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1. Schuljahr - Elternforum 1. Schuljahr - Elternforum
Geschrieben von eleanamami am 24.11.2009, 16:37 Uhr.

Jürgen Reichen ist gestorben .......für alle die ihn kennen!

Ich habe es eben gelesen und stehe richtig neben mir.....kein anderer Lehrer hat mich so sehr geprägt wie er und eigentlich wollte ich noch so viel lernen von ihm!
Ich bin traurig!

Anbei ein Nachruf von Brüggelmann

Nachruf von Hans Brügelmann zum Tode von Jürgen Reichen
Zum Tode von Jürgen Reichen, langjährigem Mitglied der DGLS, hat Hans Brügelmann einen Nachruf verfasst.

Jürgen Reichen (27.8.1939 - 19.10.2009)
Eine kritisch-bewundernde Würdigung von Hans Brügelmann


"Lesen durch Schreiben" und "Werkstattunterricht" – seit 30 Jahren sind diese Konzepte mit dem Namen Reichen verbunden. Nach wichtigen VorläuferInnen in der Reformpädagogik war seit Anfang der 1980er Jahre Reichen einer der Entschiedensten, die diesen Ideen wieder Aufmerksamkeit verschafft hat. Reichen und seinen damals wenigen MitstreiterInnen ist es zu verdanken, dass Schriftsprache vielerorts nicht mehr als bloße Technik vermittelt wird, sondern als mächtiges Mittel sich auszudrücken und mit anderen zu kommunizieren.

Damals war Mut nötig zu fordern, was heute in der Didaktik fast schon Gemeingut ist und in der Praxis eher der Differenzierung bedarf. 500 Jahre Fibeltradition waren so fest etabliert, dass ein Verzicht auf Lehrgänge noch in den 1970er Jahren den meisten undenkbar schien. Mir persönlich haben Reichens Arbeiten damals geholfen das, was ich als Außenseiter am Schreibtisch gedacht hatte, entschiedener zu formulieren und trotz meiner Unsicherheit zu veröffentlichen. Reichen hatte seine Pädagogik und Didaktik im Schulalltag erfolgreich erprobt. Er konnte aus eigener Erfahrung zeigen, dass praktisch möglich war, was ich nur argumentativ begründen konnte.

Neben unserer Übereinstimmung in der Grundfrage, welche Bedeutung einer produktiven Schriftverwendung von Anfang an zukommen soll, gab es auch Meinungsverschiedenheiten. Wir haben freundschaftlich gestritten über die gesellschaftliche Bedeutung der Rechtschreibkompetenz und über die Notwendigkeit ihrer Förderung im Unterricht, über das Gewicht des Lesens als zweitem Bein des Schriftspracherwerbs und über die Rolle des Lehrers als Lernbegleiter. Und wir waren uneins über die öffentliche Darstellung unserer Konzepte, vor allem darüber, wie er seine Position in vielen Fortbildungen zugespitzt hat.

Aber Reformer haben es nicht leicht: Je differenzierter sie sich äußern, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass das Neue ihres Beitrags wahrgenommen – und nicht von der Tradition vereinnahmt wird. Je fokussierter und damit zugespitzter sie agieren, desto mehr setzen sie sich Missverständnissen aus: bei ihren KritikerInnen, aber auch bei ihren "JüngerInnen". Jürgen Reichen hat darunter gelitten, wie vordergründig seine Idee der Anlauttabelle in fast alle Fibeln aufgenommen wurde, ohne dass sich Gleich- und Kleinschrittigkeit des Lehrgangs bedeutsam verändert hätten, ohne dass Kinder tatsächlich von Anfang an die Möglichkeit bekommen haben, über das zu schreiben, was ihnen wichtig ist. Für ihn – wie schon 70 Jahre zuvor für Freinet – war das freie Schreiben nicht nur eine Methode und der Schriftspracherwerb nicht bloß Training einer Fertigkeit, sondern zu allererst ein Recht der Kinder, die Schrift als ein wirkungsvolles Medium zur Darstellung ihrer Vorstellungen und Interessen gegenüber anderen zu nutzen.

Reichen hat bewusst polarisiert. Weil er glaubte, nur so deutlich machen zu können, was sich ändern müsste. Aber auch, weil er die Rolle des Pioniers, ja des Gurus genossen hat. Er konnte Menschen begeistern – und was wäre die Pädagogik ohne Menschen, die die Welt in einem anderen Licht zeigen und die Mut machen, den Alltagstrott zu verlassen. Aber es ist schwer der Versuchung zu widerstehen, andere mit der eigenen Ausstrahlung zu verführen. Jürgen Reichen hatte es in dieser Hinsicht besonders schwer. Angesichts der Verkaufszahlen gängiger Fibeln fühlte er sich – trotz tiefgreifender Veränderungen in der didaktischen Diskussion - als Außenseiter und verkannt.

Ihm war wohl nicht bewusst, wie viel Einfluss er auf die Entwicklung der Grundschule, ihrer Didaktik und Methodik tatsächlich gehabt hat. So wie viele Lehrerinnen, die nach den Ferien frustriert erleben, dass ihre Kinder etwas können, was ihnen vor den Ferien nicht „beizubringen“ war, hat er die indirekte Wirkung seiner Aktivitäten unterschätzt – statt zufrieden, ja stolz zu sein, dass seine Impulse vielen anderen geholfen haben, ihren je individuellen „nächsten Schritt“ zu gehen, auch wenn er vielleicht kleiner ausfiel, als Reichen hoffte. Er hat als Verwässerung der reinen Lehre betrauert, was andere als produktive Ergänzung von Einseitigkeit gesehen haben.

Andererseits: In nicht wenigen Klassen ist seine Radikalität nicht als Eisbrecher und als Herausforderung zum Nachdenken über nur scheinbar Selbstverständliches, sondern als didaktisches Rezept oder gar als bequeme Entschuldigung für professionelles Nichtstun verstanden worden. Mit diesen Vereinseitigungen haben wir alle zu kämpfen, die wir uns für eine Öffnung des Unterrichts einsetzen. KritikerInnen sehen solche Fehlentwicklungen nur allzu gerne als Beleg für die Unzulänglichkeit des Ansatzes, ohne den fairen Vergleich zu der oft bestehenden methodischen Öde traditioneller Klassenzimmer zu ziehen. Dennoch: Bei dem Versuch, Fehlentwicklungen zu widerstehen, hätte ich mir Jürgen Reichen mit seiner Autorität und Überzeugungskraft öfter an meiner Seite gewünscht – auch um das zu stärken, was er mit so viel Kraft in der Grundschuldiskussion vertreten hat: die Achtung gegenüber dem Kind und seinem je individuellen Weg zum Verständnis der Welt und zur Beherrschung der Instrumente, die in ihr handlungsfähig machen.

Nun ist Jürgen Reichen tot, und ich bin traurig, dass ich so manche Gelegenheit versäumt habe, mit ihm wieder ins Gespräch zu kommen. Er war ein großzügiger Gastgeber, auch als Lehrer in seiner Klasse, wie ich vor 20 Jahren beim Besuch seines Basler Klassenzimmers, einer Lernwerkstatt im wörtlichen Sinne, erleben durfte. Gerne hätte ich noch mit ihm darüber gesprochen, ob wir nicht intensiver über die je spezifischen Chancen und Schwierigkeiten unserer Ansätze nachdenken sollten, statt diese als „falsch“ vs. „richtig“ gegeneinander zu stellen. Es ist die Haltung gegenüber Kindern, bei der wir weiterhin, vielleicht sogar entschiedener als bisher, klar Position beziehen müssen. Die Methodenfrage ist nachgelagert und die Wirkung von Methoden immer kontext-, auch personabhängig.

Zu spät. Zwei Tage nach seinem letzten Seminar in Weimar, das er trotz schwerer Krankheit noch mitgestaltet hat, ist er gestorben: umstritten, aber nachhaltig wirksam – auch bei denen, die andere Wege gehen, als er sie aus tiefer Überzeugung für richtig hielt.


Stille Grüße

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