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Geschrieben von fiammetta am 11.07.2004, 22:48 Uhrzurück

Re: Hi Penny, (sehr lang)

Hi,

zu den Ladenöffnungszeiten: Ich frage mich, wie es um die reinen Arbeitgeberinteressen bestellt ist, wenn tatsächlich kein Gewinn gemacht macht wird. In Anbetracht alleine der Heiz-, Strom- und Arbeitnehmerkosten reicht der Umsatz alleine nicht aus. Gleichzeitig muß ich aus meiner Warte als extrem viel Arbeitende schon sagen, daß der Service, z.T. bereits vor 8.00 morgens, bis 20.00 (auch am Samstag) häufig das Leben stark vereinfacht, da ich oft nur von einem Termin zum anderen jage. Essen etc. müssen wir aber auch... Hinzu kommt, daß ich bereits vor 17 Jahren, d.h. zu meiner Schulzeit, bei IKEA gejobbt habe, wo ich damals selten vor 21.00 aus dem Laden gekommen bin und um 8.30 wieder anfangen mußte. Gegengerechnet wurden die langen Arbeitszeiten bei den meisten in Freizeit - für die armen Arbeitnehmer kann`s also kaum so schlimm sein.

Was die "Hire&Fire"-Geschichte anbelangt, so sind zwei Dinge dazu zu sagen. Arbeitnehmer suchen selbstverständlich die Idealbesetzung, von der sie aber wissen, daß sie nicht existiert. Betrachtet man sich die Kosten, die die Besetzung einer Stelle mit sich bringt näher, so rauft man sich ganz schnell die Haare. Das bedenkt man meistens nämlich nicht. Noten, Lebenslauf und Auswahlgespräche bringen leider nur eine Erkenntnis, ob der AN tatsächlich zu Firma paßt, von im maximal besten Falle gerade `mal 30% (nach oben geschönt).
Ich bin selbst Freiberuflerin, führe u.a. auch Bewerbungstrainings durch und hatte mich bereits um eine Mitarbeiterin auf 400.- Euro-Basis umgesehen. Meine Erkenntnis lautet aus beiden Erfahrungen aber: ich bin doch nicht wahnsinnig und binde mir einen Klotz an`s Bein, den ich auf Gedeih` und Verderb` finanzieren muß ohne tatsächlich die Leistung u.U. dafür zu erhalten, die ich erwarte.
Die Arbeitsmoral ist in diesem Lande häufig - Gottseidank nicht immer! - schlicht und ergreifend schauderhaft. Argumente wie "Ich fahre doch nicht eine Viertelstunde lang zur Arbeit!" oder "Wenn ich krank bin, dann bleibe ich zuhause und kuriere mich aus!" sind noch die harmloseren. Bei letztem Text war eine Diskussion über Fehltage vorausgegangen und ob man bereits mit leichtem Durchfall oder etwas stärkerem Schnupfen arbeitsunfähig ist.
Hinzu kommt, daß ich es tatsächlich für zumutbar empfinde, bei sonstigem Arbeitsplatzverlust den Standort mit der Firma zu wechseln und zwar auch mit z.B. schulpflichtigen Kindern. Ich mußte auch während des Schuljahres umzugsbedingt in eine andere Schule und habe es - man mag`s kaum glauben - überlebt. Ein Haus kann man verkaufen und ein anderes neu erwerben, wenn der Job aber weg ist, dann kann man auch nur schwerlich die Ratentilgung leisten.
Praktika gelten übrigens auch als Form der Berufserfahrung. Wenn ich diese "meinen" Arbeitssuchenden allerdings vorschlage und dafür argumentiere, dann plärren vorher 100% der Anwesenden "Ausbeutung!" und hinterher noch 70%.
Alles in allem läßt sich die übliche AG-AN-"Feindschaft" am simplen Beispiel einer Schale Obst darstellen: keiner von uns kauft gerne Früchte, die nicht absolut in Ordnung sind - zurückgeben kann man sie ja schlecht, d.h. man wirft sie weg. Und keiner kauft dasselbe Produkt noch einmal, wenn er einmal schwer enttäuscht vom Preis-Leistungs-Verhältnis war. Genauso wenig ist ein AG scharf darauf, einerseits das volle Risiko zu haben und andererseits u.U. Caritas für jemanden zu spielen, der ihm unentwegt das Lied von der Ausbeutung vorsingt und damit die ultimative Entschuldigung gefunden hat, statt 100% nur z.B. 85% Leistung zu bringen, ihn eventl. beklaut (das Bewußtsein, daß Büromaterial oder Telefonkosten von jemandem bezahlt werden müssen, existiert nämlich bei der Masse nicht) etc.. Das muß nicht passieren, kann aber. Wenn ich mit meinen Freunden und Bekannten spreche, die alle selbst entweder selbständig oder Freiberufler sind bzw. im Bereich der Geschäftsleitung arbeiten, dann kommt eben immer wieder dasselbe Echo, s.o. Ich kann eigentlich jedem, der ständig Argumente gegen AGs aus der Tasche zaubert nur vorschlagen, sich selbst einmal ein Jahr lang in deren Rolle / Situation zu begeben. Erfahrungsgemäß kehrt dann ganz schnell Stille ein.
Übrigens sind einige unserer Bekannten inzwischen trotz eigenem exorbitantem Arbeits- und Finanzeinsatz zugunsten ihrer Firma und ihrer AN inzwischen insolvent, mit oft verheerenden persönlichen Folgen. Das Resultat ist immer dasselbe: der AN ist tiefbeleidigt, käme aber selbst nie auf die Idee, seinen eigenen Arbeitseinsatz und dessen Auswirkungen zu reflektieren (Ich treffe sie dann später in meinen Seminaren wieder). In mehreren Fällen war`s übrigens sogar wegen gerichtskundigen Betrugsdelikten durch AN zur irreversiblen Pleite gekommen...

Zu der Sache mit z.B. staatlicher Unterstützung beim Hausbau: Ich frage mich bis heute, weshalb alle Steuern dafür plechen, damit gerade einmal (!) 30% der Deutschen über Wohneigentum verfügen können und sich dieses mit den verschiedenen staatlichen Unterstützungsprogrammen haben leisten können. Hausbau ist definitiv Privatvergnügen, entweder ich kann`s mir leisten oder eben nicht. Weshalb dann z.B. in Italien trotzdem 70% Wohneigentum vorherrscht - und zwar ohne staatliche Unterstützung -, hat mir hier noch niemand schlüssig erklären können. Aber die Hand ständig unter eintönigem "Da habe ich ein Recht drauf"-Geschrei aufhalten ist eben einfacher und bequemer als auf einen gewohnten Zustand zu verzichten. Der Witz ist nur, die meisten wissen nicht, worauf sie tatsächlich ein Recht haben. Nun ja...

Schönen Abend,

Fiammetta

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