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Geschrieben von fiammetta am 05.08.2011, 15:01 Uhrzurück

Ich verstehe Dich sehr wohl

Hi,

ich habe ja acht Jahre Pflege in der Familie hinter mir, in unserer Straße wohnten bis vor einem Jahr die ebenfalls betagten Verwandten meines Mannes und meine Mutter ist auch nicht mehr die Jüngste. Ich weiß also seeeehr wohl, wovon ich rede...

Dass sich Menschen im Alter verändert, stimmt. Dass Demenz einen Menschen komplett verändert, stimmt auch. Allerdings schreibst Du nichts von dieser Erkrankung und somit gehe ich nun von einer alten Frau aus, die im Großen und Ganzen relativ fit ist. Menschen verstärker ihr bisheriges Verhalten im Altern noch und ein Mensch, der schon immer sehr unflexibel im Umgang mit anderen war, der wird nicht etwa plötzlich ganz lässig, sondern noch viel unflexibler. Wer schon immer gerne im Mittelpunkt stand, nimmt sich nicht plötzlich zurück, sondern wählt nun eben die Mitleidstour, um dasselbe zu erreichen. Alles selbst erlebt - und das war alles andere als schön. Bestehen viele Kilometer der Distanz zwischen Kindern und Eltern, dann ist der Umgang leichter und dann redet es sich auch ganz lässig, da keine Ahnung von der Realität. Sind sich Eltern dieses Alters ihrer Kinder aber schon alleine räumlich gewiss, dann scheppert`s meistens.

Zu Deinem Trost: Meine Mutter ist 77 und körperlich weitaus besser beinander als ich mit 42. Klar, hat ja auch nichts gearbeitet bzw. aus jedem Nichts eine riesen Heldentat gebastelt. Solange sie daheim ist und ich hier und wir nur telefonieren, ist alles suppi. Im Moment ist sie bei uns und ich denke, ich bin im Irrenhaus gelandet. Ich habe so einige Bekannte im Rentenalter, die sogar mehrmals die Woche locker vier Stunden Fahrzeit auf sich nehmen, um ihre Töchter dabei zu unterstützen, dass sie zwei (!) Vormittage (!) arbeiten können. Dort kümmern sie sich um den Haushalt und die Kinder und Töchterlein braucht oft nicht einmal mehr zu kochen, weil Mutti bereits den gesamten Haushalt gewuppt hat.

Ich ernähre hingegen meine Familie und bin - ohne Unterstützung durch meine Mutter - die ewige faule Sau. Meine Mutter kommt einmal im Jahr, keift dann nur herum, schläft vor allem, pöbelt die Kinder so lange an bis sie nicht mehr bei ihr bleiben wollen (während ich trotzdem arbeiten muss und ich etwas Kinderbetreuung gut brauchen könnte), putzt unter Dauergemaule ein paar Fenster, läßt sich vorne bis hinten bedienen, will alles ganz genau wissen, kommandiert alle herum, will alles kontrollieren, geilt sich an Dingen auf, die weit außerhalb meines Einwirkungs- und Interessensbereichs liegen, jeder Popel wird ins Äußerste aufgebauscht, sie kritisiert unentwegt an allen und allem herum, kündigt ständig Arbeiten an, die sie dann doch nicht macht, vertilgt Unmengen von Kuchen trotz ihrer Diabetes (was sie dann eifrig bestreitet) - und will dann permanent bewundert werden... Und nein, meine Mutter hat auch wirklich gute Seiten, aber sie war im Grunde noch nie anders, wenn Arbeit auch nur um die Ecke geblinzelt hat oder sie andere kleinmachen konnte, um selbst ganz groß zu sein. Früher war ich ihre Witzfigur, heute versucht sie`s bei meiner Tochter (da hat sie sich aber geschnitten). Wenn sie etwas macht, dann gut, aber jeder Handgriff ist eine Heldentat, die sie zutiefst zu tun haßt, wofür sie natürlich nicht die unverhältnismäßige 1000fache Anerkennung bekommt und weshalb sie dann schon immer maximal unleidlich wurde. Ach ja, Schmarotzer sind übrigens auch immer alle.

Damit macht man sich selbst das Leben nicht leichter, wird für andere nicht sympathischer und begreift nicht, dass eine klitzekleine Verhaltensänderung einem die Herzen nicht verschließen, sondern weit öffnen würde. Aber es kommt hat auf die Prioritäten an - will ich geben, weil ich mich selbst nicht für zu wichtig nehme und bekomme dann sehr viel zurück oder will ich unbedingt durch Dominanz im Mittelpunkt stehen und packe es eben so falsch an, dass sich sogar meine Familie ob meines gelangweilten Geschwätzes von mir abwendet. Vergiß eines nicht: Menschen, die alt sind, hatten Jahrzehnte Zeit, um an sich zu arbeiten.

Wie geht es dann grundsätzlich weiter? Ich halte lange still, mein Gatte ist diplomatisch und irgendwann explodiere ich und dann staubt`s. Sie will dann dramatisch abreisen, bleibt dann doch und erzählt mir dann am Ende, dass sie bald zu uns ziehen wird.

Letztlich ist dieses Verhalten Deiner und meiner Mutter nichts anderes als ein Sich-Einmischen, um auch wichtig zu sein. In dieser Generation herrscht noch der Glaube, dass Eltern alles dominieren dürften, was wir natürlich anders sehen. Wer dominant ist, ist das Alpha-Tier und wer sonst nichts hat, für den ist das der Hit, denn wichtig will grundsätzlich jeder sein. Viel ändern kann man daran nichts mehr, aber das bedeutet nicht, dass man permanent alles stillschweigend hinnehmen müßte. Man kann auch noch Konsequenzen anzeigen - der eine begreift`s und richtet sich danach, bei dem anderen ist Hopfen und Malz verloren. Mitunter klärt ein Gewitter auch die Luft.

Was diese Generation auch nicht begreift, ist, dass auch sie nicht das ewige Leben hat und irgendwann einen Hinternputzer braucht, von dem sie dann sehr wohl abhängig ist. Im Leben kommt aber immer alles zurück. Wer alle nur dominiert, der fällt irgendwann sehr tief, denn es ist ein Riesenunterschied, ob man Mutti noch 10 Jahre rundum liebevoll pampert und sein Leben gerne komplett ausschaltet oder ob man dies als Tortur erlebt und das eben nicht lustig findet. Und Mutti will grundsätzlich nicht ins Heim, schon allein, weil sie dort "Danke!" sagen müßte und dort eben nicht mehr der Chef wäre.

Und nein, ich glaube nicht, dass wir irgendwann genauso werden. Erstens hat dieses Dominanzverhalten der Eltern gegenüber der Kinder in unserer Generation keinen so starken Stellenwert mehr, zweitens wird bei uns das Geld fehlen, um uns mit aller Gewalt 100 werden zu lassen und drittens haben von uns viele bis dahin jahrelange Pflege selbst leisten müssen, was die heutige Altengeneration eben nicht mußte, weil deren Eltern meistens nicht nur nicht wirklich alt wurden, sondern außerdem nach höchstens kurzer Krankheit gestorben ist.

LG

Fiammetta

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