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Geschrieben von Elisabeth mit Fumi & Temi am 08.04.2005, 11:53 Uhrzurück

@ marit

Hallo Marit,

ja, ja, immer das Bodenpersonal Gottes....

Aber im Ernst: Ich habe auch ganz persönliche Erfahrungen gemacht, und die waren halt gaaaanz anders als Deine. Manchmal frage ich mich, wie man so viel Glück mit der Kirche haben kann, wie ich es bisher erlebt habe.

Ich kann Menschen verstehen, die - um beim Ausdruck zu bleiben - am "Bodenpersonal" ver-zweifeln und sich deswegen von der Kirche trennen. Ich finde es aber trotzdem schade - wobei ich die - ja, was? Schuld? Verantwortung? - eher bei dem besagten Bodenpersonal lassen würde. Aber irgendwann muß man auch zu einem erwachsenen Glauben kommen und die Veratwortung für seine Religiösität selber übernehmen. Seit ich erwachsen bin, suche ich mir meine Kirchengemeinden sehr bewußt aus. Ich gehe weder hier noch an unserem vorigen Wohnort in unsere Sprengelgemeinde - aus gutem Grund. Ich sehe da auch eine Verantwortung meinen Kindern gegenüber. Schließlich sollen die Kirche und Glaube als etwas Schönes, Positives, Verbindendes erleben. Wobei ich München schon problematischer erlebe als früher die Disapora (Hamburg, Berlin), in der ich aufgewachsen bin. Kann es sein, daß Katholiken in der Diaspora toleranter sind? Oder ist das eher ein Nord-Süd-Gefälle? Oder - was auch sein kann - haben meine Eltern auch darauf geachtet, von wem und wie ich Glauben vermittelt bekam? Fällt mir gerade auf, ich sollte sie das mal Fragen. Ich komme aus einer erzkatholischen Familie. Mein Onkel ist Jesuit. Auch er zweifelt öfter mal an der Kirche als Institution - allerdings würde er das NIE öffentlich tun, aber er ist auch schon jenseits der 80, da legt man sich nicht mehr so gerne mit Vorgesetzten an. Meine Oma ging jeden Tag in die Kirche - und hatte einen Krimi in einen Gebetsbuch-Umschlag gesteckt (wahrscheinlich war es die einzige Möglichkeit für eine Mutter von 8 Kindern, mal eine halbe Stunde Zeit für sich zu finden). Meine Eltern haben beide für katholische Organisationen gearbeitet und sind seit der Pensionierung ehrenamtlich weiter in verschiedenen Ausschüssen und Vorständen aktiv. Aber auch meine Eltern sind durchaus kirchenkritisch (Du solltest meine Mutter mal zu Hause hören, wenn sie sich mal wieder über irgendeinen senilen Pfarrer aufregt). Ich war auf einer Klosterschule (noch dazu einer Mädchenschule!), aber auch dort hatte ich ausschließlich Lehrer, die uns beigrbracht haben, kritisch aber liebevoll mit der Kirche umzugehen. Ich habe also gelernt, daß man der Kirche angehören kann, ohne zu allem Ja und Amen zu sagen. In der Schule habe ich auch noch die nötigen kirchenrechtlichen und bibeltheoretischen Grundlagen für diese kritische Auseinandersetzung mit der Kirche erhalten. Das ist definitiv mein großer Vorteil, die Basis für meinen Glauben und für meinen Umgang mit der Kirche. Ich habe Kirche die meiste Zeit meines Lebens als etwas sehr Positives und (das ist wichtig) Gestaltbares erlebt. Ich habe erst spät gelernt (bzw. ich lerne immer noch), welches Glück ich gehabt habe, daß ich in dieser Art von Religiosität aufgewachsen bin. Ich habe daraus aber auch den Drang, möglichst vielen Leuten zu erzählen: Auch das ist Kirche, so habe ich Kirche erlebt und so erlebe ich sie immer noch, und das ist eine Kirche, die richtig und wichtig und schön ist. Und ich weigere mich zu glauben, daß ich fast 40 Jahre lang nur die Ausnahmen von der Regel kennengelernt habe. Und - nochwas kommt dazu - selbst wenn Leute wie meine Eltern und ich die Ausnahme sein sollten: Ich kämpfe dafür, daß diese Ausnahmen zur Regel werden! Wenn alle positiven Ausnahmen austreten, bleibt nur der verkalkte und intolerante Rest übrig.

Boah, flammende Rede *grins*. Ich könnte noch sooo viel dazu schreiben. Es gibt Dinge in der Kirche, die viele nicht wissen, die auch in der Kirche nicht genug wahrgenommen werden, geschweige denn außerhalb. Wer weiß schon, daß derzeit bergeweise Priester mit psychischen Problemen in Behandlung sind, weil sie nach dem 2. Vatikanum voller Elan und Hoffnung das Prieseramt angetreten haben und dann erleben mußten, wie die Reformbeschlüsse vom gerade verstorbenen Papst peu á peu wieder rückgängig gemacht wurden? Ach, ich kann gar nicht sagen, was ich alles erlebe und wie schade ich es finde, daß in den Diskussionen immer nur über irgendwelche Dogmen und Kardinäle und "ich habe da mal gehört"-Halbwahrheiten gesprochen wird.

So, jetzt lasse ich es aber lieber wieder mit dem predigen, sonst verscherze ich mir hier noch alle Sympathien. Mir ist es halt wichtig, daß Kirche als das gesehen wird, was sie ist, und nicht so, wie sie in der Öffentlichkeit gerne dargestellt wird. Wobei ich zugeben muß: Die Kirche hat auch selber eine verdammt miese PR. Womit wir wieder beim Bodenpersonal wären.....

Schönen gruß,
Elisabeth.

P.S.: Nur, weil es mich in den Fingern juckt, folgendes Mal kurz zur Klarstellung: Die Kirche ist NICHT gegen Scheidung, sie hat lediglich Probleme mit der Wiederheirat. Ein Kirchenmitarbeiter wird also normalerweise erst gekündigt, wenn er wieder heiratet, die Scheidung führt nicht automatisch zur Kündigung. Die Ehe gilt als unauflöslich, Scheidung vor einem weltlichen Gericht ist also sozusagen ohne Konsequenz. Erst die Wiederheirat - weil die ja sozusagen automatisch zu wiederholtem und konsequentem GV außerhalb der von der Kirche anerkannten Ehe führt - führt zur Kündigung und auch zur Exkommunikation.

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