Aktuelles und Neuigkeiten Aktuelles und Neuigkeiten
Geschrieben von Linda in USA am 07.07.2003, 19:08 Uhrzurück

Aus einem anderen Forum, haette aber von mir sein koennen

FALL I: Seit Jahrzehnten quaelt ein brutaler Despot ein Volk und foltert hunderttausende zu Tode. Endlich haben die USA und England den Mut und marschieren ohne UNO Auftrag im Iraq ein und jagen den Massenmoerder davon. Die Welt schreit Zeter und Mordio und unterstuetzt damit schweigend den Diktator. 70,000 Beitraege in diesem Forum versteigern sich in zum grossen Teil niedertraechtige Hetzkampagnen gegen die Befreier.

FALL II: Seit Jahren ermorden sich verschiedene Faktionen im Congo gegenseitig und toeten hundettausende von unschuldigen Menschen. Endlich einmal marschieren europaeische Truppen im Congo ohne UNO Auftrag ein, um dem Massaker ein Ende zu bereiten. Die Welt schweigt und in diesem Forum wird mit keinem Wort dieser illegale Einmarsch erwaehnt.

Peter Schneider schrieb folgenden Artikel im SPIEGEL:

Zeit der Rechthaber

von Peter Schneider

Der Krieg im Irak ist gewonnen, der Frieden hat noch nicht begonnen. In der chaotischen Übergangszeit justieren Befürworter wie Gegner der Invasion ihre Argumente. Zu den Überraschungen des Kriegs gehört ja die Tatsache, dass sich die Protagonisten beider Seiten durch den Kriegsverlauf vollständig bestätigt fühlen. Wir haben Recht gehabt, schallt es aus dem Weißen Haus nach Europa hinüber, wir waren die Weitsichtigen, ruft Klaus Staeck im Namen von Millionen deutscher Kriegsgegner zurück. Das paradoxe Schauspiel lässt sich nur damit erklären, dass sich die Wortführer nachträglich nur an diejenigen ihrer Voraussagen erinnern, die durch die Ereignisse bestätigt scheinen, und entschlossen jene anderen vergessen, die widerlegt worden sind.
Was die Strategen der amerikanischbritischen Koalition betrifft, so hat sich eine ihrer am heftigsten bestrittenen Annahmen als richtig erwiesen. Der Krieg gegen den irakischen Diktator ist nicht nur schnell, sondern auch erstaunlich unblutig gewonnen worden. Der rasche Sieg hat überdies erdrückendes Beweismaterial für eine vor allem von Tony Blair vorgetragene Anklage erbracht, die von vielen Kriegsgegnern als Gräuelpropaganda abgetan worden ist: dass es sich nämlich bei Saddam Husseins Regime nicht um irgendeine Diktatur, sondern um eine der schrecklichsten Tyranneien der jüngeren Geschichte gehandelt hat.
Wer die entsprechenden Berichte gelesen und das Herz hat, über den Sturz Saddam Husseins - unter Hinweis auf die vielen anderen Diktaturen in der Welt - mit den Achseln zu zucken, ist ein Schuft und zeigt damit nur, dass ihm die Verdammung der USA mehr am Herzen liegt als das Schicksal der Entrechteten, in deren Namen er zu sprechen meint. Was immer nach dem Sieg der Koalition kommen mag, es wird auf jeden Fall erträglicher sein als Saddams Schreckensherrschaft.
Aber wie steht es mit den übrigen Ansagen und Versprechen der stolzen Sieger aus dem Weißen Haus und aus der Downing Street? Für den offiziellen Kriegsgrund, die Existenz und Herstellung von Massenvernichtungswaffen im Irak, ist bekanntlich kein Beweis gefunden worden. Es wird immer deutlicher, dass die Weltöffentlichkeit von den Kriegsherren, die sich offenbar auf die Berichte von Scharfmachern - oder auf willige Helfer? - in ihren Geheimdiensten stützten, getäuscht worden ist. Ein solcher Vorwurf an zwei Führer des Westens, die sich in jedem zweiten Satz auf die Moral berufen, ist keine Kleinigkeit und muss in einer Demokratie ein Nachspiel haben. Am schlimmsten aber ist, dass sich die Befreier zwar mit großer Sorgfalt auf den Krieg, aber nur äußerst dilettantisch auf den Nachkrieg vorbereitet haben und jetzt schon Gefahr laufen, den Frieden zu verlieren.
In einer Hinsicht haben alle Kriegsgegner dieser Welt Recht behalten: Der Krieg gegen den Irak war ein längst beschlossener Krieg; er hatte wenig oder nichts mit einer aktuellen Bedrohung der USA durch irakische Massenvernichtungsmittel und wahrscheinlich nicht allzu viel mit einer "humanitären Intervention" zu tun; er war nach den derzeitigen Maßstäben des Völkerrechts ein völkerrechtswidriger Krieg, und die Völkergemeinschaft hatte nie eine ernsthafte Chance, ihn abzuwenden.
Aber wie steht es mit den übrigen Argumenten und Voraussagen der Kriegsgegner? Umweltminister Jürgen Trittin sah 40 000 bis 200 000 Kriegsopfer bei einem Angriff auf den Irak voraus. Angelika Beer war sicher, dass der ganze Nahe Osten explodieren würde. Peter Scholl-Latour, der greise König aller Unken, hatte schon vor dem Afghanistan-Krieg zu Protokoll gegeben, die Amerikaner hätten nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr gewonnen. Für den Irak-Krieg prophezeite er brennende Ölfelder und jahrelange Häuserkämpfe. Trotz solcher - wie soll man es höflich sagen - extrem weitsichtigen Prognosen blieb und bleibt Scholl-Latour ein andächtig befragter Talkshow-Gast. In den Wochen vor Beginn des Irak-Kriegs konnte man ihn manchmal gleichzeitig auf zwei oder drei TV-Kanälen sehen. Offenbar sagte und sagt er genau das, was viele Deutsche wider alle Evidenz und besseres Wissen hören wollen. Inzwischen hat er einen bevorstehenden Angriff der USA auf Iran angekündigt. Man darf sicher sein, dass niemand ihn an diese Voraussage erinnern wird, nachdem sie sich - das wage ich vorauszusagen - wiederum als falsch erwiesen haben wird.
Ich lebte in den Wochen vor und während des Kriegs in Washington, D. C. Dieser Zufall hat meine ursprüngliche Gegnerschaft gegen den Bush-Krieg eher bestärkt als besänftigt. Zwar kenne ich nur schlechte, keine guten Gründe gegen die Vertreibung von Menschenschindern und Tyrannen wie Saddam Hussein, möge sie denn auf friedlichem Wege oder durch eine militärische Invasion bewirkt sein.
Dennoch war ich gegen diesen Krieg - vor allem aus einem Grund: weil der Kriegsherr G. W. Bush war und die radikalste antiliberale Regierung anführt, die das Land bisher gesehen hat.
Wenn man im Herzen einer Krieg führenden Welthauptstadt lebt, schärfen sich die Sinne für den innenpolitischen "fall-out" eines "Befreiungskriegs": die keineswegs verordnete, eher freiwillige Verwandlung der Nachrichtensender in Instrumente der Regierungspropaganda; die schamlose Panikmache durch die neu geschaffene Riesenbürokratie der "Homeland Security"; die Festsetzung zahlreicher amerikanischer Bürger arabischer Herkunft und die Verweigerung ihres Rechts, einen Anwalt zu sehen; die primitive antieuropäische Hetze in den Medien.
Aber jeder Kriegsgegner, gleichgültig auf welcher Seite des Atlantiks und aus welchen Gründen er seine Stimme erhoben hatte, stand plötzlich vor einer Wahl, als der Krieg begonnen hatte. Er musste sich entscheiden, wie weit er in seiner Ablehnung der amerikanisch-britischen Invasion gehen wollte. Sollte er sich klammheimlich oder sogar offen freuen, als der Vormarsch der "coalition forces" im Süden von irakischen Milizen schon nach wenigen Tagen gestoppt schien? Sollte er der irakischen Armee und den Milizionären nicht sogar die Daumen drücken und ihnen zu jedem abgeschossenen amerikanischen Hubschrauber gratulieren? Ihnen wünschen, dass sie möglichst viele der Angreifer töten oder gefangen nehmen würden? Oder sollte er, nachdem der Einmarsch nicht mehr zu verhindern war, den Truppen der Koalition Erfolg wünschen und hoffen, dass sie möglichst rasch und unter möglichst geringen Verlusten in der Zivilbevölkerung und in den eigenen Reihen Bagdad erreichten und den Tyrannen stürzten?
Die Entscheidung für die zweite Option zog unweigerlich eine weitere Entscheidung nach sich: die Antwort auf die Frage nämlich, was man eigentlich für schlimmer hielt - das Terrorregime von Saddam Hussein oder G. W. Bushs Amerika, das, aus welchen Gründen immer, ausgezogen war, den Tyrannen zu entmachten.
Mein Eindruck ist, dass sich die meisten deutschen Kriegsgegner in dieser Frage entweder gar nicht oder gegen die USA - als das bei weitem größere Übel - entschieden haben. Vieles, was ich in diesen Tagen über die grotesk übertriebenen oder schlicht gefälschten amerikanisch-britischen Informationen über Saddam Husseins Waffenprogramm lese, irritiert mich. Ich teile die Empörung, aber ich höre auch einen falschen Unterton. Es entsteht der Eindruck, als wäre das größte, das "eigentliche" Verbrechen in der Region die amerikanische Invasion und nicht etwa das Regime des Massenmörders Saddam gewesen.
Doch gab es jenseits der falschen und vorgeschobenen Gründe nicht auch ein paar gute Gründe für diesen Krieg? Ist es, von der Frage der Legitimität einmal abgesehen, etwas Gutes oder Schlimmes, wenn demokratische Staaten ein Volk von einem Tyrannen befreien, das sich seiner aus eigenen Kräften erwiesenermaßen nicht entledigen konnte? Und worauf gründet sich eigentlich die felsenfeste Überzeugung so vieler Deutscher, das ehrgeizige Projekt eines Demokratie-Imports - das bei ihnen so gut funktionierte - könne unter Arabern keinesfalls gelingen?
Man wird einwenden, dass die Kreuzzügler aus dem Pentagon andere Interessen im Auge haben als die Menschenrechte im Irak. Ich widerspreche nicht. Aber vom Standpunkt eines politischen Gefangenen im Irak, das hat Adam Michnik entgegnet, ist es ziemlich gleichgültig, ob es eine liberale oder eine neokonservative amerikanische Regierung war, die ihn befreite. Es kommt in der Geschichte vor, dass die falschen Leute aus höchst zweifelhaften Gründen etwas Richtiges tun. Und es bleibt das Problem vieler Friedensfreunde, dass sie den Krieg nur aus der Perspektive ihrer Wut gegen den Aggressor USA betrachten, nicht aus der Perspektive der Opfer von Saddam Husseins Diktatur.
Was ist eigentlich wichtiger: das Wohl der Bürger im Irak oder das Wohl der eigenen vorgefassten Überzeugungen?
Die beispiellose Einmütigkeit, die sich zumal in Deutschland - anders als im Fall des Vietnam-Kriegs - gegen den Irak-Krieg herausbildete, hatte etwas Beängstigendes. Kurz vor Kriegsbeginn traten Hunderte Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler - vor allem deutsche - mit einem neuerlichen Aufruf gegen den Krieg an die Weltöffentlichkeit. Zu diesem Zeitpunkt wiesen alle Umfragen bereits eine 80- bis 90-prozentige Zustimmung der Deutschen zu dieser Haltung auf. Welchen Mutes, welcher Zivilcourage bedurfte es eigentlich, in einem solchen Umfeld noch einmal die warnende Stimme der Intellektuellen zu Gehör zu bringen? Waren 90 Prozent Zustimmung nicht genug? Mussten auch noch die letzten 10 Prozent der Deutschen überzeugt werden?
Eines der friedensfremden Motive, das in dieser Einmütigkeit mitschwang, hat Günter Grass in einer in Halle gehaltenen Rede benannt. "Man hat uns Deutsche oft gefragt, ob wir stolz seien auf unser Land. Die Antwort fiel schwer. Und es gab Gründe für unser Zögern. Ich kann sagen, dass mich die Ablehnung des jetzt begonnenen Präventivkrieges durch die Mehrheit der Bürger meines Landes ein wenig stolz auf Deutschland gemacht hat ... Zum ersten Mal hat die Regierung von dieser (1990 erlangten) Souveränität Gebrauch gemacht, indem sie den Mut hatte, dem mächtigen Verbündeten zu widersprechen ..."
Und kein Wort über das verbrecherische Regime, dem dieser Präventivkrieg galt? Bedurfte es ausgerechnet eines aus 90 von 100 deutschen Kehlen ausgestoßenen Protestschreis gegen die USA, den ehemaligen Befreier, um den "Stolz, ein Deutscher zu sein", wiederzuentdecken? Ich würde eher andere Anlässe nennen, um meinem ebenfalls schwach ausgeprägten Stolz, ein Deutscher zu sein, Beispiele zu verschaffen: etwa den Entschluss der rot-grünen Koalition, an einer - übrigens von der Uno ebenfalls nicht legitimierten - Intervention der Nato zur Beendigung der ethnischen Raserei im Kosovo teilzunehmen.
Die Aufgaben, vor die der prekäre Sieg im Irak die westlichen Demokratien stellt, verlangen den Rechthabern beider Seiten ein paar unbequeme Einsichten ab. Nichts wäre schlimmer, als wenn sich die Amerikaner, die sich selbst gerufen haben, nach dem Sieg so rasch wie möglich aus dem Irak zurückziehen würden. Beim Aufbau des von Diktatur und Krieg geschundenen Irak werden die Sieger gerade die geschmähten Kriegsverweigerer aus Europa dringend brauchen. Auf dem Balkan, aber auch in Afghanistan hat sich gezeigt, dass die Europäer beim Aufbau ziviler Strukturen in einem zerstörten Land mehr Geduld und Empathie aufbringen als die Verbündeten aus Übersee und dabei auf mentale und kulturelle Ressourcen zurückgreifen können, die jenen eher fehlen.
Jürgen Habermas hat in einem Manifest die kulturellen und historischen Unterschiede zwischen Europa und den USA herausgearbeitet und einen bemerkenswerten Vorschlag gemacht: Ebenjene europäischen Pionierländer, die vor bald 50 Jahren den Anstoß zur wirtschaftlichen Vereinigung gegeben haben, sollten sich nun zu einer politischen Union zusammenschließen und damit ein Modell für das übrige Europa schaffen. Hier sei nur angemerkt, dass eine ähnliche Diskussion über die Unterschiede in den USA stattfindet, die das Thema freilich viel brutaler formuliert: Gibt es überhaupt noch eine Gemeinsamkeit zwischen Europa und den USA? Und warum sollte man sich, falls es sie noch gibt, dafür ernsthaft interessieren?
Der anmaßende und selbstgerechte Stil der gegenwärtigen amerikanischen Administration sollte von den Europäern als eine Gelegenheit wahrgenommen werden, sich endlich ein politisches Gesicht zu geben. Die erste Bedingung für diesen Qualitätssprung wäre freilich die Verabschiedung von einer Arbeitsteilung, aus der Europa viel falsches Selbstbewusstsein zieht: Wenn es darauf ankommt, sagen wir, verstehen sich die Amerikaner nur aufs Schießen und aufs Bomben, wir schicken dann die Sanitäter und bauen wieder auf. Die Überzeugung, dass "das Böse", von dem die Amerikaner so gern sprechen, nur eine amerikanische Obsession sei, ist selbstverständlich eine europäische Illusion. Ein neues Europa mit der alten Arbeitsteilung - es wäre nur das alte, besserwisserisch-geschwätzige und ohnmächtige Europa.

Beitrag beantworten

Zurück ins Forum

Unten der Beitrag und die bisherigen Antworten. Sie befinden sich in dem Beitrag mit dem grünen Pfeil.
Die letzten 10 Beiträge im Forum Aktuelles und Neuigkeiten