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Geschrieben von Murmeline am 04.02.2005, 18:16 Uhrzurück

Aloe Vera...Humbug oder Heilmittel;-)

Es wird wahrscheinlich kaum jemand geben, der noch nie von Aloe Vera gehört hat. Besonders wenn man den sogenannten "alternativen Heilmethoden" nicht abgeneigt ist, stolpert man unweigerlich eher früher als später über diese Wüstenpflanze. Der Name Aloe stammt wahrscheinlich vom arabischen "alloeh" und dem hebräischen "halal" ab, was soviel wie glänzend und bitter bedeutet. Aloe wird als Wundermittel angepriesen, dessen Heilkraft man seit über 4.000 Jahren zu schätzen weiß. Das Mittel enthalte über 300 Wirkstoffe, die allesamt eine positive Wirkung auf den Organismus ausüben, aber keine Nebenwirkungen haben sollen. „Diverse Gesundheitswellen und entsprechende Werbung schlagen sich heute [...] in einer Liste von Anwendungsgebieten nieder, in der fast keine Krankheit ausgelassen wird.“ [1] Akne und Hämorrhoiden, Gastritis und Schuppenflechte und sogar Krebs oder AIDS[!]

Auf der Suche nach Informationen zu der besagten Pflanze wird man mit einer Menge von Produkten konfrontiert, für die mit einer Mischung aus Aggressivität und Naivität geworben wird. "Moses, Jesus, Marco Polo, Cleopatra, Alexander der Große, Mahatma Gandhi und andere Berühmte müssen als Beispiele für die 'außerordentlichen Heilkräfte' herhalten. Beweise gibt es dafür natürlich nicht. Überzeugt das noch nicht, dann führt der Verkäufer oft sich selbst als Kronzeugen an, der durch die Wüstenpflanze lästige Beschwerden erfolgreich bekämpfen konnte." [2]

Trotz unterschiedlicher Anbieter ist allen Aloe-Vera-Produkten gemein, dass sie ausnahmslos sündhaft teuer sind. Bei 20 bis 90 € pro Liter vergeht einem schnell jedes Unwohlsein. Tägliche Dosieranwendungen von 100 ml und mehr werden in der Regel empfohlen. Um die individuelle Einnahmedauer der Aloe-Produkte zu bestimmen, kommt man schnell auf die Gleichung, dass sich das Denkvermögen umgekehrt proportional zu der Dicke der Brieftasche verhält. Besonders, wenn Aloe als tägliche prophylaktische Nahrungsmittelergänzung propagiert wird.

Bevor der klare Verstand von der Werbeflut getrübt wird und man über den Kauf von Aloe nachdenkt, sollte man drei Dinge klarstellen:

1. Was ist der Grund für die überhöhten Preise?
2. Ist Aloe Vera ein Arzneimittel?
3. Gibt es Nebenwirkungen

Nachfolgend werde ich versuchen, jede dieser drei Fragen systematisch zu beantworten:

1. Warum sind die Aloe-Vera-Produkte so unverschämt teuer?

Der Markt mit Aloe-Vera-Produkten boomt. Nur sind es keine vielbeschimpften Pharmakonzerne, die sich des stets wachsenden Umsatzgewinns erfreuen, sondern meist schlecht durchschaubaren "Networking"-Systeme, bekannt auch als Multi-Level-Marketing (MLM). Ähnlich wie bei den verbotenen Pyramiden- und Schneeballsystemen muss der neue MLM-Mitarbeiter ein Produkt aus der Angebotspalette zu einem vorher festgelegten Mindestpreis erwerben. Zu den ersten Kunden, an denen die frischgebackenen MLM-Verkäufer ihr Geschick üben, zählen Freunde, Bekannte und Verwandte. Es gibt kaum ein Produkt, das MLM nicht vertreibt: Kochtöpfe, Staubsauger, Kosmetik, Plastikgeschirr, Reinigungsmittel, Diätcocktails, Vitamine und Kräuter.

Für den Rekruten beginnt der Leidensweg oft mit einem Präsentationsabend, zu dem man eine Einladung von einem Bekannten oder Familienangehörigen kriegt. Nicht selten sind die Präsentationen kostenpflichtig. Die meisten Pyramiden- und MLM-Organisationen schützen sich vor unerwünschten Besuchern, indem der Besucher den Gastgeber beim Namen nennen muss, um hereingelassen zu werden. Solche Veranstaltungen laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Eine freundliche, charismatische Person kommt nach vorn und erzählt, wie sehr doch ihr Leben durch "das Produkt" verändert oder zumindest vereinfacht wurde. Dies wird mit ein paar Erfolgsstories aufgepeppt, begleitet mit einem heftigen Beifall. Geschmückt wird die Story mit Zahlen und Beispielen und dem Publikum wird suggeriert, es gäbe keinen einfacheren Weg, Geld zu verdienen, weil jeder das Produkt haben will. Und das den ganzen Abend lang in einer nicht enden wollenden Atmosphäre von Begeisterung.

Die MLM-Firmen versprechen Provisionen für jeden neu geworbenen Vertriebsmitarbeiter, denn an seinem Umsatz verdienen alle, die über ihm im System stehen. Um auf ihre Kosten zu kommen - meist haben die neuen Mitarbeiter Umsatzschwierigkeiten wegen der hohen Preise ihrer Produkte bei vergleichsweise geringem Nutzungspotential -, müssen sie auf aggressive Werbestrategien, einstudierte Rhetorik, Täuschungsfähigkeit und eine bunte Palette Beispiele vom frühsten Altertum bis in die Gegenwart zurückgreifen. [3] Nicht selten erweist sich die als einfach vorgestellte Nebenbeschäftigung als totales Desaster. Die Resignation darüber, dass man der Verlierer im System ist, entnervte Freunde und Nachbarn, aufgelöste Freundschaften und ein Vertrag im Rücken, der zum Kauf nächster Lieferung verpflichtet im Zusammenhang mit eventuellen finanziellen Schwierigkeiten, die erst den Anstoß gaben, zu einer MLM-Präsentation zu gehen, lässt viele in einen nicht enden wollenden Kreislauf geraten. Nach den Informationen der "Nationalen Vereinigung der Generalstaatsanwälte" (US Court) standen Beanstandungen über Marketing- und Pyramidenschemata bereits an zehnter Stelle auf ihrer Liste der häufigsten Verbraucherbeschwerden.

Die MLM-Firmen leben vom Verkauf ihrer Ware an die eigenen Mitarbeiter. Die Händler an der Basis der Pyramide bilden den eigentlichen Markt. Wie und ob die Verkäufer ihre Ware loswerden, ist nebensächlich. Wichtig ist, dass er gleich nach dem Kauf der ersten Lieferung ans Rekrutieren geht. Das ist das eigentliche Ziel des Systems. [4] Der Preis richtet sich nach dem Umfang der Hierarchie, da ja jeder im System an dem Umsatz der Rekruten verdienen will. Diese einfache Tatsache ist der Grund, warum alle MLM-Produkte ausnahmslos überteuert sind.

2. Ist Aloe Vera ein Arzneimittel?

Aloe Vera wird von vielen Distributoren als Nahrungsmittelergänzung bzw. Vitalgetränk vertrieben. Das widerspricht jedoch oft dem Inhalt ihrer Werbung, in der die Eigenschaften der Pflanze eindeutig medizinischen Charakters sind. Fakt ist aber, dass der Aloe Vera Saft und Gel in Deutschland vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) - jetzt Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) - aufgrund ihrer Zweckbestimmung als Arzneimittel eingestuft werden. [5] Da eine Zulassung als Arzneimittel für die Produkte in Deutschland nicht existiert, wird versucht, Aloe als Lebensmittel absetzen. [6] Jedoch: Für Lebensmittel und auch Nahrungsergänzungsmittel darf nicht mit irreführenden Angaben, Darstellungen oder Aussagen geworben werden. Laut Europäischer Arzneimittel-Richtlinie 65/65/EWG gilt: Wer Lebensmittel mit heilenden oder vorbeugenden Aussagen in den Verkehr bringt, erklärt diese automatisch zu Arzneimitteln und ist dann für das illegale In-Verkehr-bringen von Arzneimitteln zur Rechenschaft zu ziehen. [7] Es ist zweifelhaft, dass es den Vertriebsmitarbeitern, vom Verbraucher ganz zu schweigen, die Problematik bewusst ist.

3. Gibt es Nebenwirkungen zu befürchten?

Lebensmittel dürfen im Allgemeinen über keine nachgewiesenen unerwünschten Nebenwirkungen verfügen. Also versucht man Aloe als solches zu vermarkten. (s.o.) Der Widerspruch liegt hier auf der Hand: einerseits schreiben die Hersteller und Vertreiber der Pflanze über 300 medizinisch relevante Wirkstoffe zu, die gegen allerlei Leiden wirksam sein sollen und die Pflanze dabei so harmlos wie Kopfsalat ist. Andererseits ist der Segen der Menschheit und Heiliger Gral der Medizin lediglich "Vital-" oder "Fitnessgetränk", das dazu noch auf solch eine uneffektive Art und Weise vertrieben wird.

Die Realität sieht so aus, dass die am Verkauf beteiligten MLM-Firmen bewusst vermeiden, jede therapeutische Wirkung direkt zu erwähnen, um nicht zur Zielscheibe der Behörden zu werden. Man beruft sich stattdessen auf die Erfahrungen der Kunden und überlässt die Anpreisung des Produkts den ahnungslosen Händlern an der untersten Stufe der Pyramide (s.o.). Statt eindeutiger Produktbeschreibungen, wie man es vom Beipackzettel gewohnt ist, „vertrauen [sie] auf ‚Zeugnisse’ und ermuntern die Menschen, ihre Produkte zu versuchen und jede möglicherweise auftretende Verbesserung schriftlich festzuhalten und der Firma als ‚testimonial’ mitzuteilen“. [8]

Wie sieht es denn mit klinischen Studien aus? Laut arznei-telegramm gibt es lediglich fünf [!] randomisierte kontrollierte Studien zu Aloe Vera. „Bei der Behandlung von Druckulzera wirkt Aloe-Gel in einer Studie mit 49 Patienten nicht besser als in Kochsalzlösung getränkte Gaze. Als Zusatz zur Standard-Wundversorgung scheint es den Heilungsprozess nach einer Untersuchung mit 40 Patienten sogar zu hemmen[!] Vorbeugend bei perkutaner Strahlentherapie aufgetragen, ist Aloe-Gel bei 194 Brustkrebspatientinnen im Vergleich mit Plazebo in allen geprüften Endpunkten (Schweregrad, Dauer, Zeit bis zur Manifestation der Strahlendermatitis) ohne Nutzen. Eine nachgeschobene Studie mit 73 Patienten vermag das Ergebnis nicht zu widerlegen“ [5]

Über welche Wirkstoffe verfügt die Pflanze, die laut aller am Verkauf Beteiligten Wunder bewirken? Prinzipiell werden zwei Rohstoffe aus Aloe gewonnen: Aloe-Gel, ein visköser Schleim, aus dem Mark der Blätter und Aloe-Latex bzw. Aloe-Saft, ein bitter schmeckendes Exsudat, aus der Blattrinde. Während die reinen Bestandteile von Aloe-Gel Kohlenhydratpolymere wie Glukomannane[3] (seit Mitte April 2002 in Gelee-Süßwaren wegen Erstickungsgefahr verboten) oder Pektinsäure[3] wenig Grund zur Bedenklichkeit geben, enthält der Aloe-Vera-Saft Anthrachinonglykoside (Aloin A und B), die bei Überdosierung zu Mikroblutungen im Verdauungsbereich führen können. Die Anthrachinone oder Anthranoide können bei Daueranwendung zu schweren Störungen des Wasser- und Elektrolythaushaltes führen. Da die Aloine eine Wirksamkeit im untersten Milligrammbereich zeigen, ist von Anwendung des Aloe-Saftes abzuraten. Darüber hinaus werden Aloine als mutagen und kanzerogen eingestuft.

„Bereits damals wurde auf eine Studie von Siegers et al. (1993) verwiesen, die zeigen konnte, dass nach einer 9-12monatigen Einnahme eine Verfärbung bzw. Pigmentierung des Darmes resultiert, die sich bei einer Darmspiegelung (Endoskopie) erkennen lässt. Diese sog. Pseudomelanosis coli ist ein sicheres Zeichen für einen dauerhaften Laxantienmissbrauch (Siegers et al. 1993). Vor nun fast einem Jahrzehnt konnte in der gastroenterologischen Abteilung der Universitätsklinik Lübeck bei 3.049 untersuchten Patienten, die sich einer Darmspiegelung unterziehen mussten, nachgewiesen werden, dass die Häufigkeit einer Pseudomelanosis coli bei Patienten mit Adenomen des Darms mit 8.64% signifikant (p < 0,01) höher war als bei einem adenomfreien Vergleichskollektiv (3.13%). Dies lässt den Schluss zu, dass dauerhafter Konsum pflanzlicher Abführmittel zu tumorösen Veränderungen des Darms führen kann. Verstärkt wird dieser Verdacht von Laborstudien (Schörkhuber et al. 1998), die eine Wachstumsstimulation von Kolonkarzinomzellen im Zellkulturversuch durch 1.8-Dihydroxyanthraquinone nachweisen konnten, welche sich u.a. in Aloe-Säften finden ließen.“ [9]

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die Anwendung von anthranoidhaltigen Arzneimitteln einschließlich Aloe bereits mit Wirkung vom 1. Februar 1997 auf die maximal zweiwöchige Verwendung als Laxans beschränkt und sämtliche weiteren Indikationen untersagt. [5]

Einige Hersteller geben zwar an, Aloine abzutrenen, geizen aber mit Informationen über technische Details. Neben den Spuren von Aloinen verderben Aloe-Gel-Präparate ziemlich schnell und können deshalb Verunreinigungen durch Keime enthalten. Um Aloe für die Verwendung haltbar zu machen, greifen die Hersteller wohl oder übel auf Konservierungsstoffe zurück. (Natrium-Benzoat (Benzoesäure, E 211) oder Kaliumsorbat (E 202). Beide können bei empfindlichen Personen allergieauslösend sein.) Unter dem Aspekt, ein Naturprodukt zu vertreiben, hätte der Verbraucher ein Recht darauf, es zu erfahren. Auch die vielgerühmten Vitamine und Mineralstoffe sind allenfalls nur in Spuren vorhanden, und die Behauptung, Aloe enthalte kein Cholesterin, trifft auch auf alle Pflanzen zu. [10]

Fazit:

Da es keinen Wirksamkeitsnachweis für Aloe-Vera-Erzeugnisse gibt, und Studien und Dokumentationen der US-Gesundheitsbehörde mehr Schaden als Nutzen belegen [11], ist von der innerlichen Einnahme von aloehaltigen Erzeugnissen dringendst abzuraten. Auch „die Verwendung als Laxans lässt sich wegen des kanzerogenen und genotoxischen Potenzials allerdings nicht rechtfertigen.“ [5]


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[1] Aloe Vera: ein Allheilmittel?
[2] psoriasis-netz.de
[3] Auf vielen Werbeseiten zu Aloe Vera steht folgendes: "Cleopatra und Nofretete schätzten den wohltuenden Saft und verwendeten ihn zur täglichen Haut- und Schönheitspflege. Der Gebrauch von Aloe Vera galt als Streben nach körperlicher Schönheit." Wenn man's aber genau nimmt, würde kaum jemand das Altertum als das Zeitalter der Medizin und erstklassiger Körperpflege bezeichnen. Die Damen des Altertums und Mittelalters strebten ebenfalls nach körperlicher Schönheit, indem sie sich mit blei- und arsenhaltigen Stoffen schminkten. Gibt es heute jemanden, der Blei oder Arsen als Quelle ewiger Jugend verkaufen will?
[4] Die MLM- Marketing-Literatur unterstreicht fast einheitlich die einzigartige finanzielle Gelegenheit, sein Geld zu verdienen, indem man "sich dupliziert", anstatt die Verkaufsgeschäfte persönlich zu tätigen. [.....] Händlerrekrutierung ist der Name dieses Spiels. [.....] Wann aber überschreitet man die Grenze von einem legalen zu einem illegalen Aufbau einer Downline? Die US-Gerichte verwenden in zunehmendem Maße eine ganz einfache Regel, die besagt, dass im MLM mindestens 70 % des Einkommens durch Einzelhandelsverkäufe an echte Kunden (keine MLM-Händler) erzielt werden müssen. Wenn weniger als 70 % der Einkommen aus Verkäufen zu Nichthändlern stammt, verurteilen die Gerichte die MLM- Firmen wegen unendlicher Händlerrekrutierung, kurzum wegen Betreibens eines Pyramidensystems. (mlmwatch.de)
[5] arznei-telegramm.de
[6] ariplex.com
[7] Verbraucherzentralen BaWü, BrdBg, NRW
[8] mlmwatch.de
[9] ParaleXX-Files
[10] spectralservice.de
[11] Im Zusammenhang mit Aloe-Vera-Präparaten wurden beobachtet: Blutdruckanschwankungen, Panikattacken, Gedächtnisverlust, Meningitiden u.a. unerwünschte Nebenwirkungen in Kombination mit anderen Präparaten. (ariplex.com)

@Tinessa: wenn Du wirklich Neurodermitis hättest, wüsstest Du vermutlich, wie diese bedauernswerte Krankheit richtig geschrieben wird*zwinker*

Sorry, Murmeline

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