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Geschrieben von marit am 25.08.2004, 17:42 Uhrzurück

Die Enge eines Dorfes, kann auch grausam sein...

Ich stimme euch zu, daß es grausam ist, Familien auseinanderzureißen, wenn sie sich am Ort, an dem sie Leben wohlfühlen und dort stark verwurzelt sind. Ebenso unzumutbar für ein Kind ist es natürlich, alles halbe Jahr umziehen zu müssen. Anders sieht es aber aus, wenn die ganze Familie woanders eine neue Chance hätte - und es gibt ja durchaus Jobs, die man auch woanders machen kann. Wenn der Partner des Arbeitslosen Lehrer oder Ärztin, Verkäufer im Einzelhandel oder freier Journalist ist, dann läßt sich auch woanders der Übergang bewerkstelligen. Ich kenne, weil ich an der Uni ein Austauschprogramm betreue, Wissenschaftlerfamilien, die mit Sack und Pack und drei Kindern für 2-3 Jahre umsiedeln. Natürlich haben die Kinder am Anfang ein paar Probleme, aber ich kenne keine einzige dieser Familien, wo die Probleme länger als 3 Monate anhalten (und da kommt ja sogar noch eine fremde Sprache hinzu). Ich selbst war als ganz kleines Kind glücklich in meinem Dorf. Dann hatte ich mit 8 Jahren ein einziges Mal etwas ungewöhnliches getan (mit einem älteren Jungen um 10 DM gewettet,ob ich es schaffe, mich im Bus komplett aus- und wieder anzuziehen). Von da an war ich bis ich mit 19 auszog überall die "die sich mal im Bus ausgezogen hatte". Jeder erfand zu der Geschichte noch etwas hinzu, ich wurde fortan auf dem Schulweg verprügelt, es wurde in meinen Ranzen gepinkelt, etc. Als ich in die nächste Stadt ins Gymnasium ging, hatte ich zwar wieder Freunde, aber immer hatte ich fortan Angst, "Einheimischen Jugendlichen" zu begegnen, die mich immer, wenn kein Erwachsener in Sichtweite war gequält haben. In dem ach so übersichtlichen Dorf, in dem auch all meine Verwandten wohnen, hat mir nie irgendwer in dieser Situation geholfen. Soviel zur heilen Heimatwelt.

Es kann Kinder doch auch stark und optimisisch machen, wenn sie wenigstens einmal in ihrer Kindheit so etwas wie Neuanfang und Aufbruchsstimmung mitmachen DÜRFEN (nicht müssen). Es kann auch den Familienzusammenhalt sehr stärken und einen aus dem Alltagskleinkrieg herausreißen. Mit meiner Mutter verstehe ich mich wieder prima, seitdem wir uns wieder gegenseitig angemeldet ab und an "besuchen" und nicht unangemeldet zu den unmöglichsten Zeiten vor der Tür stehen.

Um mal zu einem Fazit zu kommen: niemand sollte zu einem Umzug gezwungen werden. Aber wenn es kein Umzug auf gut Glück ist, sondern wirklich ein längerfristiges und halbwegs lukratives Angebot ist, dann sollte man schon mal in sich gehen und sich fragen, ob man das jetzt nur so aus Reflex sagt, daß das nicht in Frage kommt, oder es wirklich begründete Ängste sind. Oft hilft dabei die Vorstellung, wie das Leben in 2 Jahren aussieht, wenn man a geht oder b bleibt.

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