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Geschrieben von marit am 30.08.2004, 11:38 Uhrzurück

Re: früher waren es die Drüsen

Liebe Benedikte,

glaubst du wirklich allen Ernstes, daß jemand sich freiwillig angeekelten Blicken, Sanktionierung öffentlichen Essens, den Demütigungen von engen Bistrostühlen und Umkleidekabinen, dem Gelächter dünner Jugendlicher im Schwimmbad sowie dem eigenen Spiegelbild aussetzt, BLOSS weil er halt Pommes und Kuchen mag? Alleine die Tatsache, daß der Genuß eines Stückes Kuchen als höher bewertet wird, als diese ganzen Demütigungen, SPRICHT doch schon für eine psychische Störung. Daß sie häufig ist, ist doch kein Argument dagegen. Ich bin sicher, daß vielen Übergewichtigen mit einer Verhaltenstherapie eher gedient wäre, als mit einem Magenband oder ähnlichem. Aber eben auch dafür braucht es eine Krankenversicherung. Ich hatte auch 2 mal im Leben eine Phase, in der ich sehr dick war und kann daher gut nachvollziehen,wie sich das anfühlt. Als Kind war ich dick, als meine Mutter permanent Selbstmordversuche unternommen und mir die Verantwortung für meine Geschwister aufgehalst hatte (hätte ich damals nicht die wenigen glücklichen Stunden mit einem Buch und einer Tafel Schokolade gehabt, in denen ich mich da herausgebeamt habe, hätte ich vermutlich Alkohol ausprobiert oder irgendetwas anderes), als Erwachsene nahm ich stark zu, als mein Vater starb und ich mit seinen Nachlaßregelungen allein war, während der Rest der Familie nicht mehr aus dem Bett aufstand. Für mich war Essen während dieser Zeit das einzig wirksame Mittel, mich soweit zu stabilisieren, daß ich den Alltag aushalten konnte. Mein Gewicht kam nicht durch eiserne Disziplin wieder ins Lot, sondern einfach dadurch, daß ich die belastende Situation verlassen habe. Danach fühlte ich mich in meinem Körper wieder wohler, hatte weniger Hunger und Sport machte wieder Spaß. Klar, war AUCH Disziplin nötig, ABER: gerade Disziplin haben, war ja das, was wieder Befriedigung gab. vorher war ja all meine Kraft und Konzentration auf etwas anderes bezogen.

Etwas anderes wären, analog zum Rauchen, Steuern auf ungesunde Lebensmittel. Dann wird Schokolade nämlich wieder das, was sie sein soll, ein Genußmittel und keine billige Glücksdroge. Aber den Entzug der Krankenversicherung bei Menschen, die ganz offensichtlich krank sind, das halte ich für unmenschlich.

Wenn du um Größe 42 herum pendelst, dann ist das ein Bereich, in dem du absolut normalgewichtig bist - und die Disziplin, die du aufwendest um vielleicht ab und an mal auf 38 oder 40 zu kommen, ist eigentlich nur deshalb nötig, weil du vermutlich gegen das eigentliche Wohlfühlgewicht deines Körpers arbeitest.

Aus eigener Erfahrung (ich bin eine ehemalige Größe 52, jetzt 44) hat diese alltägliche Disziplin, dieses kleine tägliche sich-etwas-Versagen nichts zu tun, mit dem unglaublichen Hungerdruck eines stark Übergewichtigen, der noch dazu weiß, daß man ihm den Verzicht auf 2 Stücke kuchen am nächsten Morgen nicht an den Hüften wird ablesen können, der auch nach 3 Monaten Fasten angeekelte Blicke von Menschen einsteckt, die nicht wissen, wie er vorher ausgesehen hat.

Das ist so, wie wenn du die Beschränkung auf ein Glas Wein am Tag (obwohl du ganz gerne ein zweites hättest) mit einem kalten Alkoholentzug vergleichen würdest. Noch dazu kann der Eßgestörten SEINEM Suchtstoff ja nicht dauerhaft ausweichen.

Übrigens ist das ein weiteres Argument für die Ganztagsschule mit geregelten Mahlzeiten. Kinder sollen sich zum einen gar nicht erst ein ungesundes Eßverhalten antrainieren, zum anderen möglichst lange am Tag aus belastenden Familiensituationen herausgehalten werden. außerdem sollte es an den Schulen auch unbenotete Sportangebote geben.

Liebe Grüße, marit

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