechers haben sich bereits mehrere UN-Mitgliedsstaaten bereit erklärt, Soldaten sowie logistische und finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen.

Inzwischen sind die hilflos agierenden UN-Soldaten selbst in die Klemme geraten. Zwei ihrer Peacekeeper werden vermisst, sind vermutlich ermordet worden, berichtet die BBC. Doch trotz aller Warnungen hat der UN-Sicherheitsrat noch immer nicht darüber entschieden, ob er die Monuc-Mission in der Provinz Ituri verstärkt oder gar eine Eingreiftruppe ins Land ruft.

Worum geht es in diesem Bürgerkrieg, und ist er wirklich vergleichbar mit Ruanda 1994, als 800 000 Tutsi in nur 100 Tagen den Tod fanden? Damit ist dieser ethnische Konflikt schwer vergleichbar, denn in Ruanda steckten eine ganze Regierung, eine Armee, ein perfekt organisierter Propaganda-Apparat hinter dem Massenmord. So gut wie die Inerahamwe-Todesschwadronen ist in Ituri keine Miliz organisiert.

Dort geht es jedoch wie in Ruanda ebenfalls um Land, auch um Gold und Öl. Es geht um einen fruchtbaren, aber dicht besiedelten Landstrich, auf dem sich die Hema-Viehhirten und die Lendu-Ackerbauern seit langem befehden. Sie stellen etwa eine Million der geschätzten sechs Millionen Einwohner, und sie sind nicht die einzigen, die Milizen in die Schlacht schicken und auf Kosten der Zivilbevölkerung einen verheerenden Krieg um die Vorherrschaft im rohstoffreichen Ituri führen. Sollten die vermuteten Ölvorkommen an der Grenze zu Uganda tatsächlich ausgebeutet werden können, wäre Ituri reich, von Bedeutung für ganz Kongo. Die Interessen der Nachbarstaaten Uganda und Ruanda verkomplizieren die Lage. Längst spricht man vom "Stellvertreterkrieg", in dem sich Uganda zurzeit auf Seiten der Lendu befindet, während Ruanda momentan zu den Hema hält. Beiden Ländern geht es nicht um das Wohlergehen der Menschen, sondern um Einfluss bei der Ausbeutung der Rohstoffe.

http://morgenpost.berlin1.de/archiv2003/030518/politik/story604658.html


Die Bayer-Tochter und der Krieg im Kongo
H.C. Starck finanziert Rebellengruppen

Die Hügel um die Stadt Mumba im Osten des Kongo sind mit Stollen und kleinen Bergwerken übersäht. Beim Untergang der Sonne klettern Minenarbeiter aus den schlecht befestigten Gräben, einige umklammern Plastiktüten mit schwarzem Sand. Die Arbeit ist hart und gefährlich - hunderte von Arbeitern wurden in den vergangenen Jahren in einstürzenden Stollen begraben. Zweimal wöchentlich kommen schwer bewaffnete Soldaten in die Region 50 km nordwestlich von Goma und kaufen den bröckeligen Sand für zehn bis zwanzig Dollar pro Kilo an – ein Vermögen in diesem Teil der Welt.

Coltan – die Abkürzung von Colombo-Tantalit – enthält das seltene Metall Tantal. Das extrem hitze- und säureresistente und einfach zu verarbeitende Edelmetall wird für die Produktion von Handys, Flugzeugmotoren, Airbags, Nachtsichtgeräten und hochmodernen Kondensatoren verwendet. Das Pentagon stuft Tantal als strategischen Rohstoff ein. Die wichtigsten Reserven liegen in Australien, Brasilien und Zentralafrika - in keinem Land der Welt aber spielt Tantal eine so große ökonomische Rolle wie in der Demokratischen Republik Kongo.

Als Coltan vor zwei Jahren im Verlauf des Handy-Booms knapp wurde, schoss der Preis in die Höhe. An der Londoner Metallbörse stieg der Tantalpreis zwischen Februar 2000 und Januar 2001 von 75 auf knapp 400 Dollar pro Kilo. Die steigenden Preise führten zu einem Konzentrationsprozess, bei dem nur die zahlungskräftigsten Firmen noch zum Zuge kamen. Die Aussichten auf fette Profite riefen zahlreiche Kleinhändler auf den Plan, die sich nach unkonventionellen neuen Bezugsquellen wie dem Kongo umsahen. Viele kongolesische Goldgräber wechselten das Fach und schürften nun nach dem unscheinbaren Mineral.

Rohstoffe finanzieren Waffenkäufe

Der kongolesische Reichtum an Gold, Diamanten, Mineralien und Kupfer weckt seit jeher Begehrlichkeiten. Auf Seiten der kongolesischen Regierung ist die Übertragung von Schürfrechten an militärische Verbündete gut dokumentiert: Ölförderlizenzen gingen an Angola, Diamanten- und Kobaltminen an Simbabwe, Abbaurechte für Diamanten an Namibia. Die Rebellenarmeen, die rund die Hälfte des Staatsgebietes kontrollieren, verkaufen Holz, Kaffee, Diamanten und Gold. So verzehnfachte das mit den Aufständischen verbündete Uganda im Laufe des Krieges seine Goldexporte.

Die von Ruanda unterstützte Rebellengruppe RCD (Kongolesische Sammlung für Demokratie), die den Osten des Kongos beherrscht, finanziert sich hauptsächlich durch Coltan. Die RCD kontrolliert den Export, erhebt pro Tonne bis zu 10.000 Dollar Steuern und finanziert damit Waffenkäufe und Sold. "Wir befinden uns schließlich im Krieg", erklärte ihr Kommandant Adolphe Onusumba Anfang 2001, "wir müssen unsere Soldaten ausrüsten und bezahlen. Der Coltan-Verkauf bringt in einem guten Monat eine Million Dollar." (1) Der Export läuft über die ruandische Hauptstadt Kigali, russische Antonov-Flugzeuge liefern den Rohstoff nach Europa und bringen auf dem Rückflug Waffen mit.

Neben dem Anheizen des Bürgerkriegs bewirkt der ungeregelten Abbau von Coltan auch die Zerstörung des Lebensraumes einer der letzten großen Menschenaffen-Populationen. Teile des Nationalparks Kahuzi-Biega, in dem einige Tausend Elefanten und Flachlandgorillas lebten, sind von den Minenarbeitern zerstört worden. Hauptnahrungsquelle im Dschungel ist das sogenannte "Bushmeat" - Affen, Elefanten, Vögel und Krokodile.

Zwei bis drei Millionen Opfer

Der Belgier Erik Kennes, der die Auswirkungen von Bürgerkrieg und Rohstoffabbau für die Zivilbevölkerung untersucht, fasst die Situation wie folgt zusammen: "Die Bevölkerung arbeitet bis zur Entkräftung, um die Armeen zu ernähren, die sie ausbeuten." Das in Goma ansässige Pole-Institut schreibt in einer Studie über die sozialen Auswirkungen des Coltanbooms, dass Bauern ihre Felder brachliegen lassen oder in ihnen nach Coltan graben, statt Lebensmittel anzupflanzen. "Folgen wie Jugendkriminalität, Rückgang der Einschulungsquote, Zunahme von Gewalt und Prostitution oder der Umstand, dass Männer mit Taschen voller leicht verdienten Geldes ihre Familien verlassen, belasten das bereits durch den Krieg betroffene soziale Gefüge."

Nach Angaben der UNO hat der Bürgerkrieg im Kongo seit 1998 2-3 Millionen Opfer gefordert, zum größten Teil durch Vertreibungen, Hunger und Krankheiten. Der Krieg im Kongo ist somit weltweit der verlustträchtigste Konflikt der vergangenen Jahre.

UN fordern Embargo

Die Hintergründe des Krieges beleuchtet ein Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen, der vor allem die Lage im Osten des Kongo beleuchtet. Demnach dreht sich "der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo hauptsächlich um Zugang zu, Kontrolle von und Handel mit fünf mineralischen Ressourcen: Coltan, Diamanten, Kupfer, Kobalt und Gold." Weiter heißt es: "Die Folgen der illegalen Ausbeutung führen zu massiver Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen für Ruandas Armee."

Ruanda ist seit Beginn des Krieges die wichtigste militärische Kraft im Kongo, wobei lange Zeit unklar blieb, wie das winzige und vom eigenen Bürgerkrieg gezeichnete Land die enormen Kosten eines Kampfes an einer 1000 Kilometer langen Frontlinie finanzieren konnte. Der offizielle Militärhaushalt von Ruanda reicht kaum für den Sold der eigenen Armee. Ruandas Armee hat am Handel mit Coltan "über einen Zeitraum von 18 Monaten mindestens 250 Millionen Dollar verdient", schätzt der UN-Bericht. "Dies reicht, um den Krieg zu finanzieren. Hierin liegt der Teufelskreis des Krieges. Coltan hat der ruandischen Armee die Fortdauer ihrer Präsenz in der Demokratischen Republik Kongo ermöglicht."

Die UNO scheut sich nicht, auch die Verantwortlichen in den Ländern des Nordens zu nennen: "Die Verbindung zwischen der Fortsetzung des Konflikts und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht einige, die nicht zu den Konflikt-Parteien zählen, eine Schlüsselrolle gespielt hätten, willentlich oder nicht." Genannt werden die Firmen H. C. Starck, Cabot und Ningxia. Der Bericht empfiehlt ein temporäres Embargo für Mineralienexporte. Der UN Sicherheitsrat folgte diesem Votum auf Druck der USA allerdings nicht und beschloss lediglich, weitere Untersuchungen durchzuführen.

Bayer-Tochter verheddert sich in Widersprüche

Die in der UNO-Untersuchung genannte Firma H.C. Starck ist eine hundertprozentige Tochter des Leverkusener Bayer-Konzerns. Nach Recherchen der Washington Post wurde bis ins vergangene Jahr etwa die Hälfte des kongolesischen Tantalits von Starck weiter verarbeitet. Auch RCD-Sprecher Kin-Kiey Mulumba bestätigt: "Es gibt viele Deutsche, die Coltan kaufen".

Die Firma gehört weltweit zu den wichtigsten Käufern seltener Metalle und ist Weltmarktführer bei der Tantal-Verarbeitung. Zu den wichtigsten Kunden von Starck gehört die Siemens-Tochter Epcos, die auf die Produktion von Chips spezialisiert ist.

Hauptsächlich durch den Tantal-Boom stieg der Umsatz der Firma im Jahr 2000 allein um über 50%. Im Bayer-Geschäftsbericht heißt es denn auch euphorisch: "Tantal heißt das Metall, ohne das heutzutage kein elektronisches Gerät mehr auskommt. Als feines Pulver dient es zur Herstellung leistungsstarker Elektrolyt-Kondensatoren, die in Handys, Personal-Computern oder CD-Spielern eingesetzt werden. Die Bayer-Tochtergesellschaft H. C. Starck produziert einen großen Teil des Weltbedarfs an diesem Spezialpulver - und ist damit sehr erfolgreich."

H.C. Starck weist auf Anfrage jegliche Verantwortung von sich, verheddert sich dabei aber in Widersprüche. Ein Brief der Coordination gegen BAYER-Gefahren vom Dezember 2000 (sechs Monate vor Veröffentlichung des UN Berichts), in dem sich der Verein nach den Partnern im Kongo und der Höhe der Aufwendungen erkundigte und in dem die Gefahr einer Finanzierung des Bürgerkriegs ausgesprochen wurde, wurde lapidar beantwortet – aus Wettbewerbsgründen könnten die gewünschten Auskünfte nicht erteilt werden. Wenige Monate später erklärte Firmensprecher Manfred Bütefisch, "in der Praxis ist nur schwer nachvollziehbar, ob Rohstoffe aus der Krisenregion oder anderen Teilen Afrikas stammen". Auch dass Händler, die in Deutschland Tantal anbieten, sich aus dem Kongo versorgen, könne man "nicht ausschließen". Einen Monat später erfolgt die Rolle rückwärts: "H.C. Starck bezieht keine Rohstoffe aus der Krisenregion". Einen Nachweis blieb die Firma aber schuldig, da sie ihre Zulieferer nicht nennen will.

Nachdem Recherchen verschiedener Medien eine Verbindung zwischen der Bayer-Tochter und den Händlern im Osten des Kongo nachwiesen, ruderte das Unternehmen erneut zurück: Im Oktober 2001 gab Unternehmenssprecher Bütefisch (2) in einem Interview zu, "wir beziehen unser Material direkt aus der Stadt Goma von einem uns bekannten Händler. Nach allen Informationen, die uns vorliegen, ist es absolut sauber." Bütefisch gab sich weiterhin "fest davon überzeugt, dass von dem Geld für Coltan-Lieferungen weder Rebellen unterstützt noch Entwicklungen begünstigt würden, die eine Verletzung des angrenzenden Nationalparks zur Folge hätten". Es bleibt Bütefischs Geheimnis, wie das Unternehmen Rohstoffe aus dem Ost-Kongo beziehen will, ohne die Rebellen zu unterstützen - da die RCD Steuern auf Coltan-Ausfuhren erhebt, liefe die Argumentation des Unternehmens auf Schmuggel hinaus.

Gegenüber der Financial Times war sich H. C. Starck auch nicht zu schade, dreist zu lügen: "Wir sind erst durch den Bericht der Vereinten Nationen Mitte April [2001, der Verf.] auf die besondere Situation in dieser Region aufmerksam geworden" - also sechs Monate nach der abschlägig beschiedenen Anfrage der Coordination gegen BAYER-Gefahren. Zudem lasse sich das Unternehmen die Seriösität ihrer Geschäftspartner durch das Auswärtige Amt bestätigen. Das AA hingegen weist auf Nachfrage darauf hin, dass es grundsätzlich keine amtlichen Stellungnahmen pauschaler Art über die Seriösität einzelner ausländischer Firmen abgebe. (3)

Recherche nach "Wallraff-Methode"

Auch gegenüber dem Journalisten Klaus Werner, Autor des "Schwarzbuch Markenfirmen", verweigerte das Unternehmen mit Verweis auf "interne Daten" jegliche Auskunft. Ob die Firma das wertvolle Pulver auch aus dem Kongo bezieht, gab Sprecher Bütefisch auch nach beharrlichem Insistieren nicht preis: "Ich werde weder das eine noch das andere sagen." Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, sah sich Klaus Werner deshalb gezwungen, die Wallraff-Methode anzuwenden. Er schlüpfte in die Haut eines Tantalit-Händlers aus dem Kongo, legte sich die Internet-Identität "Robert Mbaye Leman, Wohnort: Arusha, Tansania, Beruf: Rohstoffhändler" zu und mailte H. C. Starck ein Angebot. Die Antwort kam postwendend: "Wir sind generell interessiert am Kauf allen Tantalit-Rohmaterials. Lassen sie uns bitte eine Analyse, eine Probe und ihre Preis-Vorstellung zukommen. Nachdem wir diese Informationen bekommen haben, werden sie schnell unsere Antwort erhalten." Um der möglichen Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit zu entgehen, trat H. C. Starck/Thailand als Kauf-Interessent auf - wozu ist man schließlich ein Welt-Konzern!

Die schmutzige Quelle "Kongo" schmälerte das Interesse an dem Tantalit ebenso wenig wie das Bekenntnis Lemans/Werners, er beziehe die Ware über die SOMIGL. Diese Firma wurde von der RCD gegründet und handelt nicht nur mit Bodenschätzen, sondern auch mit Waffen und nimmt es dabei mit den Zoll-Bestimmungen nicht immer genau. "Geschäft ist Geschäft" - darauf können sich eben alle Beteiligten an der Kriegswirtschaft jederzeit einigen.

Das Geschäft geht weiter

Nach der Veröffentlichung eines weiteren UN Berichts im Sommer diesen Jahres kam von Starck eine letzte Kehrtwendung: "Seit August 2001 kauft H.C. Starck kein Material aus Zentralafrika mehr." Erneut behauptet das Unternehmen, in der Vergangenheit keine Abgaben an Rebellengruppen geleistet zu haben. Da die Firma jedoch weiterhin ihre kongolesischen Partner nicht offenlegt, bleibt die Aussage nicht überprüfbar und Zweifel daher angebracht - ganz abgesehen von dem Widerspruch, dass das Unternehmen im Oktober 2001 eingeräumt hatte, Tantal aus Ost-Kongo zu beziehen, nun den Kontakt aber bereits im August 2001 beendet haben will.

Wer die Coltan-Minen in Zukunft kontrolliert, ist zur Zeit unklar. Durch den Abzug der ruandischen Regierungstruppen im Herbst 2002 wurde die RCD stark geschwächt, so dass andere Gruppen den Handel mit Rohstoffen übernehmen könnten. Eine andere Entwicklung indes ist absehbar: der Handel mit dem Element Niob wird an Bedeutung gewinnen. In einer Verlautbarung der Siemens-Tochter Epcos heißt es: "Mit Niob-Kondensatoren werden Werte erreichbar sein, die höchstkapazitative Tantal-Kondensatoren um den Faktor 2 bis 3 übertreffen". Den Kongo braucht das nicht zu stören. Denn Niobium, auch Colombium genannt, ist der andere Bestandteil von Coltan.

http://www.labournet.de/branchen/chemie/bayer/allg/kongo.html

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