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Geschrieben von Geli39 am 22.11.2005, 10:59 Uhrzurück

Re: bzgl. manisch-depressiv und Selbstwertgefühl (auch seeehr lang) - ich oute mich

Mein Vater war bipolar(manisch-depressiv), deshalb kenne ich mich damit etwas aus. Ich möchte hier eigentlich gar nicht darauf eingehen, was diese Krankheit aus uns als Familie und vor allem aus meiner Mutter gemacht hat. Für sie war es die Hölle, für uns Kinder ??? Ich erinnere mich nicht an meine Kindheit. Ich erinnere mich vor allem an Episoden, die meine Mutter betreffen und daran, dass meine Mutter meinen Vater jeden Abend fragte, ob er seine Medikamente genommen hätte. Mal wurde dieses bejaht (uff alles in Ordnung) und mal verneint (Alarmstufe 1). Will damit sagen, dass diese Krankheit nicht durch eine simple Therapie "geheilt" werden kann. Dies an Dich Lena. Diese Krankheit, wenn man sie denn hat, hat man sein ganzes Leben lang. Sie kann nur durch die Einnahme von Medikamenten halbwegs in den Griff bekommen werden. Doch das ist auch so eine Sache. Nun möchte ich mich auch noch outen. Auch mir geht es häufig wie Elamaus und anderen hier. Mein Selbstbewusstsein ist quasi inexistent. Als Teenager wurde ich viel gehänselt und auch heute noch habe ich ständig Angst, dass sich jemand über mich lustig macht. Kritik vertrage ich eigentlich gar nicht. Fühle mich halt ständig persönlich angegriffen und fahre meine Krallen aus, um mich nach Leibeskräften zu wehren. Warum das so ist? Keine Ahnung. Meine Mutter war Alkoholikerin und ich habe das erst mit 24 Jahren wirklich kapiert. ERst als sie mir erzählte sie hätte schlechte Leberwerte fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Alles machte plötzlich einen "schrecklichen" Sinn. Das war ein furchtbarer Schock und bis heute kann ich nicht verstehen, wieso mir nie auch nur der geringste Verdacht gekommen ist. Einige Verhaltensweisen kamen mir komisch vor, aber es hieß halt ja Deine Mutter hat im Krieg als kleines Mädchen viel mitgemacht, das hat Spuren hinterlassen. Deine Mutter ist halt müde, Deine Mutter schlafwandelt, ... usw. usf. Ich bin nicht wirklich wütend auf meine Mutter, weil ich niemals in Erfahrung habe bringen können, was genau sie dazu getrieben hat, irgendwann « zur Flasche zu greifen». Sie sagte mir einmal, das hätte angefangen als sie noch studiert hat. Da war das so Sitte. Bei jeder Party und davon gab es wohl viele, wurde Alkohol getrunken und geraucht und die Abhängigkeit kam dann schleichend. Ich weiß nicht, ob das stimmt oder ob es Gründe gab, die bei Ihr dazu geführt haben, im Alkohol Vergessen zu suchen. Ich kann sie auch nicht mehr fragen, weil sie vergangenes Jahr an Krebs gestorben ist. Soviel dazu. Auch ich müsste wahrscheinlich eine Therapie machen, aber ich habe Angst davor, dass ich dann die Geister, die ich rief nicht mehr los werde. Vielleicht will ich gar nicht wissen, wie oder was oder warum es mir so geht, wie es mir geht. Ich habe seit ich in Frankreich bin noch keine Freundschaft geschlossen, was aber auch an der Region hier liegt. Die Leute sind sehr oberflächlich und Freundschaften zu schließen ist hier sehr schwierig. Das haben mir auch andere Zugezogene bestätigt. In Deutschland hatte ich Freunde und konnte auch mal über meine Probleme reden. Dies ist nun nicht mehr so. Also fresse ich alles mehr oder weniger in mich hinein. Da ich aber trotz allem eine Kämpfernatur bin, mache ich es wie Moneypenny. Ich suche die Konfrontation mit mir selbst. Ich bin auch jahrelang nicht Auto gefahren, da ich viel zu viel Angst hatte. Irgendwann hatte ich dann die Nase voll und hab mich ins Auto gesetzt. Nach und nach verging die Angst. Heute macht mir Auto fahren Spaß. Wenn ich mit den Hunden ums Eck gehen muss, und mich jemand mustert blicke ich weg und hoffe das kein wie auch immer gearteter Kommentar kommt. Viele halten mich für arrogant, was ich aber nicht bin. Ist nur ein Schutzschild. So ich könnte noch ewig so weiter machen, aber das hält ja keiner aus. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann den Dreh bekomme eine Therapie zu machen, obwohl ich es müsste. Ich möchte mir eigentlich beweisen, dass ich es alleine schaffe. Wer weiß, vielleicht klappt es ja irgendwann. Allen, die hier ihre Schwächen und Selbstzweifel zugegeben haben, ein ganz dickes Danke, denn letztendlich machen gerade diese „Eigenschaften“ Euch so unheimlich menschlich und liebenswert.
LG Angelina

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