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Geschrieben von fiammetta am 09.07.2004, 13:29 Uhrzurück

Re: 50 Stunden Woche und eine Woche weniger Urlaub

Hi,

ich muß Stephie, Elisabeth und Schlumpie in ihren Ansichten recht geben. Schlüsseln wir`s `mal auf:

1. Ich habe längere Zeit in Italien gelebt und studiert, weiß also, daß man - nicht nur - dort wesentlich länger arbeitet, oft zwei oder gar drei Jobs hat, frei ist meistens nur der Sonntag, man arbeitet abends länger als die - ach so gnadenlosenen - 17 Uhr und das auch noch bei weniger Verdienst und weniger Urlaub. 50-60 Stunden pro Woche sind keine Seltenheit. Außerdem MÜSSEN die meisten Frauen arbeiten, da sonst sämtliche Kosten nicht zu bezahlen sind. Und - welch Wunder! - es funktioniert. Es ist tasächlich Einstellungssache, d.h. in Italien wartet niemand darauf, daß ihm der Staat den Hintern hinterherträgt. Ich meine damit Leute, die sehrwohl arbeiten könnten, wenn sie denn wollten. Kindergeld, Erziehungsgeld, Arbeitslosengeld etc. gibt es, wenn überhaupt - in sehr geringen Dosen. Ich kenne keinen Italiener (und als Übersetzerin/Dolmetscherin kenne ich mehr als genug), der ständig nur das Negative am Arbeitsleben sieht und betont, sich permanent ausgebeutet fühlt oder ständig mit der Stopuhr die Minuten zählt. Wenn man sich darüberhinaus die Arbeitsbedingungen vielerorts ansieht, bekommt man aus deutscher Sicht oft einen regelrechten Kulturschock. Fortbildung bezahlt sich der Arbeitnehmer selbst, etc. Und trotzdem: Arbeit = soziale Kontakte, Anerkennung, Beweis der eigenen Leistungsfähigkeit, Einkommen, Prestige = Befriedigung. Es ist also doch Einstellungssache.

2. Nein, totschuften mag ich mich auch nicht. Aber: die jungen Männer, die bei uns in der Gegend sterben, hatten entweder einen haarigen Verkehrsunfall, waren krank oder haben bei - zumeist - BMW oder Wacker am Fließband oder in der Chemieindustrie für eine Menge Geld geschuftet. Die Arbeitsbedingungen in der Fabrik sind - aus meiner Sicht - unerträglich, aber allen hinlänglich bekannt, d.h. niemand muß dort arbeiten. Allerdings kann man sich mit dem "Beruhigungs"geld eine Menge leisten - v.a. die werte Gattin, die selbst nicht arbeitet... Wie sagte meine liebe Schwägerin auf die Bemerkung, ihr Mann sehe ziemlich schlecht aus: "Aber ein schönes Geld ist`s schon!" Die Gründe für`s totmalochen sind also andere.

3. Ich bin Freiberuflerin und arbeite mindestens 20, oft jedoch bis zu 90 Stunden pro Woche. Täte ich das nicht, säße ich hier auf dem Land, beim Arbeits- oder Sozialamt, da ich in dieser Gegend als höchst überqualifiziert gelte. Mein Mann will aber nicht von hier fort. Mit dem Geld, daß ich verdiene, muß ich auch meine Sozialleistungen und Steuern vollkommen alleine bezahlen, was mich jeden Monat fast gegen die Wand knallt, v.a. wenn ich sehe, wie sich o.g. andere ohne Leistung das Leben schön machen. Zum Parasiten eigne ich mich aber nicht, ich würde mich auch dafür schämen, also arbeite ich bis zum Burn-Out-Syndrom, das ich letztes Jahr hatte. Mehr als eine Woche Urlaub haben wir auch schon lange nicht mehr gehabt. Also vonwegen 6 Wochen Urlaub und noch ein paar Brückentage und jedes Wochenende frei. Für uns wäre das das Paradies, nur leider eben nicht machbar. Bei vielem, was ich arbeite, kann ich kaum etwas in Rechnung stellen bzw. werde dann zu teuer und komme für weitere Aufträge nicht mehr in Frage, was wiederum kein Geld bedeutet. Allerdings stelle ich mit dann die Frage, wenn Selbständige, Freiberufler und Menschen in anderen Ländern das können - wohlgemerkt ohne sich dabei dumm und dämlich zu verdienen -, warum können dann dem deutschen Arbeitnehmer nicht ein paar Stunden mehr abverlangt werden? Sonst fordert er doch auch immer "Gleiches Recht für alle"...
Anders ausgedrückt, ich finde es maximal lächerlich, immer nur Forderungen nach mehr Geld / Freizeit / etc. zu stellen, wenn man selbst nicht mehr Leistung erbringen will. Diese soll ja belohnt werden. Aber machmal ist der Lohn eben auch der schlichte Erhalt des Arbeitsplatzes. Was immer wieder auffällig ist, ist, daß der Arbeitgeber als caritative Einrichtung betrachtet wird statt als Leiter eines - egal wie großen - Wirtschaftsunternehmens. Nenne ich bei manchen Leuten diese Tatsache, so kommt bei uns immer wieder derselbe dümmliche Kommentar "Dann wär` er halt kein Arbeitgeber geworden." Dieser Satz alleine zeigt, in welche Richtung unsere Wirtschaft dank verbreiteten Profiteur-Denkens steuert, wenn nicht allmählich ein allgemeines Umdenken erfolgt.
Abgesehen davon, wie sagte Alice Schwarzer dereinst so schön treffend? "Man muß mehr fordert, um an Ende das zu bekommen, was man eigentlich will." Die 50-Stunden-Woche bei - huch! Ausbeutung! - nur fünf Wochen Urlaub (lassen wir `mal die Brückentage beiseite) im Jahr werden so schnell nicht kommen.

Schönes Wochenende!

Fiammetta

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